Freizügigkeit bei Jobsuche Frischzellenkur für Deutschland

Die Schranke für Billiglöhner fällt: Ab 1. Mai können Osteuropäer ohne Einschränkung in Deutschland arbeiten. Müssen Beschäftigte die neue Konkurrenz fürchten? Oder beleben die Zuzügler Gesellschaft und Arbeitsmarkt nachhaltig? Ein Ausblick.

Saisonarbeiter auf einem Spargelfeld: Erstmals Arbeiten ohne Genehmigung
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Saisonarbeiter auf einem Spargelfeld: Erstmals Arbeiten ohne Genehmigung

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Hamburg - Vor Frauen wie Barbara Joneczko fürchten sich die meisten Deutschen. Sie ist ungebunden, bescheiden und freut sich darauf, Tag und Nacht für alte Menschen da zu sein, sie zu waschen und sie zu füttern. Kurzum: Barbara Joneczko verkörpert das, was Personalchefs unter Flexibilität verstehen - und wovor es deutschen Arbeitnehmern mehr denn je graut. Denn in wenigen Tagen werden die Polin Joneczko und eine noch unbekannte Zahl ihrer Landsleute ihre Heimat verlassen, um in Deutschland zu arbeiten. "Die Sachen sind gepackt, alle Rechnungen sind bezahlt. Jetzt kann es losgehen", sagt Joneczko. Dabei ist sie schon 60 Jahre alt.

Für mehr als 70 Prozent der Deutschen klingen Joneczkos Sätze laut einer GfK-Umfrage daher umso mehr wie eine Drohung. Sie fürchten, dass Polen, Tschechen, Ungarn, Letten, Litauer, Esten, Slowenen und Slowaken ihnen die Löhne drücken oder die Stelle gleich ganz wegnehmen, wenn am 1. Mai die letzten Schranken zwischen Deutschland und den acht östlichen Nachbarn fallen. Alle Arbeitswilligen aus diesen Ländern dürfen dann uneingeschränkt überall in der Bundesrepublik und in jeder Branche einen Job annehmen. So wie Barbara Joneczko.

Marktschreierische Experten, manche Gewerkschafter und Populisten vom rechten Rand schüren die Ängste zusätzlich. Sie verkünden, was für ein Sturm an Billigarbeitern angeblich auf Deutschland zukommt. Nahezu eine Million Menschen könnten es in den ersten zwei Jahren sein.

Aber haben die Schwarzmaler recht, ist die Neuregelung wirklich eine Gefahr für den deutschen Arbeitsmarkt?

Paradiesische Zustände im Westen locken

Sicher, einige Fakten sprechen dafür, dass viele kommen. Allein die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter in den osteuropäischen Ländern ist beachtlich: 30 Millionen Menschen könnten - wohlgemerkt theoretisch - auswandern, um nach etwas Besserem für sich und ihre Nachkommen im Westen zu suchen. Sie leben in Ländern, in denen die Quote der Arbeitslosigkeit oft doppelt so hoch, teils fast dreifach höher ist als in Deutschland (siehe Grafiken unten). Entsprechend schwach ist die Wirtschaftsleistung. Auch die durchschnittlich gezahlten Löhne sind selbst mehr als 20 Jahre nach dem Niedergang des Ostblocks und der Annäherung an Weststandards noch weit vom Niveau des Hochlohnlands Deutschland entfernt, sie liegen nur bei 20 bis 25 Prozent.

Da dürfte doch aus Sicht eines Polen oder Tschechen selbst ein schlecht bezahlter Job im wenige Hundert Kilometer entfernt gelegenen Deutschland paradiesisch wirken!

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Ost-West-Vergleich: Riesige Unterschiede
Dass Geld meist der entscheidende Grund ist, um Menschen zum Emigrieren zu bewegen, zeigt der Fall der Altenpflegerin Barbara Joneczko. Derzeit lebt sie von 300 Euro im Monat. Das reiche für ein bescheidenes Leben in ihrer oberschlesischen Heimatstadt Zabrze, sagt sie. Sie aber will sich auf Dauer eine hübschere Wohnung, ein komfortableres Leben leisten können - auch wenn sie dafür eine Zeitlang bei fremden, alten Menschen leben muss. "Da bekomme ich dreimal so viel wie jetzt und muss keine Miete zahlen", sagt Joneczko.

Für 900 Euro im Monat ist die Polin also bereit, hart zu arbeiten: Sie muss zwar nicht ganztägig ran, aber oft 24 Stunden abrufbar sein. Eine Horrorvorstellung für deutsche Arbeitnehmer und Gewerkschafter, die sich genau aus diesem Grund um ihre jahrzehntelang hart erkämpften Löhne und Rechte sorgen. Selbst der Mindestlohn, den es inzwischen in der Pflege gibt, hilft hier nicht. Denn Joneczko ist bei einer polnischen Zeitarbeitsfirma angestellt, die sie vor Ort günstig angeheuert hat. Zwar gilt ab dem 1. Mai auch ein Mindestlohn für Leiharbeiter, der aber liegt einen halben Euro unter dem in der Pflege. Ein gutes Geschäft für die Vermittler - aber Lohndrückerei in den Augen deutscher Arbeitnehmervertreter.

Kurzfristig steigende Arbeitslosigkeit

Dass es einen schärferen Preiswettbewerb geben wird, davon gehen die meisten Ökonomen aus - selbst das staatliche Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Ver.di-Chef Frank Bsirske rechnet vor allem im Speditions-, im Hotel- und Gaststättengewerbe sowie in Teilen des Einzelhandels mit Auswirkungen. Dort nämlich gibt es nach wie vor keinen Mindestlohn. Anlass genug für die Gewerkschaften, ihre Forderung nach einer gesetzlichen Lohnuntergrenze zu erneuern - dabei werden sie stärker denn je von der Mehrheit der Deutschen unterstützt.

Noch an anderer Stelle könnte es nach Meinung des IAB einen größeren Konkurrenzdruck geben: zwischen den bereits in Deutschland lebenden Migranten und den neuen. Denn ihre Lebensumstände sind denen der osteuropäischen Zuwanderer ähnlicher als denen der Einheimischen. Das Forschungsinstitut kommt zu dem Schluss: Die Arbeitslosigkeit in Deutschland könnte kurzzeitig leicht zunehmen, bis die neuen Beschäftigten integriert seien. "Es geht aber darum, langfristig zu denken", sagt IAB-Forscher Herbert Brücker. "Am Ende profitieren alle von der Zuwanderung. Wer eine rein defensive Abschottungspolitik betreibt, schadet sich selbst."

Tatsächlich können durch Zuwanderung neue Industrien und neue Strukturen entstehen, die auf Dauer mehr Jobs bedeuten. Anders erklärt: Wenn ein neuer Ingenieur da ist, kann auch eine neue Maschine entwickelt werden. Die wiederum muss von anderen Menschen bedient werden - eine Kette neuer Jobs entsteht. Oder es werden neue Stellen im Dienstleistungssektor geschaffen, wie etwa das Beispiel Großbritannien gezeigt hat. Dort ist der Arbeitsmarkt bereits mit dem EU-Beitritt der Osteuropäer im Jahr 2004 vollständig geöffnet worden, was einen Boom in dienstleistungsnahen Branchen nach sich zog. Das Beispiel Großbritannien zeigt allerdings auch, dass mehr arbeitende Menschen nicht unbedingt ein höheres Lohnniveau hervorbringen.

Trotzdem: Die Gesamterfahrungen in Großbritannien, Irland oder Schweden mit Zuwanderern aus Osteuropa seit 2004 sind überwiegend positiv, wie verschiedene Studien belegen. Die Immigranten haben ihre neuen Heimatländer verjüngt. Die jungen Arbeitnehmer helfen mit, die Sozialkassen aufzufüllen. In Schweden ist der Gesundheitssektor auch dank qualifizierter Zuwanderer zu Hochform aufgelaufen.

Sehnsüchtiges Warten auf die neuen Fachkräfte

Ohnehin sind junge Menschen in Osteuropa laut dem IAB heute im Schnitt mindestens genauso gut ausgebildet wie ihre deutschen Altersgenossen. Auch wenn Englisch als erste Fremdsprache in der Schule gelehrt wird, sprechen nicht wenige von ihnen zusätzlich Deutsch. Auch deshalb gibt es neben der Mehrheit der Skeptiker auch solche in Deutschland, die sehnsüchtig auf die Ankunft der neuen Zuwanderer warten.

Die Firma SQS aus dem sächsischen Görlitz gehört dazu. Das Unternehmen, das Software für Unternehmen testet, sucht derzeit allein am Standort Görlitz 70 Mitarbeiter. Vor Ort aber fehlen Fachkräfte. Seit Wochen geht SQS daher auf polnischen Messen und an Unis gezielt auf junge Leute zu, um sie nach dem 1. Mai für sich zu gewinnen. "Wir hoffen und freuen uns darauf, dass einige kommen", sagt Personaler Lutz Altmann.

Wirklich verlassen können sich Unternehmen wie SQS aber nicht darauf, dass junge Osteuropäer das deutsche Demografie- und Fachkräfteproblem lösen. Denn von Frankreich bis hin zu den Balten-Staaten kämpfen alle mit einer schrumpfenden Bevölkerung. So werden die Unter-35-Jährigen auch in ihrer Heimat zunehmend von den Firmen umworben.

Und dann ist da noch eine andere Sache: Die meisten Osteuropäer dürften eher von einem Leben in den USA, England oder Spanien träumen. Denn obwohl in den beiden westeuropäischen Ländern die Wirtschaft derzeit katastrophal ist, erinnern sich viele Osteuropäer an das Jahr 2004: Während Großbritannien, Spanien, Irland, Schweden und auch die Niederlande die neuen östlichen EU-Mitglieder überwiegend herzlich empfingen, schottete sich Deutschland gemeinsam mit Österreich ab. "Ein schwerer Fehler", sagt SQS-Personaler Altmann. "Viele gute Fachkräfte sind damals schon in andere EU-Länder ausgewandert. Da sollten wir uns nicht wundern, dass wir nicht von Bewerbern aus Polen überrannt werden."

"Zwei Jahre arbeiten, dann ist Schluss"

So wird sich von den Millionen Osteuropäern im arbeitsfähigen Alter am Ende wohl nur ein Bruchteil auf den Weg nach Deutschland machen. Die unterschiedlichen Forschungsinstitute rechnen mit mindestens 100.000 im ersten Jahr, in den ersten beiden Jahren zusammen dürften es maximal 800.000 sein. Danach dürfte die Zahl deutlich sinken. Denn wie das Beispiel Großbritannien zeigt, zieht es viele Menschen nach einer gewissen Zeit zurück zu ihren Wurzeln. Dort werden die Kurzzeitauswanderer für ihre Auslandserfahrung meist mit höheren Gehältern "belohnt" - selbst wenn sie in London nur gekellnert haben.

Auch Altenpflegerin Barbara Joneczko will nicht für immer in Deutschland bleiben. Da ist sie sich sicher. "Noch zwei Jahre arbeiten, dann ist für mich Schluss", sagt sie. Im polnischen Zabrze steht dann immer noch ihre Wohnung für sie bereit. Bis dahin dürfte sie das nötige Geld für die Renovierung zusammengespart haben.

insgesamt 196 Beiträge
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Seite 1
ratxi 30.04.2011
1. Belebter Titel
Zitat von sysopDie Schranke für*Billiglöhner fällt: Ab 1. Mai können Osteuropäer ohne Einschränkung in Deutschland arbeiten. Müssen Beschäftigte die neue Konkurrenz fürchten? Oder beleben die Zuzügler Gesellschaft und Arbeitsmarkt nachhaltig? Ein Ausblick. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,757399,00.html
Mann, ich fühl mich jetzt ja schon so belebt...
MarkH, 30.04.2011
2. ok
Zitat von sysopDie Schranke für*Billiglöhner fällt: Ab 1. Mai können Osteuropäer ohne Einschränkung in Deutschland arbeiten. Müssen Beschäftigte die neue Konkurrenz fürchten? Oder beleben die Zuzügler Gesellschaft und Arbeitsmarkt nachhaltig? Ein Ausblick. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,757399,00.html
wenn es ein Bürgergeld gäbe nicht ok zu den momentanten Hartz4-Bedingungen = Zwang zur Billigarbeit und Normadentum
carlo02 30.04.2011
3. Das
ist eine Frage von Angebot und Nachfrage. Solange die Ausländer mit dem in D verdienten Geld in ihrer Heimat sehr gut leben können, kommen sie natürlich her. Die Deutschen allerdings, die deutsche Preise zahlen, werden sich aus den Billigjobs zurückziehen, weil es einfach nicht lohnt, für Geld, was sie vom Amt kriegen und mit dem sie grad so überleben können, arbeiten zu gehen.
HeinrichLöwe 30.04.2011
4. 1. Mai
Mir ist jeder einzelne Osteuropäer willkommen!
thomas-b 30.04.2011
5. Mal sehen
Sicher ist vor allem, dass es der Regierung den Kopf kosten dürfte, wenn das Anti-Freizügigkeitslager Recht behalten sollte. Könnte mir vorstellen, dass dann selbst der neoliberalste Politiker plötzlich 15 Euro Mindestlohn für Friseure fordern wird.
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