Wirtschaftskrise: Ex-EADS-Chef fordert Schocktherapie für Frankreich

Frankreichs Wirtschaft verliert rapide an Boden - nun empfiehlt einer der profiliertesten Manager des Landes eine Radikalkur. Unternehmen sollen massiv entlastet, bürokratische Hürden abgebaut werden, verlangt der frühere EADS-Chef Gallois. Die Kosten sollen Verbraucher und Steuerzahler tragen.

Gallois, Ayrault: "Wir brauchen einen Wettbewerbsschock" Zur Großansicht
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Gallois, Ayrault: "Wir brauchen einen Wettbewerbsschock"

Paris - Frankreich droht den Anschluss an die stärksten Industrieländer zu verlieren. Ob bei Wettbewerbsfähigkeit oder Wachstum - die zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone spürt die Krise. Der frühere Chef des europäischen Luftfahrt- und Rüstungskonzerns EADS, Louis Gallois, hat nun einen Plan präsentiert, wie die Regierung das Land wieder wettbewerbsfähiger machen soll. Der Manager sagte nach einem Treffen mit Regierungschef Jean-Marc Ayrault, die Sozialabgaben sollten um 20 Milliarden Euro auf Arbeitgeberseite und um zehn Milliarden Euro auf Arbeitnehmerseite gesenkt werden.

Nötig sei ein Sozialpakt, damit eine "industrielle Rückeroberung" möglich sei, sagte Gallois. Er sprach sich für einen "Wettbewerbsschock" aus, dies müsse aber ein "Schock des Vertrauens" sein. Insgesamt listet Gallois in seinem Bericht 22 Maßnahmen auf. Die Details sollen am Montagnachmittag bekanntgegeben werden.

Grundzüge des Gallois-Berichts waren aber bereits vorab durchgesickert. Neben der massiven Senkung der Lohnnebenkosten wirbt Gallois französischen Medien zufolge für eine Förderung von Forschung, Innovation und Exporten sowie für einen Abbau bürokratischer Hürden. Am Dienstag will die Regierung auf Grundlage des Berichts erste Maßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit verkünden.

Frankreich wies 2011 ein Außenhandelsdefizit von fast 70 Milliarden Euro aus. In den vergangenen Jahren brachen Hunderttausende Industriejobs weg. Allein der Autobauer PSA Peugeot Citroën kündigte den Abbau von 8000 Stellen an. Die Arbeitslosigkeit stieg Ende September über die Drei-Millionen-Marke und ist damit so hoch wie seit 13 Jahren nicht mehr.

"Wirtschaftliche Notsituation"

Kurz vor der Übergabe des Berichts sagte Staatschef François Hollande am Rande des europäisch-asiatischen Gipfeltreffens ASEM in Laos, die Regierung werde "alle Schlüsse" aus dem Bericht ziehen. Er betonte, es werde "alles" getan, um Arbeitsplätze zu erhalten und zu schaffen. Industrieminister Arnaud Montebourg sagte dem Sender RTL, der Bericht werde "geprüft, analysiert und respektiert". Frankreich befinde sich in einer "wirtschaftlichen Notsituation", deswegen müsse ein "nationaler Konsens" zur Rettung der Wirtschaft des Landes gefunden werden.

Die größten französischen Unternehmen haben sich hinter den Vorschlag von Gallois gestellt. Finanziert werden soll die Senkung der Lohnnebenkosten über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer und der Sozialsteuer CSG. Die sozialistische Regierung hat einer deutlichen Erhöhung dieser Steuern aber eine Absage erteilt: Sie will angesichts des Null-Wachstums der französischen Wirtschaft eine zusätzliche Schwächung der Kaufkraft vermeiden. Die Gewerkschaften lehnen eine Verengung der Debatte auf die Arbeitskosten ab.

Frankreichs Wirtschaft gilt im Vergleich zu anderen EU-Ländern wie Deutschland als international wenig wettbewerbsfähig. Als Gründe werden immer wieder der vergleichsweise rigide Arbeitsmarkt, die fehlende Ausrichtung der Unternehmen auf Wachstumsmärkte wie China und die Schwäche der kleinen und mittleren Unternehmen genannt, die in Deutschland als Innovationsmotor wirken.

cte/AFP

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insgesamt 73 Beiträge
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1. Wenn ich's richtig...
yovanka 05.11.2012
Zitat von sysopFrankreichs Wirtschaft verliert rapide an Boden - nun empfiehlt einer der profiliertesten Manager des Landes eine Radikalkur. Unternehmen sollen massiv entlastet, bürokratische Hürden abgebaut werden, verlangt der frühere EADS-Chef Gallois. Die Kosten sollen Verbraucher und Steuerzahler tragen. Gallois: Ex-EADS-Chef fordert Schocktherapie für Frankreich - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/gallois-ex-eads-chef-fordert-schocktherapie-fuer-frankreich-a-865392.html)
verstanden habe, ein Mega-Projekt Agenda 2010 auch für Frankreich.
2. Hartz IV für Frankreich
Kirk70 05.11.2012
Zitat von sysopFrankreichs Wirtschaft verliert rapide an Boden - nun empfiehlt einer der profiliertesten Manager des Landes eine Radikalkur. Unternehmen sollen massiv entlastet, bürokratische Hürden abgebaut werden, verlangt der frühere EADS-Chef Gallois. Die Kosten sollen Verbraucher und Steuerzahler tragen. Gallois: Ex-EADS-Chef fordert Schocktherapie für Frankreich - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/gallois-ex-eads-chef-fordert-schocktherapie-fuer-frankreich-a-865392.html)
Das mag helfen, um (prekäre) Jobs zu schaffen, bei gleichzeitigem Zuwachs des Reichtums der Reichen insbesondere der Superreichen. Wann begreifen endlich mal die richtigen Menschen, dass wir einen langen Weg der weltweiten gerechten Verteilung des Wohlstandes gehen müssen. Sonst ist eines Tages Armageddon. Der Weg ist sehr lang und mühsam, aber aufgrund von Geldfluchtmöglichkeiten, wenn manche nicht mitmachen der einzig mögliche. Wenn ein Land konkurrenzfähiger wird, müssen andere nachziehen. DAS ist der Mechanismus der Abwärtsspirale. Herr wirf Hirn vom Himmel und nimm Gier wieder mit. Mensch gleich Ebenbild Gottes? Was kotzt mich dieser Satz an.
3. Die Wirtschaftskrise
sansiro222 05.11.2012
wird genutzt, soziale und ökologische Errungenschaften der letzten Jahrzehnte außer Kraft zu setzen. Fast könnte man meinen, das sei auch der Sinn dieser inszenierten Krise. Abwärtsspirale weitertreiben.Allerdings habe ich auch den Eindruck, die hausgemachte Krise verselbständigt sich inzwischen und wird nicht mehr so wie es geplant war, berrschbar.Trotz permanenter medialer, monetärer und verbaler Pusherei gehts nicht vorwärts. Die ständige Angstmacherei hat inzwischen auch wohl die letzten Anleger an den Börsen vertrieben. Sie stehen im Grunde seit Monaten still. Und so schießt man sich immer weiter ins Knie!
4. böcke
autocrator 05.11.2012
unternehmen entlasten, steuerzahler belasten. - dann kann man auch gleich böcke zu gärtnern machen. das ist nix anderes als die umverteilung von fleissig nach reich, so wie sie hier in deutschlandesh mit hartz4 schon durchexerziert wurde. (und nein: deutschlandesh steht im internationalen / inner-€uro-EU–vergleich deswegen nicht besser da als alle anderen, die statistiken sind nur intelligenter geschönt und die schulden besser versteckt. Einziger wirklicher unterschied: das Hartz4-niveau ist ein anspruch mit quasi-verfassungsrang.)
5.
!!!Fovea!!! 05.11.2012
Zitat von sysopFrankreichs Wirtschaft verliert rapide an Boden - nun empfiehlt einer der profiliertesten Manager des Landes eine Radikalkur. Unternehmen sollen massiv entlastet, bürokratische Hürden abgebaut werden, verlangt der frühere EADS-Chef Gallois. Die Kosten sollen Verbraucher und Steuerzahler tragen. Gallois: Ex-EADS-Chef fordert Schocktherapie für Frankreich - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/gallois-ex-eads-chef-fordert-schocktherapie-fuer-frankreich-a-865392.html)
UUiiieeeh, das ist ja mal was richtig Neues von Arbeitgeberseite...., so was kennen wir in Deutschland nicht...... P.S.: Wer Sarkasmus findet darf ihn behalten.
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