Friedrich Merz und seine Wirtschaftsposten Warum Geldverdienen in Deutschland ein Makel ist

Ist Friedrich Merz wirklich der Abgesandte des bösen US-Finanzkapitalismus? Wenn Politiker mal Geld in der Wirtschaft verdient haben, macht das viele Deutsche automatisch misstrauisch. Dabei ist das völlig ungerecht.

Friedrich Merz
HAYOUNG JEON/EPA-EFE/REX/Shutterstock

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Friedrich Merz also will CDU-Chef werden, womöglich auch Kanzler. Und das größte Hindernis auf seinem Weg liegt dabei offenbar nicht darin, dass seine Gegenkandidaten Annegret Kamp-Karrenbauer und Jens Spahn übermächtig wären. Sondern in dem Umstand, dass Merz die vergangenen Jahre Geld in der "freien Wirtschaft" verdient hat, vor allem als Aufsichtsratschef des US-Vermögensverwalters Blackrock.

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Seit Merz sein Comeback lanciert hat, tobt in Internetforen, den sozialen Medien und teilweile auch in klassischen Medien der Furor. Setze sich Merz durch, unterwürfen sich die stärkste Partei des Landes und womöglich auch die Regierung den Interessen eines obskuren Anlagefonds aus New York, heißt es.

Wie genau das geschehen und was dann passieren soll, wird nicht klar. Aber die Meinungen sind gefestigt, querbeet durch die politische Landschaft. So tief kann der Riss in der Gesellschaft gar nicht sein, als dass man sich nicht darauf einigen könnte, dass alles, was irgendwie nach viel Geld riecht, per se verwerflich ist. Wer diese Meinung nicht teilt, ist naiv oder ein von der Finanzlobby gekaufter Claqueur.

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Was genau Blackrock macht und was Merz dort geleistet oder nicht geleistet hat, spielt dabei keine Rolle (lesen Sie hier einen umfassenden Bericht ). Der Anschein, sich an eine Finanzfirma verkauft zu haben und nun deren Interessen in Politik umzusetzen, reicht für eine Vorverurteilung völlig aus.

Dass Merz womöglich ein tieferes Verständnis für die globale Wirtschaft haben könnte als seine Rivalen und dass dies für den Staat nützlich sein könnte, gerät dabei aus dem Blick.

Traurig, platt und typisch deutsch

Zu beobachten war dieses Phänomen bereits, als Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) den Investmentbanker Jörg Kukies als Staatssekretär zu sich rief. Bevor der Ex-Deutschland-Chef von Goldman Sachs seinen Dienst antrat, war klar, dass ab jetzt die Wall Street in Berlin mitregiert. Dass er einmal Juso-Chef in Rheinland-Pfalz war, wurde höchstens erstaunt zur Kenntnis genommen. Und auch dass es maßgeblich Kukies' Einfluss zu verdanken ist, wenn sich erstmals seit Langem wieder ein Finanzminister aktiv um die Belange der siechen deutschen Banken kümmert, bevor abermals der Steuerzahler retten muss, spielt in der öffentlichen Bewertung kaum eine Rolle.

Das alles ist traurig, platt und typisch deutsch. Es gibt in diesem Land einerseits eine inzwischen kaum noch zu bändigende Wut auf Berufspolitiker. Die ist in manchen Fällen gerechtfertigt, lässt aber außer Acht, dass es immer noch erstaunlich viele Leute gibt, die sich politisch engagieren, um das Land gerechter und moderner zu machen. Pauschalkritik an Berufspolitikern ist demokratiezersetzend. Wohin das führen kann, lässt sich an den nicht mehr Vereinigten Staaten von Amerika beobachten.

Andererseits ist aber auch die Alternative - das Anheuern externer Experten aus der Wirtschaft - unerwünscht. Außer es handelt sich Emmanuel Macron. Der war auch mal Investmentbanker und ist heute als französischer Präsident in Deutschland beliebter als daheim.

Die deutsche Wirtschaft trägt eine Mitschuld an dieser Misere. Die Skandale der Finanz- und Autoindustrie haben bei den Bürgern zu Recht für Frust gesorgt. Doch differenziert wird offenbar kaum noch. Alle in einen Sack und mit dem Knüppel drauf.

Das zeigt die Debatte um Merz. Blackrock ist mit 6,4 Billionen Dollar der weltgrößte Kapitalverwalter, macht aber nichts anderes als treudeutsche Wettbewerber wie Union Investment, die Sparkassen-Tochter Deka oder die Allianz: das Geld kleiner Leute dort anlegen, wo es am meisten Rendite verspricht.

Ihre schiere Größe macht die Amerikaner automatisch verdächtig und insinuiert, dass sie unendlich viel Macht hätten. Ein Vorwurf übrigens, den sich der kaum kleinere norwegische Staatsfonds, der sich aus den Öleinnahmen des Landes speist, nie anhören muss. Alles, was aus Norwegen kommt, klingt halt sympathisch.

Nicht die Mutter Theresa der Kapitalmärkte

Blackrock investiert in alle möglichen Firmen, hält aber selten mehr als fünf Prozent der Stimmrechte. Damit lässt sich kaum Macht ausüben. Zudem legt der Fonds vor allem passiv an und schaut zu, was so passiert. Eines der raren Gegenbeispiele datiert von 2015, als Blackrock den Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain abschoss. Das war allerdings höchst überfällig und ohne das Zutun vieler anderer Aktionäre unmöglich.

Natürlich ist Blackrock nicht die Mutter Theresa der Kapitalmärkte. Die Amerikaner kümmern sich zu wenig um ihre Investments. Einige Dutzend Analysten müssen Tausende Firmen betreuen. Von zu viel Kontrolle kann kaum die Rede sein. Auch intern bleibt bei Blackrock manches liegen. So ist es dem Boss Larry Fink wohl durchgerutscht, dass es Merz zurück in die Politik zieht. Jetzt ist er entsprechend sauer auf ihn.

Bleibt das Dauerthema Cum-Ex-Skandal. Die wenigsten verstehen, worum es dabei geht, was viel Platz für Geraune lässt. Blackrock hat Aktien an Investoren verliehen, die die Papiere brauchten, um sich Steuern mehrfach erstatten zu lassen. Den Verleih bestreitet Blackrock nicht - was auch absurd wäre, das ist normales Kapitalmarktgeschäft. Vom Steuerbetrug habe man nichts gewusst, beteuert Blackrock. Das muss man nicht glauben, sollte aber zur Kenntnis nehmen, dass nichts bewiesen ist, obwohl die Vorwürfe schon ewig bekannt sind.

Tiefer verstrickt in Cum-ex-Geschäfte scheint die Düsseldorfer Privatbank HSBC Trinkaus zu sein, in deren Aufsichtsrat Merz ebenfalls sitzt. Möglich, dass er nicht sehen wollte, was geschah; das wäre Aufsichtsversagen. Unklar ist freilich, was genau passierte und ob der Aufsichtsrat überhaupt Einblick in die Geschäfte hatte.

Womöglich hat Merz Dinge getan, die noch nicht bekannt, zugleich aber so gravierend sind, dass sie seine Kandidatur unmöglich machen. Das wird sich zeigen. Und womöglich sind Kramp-Karrenbauer oder Spahn sowieso viel geeigneter, die CDU zu führen. Das entscheidet die Partei.

Klar ist aber: Merz ist ein Politiker, der zwischendurch Geld verdient hat. Für viele ist das schon ein Ausschlusskriterium, egal ob es Belege für Fehlverhalten gibt oder nicht. Und das ist ungerecht.

insgesamt 413 Beiträge
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Seite 1
spon_2083104 03.11.2018
1. Ich würde mal den Begriff Drehtüreffekt googeln...
Unabhängig davon, ob das auf FM jetzt zutrifft - in den USA funktioniert dieser Seitenwechseln problemlos und ist sehr lukrativ für die Beteiligten!
hansistyle2 03.11.2018
2.
Nein, weder ich noch irgendjemand den ich kenne denkt Geld verdienen in Deutschland sei ein Makel, es geht darum dass die die das meiste verdienen eben dann auch politische Posten besetzen, bzw. die Politik als Sprungbrett nutzen und andersrum. In einem Land mit den teuersten Krankenkassenbeiträgen, einem unterdurschnittlich niedrigem Mindestlohn, katastrophalen Tarifverträgen, dem schlechtesten und teuersten Datenvolumen, den teuersten Strompreisen und den bescheurtsten Steuergesetzen, ist es für viele eben verständlicherweise ein Dorn im Auge wenn ein wohlhabender Mann aus langweile und Machtgeilheit sich für ein Amt interessiert. Fakt.
sarapo29 03.11.2018
3. Zweifel sind hier angebracht
ich bin der festen Überzeugung dass die allermeisten Menschen ein sehr gutes und sehr feines Gespür dafür haben ob und wie jemand sein Geld verdient. Beispiel: der kleine mittelständische Arbeitgeber der jeden Tag 10 Stunden in seiner Firma ist und gemeinsam mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Unternehmen zum Erfolg führt- diesem Menschen missgönnen wohl die wenigsten seinen finanziellen Erfolg, ist er doch Ausdruck unternehmerischen Handelns. Andererseits gibt es Menschen - beispielsweise im Bank oder Investmentgeschäft- deren Millionen Gehälter oft bur oder fast ausschließlich auf der Ausbeutung und der Verelendung anderer beruhen- skrupellose Geldmacher auf Kosten schwächerer. ist dies ehrlich und anständig verdientes Geld? stehen die persönlichen Eigenschaften dieser Leute im Verhältnis zu den Summen mit denen sie sich ihre Taschen füllen? diese Menschen und ihr Geld abzulehnen ist nicht Ausdruck von Neid- sondern lediglich gesunder Menschenverstand. wo die Firma Blackstone und der deutsche Vorstand Herr Merz da zu verorten ist- darüber kann sich ja jeder selbst seine Meinung bilden- Nur: mit Neid hat das alles rein gar nichts zu tun...
hermy 03.11.2018
4. Ich lach mich schlapp
"Dass Merz womöglich ein tieferes Verständnis für die globale Wirtschaft haben könnte als seine Rivalen, und dass dies für den Staat nützlich sein könnte, gerät dabei aus dem Blick". Meint SPON das im Ernst. Natürlich weis Merz wie das Spiel geht, aber seit wann zum Vorteil der Republik ? So wie bei Cum / Cum z.B. Oh Spiegel, wo bist du hingekommen.
markus333 03.11.2018
5. Gegenfrage
Ich möchte mal wissen, wieviele der vielen Neu-Milliardäre ihr Geld sauber verdient haben. Schnell viel Geld verdienen geht eben fast nur illegal. Da möchte ich den Gegenbeweis sehen. Das Misstrauen ist m.E. statistisch berechtigt.
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