Frauenquote "Männer glauben, dass es sie nicht betrifft"

2016 hat begonnen, jetzt gilt die gesetzliche Frauenquote für Aufsichtsräte. Doch der Anteil weiblicher Top-Manager liegt noch immer weit unter den Vorgaben. Wer das ändern will, sagt Beraterin Allyson Zimmermann, muss die Männer mitnehmen.

Männer und Frauen (Symbolbild): Kampf um die Führungspositionen
Corbis

Männer und Frauen (Symbolbild): Kampf um die Führungspositionen

Ein Interview von


Zur Person
  • Catalyst
    Allyson Zimmermann, ist Europachefin der Beratungsgesellschaft Catalyst und beschäftigt sich seit Jahren mit Fragen nach Gleichberechtigung in der Arbeitswelt. Zimmermann hat die schweizerische und die US-amerikanische Staatsbürgerschaft, hat aber auch lange in München gelebt.
SPIEGEL ONLINE: Frau Zimmermann, Sie sagen: Wer mehr Frauen in Führungspositionen will, muss den Männern erst mal Fair Play beibringen. Was meinen Sie damit?

Zimmermann: Wenn es um das Thema Chancengleichheit geht, fühlen sich die meisten Männer nicht angesprochen. Für sie ist das allein eine Sache der Frauen. Wenn Männer das Thema ernst nehmen sollen, muss man an ihren Sinn für Gerechtigkeit appellieren. Ihnen klarmachen, dass es darum geht, gleiche Leistung gleich zu bewerten. Dafür müssen sie die Ungerechtigkeit aber erst mal wahrnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es tatsächlich Männer, die den jetzigen Zustand für gerecht halten?

Zimmermann: So würden die das natürlich nie formulieren. Aber unsere Studien haben gezeigt, dass es ein großes Maß an Desinteresse gibt, weil Männer glauben, dass es sie nicht betrifft. Oder sie haben Angst vor einem Statusverlust.

SPIEGEL ONLINE: Was kann ein Unternehmen tun, um seine männlichen Mitarbeiter von den Vorteilen der Chancengleichheit zu überzeugen?

Zimmermann: Zuerst muss man ihnen verdeutlichen, dass sie nicht das Problem sind, sondern das sie zur Lösung beitragen können. Es gibt drei Faktoren, die helfen: Zum einen, den typisch männlichen Normen und Regeln zu trotzen, was etwa bedeutet, ein bestimmtes Auftreten in der Firma nicht mehr zu tolerieren. Außerdem hilft es, Männern weibliche Mentoren an die Seite zu stellen, vor allem auf den unteren Führungsebenen. Und drittens immer wieder auf das Prinzip des Fair Play zu verweisen. Unsere Studien haben gezeigt, dass Männer, die einen starken Sinn für Gerechtigkeit haben, sehr viel offener für das Thema sind.

SPIEGEL ONLINE: Mehr Frauen in Führungspositionen bedeuten aber zwangsläufig, dass weniger Posten für Männer übrig bleiben.

Zimmermann: Es gibt viele Männer, die glauben, dass sich die Förderung von Frauen für sie nicht lohnt. Die Angst davor haben, ihren Job an eine Kollegin zu verlieren oder mit mehr Konkurrenz bei Beförderungen kämpfen zu müssen. Aber denen muss das Unternehmen klarmachen, dass es bei der Frauenfrage letztlich um die Frage der Personalentwicklung des gesamten Unternehmens geht - und zwar sowohl von Frauen wie von Männern. Und davon profitieren am Ende alle. Es ist also ein "win-win" für das Unternehmern und alle Mitarbeiter.

SPIEGEL ONLINE: Also weg von der "Die oder ich"-Haltung?

Zimmermann: Genau. Unsere Studien zeigen, dass Unternehmen ökonomisch von gemischten Teams profitieren und dann innovativer sind. Außerdem gibt es Studien, die zeigen, dass es auch Männern in solchen Unternehmen deutlich besser geht, dass sie zufriedener sind.

Einfluss von Frauen in den Aufsichtsräten der rund 100 betroffenen Unternehmen (börsennotiert und voll mitbestimmte Betriebe)

Einfluss von Frauen in den Aufsichtsräten der rund 100 betroffenen Unternehmen (börsennotiert und voll mitbestimmte Betriebe)

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 96 Beiträge
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Seite 1
AufJedenFall 03.01.2016
1.
"SPIEGEL ONLINE: Gibt es tatsächlich Männer, die den jetzigen Zustand für gerecht halten?" Ja natürlich, zum Beispiel meine Person. Als ob die Quote nur im geringsten etwas mit Chancengleichheit zu tun hätte. Wer sagt, dass das Endergebnis 50:50 sein muss um gerecht zu sein, hat gar nichts verstanden. Wenn sich denn auf eine freie Stelle im Aufsichtsrat genauso viele Männer wie Frauen bewerben würden, aber das ist einfach nicht der Fall. Und die Quote für die Aufsichtsräte einzuführen und so oben zu beginnen ist absurd. Man müsste viel mehr dafür sorgen dass mehr Frauen im mittleren Management unterkommen und erfolgreich sind, dann regelt sich der rest von alleine. Wenn man einen baum haben will fängt man ja auch nicht oben an und hängt die Blätter in die Luft und fügt dann den Stamm hinzu.
Schnoeps 03.01.2016
2. Zug ist lange abgefahren,
wenn man Quote als gerecht definiert. Sowas verstößt gegen das Gerechtigkeitsempfinden 90% der Männer, unabhängig davon ob diese es grundsätzlich für sinnvoll erachten, dass gemischte Teams besser und innovativer arbeiten. Das gilt übrigens auch nicht für jede Branche. Quote hat nun mal was altbackenes und regulierendes an sich, was gegen jede Innovation spricht. Die Suppe sollen jetzt aber die Frauen auslöffeln, Männer haben damit nichts am Hut.
großwolke 03.01.2016
3.
"Unsere Studien zeigen, dass Unternehmen ökonomisch von gemischten Teams profitieren und dann innovativer sind. Außerdem gibt es Studien, die zeigen, dass es auch Männern in solchen Unternehmen deutlich besser geht, dass sie zufriedener sind." Echt? Gibt es Studien, die sowas zeigen können? Ich habe nach dem Lesen dieses Absatzes schon ein bisschen gegrübelt, wie man eine solche Studie aufsetzen könnte, aber mir fällt nichts brauchbares dazu ein. In der Medizin würde ich eine Placebo-kontrollierte Studie machen, in meinem eigenen Fachgebiet ein paar Blindversuche in Reaktoren aus unterschiedlichen Legierungen, aber wie rechnet man den Markt aus einer Studie zur Mitarbeiterzufriedenheit heraus? Wie vergleicht man Unternehmen unterschiedlicher Branchen? Nichts gegen Geschlechtergerechtigkeit, aber man muss bei so einem diffizilen Thema extrem aufpassen, keinen unhaltbaren Mist von sich zu geben. Sonst schießt sich jeder halbwegs intelligente Gegendiskutant sofort auf diese Details ein, und die eigene Glaubwürdigkeit ist dahin.
felsen2000 03.01.2016
4.
Das Frauen in Aufsichtsräten "Top-Manager" sind, wage ich in vielen Fällen zu bezweifeln. Zu viele Frauen werden ohne entsprechende Leistung im Management in den Aufsichtsrat gewählt. Bestenfalls haben diese Frauen im Vorstand ein paar Jahre lang das Ressort "Compliance" oder "Human ressources" geführt. Aber Umsatzverantwortung? So was "schmutziges" überlässt man dann doch lieber den Männern. Ach ja- ich vergaß. Die "gläserne Decke" hindert die ach so besser qualifizierten Frauen an einem Posten mit Umsatzverantwortung. Wer so etwas glaubt, der hat nicht begriffen, wie in einer globalisierten Welt marktwirtschaftlich organisierter Unternehmen funktionieren. Ich arbeite in der Softwarebranche und hier werden Top-Talente VERZWEIFELT gesucht. Ob Mann, Frau oder Hermaphrodit spielt da exakt keine Rolle. Trotzdem sind nur so etwa 5% Vorgesetzte bzw. Manager weiblich. Weil die Frauen schlicht nicht wollen. Akzeptiert das endlich mal.
skade 03.01.2016
5.
klar interessieren sich wenig Männer für diese Geschichte. Wieviel Männer haben den irgendwas mit dem Managment zu tun über das hier diskutiert wird? Ich finde es auch irgendwie merkwürdig das hier Solidarität von den Männern eingefordert wird, aber bei Themen die die Männer betreffen (z.b. Wehrdienst, männliche Beschneidungen) hört man im Gegenzug von den Frauen nichts, bzw. vor dem Thema wird sich gedrückt, obwohl das wirklich viele betroffen hat.
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