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Aserbaidschan und Turkmenistan: Europa setzt auf Gas von Autokraten

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Turkmenische Gaspipelines: Rohstoffreichtum und Korruption Zur Großansicht
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Turkmenische Gaspipelines: Rohstoffreichtum und Korruption

Die EU sucht Alternativen zu russischem Gas - und baut auf andere fragwürdige Lieferanten. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen strebt Brüssel noch 2015 Verhandlungen mit Aserbaidschan und Turkmenistan an.

Hamburg - Die EU-Kommission will ihre Rohstoffquellen deutlich diversifizieren - und setzt dabei auf politisch fragwürdige Lösungen. Das geht aus zwei aktuellen Dokumenten für die sogenannte EU-Energieunion hervor, einem Abkommen, das die engere Zusammenarbeit innerhalb der Europäischen Union bei Energiefragen regeln soll. Die Papiere liegen SPIEGEL ONLINE vor.

Noch im laufenden Jahr soll es demnach ein sogenanntes Memorandum of Understanding (MoU) zwischen der EU, Turkmenistan und Aserbaidschan geben. Das MoU sei Teil eines Pakets zur Steigerung der "Widerstandsfähigkeit" der europäischen Gasversorgung, das die EU bis 2016 entwickeln wolle.

Ende Dezember hatte der SPIEGEL berichtet, dass die EU die Kapazität einer Pipeline für Gas aus Aserbaidschan verdoppeln wolle; bis zu 20 Milliarden Kubikmeter Gas könnte das Land demnach pro Jahr liefern. Die Türkei setzt sich seit Längerem dafür ein, dass turkmenisches Gas nach Europa gelangt. Bislang wird turkmenisches Gas nur gelegentlich über Russland in die Ukraine gepumpt.

"Die EU wird all ihre außenpolitischen Instrumente nutzen, um strategische Energiepartnerschaften mit Produktions- und Transitländern zu schaffen", heißt es im aktuellen Entwurf zur Energieunion. Dazu zählen namentlich Algerien und die Türkei, Aserbaidschan und Turkmenistan, der Nahe Osten und einige afrikanische Läner. Zusätzlich sollen Partnerschaften mit Norwegen, den USA und Kanada intensiviert werden.

In einer früheren Fassung des Dokuments von Ende Januar war als potenzieller strategischer Energiepartner zusätzlich Iran genannt worden; im aktuellen Entwurf ist dieses Land nun gestrichen. Stattdessen heißt es nun, die EU ziehe noch "andere potenzielle Versorger" in Erwägung.

Turkmenistan - eines der korruptesten Länder der Erde

Hintergrund für Brüssels Suche nach neuen Energiequellen ist der Gasstreit zwischen der Ukraine und Russland im vergangenen Jahr, durch den es schlimmstenfalls auch in Europa zu Versorgungsengpässen hätte kommen können.

Ende Oktober 2014 hatte der damalige EU-Energiekommissar Günther Oettinger eine solche Krise gerade noch abwenden können. Allerdings löste der seinerzeit ausgehandelte Kompromiss nur die kurzfristigen Gasprobleme der Ukraine. Über die Grundlage für langfristige Lieferungen indes liegen Moskau und Kiew weiter im Clinch. Sobald das Abkommen im Frühjahr ausläuft, droht erneut ein Lieferstopp.

Entsprechend versucht die EU nun ihre Energiequellen zu diversifizieren - auch wenn manche der erwähnten strategischen Energiepartner durchaus umstritten sind. Turkmenistan etwa besitzt zwar eines der weltgrößten Gasvorkommen; der Ex-Sowjet-Staat ist aber auch eine Diktatur und zählt laut Transparency International zu den zehn korruptesten Nationen der Erde. Aserbaidschan belegt in einer Rangliste der Organisation Reporter ohne Grenzen zum Thema Pressefreiheit Platz 162 von 180.

Experten kritisieren die Pläne aus Brüssel. "Es macht energiepolitisch wenig Sinn, zweistellige Milliardenbeträge in eine teure, geopolitisch komplexe und unsichere Route zu investieren", sagt Steffen Bukold, Geschäftsführer von EnergyComment, einem Beratungsbüro für internationale Energiemärkte.

Sinnvoller - und womöglich günstiger - wäre es, mehr Flüssiggas nach Europa zu importieren. Der Rohstoff wird dabei auf minus 164 Grad gekühlt und als sogenanntes liquified natural gas (LNG) per Tanker in alle Welt exportiert. "Der LNG-Markt wird noch über viele Jahre hinaus durch Überkapazitäten geprägt sein, so dass die Importpreise niedrig bleiben sollten", sagt Bukold.

"Nummer eins bei erneuerbaren Energien"

Kritik an der EU-Strategie kommt auch von den Grünen. "Statt einfach auf neue Bezugsquellen zu setzen und Europas fossile Abhängigkeiten zu zementieren, muss die EU-Kommission auf erneuerbare Energie und Energieeffizienz setzen", schreiben die Abgeordneten Annalena Baerbock und Oliver Krischer in einer gemeinsamen Erklärung.

Im aktuellen Energieunion-Entwurf heißt es dazu, Europa solle die "Nummer eins bei erneuerbaren Energien" werden. Die EU hat es sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 mindestens 27 Prozent des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien zu decken und Energieeffizienz voranzubringen.

Länder wie Deutschland könnten durch die Energieunion allerdings bei ihren Ökostromplänen behindert werden. Das jetzige System sei zu "fragmentiert", zu "unkoordiniert", heißt es im Papier der Kommission. Derzeit gebe es 28 nationale Regelungen für 28 EU-Staaten. "Das kann so nicht weitergehen." Das aber könnte zur Folge haben, dass großzügige Förderbedingungen für deutschen Ökostrom irgendwann von Brüssel beschnitten werden.

Die EU-Kommission will am Montag abschließend über ihre Pläne für die Energieunion beraten. Am Mittwoch will sie ihr Konzept auf einer Pressekonferenz vorstellen.

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insgesamt 123 Beiträge
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1. na super
Nonvaio01 22.02.2015
das ist aufjedenfall besser als Russland? haben die in der EU den keien ahnung wer dort an der macht ist? Unglaublich....man hat wohl angst das der Herr des Gases zurueck schlaegt mit guten preisen.....
2. Keine Überraschung
stephan.giesinger 22.02.2015
Überraschung: Außerhalb Australien und Lateinamerika gibt es nunmal recht wenige rohstoffreiche Demokratien...
3.
räbbi 22.02.2015
Oh Herr im Himmel... Es ist das große strategische Ziel, sich die Rohstoffe Zentralasiens für das 21. Jh zu sichern. Darum geht es doch schon die ganze Zeit. Für was machen wir denn die ganze Veranstalung in der Ukraine? Für Demoktratie und Menschenrechte?
4. Könnte die EU sich mal einen Atlas kaufen?
WernerT 22.02.2015
Nur um zu sehen wie denn die Leitungen laufen müssen? Oder erleben wir gerade die absolute Ahnungslosigkeit?
5. Nicht so schüchtern!
Mario V. 22.02.2015
Wir beziehen unser Öl u.a. aus Saudi-Arabien. Warum sollten wir plötzlich Skrupel wegen den politischen Zuständen in Turkmenistan und Aserbaidschan haben? Reine Heuchelei das Ganze.
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