S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Wenn Wirtschaft so einfach wie Fußball wäre

Verglichen mit der Weltkonjunktur ist eine Fußball-WM eine simple Angelegenheit. In einem so chaotischen System wie dem globalisierten Kapitalismus gibt es nur eine Sicherheit: Bereits kleine Ereignisse können das Gesamtsystem ins Wanken bringen.

Eine Kolumne von


Fußballspiele lassen sich mittlerweile besser vorhersagen als die Wirtschaftsentwicklung. In Europa hat sich die Konjunktur relativ zu den Erwartungen so entwickelt, als hätte Iran die Fußballweltmeisterschaft gewonnen - im Endspiel gegen Ghana. Sicher, es gibt auch im Fußball unvorhersehbare Ereignisse wie das 7:1 Deutschlands gegen Brasilien. Aber am Ende sind es doch immer dieselben europäischen und südamerikanischen Teams, die den Sport seit Jahrzehnten dominieren. Der Fußball hat eine natürliche Tendenz zur Stabilität.

Nicht so unsere heutige Wirtschaft. Bis vor wenigen Jahren tendierte auch die Konjunktur zur Stabilität. Fast alle wirtschaftlich bedeutenden Aktivitäten fanden im transatlantischen Raum statt waren bis auf eine Unsicherheitsmarge weitgehend prognostizierbar.

Was diesen gemütlichen Status Quo beendet hat, ist die Globalisierung, vor allem die Globalisierung der Finanzmärkte. Zusammen mit miserabler Krisenpolitik brachte sie uns permanente finanzielle Instabilität. Diese wiederum erzeugt Unvorhersehbarkeit.

Die Wirtschaft ist extrem schockabhängig

Die fehlende Tendenz zur Rückkehr zum Gleichgewicht ist dabei der kritische Punkt. Ohne eine natürliche Tendenz zur Stabilisierung wäre die Wirtschaft vergleichbar mit einem chaotisch dynamischen System in der Physik, dass von Schock zu Schock strauchelt. Solche Schocks passieren in der Wirtschaft alle Nase lang. In der vergangenen Woche waren es die Probleme der portugiesischen Bank Santo Spirito, die uns für kurze Zeit den Hauch der Finanzkrise entgegenwehen ließen. Befände sich unsere Wirtschaft in einem stabilen Gleichgewicht, dann könnte uns eine portugiesische Bankkrise wenig anhaben. Auch Wladimir Putins Anschluss der Krim wäre dann zumindest kein weltwirtschaftliches Großereignis. In echten dynamischen Systemen hingegen haben selbst die kleinsten Ereignisse große Wirkungen, und bereits mittelgroße Ereignisse können das System zersprengen. Oder auch nicht.

Chaos ist per Definition nicht strukturiert. Statistik hingegen basiert auf identifizierbaren Strukturen. Was kann man da machen? In einer solchen Situation ist es am besten, auf die Prognose ganz zu verzichten, und die Situation qualitativ zu verstehen. Für mich ist ein solches qualitatives Gedankenmodell in der Wirtschaft die sogenannte Bilanz-Rezession: Egal wie tief die Zinsen auch fallen, die überschuldeten spanischen Haushalte oder italienischen Banken versuchen, ihre Schulden abzubauen und sich zu sanieren. Sie reagieren nicht mehr auf die übliche finanziellen Anreize. Da das alle gleichzeitig machen, kommt es zu einem Rückgang der Gesamtnachfrage. Alle versuchen, durch steigende Exporte etwas auszugleichen, was logischerweise nicht allen gleichzeitig gelingen kann.

In einem solchen Umfeld ist die klassische Geldpolitik weitgehend machtlos. Der einzige Akteur, der in einem solchem Umfeld noch Kapazitäten hat, ist der Staat. Da sich im Euroraum die Staaten mit Schuldenbremsen und Fiskalpakten selbst begrenzen, ist es kein Wunder, dass die Erholung schwach ist. In einer solchen Situation ist die Wirtschaft extrem schockabhängig. Wenn kein Schock auftritt, dümpelt sie vor sich hin wie Japan vor 1998. Als dann die asiatische Finanzkrise kam, ging es dann für Japan so richtig bergab. Ein solches Mini-Modell hat seine Grenzen, bekommt aber die entscheidende Dynamik gut in den Griff.

Wir können zwar die einzelnen Schocks nicht vorhersagen, wir wissen aber, dass finanziell instabile Systeme mehr Schocks erzeugen als stabile. Es kann auch positive Schocks geben. Vielleicht kommt es jetzt in Deutschland zu einem vorübergehenden fußballbedingten Nachfrageboom. Vielleicht macht uns der Sieg optimistischer und konsumfreudiger. Ich glaube es eher nicht. Wir leben jetzt in einer Wirtschaft, in der alles möglich ist.

Im Fußball ist das nicht ganz so. Oder noch nicht.

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insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
curiosus_ 14.07.2014
1. Ob chaotisch
Zitat von sysopVerglichen mit der Weltkonjunktur ist eine Fußball-WM eine simple Angelegenheit. In einem so chaotischen System wie dem globalisierten Kapitalismus gibt es nur eine Sicherheit: Bereits kleine Ereignisse können das Gesamtsystem ins Wanken bringen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/fussball-wm-und-finanzkrise-wie-systeme-auf-schocks-reagieren-a-980893.html
oder nur mit positiv rückgekoppelten Regelkreisen ausgestattet - das ist für mich noch offen. Aber man sollte die Aussagen in dem Artikel auch nicht zu ernst nehmen, es handelt sich – wie so oft in der Ökonomie – um anachronistische Analogieschlüsse (in der Bibel würden die unter Gleichnisse laufen), eher mit voraufklärerischer Alchemie als mit wissenschaftlicher Aussage vergleichbar. Ein „chaotisch dynamisches System in der Physik“ ist sehr wohl exakt mathematisch beschreibbar (was die Ökonomie sicher nicht leistet, erst gar nicht versucht). Allerdings ist es, aufgrund der extremen Abhängigkeit von kleinsten Variationen in den Anfangsbedingungen, nicht vorhersagbar. Aus der Eigenschaft „man kann es nicht vorhersagen“, die beidem anhaftet, auf eine gemeinsame Systembeschreibung zu schließen ist, wie schon gesagt, Alchemie. Ich vermute eher, dass es sich um komplexe, gegen- und gleichgekoppelten Regelkreise mit langen Zeitkonstanten (teilweise Jahrzehnten) handelt. Und die können eben zum Zusammenbruch des Systems führen. Aber viele Parameter und Randbedingungen dieses Systems sind menschengemacht und damit beeinflussbar. Dazu sollte man aber ein Grundverständnis des Systems haben, auch über das Verhalten in jahrzehntelangen Zeiträumen. Was bei komplexen Systemen nur noch über mathematische Modelle, Simulationen und Parameterstudien leistbar ist. Wie es z.B. in der Klimaforschung mit großem Aufwand versucht wird. Was Ähnliches sehe ich in der Ökonomie nicht. Das ist eher das Niveau der „Yellow press“, mit Glaubensschulen und Gurus. Man pickt Teilaspekte heraus und bastelt sich sein (interessengesteuertes) Weltbild.
muellerthomas 14.07.2014
2.
Zitat von curiosus_oder nur mit positiv rückgekoppelten Regelkreisen ausgestattet - das ist für mich noch offen. Aber man sollte die Aussagen in dem Artikel auch nicht zu ernst nehmen, es handelt sich – wie so oft in der Ökonomie – um anachronistische Analogieschlüsse (in der Bibel würden die unter Gleichnisse laufen), eher mit voraufklärerischer Alchemie als mit wissenschaftlicher Aussage vergleichbar. Ein „chaotisch dynamisches System in der Physik“ ist sehr wohl exakt mathematisch beschreibbar (was die Ökonomie sicher nicht leistet, erst gar nicht versucht). Allerdings ist es, aufgrund der extremen Abhängigkeit von kleinsten Variationen in den Anfangsbedingungen, nicht vorhersagbar. Aus der Eigenschaft „man kann es nicht vorhersagen“, die beidem anhaftet, auf eine gemeinsame Systembeschreibung zu schließen ist, wie schon gesagt, Alchemie. Ich vermute eher, dass es sich um komplexe, gegen- und gleichgekoppelten Regelkreise mit langen Zeitkonstanten (teilweise Jahrzehnten) handelt. Und die können eben zum Zusammenbruch des Systems führen. Aber viele Parameter und Randbedingungen dieses Systems sind menschengemacht und damit beeinflussbar. Dazu sollte man aber ein Grundverständnis des Systems haben, auch über das Verhalten in jahrzehntelangen Zeiträumen. Was bei komplexen Systemen nur noch über mathematische Modelle, Simulationen und Parameterstudien leistbar ist. Wie es z.B. in der Klimaforschung mit großem Aufwand versucht wird. Was Ähnliches sehe ich in der Ökonomie nicht. Das ist eher das Niveau der „Yellow press“, mit Glaubensschulen und Gurus. Man pickt Teilaspekte heraus und bastelt sich sein (interessengesteuertes) Weltbild.
Diese Glaubensschulen und Gurus gibt es sicherlich, aber auch mit weniger Glauben und mehr Wissenschaft wäre die Ökonomik m.E. nicht so klar und objektiv wie die Naturwissenschaften. Physikalische Phänomene mögen grundsätzlich vorhersagbar sein, weil die Rahmenbedingungen stabil sind, die Naturkonstanten ändern sich nicht. Wirtschaft ist aber ein Teilbereich der Gesellschaft, also ein soziologisches Phänomen mit menschengemachten Rahmenbedingungen, die sich ständig ändern. Fortschritt in der ökonomsichen Lehre würde für mich daher nicht etwa bedeuten, die Mathematisierung noch weiter voranzutreiben und so eine scheinbare Objektvität zu erzielen, sondern das Eingeständnis, dass die VWL ein Teilbereich der Soziologie ist (BWL mag teilweise objektivierbar sein, aber gerade die Bereiche wären m.E. als Lehrfach besser aufgehoben und müssten nicht studiert werden).
analysatorveritas 14.07.2014
3. Richtig!
Zitat von muellerthomasDiese Glaubensschulen und Gurus gibt es sicherlich, aber auch mit weniger Glauben und mehr Wissenschaft wäre die Ökonomik m.E. nicht so klar und objektiv wie die Naturwissenschaften. Physikalische Phänomene mögen grundsätzlich vorhersagbar sein, weil die Rahmenbedingungen stabil sind, die Naturkonstanten ändern sich nicht. Wirtschaft ist aber ein Teilbereich der Gesellschaft, also ein soziologisches Phänomen mit menschengemachten Rahmenbedingungen, die sich ständig ändern. Fortschritt in der ökonomsichen Lehre würde für mich daher nicht etwa bedeuten, die Mathematisierung noch weiter voranzutreiben und so eine scheinbare Objektvität zu erzielen, sondern das Eingeständnis, dass die VWL ein Teilbereich der Soziologie ist (BWL mag teilweise objektivierbar sein, aber gerade die Bereiche wären m.E. als Lehrfach besser aufgehoben und müssten nicht studiert werden).
Hallo muellerthomas, in der Tat, viele Einflußgrößen spielen hierbei eine Rolle. Besonders die Politik. Eine riesige Dauerbaustelle: der völlig instransparente Bankenbereich mit seinen zahlreichen und vielfältigen Produkten. Hochfrequenzhandel, Steuerparadiese, ein undurchdringlicher Steuer- und Subventionsdschungel, organisierte Kriminalität, Wirtschafts- und Technologiespionage durch Nachrichtendienste, Plagiate, komplexe Patentrechte (was kann man wann wo wie genau anmelden und was ist dann wirklich geschützt? siehe Arte Sendung über das us-amerikansiche Patentrecht), Klagemöglichkeiten, oft spielt hierbei knallharte reale Machtpolitik eine Rolle. Aber auch die Physik hat ihre Probleme: Einstein's Realitivitätstheorie mit der Planckschen Quantenphysik in vollständigen Einklang zu bringen (siehe Schwarze Löcher, Neutrinos, Schwarze Materie). Dürfte aber allen Wissenschaften so ergehen, alles hängt mit allem irgendwie zusammen, dabei verdoppelt sich das Wissen in immer kürzeren Zeitabständen. Wirklich kompliziert. Schönen Abend av
Rundungsfehler 14.07.2014
4. ein Teilbereich der Soziologie
Zitat von muellerthomasDiese Glaubensschulen und Gurus gibt es sicherlich, aber auch mit weniger Glauben und mehr Wissenschaft wäre die Ökonomik m.E. nicht so klar und objektiv wie die Naturwissenschaften. Physikalische Phänomene mögen grundsätzlich vorhersagbar sein, weil die Rahmenbedingungen stabil sind, die Naturkonstanten ändern sich nicht. Wirtschaft ist aber ein Teilbereich der Gesellschaft, also ein soziologisches Phänomen mit menschengemachten Rahmenbedingungen, die sich ständig ändern. Fortschritt in der ökonomsichen Lehre würde für mich daher nicht etwa bedeuten, die Mathematisierung noch weiter voranzutreiben und so eine scheinbare Objektvität zu erzielen, sondern das Eingeständnis, dass die VWL ein Teilbereich der Soziologie ist (BWL mag teilweise objektivierbar sein, aber gerade die Bereiche wären m.E. als Lehrfach besser aufgehoben und müssten nicht studiert werden).
Sehr richtig. Karl Marx hat die Wirtschaftswissenschaft seiner Zeit als Afterwissenschaft bezeichent und der englische Historiker Carlyle sprach von einer 'dismal science' alse einer trübsinnigen Wissenschaft. Wirtschaftswissenschaften sind zu einem beträchtlichen Teil interessengleitete Ideologie maskiert als Wissenschaft. Manchmal kippt die ganz Veranstaltung leicht ins Religiöse ab, der Markt und nur der Markt wird alles gut machen, die unsichtbare Hand führt uns alle ins gelobte Land. Es scheint keinen 'Wissenschaftler' irritiert zu haben, dass die letzte Finananzkrise so überraschend kam. Obwohl die Finanzkrisen der einen oder anderen Form (Banken-, Währungs- und Schuldenkrise, Aktien-und Immobilienblasen) so ca. alle 10 -15 Jahre auftreten und das seit hunderten von Jahren. Scheint aber keinen zu irritieren. Leider schafft Münch auch keine Klahrheit. Im Gegenteil, da muss es mindestens Chaos sein: 'Chaos ist per Definition nicht strukturiert.' So ein Quark, in der mathematischen Definition von Chaos kommt Struktur überhaupt nicht vor, was immer Münchau darunter verstehen mag und chaotische dynamische Systeme sind sehr wohl strukturiert (Attraktoren).
hermannheester 14.07.2014
5. Fupball, Skat und Weltpolitik sind sowas von einfach!
Zitat von sysopVerglichen mit der Weltkonjunktur ist eine Fußball-WM eine simple Angelegenheit. In einem so chaotischen System wie dem globalisierten Kapitalismus gibt es nur eine Sicherheit: Bereits kleine Ereignisse können das Gesamtsystem ins Wanken bringen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/fussball-wm-und-finanzkrise-wie-systeme-auf-schocks-reagieren-a-980893.html
Ganz besonders die Belange der Wirtschaft sind mit schlichten Milchmädchenrechnungen zu bewäligen. Was ist ein Abseits oder Elfmeter dagegen? Hohe Kunst und Wissenschaft nur für Eingeweihte?
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