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Moskaus Reaktion auf West-Sanktionen: So groß ist das Risiko eines Gaspreisschocks

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REUTERS

Eine Warnung aus Moskau schreckt Europa auf: Höhere Energiepreise seien nach den EU-Sanktionen unvermeidlich, sagt die russische Regierung. Wie groß ist die Gefahr wirklich?

Hamburg - Es war nur ein einziger Satz, doch er reichte, um eine europäische Urangst zu wecken. Die neuen EU-Sanktionen gegen Russland seien ein "unbedachter, unverantwortlicher Schritt", warnte Moskaus Außenministerium am Mittwoch (Originalmitteilung auf Russisch). "Dies wird zwangsläufig einen Anstieg der Preise auf dem europäischen Energiemarkt zur Folge haben."

Der Satz sagt zunächst nur aus, dass irgendwann in Europa irgendwelche Energiepreise steigen. Er sagt nicht, welche Preise gemeint sind (Die Rohölpreise? Die Preise für Ölprodukte? Die Gaspreise?). Er sagt auch nicht, wann sie steigen sollen. Und er sagt erst recht nicht, wodurch sie steigen: Weil Russland sie erhöht? Oder weil Russland wegen der Sanktionen Kapital und Technologie fehlen, um die Förderung von Rohstoffen auf dem bisherigen Niveau zu halten - und sich so das Angebot verringert?

Alles, was im Raum steht, ist eine vieldeutige Aussage. Doch bereits diese kleine Andeutung macht den Europäern schmerzhaft bewusst, wie abhängig sie noch immer von Putins Energierohstoffen sind.

Was droht Europa? Antworten auf die wichtigsten Fragen.


Wie groß ist das Risiko, dass Russland die Preise erhöht?

Unmittelbar ist damit nicht zu rechnen. Doch die Erfahrungen der vergangenen Monate haben gezeigt, dass man aus dem Satz des Außenministeriums durchaus eine Drohung heraushören kann und diese auch ernst nehmen sollte.

Kritiker werfen Russland schon lange vor, seine Energielieferungen als politisches Druckmittel einzusetzen. Zuletzt sahen sie sich bestätigt: Kurz nachdem die ukrainischen Bürger den prorussischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch aus dem Amt geputscht hatten, verteuerte der Staatskonzern Gazprom seine Lieferungen in die Ukraine.

Der Westen war von solchen Manövern bislang nicht betroffen. "Beim Erdgas gibt es langfristige Lieferverträge", sagt die Grünen-Abgeordnete Bärbel Höhn. "Ein Verstoß dagegen wird vor internationalen Schiedsgerichten richtig teuer." Das stimmt prinzipiell. Doch lässt sich Putin von Schiedsgerichten abschrecken, wenn der Wirtschaftskrieg zwischen Europa und Russland weiter eskaliert? Nach Moskaus Reaktion auf das Urteil eines niederländischen Schiedsgerichts sollte man sich da nicht mehr so sicher sein.


Wie abhängig ist Europa von Russland?

Beim Rohöl könnte die EU leicht auf andere Lieferanten ausweichen, etwa aus dem Nahen Osten. Bei verarbeiteten Rohlölprodukten wie Diesel könnte es eng werden. Besonders schmerzhaft würde Europa eine Preiserhöhung beim Erdgas treffen. Die EU deckt rund ein Drittel ihres Bedarfs aus Russland, Alternativen in dieser Größenordnung gibt es nicht.

Eine Gaspreiserhöhung würde die EU-Staaten unterschiedlich stark treffen. Während Länder wie Frankreich kaum russisches Erdgas beziehen, hängen Staaten wie Bulgarien, Ungarn und die Slowakei fast komplett an Gazproms Tropf. Sollte Russland seine Drohung irgendwann wahr machen, würden sie weit stärker leiden als andere Mitgliedsländer. So könnte bereits eine diffuse Drohung aus Moskau dazu beitragen, einen Keil zwischen die EU-Staaten zu treiben.

Insgesamt aber ist die Position der Europäer gar nicht so schlecht. Denn der Kreml braucht die Einnahmen aus den Energieexporten. Und jede Drohung aus Moskau stärkt im Westen den Anreiz, sich weniger abhängig zu machen von der Energie aus dem Osten. Zwar macht sich auch Russland unabhängiger von Europas Nachfrage, indem es seine Exporte gen Asien verstärkt. Doch auf absehbare Zeit werden Europäer und Russen noch stark voneinander abhängen. Das weiß auch der Kreml.

Abhängigkeit der EU-Staaten vom russischen Gas

Wie teuer kommt uns eine Preiserhöhung zu stehen?

Der Energiemarktexperte Steffen Bukold bezifferte Deutschlands Nettoimportkosten für Öl, Gas und Steinkohle im vergangenen Jahr auf gut 91 Milliarden Euro oder rund 3,4 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung. Sollte Putin an der Preisschraube drehen, könnte er die deutsche Wirtschaft empfindlich treffen.

  • Besonders hart wäre eine solche Maßnahme für die deutsche Industrie. Sie verbraucht rund 40 Prozent des Erdgases und zahlt nur geringe Netzabgaben und Steuern. "Die Gaseinkaufspreise mancher Betriebe würden fast im Verhältnis 1:1 mit den Importkosten steigen", sagt Bukold.
  • Bei den deutschen Verbrauchern, die rund 50 Prozent der Gaslieferungen verbrauchen, wäre der Effekt nicht ganz so groß. "Bei ihnen machen die Importpreise nur rund ein Drittel der Gesamtkosten aus." Dennoch würden auch sie eine Preiserhöhung auf ihrer Heizkostenabrechnung spüren.

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1. Einfach
Glückshormon 31.07.2014
Zitat von sysopREUTERSEine Warnung aus Moskau schreckt Europa auf: Höhere Energiepreise seien nach den EU-Sanktionen unvermeidlich, sagt die russische Regierung. Wie groß ist die Gefahr wirklich? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/gaspreisschock-risikoanalyse-von-russlands-drohung-a-983801.html
die Kosten der Sanktionen auf den Gaspreis draufschlagen, dann zahlen die doofen Deutschen mal wieder und die Welt der Mafiosi ist in Ordnung. So what? Deutschland profitiert - nach einer Bertelsmann-Studie ;-) (ist ja eigentlich ein Oxymoron) - doch am meisten von der EU :-0
2. Beginn der Revolution in Deutschland?
Hauke_Laging 31.07.2014
Dann müsste in Deutschland ja nun die Arbeitslosigkeit um ein paar hunderttausend fallen, weil an der Produktionsgrenze Solarthermie und Wärmepumpen installiert werden müssten... Wer jetzt nicht reagiert (obwohl er es könnte), dem ist wohl nicht mehr zu helfen.
3. Langfristige Gaspreise
rickmarten 31.07.2014
Die Gaspreise der großen Kontingente werden langfristig vereinbart. Russland wird sich hüten, an dieser sensiblen Schraube zu drehen, sind doch die Gasimporteure (noch) Russlands solideste Partner.
4.
thinkrice 31.07.2014
Sollte Russland die Gaspreise erhöhen, wird das vornehmlich die energieintenstive Industrie in Deutschland treffen. Diesen droht bereits ohne diese Sanktionen eine Kostenerhöhung durch die Energiewende. Bereits jetzt zeichnet sich ein Trend von erhöhten Auslandsinvestitionen ab, vornehmlich in die USA, und dieser Trend wird sich bei russischen Strafaktionen noch verstärken. Wer wird also langfristig der Gewinner und der Verlierer sein? Deutschland, Europa und Russland werden verlieren. Und die USA werden wieder einmal von diesem Konflikt profitieren, wenn die deutschen energieintensiven Unternehmen aufgrund der deutlichen niedrigeren Energiekosten in die USA abwandern.
5. Spätestens jetzt muss die Parole lauten:
Knack5401 31.07.2014
auf Biegen und Brechen weg von Rußland.
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