Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ukraine-Krise: Russischer Gasboykott würde Europas Pipelines überlasten

Von

Gasspeicher in Tschechien: Zu wenig Infrastruktur für russischen Lieferstopp Zur Großansicht
REUTERS

Gasspeicher in Tschechien: Zu wenig Infrastruktur für russischen Lieferstopp

Wie gefährlich wird der Gasstreit zwischen Kiew und Moskau für Europa? Laut einer Studie, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, wäre das Pipelinenetz der EU bei einem russischen Lieferstopp überfordert.

Hamburg - Die Erwartungen an das Treffen sind gewaltig. Ein letztes Mal will der scheidende EU-Energiekommissar Günther Oettinger am Mittwoch mit den Energieministern Russlands und der Ukraine um eine Lösung im Gasstreit feilschen. Seit Mitte Juni verhandeln die Minister Alexander Nowak (Russland) und Juri Prodan (Ukraine) nun schon darüber, zu welchem Preis Russland die Ukraine künftig beliefern soll und wann Kiew endlich seine milliardenschwere Gasrechnung beim Kreml begleicht.

Die Hoffnung ist groß, dass sich die Streithähne nun endlich einigen, notfalls indem europäische Banken oder die EU-Kommission Geld zuschießen. Für Oettinger ist es die letzte Chance, den Streit noch in seiner Amtszeit zu schlichten; am 1. November übernimmt die neue EU-Kommission von Jean-Claude Juncker, Oettinger ist dann für Digitales zuständig. Und in der Ukraine rückt der Winter näher; die Temperaturen liegen schon jetzt in einigen Regionen nur noch wenige Grad über Null.

An einer weiteren Eskalation des Konflikts kann Europa kein Interesse haben. Denn wird der Rohstoff in der Ukraine erst knapp, dürfte sich das Land bald aus den Pipelines bedienen, die große Mengen Gas durch die Ukraine in die EU leiten. Schon jetzt helfen einige EU-Länder der Ukraine mit Gas aus, die Russen drohen deshalb, ihre Lieferungen in diese Länder zu drosseln.

Die EU selbst sieht sich für diesen Ernstfall gerüstet. Selbst wenn Russland seine Gaslieferungen nach Europa in den kommenden sechs Monaten komplett einstellen würde, "müsste kein EU-Bürger frieren", sagte Oettinger kürzlich. Voraussetzung sei ein offener europäischer Binnenmarkt.

Milliardenschwere Investitionen für Unabhängigkeit nötig

Doch das ist Augenwischerei. Mehrere Studien haben nachgewiesen, dass es derzeit kaum möglich wäre, die fehlenden Lieferungen aus Russland komplett zu kompensieren. Das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) etwa schätzt, dass Europa bei einem sechsmonatigen Lieferstopp bis zu 118 Milliarden Kubikmeter sogenanntes Flüssiggas importieren müsste. Der Rohstoff wird dabei auf minus 164 Grad gekühlt und per Tanker in alle Welt exportiert. Dass sich solch gewaltige Mengen zu vertretbaren Preisen einkaufen lassen, halten die EWI-Experten für enorm unrealistisch.

Hinzu kommt: Selbst wenn sich so viel Flüssiggas auftreiben ließe, hätte Europa laut EWI gar nicht die Infrastruktur, um den Rohstoff schnell genug in die einzelnen EU-Länder zu verteilen (siehe Grafiken). Wenn Europa über sechs Monate auf russisches Erdgas verzichten müsste, wäre das europäische Pipelinenetz rasch überlastet, heißt es in einer Analyse, die die Forscher für SPIEGEL ONLINE erstellt haben.

Fotostrecke

3  Bilder
Fotostrecke: Die Schwachpunkte in Europas Pipelinenetz

Die Kapazitäten würden beispielsweise an der Grenze zwischen Österreich und Italien nicht reichen, sagt EWI-Energieexperte Harald Hecking. "Außerdem müssten die Flüssiggasterminals in Griechenland und der Türkei deutlich erweitert werden, um Südosteuropa zu versorgen." Auch an einem deutsch-polnischen Grenzübergang würde es bei einem langen Lieferstopp und einem kalten Winter zu Engpässen kommen.

Würde die EU wirklich ohne russisches Gas auskommen wollen, müsste sie erst in neue Infrastruktur investieren. Allein für den Ausbau der Flüssiggasterminals wären Brancheninsidern zufolge Investitionen von zwei bis drei Milliarden Euro nötig, hinzu kämen Ausgaben für neue Gasspeicher in geschätzter Höhe von drei bis vier Milliarden Euro sowie nicht näher bezifferte Investitionen in neue Pipelines, Verdichterstationen und höhere Kapazitäten an Grenzübergängen.

Technisch möglich wäre all das - aber nicht mehr im kommenden Winter. Selbst wenn Geld keine Rolle spielen würde, ließe sich die zusätzliche Infrastruktur nicht mehr schnell genug bauen, um Europas Verhandlungsposition im Gasstreit zu stärken.

Fazit: Europa ist im aktuellen Gasstreit gleich doppelt erpressbar. Einerseits, weil man den EU-Schützling und Nato-Anwärter Ukraine politisch nicht seinem Schicksal überlassen will; andererseits, weil man selbst auf einen russischen Lieferstopp unzureichend vorbereitet ist.

Entsprechend hoch ist das Interesse der Europäer am Mittwoch, einen Kompromiss zwischen Kiew und Moskau auszuhandeln. Notfalls wohl auch, indem man der Ukraine mit neuen Krediten hilft, ihre Gasschulden zu zahlen.

Der Autor auf Facebook

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 77 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. blowing in the wind
MütterchenMüh 28.10.2014
Kredite für die Ukraine bedeuten nichts anderes als Kapitalvernichtung. Das Land wird nie diese Kredite bedienen können. Die Formulierung "Kredit" wird wohl nur deshalb genommen, um dem EU-Bürger "Sand in die Augen" zu streuen. Sollte es also zu einer Unterstützung Kiews durch die EU kommen, werden die Europakritiker in allen EU-Ländern einen ungeahnten Zulauf erhalten.
2.
wakaba 28.10.2014
Der Krieg um die Energie-Ressourcen hat schon Lange begonnen. Ohne Gas wirds kalt und dunkel in Europa. 350 Millionen Münder sind zuviel. Zustande wie 1918 sind nur 3 Schachteln im Supermarktregal entfernt.
3. enteignet zuallererst die gasprinzessin
dieter-ploetze 28.10.2014
bevor die EU hier einspringt,muss sie wohl,da die Ukraine erpresserpotential (kriminell)hat,sollte die gasprinzessin timoschenko enteignet werden.diese hat nun mal mit ebenfalls kriminellen Machenschaften über solche Gasgeschäfte Milliarden gerafft.aber die EU wird's schon richten und schenkt diese Gelder.das allerdings sehe ich ebenfalls am Rande des kriminellen,da hier kein buerger gefragt wird wie mit seinem Steuergeld umgegangen wird.und dazu,Obacht,die Ukraine wird viel teurer als Griechenland.da brauchen wir mit sparen gar nicht anfangen wenn das geld andererseits so raus geworfen wird.es verleitet zu dem Schluss,je schneller der Kollaps erfolgt desto besser für alle.dann kann vielleicht auf ehrliche art und weise neu begonnen werden.
4. EU Schützling ??
juergw. 28.10.2014
Die EU soll endlich für ihren "Schützling" die Gasrechnung begleichen.Wenn ich schon immer Gasstreit höre!Die Ukraine schuldet GAZPROM Milliarden,wo ist egendlich das Geld der Verbraucher in der Ukraine geblieben,die es an ihrem örtlichen Anbieter bezahlt haben.Deutschland wird über den North Stream versorgt,wir bezahlen das Gas.Lächerlich dieser Streit um offene Gasrechnungen,soll doch V.Nuhland das Geld vorstrcken.
5. Warum bitte sind wir verantwortlich
marxtutnot 28.10.2014
wenn UA Gas klaut? Wieso sind wir denn dafür zuständig, dass UA Gas bekommt? Das Normalste im Falle eines Diebstahles ( nicht verniedlichend Abzapfens), wären dann Sanktionen gegen UA und verklagen.Wenn UA keine Geschäfte mehr mit RU machen will und seine Bestellungen nicht zahlen mag, brauchen WIR uns eigentlich sowas von gar keinem Kopf zu machen.Das kann uns sonst wo vorbei gehen.Wir sind NICHT die Kindergärtner der UA.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Abhängigkeit der EU-Staaten vom russischen Gas


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: