Freiberufler im Altenheim: Phantome der Pflege

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Sie springen ein, wenn das System versagt - und tauchen in kaum einer Statistik auf: Immer mehr hochqualifizierte Pfleger arbeiten freiberuflich. Der Job ist hart, häufige Wechsel sind normal, doch die Patienten profitieren. Die Geschichte einer Frau, die durch einen Selbständigen ins Leben zurückfand.

Jansen-Noack mit Bewohnerin: Der ehemalige Pflegedienstleiter arbeitet als Freiberufler Zur Großansicht
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Jansen-Noack mit Bewohnerin: Der ehemalige Pflegedienstleiter arbeitet als Freiberufler

Als Frau B. das erste Mal den Fluss erreichte, flossen ihr die Tränen über die Wange. Nur mit ihrem Rollator als Gehhilfe war die 74-Jährige die knapp eineinhalb Kilometer bis an die Elbe gelaufen. Ganz aus eigener Kraft. Noch vor wenigen Monaten wäre das undenkbar gewesen. Wäre da nicht dieser Mann gewesen: Karsten Jansen-Noack. Der Mann, der Frau B. zurück ins Leben führte.

Frau B. erzählt ihre Geschichte auf einer Bank in einem kleinen Park vor dem Pflegeheim. Sie sieht sehr erholt aus, von der Sonne leicht gebräunt, sie könnte gerade aus dem Urlaub kommen.

Nach einem Sturz im Treppenhaus wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert. Wie sie von da in das Hamburger Pflegeheim kam, in dem sie seit 2008 lebt, weiß sie selbst nicht mehr so genau. Als die ehemalige Fotolaborantin dort in ihrem Bett wieder zu sich kommt, ist sie nicht mehr der Mensch, der sie mal war. Ein Katheter reguliert ihre Harnblase, sobald sie sich in ihrem Bett aufrichtet, überfällt sie ein Schwindelgefühl, ihr Körper zittert. "Damals ging es mir sehr schlecht. Ich wollte einfach nicht mehr leben", sagt sie.

Einer der ersten Menschen, die Frau B. in der Pflegeeinrichtung kennenlernt, ist Karsten Jansen-Noack. Im Vergleich zu seinen Kollegen arbeitet der examinierte Altenpfleger ungewöhnlich häufig auf der Station. An den Wochenenden macht er Doppelschichten von morgens um 6.30 Uhr bis abends um 20.30 Uhr. Auch in der Woche leistet er öfter zwei aufeinander folgende Dienste ab. Das ist nur möglich, weil Jansen-Noack in dem Haus als Freiberufler arbeitet. Seine Dienste vermittelt dem 48-Jährigen eine Agentur.

Je nach Auftragslage arbeitet er mal mehr, mal weniger und füllt so die knappen Dienstpläne von etlichen Hamburger Pflegeeinrichtungen auf. Die Heimleitungen nehmen den Service gerne in Anspruch. In Deutschland herrscht der Pflegenotstand. Derzeit fehlen rund 30.000 Fachkräfte in der Kranken- und Altenpflege, erklärt der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste. Bis zum Jahr 2025 könnten es mehr als 150.000 sein.

"Sie werden laufen"

Auch die Einrichtung, in der Frau B. lebt, ist auf Aushilfen angewiesen. Ohne Pfleger wie Jansen-Noack könnte das Haus den hohen Krankenstand nicht auffangen. Weil er bis zu 240 Arbeitsstunden im Monat leistet, ist er häufig auf der Station von Frau B. Schnell fällt ihm der fehlende Lebenswille der alten Dame auf.

Irgendwann ermutigt er sie zu ersten Gehversuchen. Die enden schon nach wenigen Metern, aber der Pfleger glaubt an die Rehabilitation seiner Patientin. Irgendwann fährt er Frau B. mit dem Rollstuhl ans Fenster. "Da drüben ist die Bushaltestelle. Da werden sie hinlaufen und an die Elbe fahren. Aber Sie müssen üben." Die Worte kommen bei der alten Dame an. Von nun an trainiert sie das Gehen erst mit einer Krankengymnastin und später alleine.

Anfang 2010 kommt Jansen-Noack immer seltener zum Arbeiten in das Heim. Ein anderes Haus bucht ihn regelmäßig, auch weil er sich vom Verdacht der Scheinselbständigkeit freimachen muss. Frau B. erträgt den Verlust ihrer Bezugsperson nur schwer. Im Leben der Leiharbeiter ist der häufige Wechsel der Heime Alltag. Hohe Flexibilität ist die Grundvoraussetzung, um so arbeiten zu können.

Genau das macht Freiberufler für die Pflegeheime so attraktiv. Weniger Ausfälle durch Krankheit und kein bestehender Kündigungsschutz kommen dazu. Zwar liegen die Brutto-Stundenlöhne häufig höher als beim Stammpersonal, dafür fallen keine Lohnnebenkosten an. "Freiberufler buche ich kurzfristig, wenn ich sie brauche. Dabei muss ich mich nicht an bestehende Arbeitsschutzgesetzte halten, wie sie für das Stammpersonal oder für Zeitarbeiter gelten", sagt eine Hamburger Heimleitung, die nicht namentlich genannt werden möchte, auch mit Blick auf die üblichen Doppeldienste und den ständigen Personalwechsel.

Tabuthema in der Pflege

Die gewünschte Anonymität hat einen guten Grund: Der Slogan "Bei uns pflegt Sie jeden Tag ein Fremder" wäre wohl keine gute Werbung für die Häuser. Entsprechend wortkarg sind die Heimleitungen bei dem Thema. "Die Akteure waren nicht sehr kooperativ", weiß auch Klaus Dieter Nolte von der Fachzeitschrift "Altenpflege", der sich mit dem Thema befasst hat. "Selbständigkeit könnte bei Fachkräften aber ein Trend werden."

Freiberufliche Altenpfleger tauchen in keiner Statistik auf. Trotzdem gibt es sie. Die Pflegeforen im Internet sind voll mit Diskussionsbeiträgen über ihre Zunft. Vermittlungsagenturen suchen nach ihnen.

Gründe für eine Selbständigkeit gibt es für Altenpfleger genug: Stress auf den Stationen, hoher Zeitdruck, Ärger mit den Kollegen. All das wollen sich immer weniger Pflegekräfte antun. "Da bin ich lieber Leiharbeiter und mache auch mal nicht so anspruchsvolle Aufgaben", sagt Jansen-Noack. Mehr als jedes zweite Hamburger Pflegeheim arbeitet derzeit mit Freiberuflern, schätzt er.

Die Leiharbeiter gehen auch Risiken ein. Sie sind schlechter sozial abgesichert als Festangestellte, außerdem sind sie immer von der Auftragslage abhängig. Werden sie krank, entsteht oft ein empfindlicher Verdienstausfall. Viele scheuen auch den Stress mit der Steuererklärung.

Frau B. ist froh, dass Karsten Jansen-Noack den Schritt in die Selbständigkeit gewagt hat. Er hat sie gesundgepflegt. Fast täglich geht sie jetzt zu Fuß zur Elbe.

Genaugenommen war die Pflege sogar zu gut. Sollte der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) Kenntnis von ihrer Genesung bekommen, droht der Verlust ihrer Pflegestufe - und der Rauswurf aus dem Heim. Denn die Kosten für eine Unterbringung kann sie ohne den Zuschuss der Pflegekasse nicht zahlen.

Am Telefon hat Frau B. auch mit Karsten über das Problem gesprochen. Doch dieses Mal kann er nicht helfen.

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insgesamt 39 Beiträge
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1. Dauerpatient
Gman 09.09.2011
Zitat von sysopSie springen ein, wenn das System versagt - und tauchen in kaum einer Statistik auf: Immer mehr hochqualifizierte Pfleger arbeiten freiberuflich. Der Job ist hart, häufige Wechsel normal, doch die Patienten profitieren. Die Geschichte von Frau B., die durch einen Selbständigen ins Leben zurückfand. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,783852,00.html
Altenpflege. In der Regel decken die Heime max. nur die gesetzlich vorgeschriebene Fachkräftequote (50 %) ab. Der Rest wird durch 400,00 € - Jobs abgedeckt oder Mitarbeiter über Jahre in Zeitverträgen in Geiselhaft gehalten. Alles u.a. aus dem Bekanntenkreis berichtet, der in dieser Branche tätig ist. Bedenkt man, dass ein Heimplatz, je nach Pflegebedürftigkeit, leicht mehrere tausend € pro Monat kostet, ist die Bezahlung des Pflegepersonals teilweise ein Witz. Körperliche und seelische Dauerbelastung auf höchsten Niveau, Wochenendarbeit etc. Leider ein grundsätzlich Problem, da Berufe im medizinisch- sozialen Bereich (siehe u.a. auch Krankenschwestern) schlichtweg zu Unrecht als zweitrangig betrachtet werden. Die Quittung wird noch so mancher von uns erhalten, wenn er nicht das Glück hat, von Angehörigen gepflegt zu werden und in einer dieser Einrichtungen dahinsiecht, welche zunehmend durchökonomisiert werden und Mitarbeiter und Patienten vorrangig als Kostenfaktor betrachtet werden.
2. Ältere Menschen - von der Gesellschaft ausgegrenzt !
gaga007 14.09.2011
Hochachtung und tiefer Respekt für die, die alte und pflegebedürftige Menschen betreuen und dafür Sorge tragen, dass es auch im Alter möglich ist, menschenwürdig zu leben ! Es ist eine Schande, wie die Politik und Wirtschaft in diesem Lande mit alten Menschen umgeht und das Pflegepersonal behandelt. Alte Menschen und ihre betreuenden Helfer haben leider keinen Stellenwert in unserer Gesellschaft. Ein Blick in nördliche Länder zeigt, wie es gehen sollte und kann. Aber ältere Menschen haben einen Trost - die, die für die jetzige Situation der älteren Mitbürger verantwortlich sind, werden auch einmal spüren, wie es ist, abgeschoben zu werden.
3. Pflegestufe
kontinuität 14.09.2011
Zitat von sysopSie springen ein, wenn das System versagt - und tauchen in kaum einer Statistik auf: Immer mehr hochqualifizierte Pfleger arbeiten freiberuflich. Der Job ist hart, häufige Wechsel normal, doch die Patienten profitieren. Die Geschichte von Frau B., die durch einen Selbständigen ins Leben zurückfand. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,783852,00.html
Rein sachlich scheint mir hier eine Fehlinformation vorzuliegen. Ob man aus einem Heim rausgeworfen werden kann, wenn es einem besser geht, weiß ich nicht. Tatsache ist jedoch, dass mit jeder Erhöhung der Pflegestufe sich die eigene Zuzahlung zu den Heimkosten erhöhen. Das läuft also vollkommen gegensätzlich zu der Situation, in welcher jemand noch außerhalb eines Heimes wohnt, wo eine Heraufsetzung der Pflegestufe auch mehr finanzielle Unterstützung bedeutet. Das war für mich als unterstützender Angehöriger eine recht verwirrende Erfahrung. Noch einmal kurz: Wenn bei einem Heimaufenthalt die Pflegestufe herabgesetzt wird, werden die Heimkosten für den Heimbewohner geringer. Umgekehrt erhöhen sich die Heimkosten für Heimbewohner, sobald seine Pflegestufe erhöht wird. Aus diesem Grund haben viele Heime ein Interesse daran, über den Medizinischen Dienst die Pflegestufe ihrer Bewohner zu erhöhen. Aber das wäre wiederum eine andere Geschichte aus einem oft sehr elenden und furchterregenden Bereich unserer Gesellschaft - Pflegeheime! Ansonsten ein sehr guter Artikel.
4. Selbständigkeit
Nadadora 14.09.2011
Ich denke, dass sich dieser Trend zur Selbständigkeit auch auf weitere Berufsfelder ausweiten wird. Die Flexibiliät steigt für beide Seiten. Festanstellungen lohnen sich für Arbeitgeber immer weniger.
5. Polemik
Sebastian_Deppe 14.09.2011
Freiberufler kosten den Heimbetreiber rund das Doppelte, und das ist im Pflegesatz kalkulatorisch beim besten Willen nicht drin. Es ist immer nur eine Notlösung, z.B. bei Expansion oder Spitzen beim Krankenstand. - Die Agentur bzw. Zeitarbeitsfirma verdient mit, bis zu 25% - Die Mehrwehrtsteuer kommt oben drauf. Ein Heim ist qua Gesetz umsatzsteuerbefreit, kann also keine Vorsteuer ziehen. - Der Stundenlohn an sich ist natürlich höher, weil der Freiberufler seine Sozialabgaben selber zahlt, und je nach empfundener eigener Wertigkeit.. Am Ende des Tages (bzw. Jahres) kann es aber für den Freiberufler ein böses Erwachen geben, wenn das vereinnahmte Geld versteuert werden soll und es schon verbraten ist. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt es auch nicht; bei einem derart schweren Beruf etwas gefährlich. Auch 40jährige verheben sich schon mal.. Ein Heim arbeitet außerdem im Dreischichtbetrieb und ist deswegen so teuer: Früh-, Spät- und Nachtschicht. In einem komplizierten Verfahren wird für jedes Heim ein Personalschlüssel verhandelt, z.B. 1 Krankenschwester auf 4 Bewohner mit Pflegestufe 1. Dazu kommen Hygiene- und Qualitätsanforderungen wie im Krankenhaus. Wer meint, bei den Heimen bleibe viel Geld hängen, der irrt gewaltig oder ist bewusst polemisch...
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Fakten zur Altenpflege
Pfleger gesucht
Immer mehr alte Menschen, immer weniger Altenpfleger: Gegenwärtig sind 4,1 Millionen Menschen in Deutschland 80 Jahre und älter. Und die Zahl der Alten wird in in den kommenden Jahren und Jahrzehnten deutlich steigen. Für die Pflege sagen Prognosen der Experten eine riesige Lücke zwischen Bedarf und Angebot voraus.
Mehr alte Menschen
Gegenwärtig sind 4,1 Millionen Menschen in Deutschland 80 Jahre und älter. 2030 werden es 6,3 Millionen sein, die Mehrheit von ihnen pflegebedürftig. Das Bundesgesundheitsministerium geht von knapp 3,3 Millionen Pflegebedürftigen im Jahr 2030 in Deutschland aus. Aktuell sind es 2,4 Millionen. Rund ein Drittel von ihnen wird vollstationär in Heimen betreut.

Klarer Fall von Fachkräftemangel
Dem Statistischen Bundesamt zufolge waren Ende 2009 bundesweit 890.000 Menschen in der Altenpflege beschäftigt, davon 70 Prozent in Pflegeheimen. Schon heute fehlten in diesem Bereich rund 30.000 Fachkräfte, erklärt der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste. Und warnt vor einem Pflegenotstand: Bis zum Jahr 2025 würden mehr als 150.000 Fachkräfte in der Kranken- und Altenpflege fehlen. Nötig seien unter anderem eine bessere Aus- und Weiterbildung, zudem Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern sowie die unbürokratische Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse.