Umstrittene Gaspipeline aus Russland Der Schattenmann von Nord Stream 2

Als Friedbert Pflügers CDU-Karriere steckenblieb, zog er sich 2010 zurück, um sich der Wissenschaft zu widmen. Als Gastprofessor an Londons King's College wirbt er nun für die Pipeline Nord Stream 2 - bezahlt von der Gaslobby.

Umladung von verlegefertigen Rohren im deutschen Hafen Mukran
Nord Stream 2 / Axel Schmidt

Umladung von verlegefertigen Rohren im deutschen Hafen Mukran

Von Susanne Götze


Im Oktober 2010 fing für den CDU-Politiker Friedbert Pflüger ein neues Leben an. Nach 20 Jahren Politik, einer erfolglosen Kandidatur als Berliner Bürgermeister und einem zermürbenden Machtkampf im Berliner Landesverband, der ihn später mit einer Zweidrittelmehrheit als Fraktionsvorsitzenden abservierte, hatte Pflüger die Nase voll. Er wolle sich ganz der Wissenschaft widmen, verkündete er damals. Seitdem hat die Öffentlichkeit nicht mehr viel von dem CDU-Mann gehört.

Pflügers Strategie hat sich radikal geändert: Aus dem einstigen Politiker der ersten Reihe ist eine Art Spin-Doktor der Energiepolitik geworden, der im Hintergrund agiert. Der neue Pflüger hat viele Gesichter. Wie Recherchen von SPIEGEL ONLINE und Lobbycontrol belegen unterstützt der Ex-Politiker Unternehmen wie Nord Stream 2 sowohl als privatwirtschaftlicher Berater und in seiner Funktion als Wissenschaftler. Pflüger ist zwar nicht so bekannt wie der für russische Energieunternehmen arbeitende Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD), aber hinter den Kulissen ist der ehemalige CDU-Funktionär zu einem der bedeutendsten Gaslobbyisten in Europa aufgestiegen.

Pflügers zweite Karriere begann vor acht Jahren: Am 1. Oktober trat er seine Stelle als Direktor am von ihm selbst gegründeten European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS) an - angedockt an das renommierte King's College in London, das als eine der angesehensten Hochschulen Europas gilt. Das Thema des "Instituts": Energie- und Ressourcensicherheit.

Ein wichtiges Thema, doch von seinem neuen Posten hätte Pflüger das Pendeln von Berlin nach London wohl kaum finanzieren können. Laut Aussagen der renommierten Universität ist der Posten nämlich unbezahlt.

Pflügers Doppelleben: Einmal Unternehmer, einmal Wissenschaftler

Friedbert Pflüger beim Economic Forum in Petersburg
DPA/picture alliance / Valery Sharif

Friedbert Pflüger beim Economic Forum in Petersburg

Pflüger hatte seine zweite Karriere gut vorbereitet. Ein Jahr vor seinem Ausscheiden aus der Landespolitik gründet er das Berliner Unternehmen "Pflüger International". Gleichzeitig arbeitete Pflüger - auch parallel zu seinem Abgeordnetenmandat - bereits für das Beratungsunternehmen Roland Berger. Einen Interessenkonflikt stritt er damals gegenüber den Medien ab.

In den Jahren darauf trat er einerseits als Unternehmer aus Berlin-Charlottenburg auf, der Politiker und Konzerne berät - und als Wissenschaftler aus London, der Studien betreut und fachliche Gesprächsrunden organisiert. Recherchen belegen, dass die Trennung von Wissenschaft und Geschäft wohl nicht immer so eindeutig gelang, wie Pflüger gern glauben macht.

Einer der bekanntesten Kunden von Pflügers Beratungsfirma ist die Gazprom-Tochter Nord Stream 2, also jenes Unternehmen, das derzeit den Bau einer zweiten Gaspipeline von Russland durch die Ostsee nach Mecklenburg-Vorpommern vorantreibt. Das Projekt ist politisch hochumstritten.

Pflügers Londoner Institut am King's College wiederum veröffentlichte 2016 zwei Studien über die Machbarkeit und geopolitische Dimension der Pipeline. Das Ergebnis fiel klar für das Projekt aus. Durch die neue Pipeline würden Europas Energiesicherheit und Wettbewerbsfähigkeit gestärkt, die Verbraucher der EU profitierten. Eine der Studien sponserten die Investoren der Pipeline Shell, Engie, Wintershall, Uniper und OMV. Zudem saß zu jener Zeit Ilya Kochevrin im Beirat des EUCERS Institutes: Er ist der Direktor der Gazprom-Tochter Gazprom Export.

Pflüger hat bestätigt, dass Nord Stream 2 auch in seinem Berliner Geschäftsleben ein Partner war: Er hat eingeräumt, dass Nord Stream 2 seine Firma Pflüger International GmbH beauftragt hat. Sie sollte die Gazprom-Tochter "hinsichtlich der Analyse und der kontinuierlichen Einschätzung der europäischen Gasmärkte beraten". Auftragsvolumen und Bezahlung sind unbekannt.

DER SPIEGEL

Das Londoner Institut EUCERS beteuert, es gebe keine Überschneidungen zwischen Geldgebern des Instituts, wo die Studien zu Nord Stream 2 geschrieben wurden, und den Auftraggebern von Pflügers Berliner Firma. Das ist eine sehr formalistische Argumentation: Zwar halten die Sponsoren der Studien um Engie, Shell und OMV tatsächlich formal keine Anteile an Nord Stream 2. Auf der Website werden sie allerdings als Finanzinvestoren des Projekts prominent aufgeführt - gleich nach dem Eigentümer Gazprom.

Auf erneute Nachfrage teilte das Institut mit, EUCERS habe keine Kenntnis, wer alles zu den Kunden von Pflüger International zähle.

Pflüger selbst gibt an, EUCERS und seine Firma Pflüger International würden "strikt getrennt". Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Auch der Düsseldorfer Energiekonzern Uniper, einer der Nord-Stream-2-Geldgeber, räumt auf Anfrage von Lobbycontrol ein, nicht nur die wissenschaftliche Studie von Pflügers Institut finanziell unterstützt, sondern ebenfalls bezahlte Aufträge an seine Berliner Beraterfirma vergeben zu haben.

"Pflüger geht mit seiner Rolle als Lobbyist nicht transparent um"

Auch die guten Kontakte aus seiner Politkarriere als Bundestagsabgeordneter und außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion weiß Pflüger gut zu nutzen: Seit 2009 organisiert er die "Energiegespräche im Reichstag", zu denen namhafte Politiker und Unternehmer eingeladen werden. Teils wurden die Gespräche auch von dem Verband mitteleuropäischer Energieunternehmen mitorganisiert - einem Kunden von Pflügers Beraterfirma und gleichzeitig Sponsor des Londoner Institutes.

Dass sich Pflüger als Direktor eines "wissenschaftlichen" Instituts mit dem Label des renommierten King's College schmückt und unterdessen in Berlin und Brüssel als Gas-Lobbyist unterwegs ist, zeigt auch seine Mitgliedschaft im Beirat der Lobbyorganisation "Zukunft Erdgas", die PR für Gasprojekte in ganz Europa macht. Gleichzeitig gibt er als Direktor von EUCERS Interviews über die wissenschaftliche Bewertung von Nord Stream 2. Am Rande eines Wirtschaftsforums sprach er etwa mit dem deutschen Dienst des staatlichen Senders "Russia Today".

Auch in Brüssel versucht Pflüger, mit den "richtigen" Stellen in Kontakt zu kommen, um für Nord Stream 2 zu werben - mal als Berater, mal als Wissenschaftler: Laut Recherchen von Lobbycontrol versuchte Pflüger im Jahr 2016 zweimal vergeblich, den zuständigen EU-Energie-Kommissar Maros Sefcovic für eine Veranstaltung zu Nord Stream 2 einzuladen - einmal als Vertreter von Pflüger International und dann in seiner Rolle als EUCERS-Institutsleiter.

"Pflüger geht mit seiner Rolle als Lobbyist nicht transparent um", kritisiert Ulrich Müller von Lobbycontrol. Er trete als "Wissenschaftler auf, ohne dabei offenzulegen, dass er zugleich als Lobbyist und Berater in dem Feld arbeitet".

Lobbyisten haben in Deutschland ein leichtes Spiel

Anfang 2018 hat sich Pflüger International offiziell im Brüsseler Lobbyregister registriert - neun Jahre nach Gründung der GmbH und zahlreichen organisierten Diskussionen mit EU-Vertretern. Der Eintrag in das Lobbyregister der EU ist für Interessenvertreter freiwillig. Aber EU-Kommissare und ihre Kabinettsmitglieder dürfen sich inzwischen nur noch mit registrierten Interessengruppen treffen - auch wenn das nicht immer eingehalten wird.

Pflügers Berliner Beratungsfirma gibt an, 2018 rund 4000 Euro für Lobbyismus in EU-Institutionen auszugeben. Diese Angabe ist schwer zu überprüfen. Kunden führt das Unternehmen in dem Registereintrag keine. Pflügers Londoner EUCERS Institut ist bisher überhaupt nicht in Brüssel registriert, obwohl Pflüger unter diesem Label ebenfalls in Brüssel unterwegs war. Dabei gilt das Lobbyregister auch für wissenschaftliche Institute und Denkfabriken.

Schröder mit Gazprom-Manager Medwedew (r.) beim Petersburger Wirtschaftsforum
REUTERS

Schröder mit Gazprom-Manager Medwedew (r.) beim Petersburger Wirtschaftsforum

In Deutschland gibt es hingegen kein Lobbyregister. Verbraucherschützer und Organisationen wie Lobbycontrol kritisieren das seit Langem. Lobbyisten haben deshalb in Deutschland besonders leichtes Spiel, in der Öffentlichkeit als angeblich neutrale Experten aufzutreten und ihre wahre Funktion zu verschleiern, sagt Müller: "Das Fehlen von Transparenzregeln führt dazu, dass bei brisanten Projekten wie Nord Stream 2 nur einzelne Personen wie Gerhard Schröder im Fokus stehen, aber nicht das gesamte Lobby-Netzwerk mitsamt den ehemaligen Politikern verschiedener Parteien."

Wie viel Geld Pflüger mit seiner Doppelrolle verdient, bleibt ebenfalls im Dunkeln. Geschäftsberichte sind weder für seine Berliner Firma, noch für das Londoner Institut öffentlich zugänglich.

Angaben zu den Einkünften des EUCERS-Instituts durch seine Energiestudien hat das Londoner King's College auf mehrmalige Nachfragen verweigert.



insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
citi2010 26.07.2018
1.
Ausser den USA hat niemand vernünftige Gegenargumente zu dieser Pipeline. Auch der Artikel nennt keine, sondern beschiesst lediglich eine Einzelperson.
Emderfriese 26.07.2018
2. Warum
"Pflüger geht mit seiner Rolle als Lobbyist nicht transparent um" … soso. Aber welcher Lobbyist und vor allem, welcher Politiker, den die Lobbyisten "beraten", tut das schon? Was mich jetzt aber doch verwundert, ist, dass ein Ex-CDU-Politiker ein eigentlich russisches Projekt stützt, welches die Außenpolitik der BRD gegenüber Russland konterkariert. Hat der Mann nur eine völlig andere Sichtweise und noch dazu den Mut, sich dazu zu bekennen - oder füllt er sich lediglich die eigenen Taschen? Und weiter: Gilt die Kritik an Pflüger, die auch in dem SPON-Artikel durchscheint, nicht eher seiner Beziehung zu Russen, als schlicht dem Lobbyismus allein?
fixik 26.07.2018
3.
Keine Ahnung was die Wettbewerbsfähigkeit anbelangt, aber was die Sicherheit anbelangt, da ist es wohl eindeutig, dass die Neue Pipeline diese erhöht. Unsicherheitsfaktor Ukraine fällt nun mal aus. Und ich sehe nicht eine Sache, wo die Unsicherheit steigt. Auch die Abhängigkeit von Russland wird durch die Pipeline selber absolut nicht verändert. Für Ukraine ist diese Pipeline mit Sicherheit ein Problem. Deren Einwände kann man verstehen. Aber das ist deren Problem. Für Deutschland ist das definitiv ein gutes Geschäft. Kostet nichts und erhöht die Liefersicherheit. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass die Wettbewerbsfähigkeit steigt. Kleinerer Preis, höhere Wettbewerbsfähigkeit. Ich sehe da auch leichte Gründe, wieso der Preis durch diese Pipeline eventuell sinken könnte. Wobei höhere Liefersicherheit bereits irgendwo Wettbewerbsfähigkeit steigert. Gefahr, dass kein Erdgas bei uns ankommt ist zwar äußerst gering, aber noch geringeres Risiko ist eventuell bereits Wettbewerbsvorteil.
imlattig 26.07.2018
4. ich wuenche...
herrn pflueger viel erfolg. gas aus russland ist viel umweltfreundlicher als frackinggas aus der usa. spon sollte mal einen kritischen artikel ueber fracking und den umweltschaeden bringen.
Berliner Type 26.07.2018
5. wo liegen yenn die interessen der USA
klar gibt es Kritik an diesem Gas Projekt Nord Stream 2, aber diese Kritik kommt überwiegend von diesem Menschen die uns als Alternative gerne ihre Produkte verkaufen wollen. also eine Abhängigkeit von der USA schaffen wollen. ein halbwegs normal denkender Mensch mag aber keine Abhängigkeit weder von der USA noch von Russland, also sollte man möglichst viele unterschiedliche Projekte fordern damit man unabhängig entscheiden kann wer uns mit Energie versorgt. Das kann nur bedeuten wir bauen Nord Stream 2 und bauen eine Infrastruktur das auch andere Länder uns mit Gas versorgen können nur das macht Sinn. außerdem ist zu betrachten wenn mir die Gaslieferung aus Russland in den letzten 50 Jahren uns anschauen haben die Russen ist immer vermieten ist als Druckmittel einzusetzen, diese Zurückhaltung haben nicht alle.
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