Rüstung, Patente, Umwelt Das sind die wahren G7

Es soll das Treffen der wichtigsten Wirtschaftsmächte sein. Doch manche G7-Länder dürften in Elmau eigentlich nicht mehr vertreten sein - erst recht nicht, wenn es um mehr als Geld ginge. Sieben Ranglisten der anderen Art.

G7-Protest in München am Donnerstag: Warum gerade diese sieben?
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G7-Protest in München am Donnerstag: Warum gerade diese sieben?

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"Ich mag keinem Klub angehören, der mich als Mitglied aufnimmt", stellte der US-Komiker Groucho Marx einst fest. Bei den Mitgliedern der G7, dem Klub der angeblich sieben wichtigsten Wirtschaftsmächte, ist es umgekehrt: Sie wollen einem Klub angehören, der einige von ihnen heute eigentlich nicht mehr aufnehmen dürfte. Über dem G7-Gipfel im bayerischen Schloss Elmau wird deshalb ab Sonntag neben so manchem Polizeihubschrauber auch eine Frage schweben: Mit welcher Legitimation beraten gerade die Führer von USA, Japan, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Italien und Kanada über die globalen Probleme?

Die Antwort fiel noch leichter, als der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt und der französische Präsident Valéry Giscard d'Estaing 1975 ins Schloss Rambouillet luden. Damals wollten die fünf Länder mit der höchsten Wirtschaftsleistung über die Ölkrise und andere wirtschaftliche Probleme beraten. Italien wurde zwar erst auf eine Beschwerde aus Rom hin nachnominiert, stand damals bei der Wirtschaftsleistung aber immerhin tatsächlich an sechster Stelle. Heute sieht das anders aus:

Sowohl Italien als auch Kanada müssten also eigentlich draußen bleiben. "Von ökonomischen Großmächten kann man nicht mehr durchweg sprechen", sagt Stefan Kooths, Leiter der Konjunkturabteilung am Kieler Institut für Weltwirtschaft über die G7. Allerdings spiegelten die Daten weniger den Abstieg bisheriger Mitglieder als den rasanten Aufstieg von Schwellenländern wie China und Brasilien wider, die gemessen an der Wirtschaftskraft heute eigentlich mit am Tisch sitzen müssten. Die Chinesen tragen mittlerweile auch einen Titel, mit dem sich lange Deutschland schmückte: Exportweltmeister.

Trotz des neuen Spitzenreiters sind die G7-Staaten beim Handel jedoch immer noch stark. Durch ihre jahrzehntelange Dominanz haben sie zudem enorme Schätze anhäufen können. Zusammen besitzen die Bewohner der G7-Länder fast zwei Drittel des weltweiten Vermögens, allein die Hälfte davon entfällt auf die USA:

Diesen Wohlstand sehen Aktivisten als Verpflichtung. Sie erhoffen sich von den G7-Vertretern unter anderem neue Zusagen für mehr Entwicklungshilfe, über die im Juli ein Uno-Gipfel in Äthiopien beraten wird. "Dafür muss beim G7-Gipfel wirklich der Weg bereitet werden", sagt Tobias Kahler, Deutschland-Direktor der Nichtregierungsorganisation One. Künftig sollten 50 Prozent der Mittel an die am wenigsten entwickelten Länder fließen - bislang erhielten diese weniger als ein Drittel.

Auch Klimaschützer werden sich am Rande des Gipfeltreffens bemerkbar machen. Denn die Staatenlenker wollen Vorbereitungen für den Uno-Gipfel in Paris treffen, bei dem im Dezember ein neues Klimaschutzabkommen beschlossen werden soll. Die Gipfelteilnehmer wüssten freilich "dass man G7 ist und nicht die Welt", heißt es aus deutschen Regierungskreisen. Tatsächlich fehlen dem Format in dieser wichtigen Frage entscheidende Akteure:

Während sich der CO2-Ausstoß der G7-Länder in den vergangenen Jahren nur wenig verändert hat, pusten Russland, Indien und China heute deutlich mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre. "Insgesamt steigen die Emissionen nicht nur, sie steigen schneller als je zuvor", sagt der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer.

Der letzte große Klimagipfel in Kopenhagen war 2009 allerdings vor allem am Konflikt zwischen Industrie- und Schwellenländern gescheitert. Damals kritisierten Vertreter ärmerer Staaten, die Emissionen der Industrieländer seien im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl viel zu hoch. Gemessen an der dürfte überhaupt nur noch eines der derzeitigen G7-Länder nach Elmau reisen:

Immerhin: Die Bevölkerungsgroßmacht Nigeria ist in Bayern durch ihren Präsidenten Muhammadu Buhari vertreten, wenn am zweiten Gipfeltag die Vertreter afrikanischer Staaten empfangen werden. Dann wird es auch um ein Thema gehen, bei dem die G7 noch immer die Trümpfe in der Hand halten: Gesundheit.

Die Staatschefs wollen über Resistenzen gegen Antibiotika, vernachlässigte Tropenkrankheiten und Ebola sprechen. "Ohne die G7 wird es extrem schwer", sagt der Geschäftsführer der Initiative für Medikamente gegen vernachlässigte Krankheiten, Bernard Pécoul. "Nicht wegen des Geldes, sondern wegen des Wissens." Denn 2014 kamen zwei von drei neuen Patenten für ein Medikament aus einem G7-Staat:

Anfang des Jahres waren bei einer Geberkonferenz in Deutschland rund 6,6 Milliarden Euro zusammengekommen, um in den kommenden Jahren Kinder in Entwicklungsländern zu impfen. "Da hat sich die Kanzlerin wirklich persönlich reingehängt", lobt One-Direktor Tobias Kahler. Doch für viele Krankheiten gibt es bislang gar keine Medikamente, weil sich ihre Erforschung für Pharmaunternehmen kaum lohnt. Experten haben daher im Vorfeld des Gipfels vorgeschlagen, mit öffentlichen Geldern einen Fonds für solche Forschung einzurichten. Die G7 könnten dafür das Startsignal geben. "Das wäre ein großer Schritt", sagt Pécoul.

Bislang jedoch geben viele Staaten immer noch mehr Geld für Rüstung als für Gesundheit aus. "Militärische Macht ist nach wie vor eine harte Währung in der internationalen Politik", sagt Markus Kaim, sicherheitspolitischer Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Auch in dieser Währung versammelt G7 aber nicht die Wichtigsten:

"Aus sicherheitspolitischer Perspektive müsste man die G7 nicht erfinden", sagt Kaim. "Da gibt es andere Foren." Die Gruppe sei in der Vergangenheit nie mit sicherheitspolitischen Initiativen aufgefallen. So habe in der Ukraine-Krise nicht sie die Initiative ergriffen, sondern Deutschland und Frankreich in Absprache mit den USA.

Bis vor Kurzem hätte der wichtigste Akteur in der Ukraine-Krise auf Schloss Elmau immerhin noch mit am Tisch gesessen: Präsident Wladimir Putin war Teil der Treffen, als die Gruppe noch G8 hieß. Doch nach der Annexion der Krim wurde Russland ausgeschlossen.

Die Entscheidung haben Wirtschaftsvertreter kurz vor dem Gipfel ebenso kritisiert wie die Altkanzler Schmidt und Schröder. Der Blick auf den schnell wachsenden russischen Verteidigungshaushalt zeigt, dass Diplomatie mit Moskau tatsächlich wichtig bleibt. Ökonomisch gesehen fällt der Ausschluss Russlands hingegen nicht ins Gewicht: Die russische Wirtschaft gehörte weder zum Zeitpunkt der Aufnahme im Jahr 1998 noch heute zu den sieben größten.

Im Video: Die wichtigsten Fakten zum Gipfel in Elmau

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Zusammengefasst: Die G7 repräsentieren heute nicht mehr die größten Wirtschaftsmächte der Welt. Auch in der Sicherheitspolitik oder der Klimadebatte müssten andere Länder mit am Tisch sitzen. Doch es gibt noch Themen, bei denen die G7-Länder führend sind - etwa die medizinische Forschung.

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insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
sprechweise 05.06.2015
1. Fehlende Kategorien
Ich finde es eher peinlich dass hier folgende Kategorien fehlen - nach Demokratieindex - nach Gini-Index
blindgaenger 05.06.2015
2. ein ueberaus teurer
und noch dazu nutzloser Spass. Die G 7 zeigen, dass die wirklich wichtigen Verschiebungen und Veraenderungen auf dieser Welt mit altkolonialem Gehabe verdraengen.
Torkemada 05.06.2015
3. Warum fehlen in der BIP-Statistik die Plätze neun und zehn?
Warum fehlen in der BIP-Statistik die Plätze 9 und zehn? Weil dann Russland und Indien vor Kanada und teils auch Italien drin wären. Ich schwöre die Wahrheit zu sagen, nichts als die Wahrheit, DIE GANZE Wahrheit, sowahr mir Gott helfe.
roro86 05.06.2015
4. Bevölkerung
143,5 Millionen Russen zählen nicht?
themistokles 05.06.2015
5.
Zitat von roro86143,5 Millionen Russen zählen nicht?
Nein. Schließlich zählt das Land ja auch nicht beim BIP.... ;-) Ein Schelm, wer... Aber insgesamt ein guter Artikel, der übersichtlich zusammenfasst, wie lächerlich diese G7- Veranstaltung ist.
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