Zukunft der G20 20 Mächte sind 15 zu viel

Die G20 schaffen es nicht, die Probleme der Welt zu lösen. Zeit für neues Denken: Fünf Großmächte sollten das Schicksal des Planeten in die Hand nehmen - darunter ein starkes Europa.

G20-Gipfel in Hangzhou
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G20-Gipfel in Hangzhou

Eine Kolumne von


Als sich die Regierungschefs der wichtigsten Länder zum ersten Mal trafen, genügten ihnen gut 1100 Worte, um ihre Absichten zu erklären. In 15 knappen Punkten legten sie in ihrem Kommuniqué dar, was zu tun sei. Makroökonomische Fragen - Konjunktur, Währungsschwankungen, Inflation - standen im Zentrum, daneben die Energieversorgung. Sechs Männer, davon vier Europäer, klar umrissene gemeinsame Anliegen: So war das damals beim ersten Weltwirtschaftsgipfel von Rambouillet im November 1975.

41 Jahre später ist die Situation ungleich komplexer. Das Kommuniqué des Gipfels von Hangzhou vorige Woche ist siebenmal so lang. Es umfasst 45 Punkte, die praktisch alle Politikbereiche berühren: nicht nur aktuelle Konjunkturfragen, sondern auch Welthandel, Finanzstabilität, Geldwäsche, Steuerwettbewerb, Klimaschutz, Ungleichheit, Terrorismus, Krieg, Flüchtlingsströme, Migration, Bildung, Forschung, die um sich greifende Resistenz gegen Antibiotika. Was zeigt, wie stark der globale Regelungsbedarf zugenommen hat.

Am 1. Dezember übernimmt Deutschland den G20-Vorsitz. Unwahrscheinlich, dass das Kommuniqué des Gipfels von Hamburg nächsten Herbst knapper ausfallen wird. Im Gegenteil, die Liste der globalen Probleme könnte sich im kommenden Jahr noch verlängern. Zumal, wenn sich der Zerfallsprozess der EU nach dem Brexit-Referendum fortsetzt; Freitag treffen sich die Staats- und Regierungschefs der verbleibenden 27 EU-Staaten, um über die Zukunft Europas nachzudenken. Im Raum steht dabei auch die große Frage, wer eigentlich die Welt regiert.

1975 war die Antwort ziemlich klar: Die beiden Hegemonialmächte USA und Sowjetunion sorgten in ihrer jeweiligen Hemisphäre nach ihrem jeweiligen Verständnis für Ordnung. Was sie miteinander zu regeln hatten, beschränkte sich, damals im Kalten Krieg, auf Sicherheitsfragen. Austausch zwischen beiden Blöcken gab es kaum.

Auch innerhalb des Westens waren die Berührungspunkte begrenzt. Die USA führten militärisch und dominierten ökonomisch, auch wenn sie bereits jenseits ihres Zenits waren. Zölle und Kapitalverkehrskontrollen schotteten nationale Märkte ab. Große Migrationswellen gab es nicht. Umweltprobleme schienen regional begrenzt. Die Nationalstaaten hatten die Lage halbwegs im Griff.

Ganz anders heute: Die Erde ist hochgradig vernetzt; zwischen 1975 und 2015 hat sich das Welthandelsvolumen verzwanzigfacht. Sie ist immer dichter bevölkert; die Bewohnerzahl ist von vier auf 7,4 Milliarden gestiegen. Und sie wird immer intensiver genutzt; die CO2-Emissionen haben sich mehr als verdoppelt.

Die gegenseitigen Abhängigkeiten haben enorm zugenommen. Viele Probleme lassen sich nur noch gemeinsam lösen. Aber niemand hat die Macht dazu.

Die wichtigsten westlichen Staaten treffen sich zwar immer noch im G7-Format. Aber viel ausrichten können sie nicht mehr. Nun sollen es die G20 regeln. Statt ein paar westlichen Regierungschefs und wenigen Beratern sitzen inzwischen Demokraten und Autokraten, Könige und Kommunisten zusammen, daneben die EU, die wichtigsten internationalen Institutionen und Organisationen sowie Tausende Experten.

Viele Regierungen sind daheim unter Druck: Unzufriedene Bevölkerungen entziehen den Eliten das Vertrauen. Populisten sind auf dem Vormarsch, versprechen forsch nationale Lösungen durch Abschottung, die am Ende nicht funktionieren werden, die aber den Handlungsspielraum der westlichen G20-Staaten einschränken.

Lässt sich die Welt überhaupt regieren?

Da deutet sich eine gewaltige Schieflage an: Während Autokraten wie Wladimir Putin (Sonntag sind in Russland Parlamentswahlen) und Xi Jinping daheim fest im Sattel sitzen und entsprechend breitbeinig nach außen auftreten, gibt der demokratische Teil der Welt ein schwaches Bild ab. Die USA sind innerlich tief gespalten. Indien ist auf einem hindu-nationalistischen Kurs. Brasilien steckt in einer fundamentalen Verfassungskrise. In Großbritannien regiert eine Premierministerin, die nicht durch Wahlen legitimiert ist. Spanien stehen die dritten Parlamentswahlen binnen eines Jahres bevor, weil sich die politischen Eliten nicht einigen können. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Wer weiß, vielleicht muss sich die G20-Vorsitzende Angela Merkel, zu Hause von der AfD bedrängt (achten Sie auf die Berliner Wahlen am Sonntag), demnächst auch noch mit Figuren wie Donald Trump (USA), Marine Le Pen (Frankreich) und Beppe Grillo (Italien) arrangieren. Ein Albtraum.

Ach ja, nicht mal auf Handelsabkommen können sich Nordamerika und Europa noch einigen. TTIP und Ceta drohen zu scheitern; Samstag stehen überall in Deutschland Großdemos an.

Lässt sich die Welt überhaupt regieren? Kann es so etwas wie eine internationale Ordnung heute noch geben?

Vorbild im 19. Jahrhundert

Wie die Dinge liegen, ist die beste Hoffnung, dass sich so etwas wie ein globales Konzert der großen Mächte herausbildet, ähnlich wie im Europa des 19. Jahrhunderts, als die Regierungen in London, Paris, Berlin, Wien und Moskau die Dinge miteinander regelten und damit eine lange Phase der Stabilität ermöglichten. Analog dazu müssten im 21. Jahrhundert Washington, Peking, Delhi, Moskau und Brüssel gemeinsam die Geschicke der Welt lenken.

Das heißt aber auch: Damit wir nicht alle miteinander unter die Räder kommen, müsste sich die EU nach dem Brexit-Schock zu einem schlagkräftigen Bundesstaat umformen. All die Streitigkeiten, die die EU-Staaten derzeit entzweien und die dazu geführt haben, dass sie sich inzwischen grüppchenweise auseinanderdividieren, zuletzt beim EU-Med-Gipfel in Athen, verschleiern nur, dass jedes Land allein kaum etwas ausrichten kann.

Mehr noch: Ohne geeintes Europa ist eine internationale Ordnung kaum denkbar, schon gar keine nach freiheitlichen Maßstäben. So gesehen geht es beim EU-Gipfel Ende dieser Woche um viel mehr als um Flüchtlingsquoten, Investitionsprogramme, Haushaltsregeln und das künftige Verhältnis zu Großbritannien. Letztlich geht es um eine Vision für die Welt. Dass Europa sie liefern kann, ist eine Utopie, natürlich. Aber eine, für die Merkel streiten sollte.


Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG

Frankfurt - Bad Bank für Strom - Die Eon-Kraftwerkstochter Uniper soll erstmals an der Börse notiert werden.

DIENSTAG

Peking - China-Konjunktur - Neue Zahlen zur Industrieproduktion im August.

Mannheim - Deutschland-Konjunktur - Das ZEW veröffentlicht seinen Indikator für die Aussichten bezüglich der deutschen Konjunktur.

MITTWOCH

Berlin - Here comes the rain again - "Naturgefahrenkonferenz 2016" des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft. Schwerpunktthema: Schäden durch Starkregen.

DONNERSTAG

London - Carney soll's richten - Der geldpolitische Rat der Bank of England trifft sich zur geldpolitischen Sitzung. Gouverneur Carney hat versprochen, die Folgen des Brexit-Referendums abzufedern, soweit es geht.

Brüssel - TTIP retten - Der US-Handelsbeauftragte Froman besucht die EU-Hauptstadt. Das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP steht auf der Kippe.

FREITAG

Bratislava - To be, or not to be - Nach dem Brexit-Referendum treffen sich die 27 verbleibenden EU-Staats- und Regierungschefs, um über die Zukunft nachzudenken. Die Vorstellungen gehen weit auseinander.

Stuttgart - Grube 21 - Nach all den Protesten: Grundsteinlegung für den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof mit Bahnchef Rüdiger Grube.

SAMSTAG

Berlin/Frankfurt/Leipzig/Hamburg/Stuttgart/München - TTIP kippen - Bundesweit sind Demonstration gegen die Handelsabkommen CETA (EU-Kanada) und TTIP (EU-USA) geplant.

SONNTAG

Berlin - Die Augen nach rechts - Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus: Wie stark wird die AfD in der Hauptstadt? Und wie stark gerät Merkel in der Union unter Druck?

Moskau - Gelenkte Demokratie - Parlamentswahl in Putins Russland.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 122 Beiträge
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Seite 1
tmhamacher1 11.09.2016
1. Ich geh mal kurz die Welt retten ....
Die Weltrettung muss leider ausfallen, weil sie nicht gerettet werden will und nicht gerettet werden kann. All diese Weltrettungsphantasien sind groteske Überdehnungen des eigenen Egos, zu der Europäer offenkundig neigen, und es scheint länger zu dauern, bis hier endlich begriffen wird, dass der Rest der Welt noch in eher klassischen Dimensionen wie Macht und Reichtum denkt, Affenkategorien halt! Der Kölner hat in seiner unendlichen Weisheit viel bessere Prinzipien entwickelt, die in die hohe Politik einziehen sollten: "Et hätt noch immer joot jejange" (Es ist noch immer gut gegangen) und "Et kütt, wie et kütt" (Es kommt, wie es kommt), vielleicht noch ergänzt durch die tiefgründige Weisheit Steppies: "Lebe geht weiter"!
chilischweiz 11.09.2016
2. Europa als Führungsmacht...
... würde die Probleme der Welt nicht mit pragmatischen Lösungen sondern mit Selbstbespiegelungen konfrontieren. Für jeden Kontinent einen Vertreter und, wenn sich ein Kontinent nicht einigen kann, dann waren's halt nur noch vier. Einfach und praktikabel...
blitzunddonner 11.09.2016
3. ja, ein starkes europa brauchen wir. aber dieses hier ist nur ein kontinentales TTIP.
ja, ein starkes europa brauchen wir. aber dieses hier ist nur ein kontinentales TTIP. wir brauchen eines, das verantwortung übernimmt. auch jenseits von währungs- und finanzproblemen.
Isegrim1949 11.09.2016
4. Eventuell einen Schritt zurück ?
Mit normalen Handelsverträgen und einer Wirtschaftsgemeinschaft hat es doch funktioniert. Sollte man nicht besser erst ein praktikabeles System der Zusammenarbeit mit mehreren kleineren Gremien entwickeln und dann ein "oberstes " Gremium darübersetzen ? Das könnte ja dann durchaus aus USA, Russland , China und EU bestehen. Wir sehen es doch in der EU, wie sich die vielen Interessen und Interessenvertreter gegenseitig blockieren. Ich glaube, dass der Erfolg eines großen Gremiums verhindert wird, weil nationale Interessen eine zu große Rolle spielen.
EckivonRemagen 11.09.2016
5. 20 Mächte sind 15 zuviel
Ihre Meinung teile ich nicht. Wenn sie die zwei Klassen-Gesellschaft haben wollen, dann werden wir uns noch wundern. Wir müssen alle Nationen mit an "Bord" nehmen. Nur so kann man sie an ihre Verantwortung erinnern. Die Führungsländer kristallisieren sich von selber heraus. Letztlich entscheidet dabei immer Wirtschaftsmacht und die Größe eines Landes.
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