Aus Cannes berichten Stefan Kaiser und Stefan Simons
Als der G-20-Gipfel vorbei und die Kanzlerin schon Richtung Berlin abgereist war, betrat Barack Obama noch einmal die Kinobühne im Festival-Palais von Cannes - und ein bisschen wirkte es, als wollte der mächtigste Mann der Welt daran erinnern, dass er auch noch da war.
In den 48 Stunden zuvor hatte die Krise der Euro-Zone alle anderen Themen des Gipfels in den Hintergrund treten lassen - und mit ihnen auch alle anderen Personen. Nun also war endlich der US-Präsident an der Reihe und sprach über: die Euro-Krise. Er habe in den beiden vergangenen Tagen einen Crash-Kurs in Sachen Europa bekommen, sagte Barack Obama: "Es gibt viele Regierungen, viele Parlamente und viele europäische Institutionen."
Der Gipfel in der Filmstadt Cannes verlief so turbulent wie ein Action-Thriller: Das ursprüngliche Programm wurde weitgehend über den Haufen geworfen. Ständig hechelten die Teilnehmer der jeweils aktuellen Krisensituation hinterher. Ein deutsches Delegationsmitglied sprach von "sehr aufregenden" Stunden.
Euro-Krise nicht gelöst
Die eigentlichen Hauptdarsteller mussten dabei oft in den Hintergrund treten. Während Barack Obama die Euro-Staaten ab und an ermahnen durfte, ihre Krise möglichst schnell zu lösen, waren Gastgeber Nicolas Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel vor allem in der Rolle der harten Cops gefragt, die den Bösewichten Georgios Papandreou aus Griechenland und dem italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi die Leviten lasen.
Gelungen ist das nur teilweise. Die Euro-Krise ist nach dem Gipfel mindestens genauso akut wie davor. Mit ihrem harten Ultimatum an Griechenland haben Merkel und Sarkozy zwar erst einmal das griechische Referendum über das geplante Rettungspaket verhindert.
Doch die Lage in Griechenland ist unsicherer denn je. Die Hilfen aus dem ersten Rettungspaket sind so lange gestoppt, bis das Land dem gerade erst Ende Oktober mühsam geschnürten zweiten Paket zugestimmt hat. Ob und wann das passiert, ist völlig offen. Klar ist nun allerdings, dass eine Pleite Griechenlands und ein Austritt aus der Euro-Zone als offizielle Option gelten.
Auch für das Problem Italien haben die Krisenmanager noch keine Lösung gefunden. Noch greifen die Schutzwälle nicht, die die Euro-Zone durch die Reform des Rettungsfonds um Italien und Spanien herum hochziehen wollen. Und die G20 konnten vorerst nur beschließen, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) die Italiener beim Sparen kontrollieren soll.
Mehr Kompetenzen für den IWF
Überhaupt soll der IWF künftig eine viel größere Rolle spielen bei der Krisenbewältigung in Europa und im Rest der Welt. Und wenn der Gipfel ein Film ist, dann ist die Französin Christine Lagarde seine heimliche Heldin. Die IWF-Chefin, die erst wenige Monate im Amt ist, wurde in Cannes zu einem der gefragtesten Krisenmanager. Es gab kein wichtiges Treffen, bei dem sie nicht dabei war.
Laut Abschlusserklärung des Gipfels soll der IWF größere Kompetenzen bekommen. So soll er kurzfristige Liquiditätskredite ausgeben können, um Länder vorbeugend vor einer Krisenansteckung zu schützen. Im Gespräch ist auch, die Mittel des IWF generell aufzustocken. Darüber sollen die Finanzminister bis kommenden Februar entscheiden.
Unklar ist hingegen, ob der Währungsfonds eine Rolle bei der geplanten Hebelung des europäischen Rettungsfonds spielen kann. Den Europäern schwebt eine Lösung vor, bei der der IWF eine Art Sonderkonto für den EFSF einrichtet, in dem Geldgeber aus aller Welt einzahlen können. Lagarde lehnt dies aber ab. "Der IWF leiht Ländern Geld, aber nicht Körperschaften", sagte sie am Freitag nach Abschluss des Gipfels.
Vor lauter Euro-Rettung war auf dem Gipfel kaum noch Zeit für die anderen Themen, die eigentlich im Mittelpunkt hatten stehen sollen. Die Beschlüsse wurden von den Staats- und Regierungschefs weitgehend so durchgewinkt, wie ihre Mitarbeiter sie vorher vorbereitet hatten.
Schwammiger Aktionsplan
Das betrifft vor allem das Thema Finanzmarktregulierung. Laut Beschluss sollen die 29 größten Banken der Welt künftig mehr Eigenkapital vorhalten, um sich gegen Krisen zu wappnen. Zudem sollen sie im Notfall leichter abgewickelt werden können.
Bei der Regulierung der sogenannten Schattenbanken blieben die Beschlüsse der G20 ziemlich vage: Finanzakteure außerhalb des Bankensektors, zum Beispiel Hedgefonds, sollen künftig besser überwacht werden. Wie, blieb allerdings unklar. Streit gab es dagegen um die Einführung einer Finanztransaktionssteuer auf Börsengeschäfte.
Während Deutschland und Frankreich eine solche Steuer gerne durchgesetzt hätten, stellten sich die USA und Großbritannien dagegen - und gewannen. Im Abschlussdokument wird die Steuer sehr weit hinten mit einer wachsweichen Formulierung erwähnt.
Der Gipfel ist vorbei. Die Krise wird weitergehen - und mit ihr auch die Krisenbewältigung. Schon am Montag treffen sich die Finanzminister der Euro-Zone, um den Ausbau des EFSF zu beschleunigen. Es dürfte dringend nötig sein.
Und auch die globalen Akteure müssen in Sachen Krisenbekämpfung noch konkreter werden. Zwar wollen alle G-20-Staaten den weltweiten Abschwung mit einem Aktionsplan bekämpfen. Doch der Detaillierungsgrad der Beschlüsse war eher übersichtlich. Alle Länder verpflichten sich, je nach Lage ihren Beitrag zur Stärkung der Wirtschaft zu leisten.
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