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Fußball-WM 2014: Brasilien im Fegefeuer

Von Erich Follath

Brasilien scheint kurz vor der WM im Niedergang: Millionen tragen ihre Wut über Korruption und Verschwendung auf die Straßen, die Wirtschaft stagniert. Doch der Abgesang ist verfrüht - das Land wird derzeit dramatisch unterschätzt.

Ach Brasilien. Kreativ sind in diesem Land derzeit nur die Demonstranten. Sie machen sich über die großartigen Versprechungen lustig, die ihnen der Schriftzug auf der Nationalflagge verheißt. "Ordnung und Fortschritt" ("Ordem e Progresso") haben sie durch "Chaos und Stagnation" ersetzt und schwenken die Fahnen mit dem neuen Motto auf ihren Protestmärschen.

Auch ein anderes Leitmotiv haben sie verfremdet, den von Politikern so gern zitierten, so schmeichelhaften Satz des Stefan Zweig, der Anfang der Vierzigerjahre vor den Nazis nach Südamerika geflohen ist und über seine Exilheimat geschrieben hat: "Brasilien ist ein Land der Zukunft." Sie ergänzen das auf ihren Plakaten selbstironisch: "Und wird es für immer bleiben!"

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist schon jetzt überschattet: Straßenschlachten in Rio de Janeiro wegen erhöhter Autobustarife. Eine Orgie von Gewaltverbrechen während eines Streiks der Ordnungshüter in Salvador da Bahia. Der Zusammenbruch des Verkehrs nach einem Ausstand der Polizisten in São Paulo, mit dem grausamsten Stau der Welt, Gesamtlänge 344 Kilometer. Angriffe mit Pfeil und Bogen durch indigene Stämme in Brasília.

Selbst wenn alle Sportstätten pünktlich fertig und die Organisationsprobleme in den Stadien überwunden werden sollten - die Proteste draußen auf den öffentlichen Plätzen gegen die Korruption der Politiker, die in sinnlose Prunkbauten versenkten Milliarden und für bessere Schulen und Krankenhäuser werden mindestens ebenso großes Aufsehen erregen wie die Ergebnisse der Spiele. Eine Lehrstunde nicht nur für Politiker: Ausgerechnet im fußballverrückten Brasilien haben sich die Prioritäten verschoben.

Dramatisch überschätzt - oder fatal unterschätzt

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Brasilien vor der WM: Für immer das Land der Zukunft
Ökonomische Katastrophenszenarien machen die Runde. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat die Kreditwürdigkeit Brasiliens im März herabgestuft, manche Experten sprechen bereits vom sicheren Niedergang des bedeutendsten südamerikanischen Staates.

Nur: Wenn am Amazonas angeblich alles zusammenbricht - warum hat der wichtigste brasilianische Börsenindex Bovespa seit Anfang des Jahres, in US-Dollar gerechnet, gut sieben Prozent gewonnen, weit mehr als der Allzeithöhen erklimmende Dax und weit mehr als der Dow Jones? Wie kommt es, dass Brasilien vor kurzem hinter China, den USA und Japan zum viertgrößten Automobilmarkt der Welt aufgestiegen ist und damit an Deutschland vorbeizog? Und was bringt einen Unternehmer wie den Hamburger Alexander Otto dazu, gerade jetzt 240 Millionen Euro in brasilianische Einkaufszentren zu investieren?

Dieses Land hat ein seltsames Problem: Es wird dramatisch überschätzt - oder, wie in diesen Tagen, fatal unterschätzt.

Charles de Gaulle sprach einst verächtlich davon, Brasilien sei doch gar kein "ernst zu nehmendes Land". Und selbst nach der Befreiung von zwei Jahrzehnten Militärdiktatur 1985 erholte sich die Wirtschaft nur langsam. Doch spätestens Mitte des vergangenen Jahrzehnts hob Brasilien ab, Erfolgsfirmen wie der weltgrößte Bierproduzent Ambev oder Embraer, heute Nummer drei der Flugzeugbauer hinter Boeing und Airbus, drängten auf den Weltmarkt. Das Land kam blendend durch die Weltwirtschaftskrise von 2008, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs 2010 um stolze 7,5 Prozent. Es entstand eine neue, konsumfreudige Mittelschicht, und auch die Hilfsprogramme für die Ärmsten zeigten positive Wirkung.

Kurze Schwächephase - oder der Anfang vom Abstieg?

Manche sahen Brasilien - an der Seite seiner BRIC-Mitstreiter China, Indien und Russland - schon den Westen überholen. 2012 schrieb der Globalisierungsexperte Nicholas Lemann im "New Yorker": "Brasilien hat ein Dreifachwunder geschaffen: hohes Wirtschaftswachstum (anders als in den USA und Europa), politische Freiheit (anders als in China) und einen Rückgang der Ungleichheit zwischen den Bevölkerungsgruppen (anders als überall sonst)." Die "Wirtschaftswoche" nannte Brasilien noch 2013 Deutschlands "perfekten Partner", São Paulo sei "unser größter Industriestandort im Ausland".

Rohstoffe im Überfluss, wachsende Kaufkraft, eine junge, dynamische Bevölkerung - warum also jetzt die wütenden Demonstrationen, warum die herben politischen und wirtschaftlichen Rückschläge? Ein vorübergehendes Phänomen wegen der skandalösen WM-Verschwendung - oder der Anfang vom Abstieg?

In diesem Jahr wird Brasilien prozentual vermutlich nicht stärker wachsen als Deutschland: knapp zwei Prozent, wenig für ein Schwellenland. Die Inflation liegt bei mehr als sechs Prozent, die industriellen Fertigungskosten, vor einem Jahrzehnt noch niedriger als in den USA, sind heute um 23 Prozent höher als dort. Mit einem Anteil von 18 Prozent des BIP sind die Investitionen zudem extrem niedrig - Überregulierung, überhöhte Steuern und Beamtenpensionen sowie eine aufgeblähte, korrupte Bürokratie machen jede Firmengründung zu einem Hindernislauf.

Rousseffs Versagen

Regierungschefin Dilma Rousseff schiebt die Turbulenzen auf die instabile Weltkonjunktur. Das ökonomische Umfeld ist für ein Rohstoff exportierendes Land wie Brasilien tatsächlich schwieriger geworden. Vor allem der langjährige Boom wurde für die Herrschenden zum Bumerang: Eine zunehmend selbstbewusste, politisch aufgeweckte Mittelklasse meldet sich jetzt mit Forderungen zu Wort, die nicht alle über Nacht zu erfüllen sind.

Doch zweifellos trägt die Regierung die Hauptschuld an der gegenwärtigen Unzufriedenheit. Das Kabinett Rousseff, vor dreieinhalb Jahren hoffnungsvoll gestartet, hat dabei versagt, die richtigen Prioritäten zu setzen: bessere Schulen, effektivere Krankenversorgung, endlich Sicherheit auf den Straßen - alles Fehlanzeige. Zu Recht fordern die Bürger "good governance" mit fairen Aufstiegschancen und die Bestrafung der Politiker, die sich illegal die Taschen vollstopfen.

Niemand vermag zu prophezeien, ob Neymar, Dante und Co. der Regierung mit einem Fußball-Triumph eine Atempause verschaffen werden. "Gott ist ein Brasilianer", hieß es in der Vergangenheit beim Samba oder beim Karneval häufig. In diesen Tagen des Blues scheinen viele eher davon überzeugt, dass der Teufel Brasilianer ist, sie ins Fegefeuer geschickt hat.

Aber Katholiken, von denen es hier mehr gibt als in irgendeinem anderen Land, glauben ja, dass dieses Fegefeuer - nach einem schmerzlichen Prozess der Läuterung - in den Himmel führt.

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insgesamt 62 Beiträge
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1. Ach toll....
Palisanderbond 11.06.2014
Na dann können wir ja trotz Proteste uns komplett der Spiele hingeben, gel? Wie gut das die Werbebeilage der FIFA namens "der Spiegel" die Welt mal wieder in Ordnung bringt. Puh. Gerade noch rechtzeitig vor Start....
2. Solange
nemensis_01 11.06.2014
man im TV keine Bilder von den Demonstranten sieht und wenn nur, wenn sie niedergeknüppelt werden, ist es mir egal. Ich will eine goldene WM mit goldenden Spielen und goldenen Stadien und goldenen Frühstücksflocken.
3. Fussball ist schon unterhaltsam
SchnurzelPuPu 11.06.2014
aber nichts gegen eine anständige Revolution.
4. Sondermeldung: Bovespa legte um 7% zu
dunnhaupt 11.06.2014
Sollte das mit Brasiliens 7% Inflation zusammenhängen?
5. Ratingagenturen?
explorer88 11.06.2014
Wer nimmt deren politische und beliebige Bewertungen bitte noch ernst? Und - Brasilien interessiert sich eben nicht dafür, EU oder US Konzerne zu unterstützen oder Gigantonomie zu unterstützen. Die Leute sind jung und motiviert!
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Fläche: 8.514.877 km²

Bevölkerung: 202,769 Mio.

Hauptstadt: Brasília

Staats- und Regierungschefin: Dilma Rousseff (suspendiert Mai 2016); Michel Temer (amtierend)

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