Gaucks Rede zur Rolle Deutschlands Mehr Mut zu Europa

Deutschland muss mehr Verantwortung übernehmen: Diese Forderung von Bundespräsident Gauck ist unbequem - aber mit Blick auf Europa richtig. Viel zu lange haben wir uns auf unsere gemütliche Grundhaltung der alten Bundesrepublik zurückgezogen. Gerade in der Euro-Krise ist das ein großer Fehler.

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Gauck bei der Einheitsfeier: "Europa kennt nicht nur eine Gestalt"
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Gauck bei der Einheitsfeier: "Europa kennt nicht nur eine Gestalt"


Unbequem sein - das gehört für deutsche Staatsoberhäupter quasi zur Grundausstattung. Gegen den Strich bürsten, das will jeder Bundespräsident. Am Ende kommen dabei meist Sonntagsreden raus, die die Regierung ein bisschen kritisieren und ansonsten dem Zeitgeist nach dem Mund reden.

Joachim Gauck hat nun wirklich etwas Unbequemes gesagt - für die Bundesregierung, vor allem aber für viele Bürger, die sich noch immer nach der Kuscheligkeit alter Zeiten sehnen.

"Unser Land ist keine Insel. Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, wir könnten verschont bleiben von den politischen und ökonomischen, den ökologischen und militärischen Konflikten, wenn wir uns an deren Lösung nicht beteiligen." Das sind die Kernsätze der Rede, die Gauck zum 23. Jahrestag der Deutschen Einheit gehalten hat. Sie sind so wahr wie angreifbar.

Von linker Seite wird man Gauck möglicherweise Kraftmeierei im "Wir- sind-wieder-wer-Stil" vorwerfen. Die anderen werden schäumen, Deutschland habe genug eigene Probleme und müsse sich nicht noch um seine Nachbarn kümmern - erst recht nicht finanziell. Gauck aber geht es nicht um Kraftmeierei, sondern um Solidarität und Verantwortung. Der zweite Einwand zeigt dagegen, wie notwendig Gaucks Appell ist, die Bürger stärker mitzunehmen auf den Weg in ein geeintes Europa.

Lieber großzügiges Familienoberhaupt als reicher Onkel

Gauck spricht mit seiner Rede natürlich mehr an, es geht ihm auch um Deutschlands Position bei internationalen Konflikten wie gerade in Syrien. Doch der Schlüssel zu Deutschlands Rolle in der Welt liegt in seiner Rolle in Europa - und dazu hat Gauck Einiges zu sagen.

Seit Beginn der Euro-Krise vor gut drei Jahren, hat sich die Stimmung in Europa grundlegend gewandelt. In fast allen Ländern wächst die Ablehnung gegenüber dem, was einst als Friedensprojekt gefeiert wurde. Die einen, allen voran die Deutschen, sehen sich als Geldgeber für gescheiterte Südländer. Die anderen fühlen sich von einem neuen, arroganten Deutschland gedemütigt.

Gauck ruft nun dazu auf, diese Spaltung zu überwinden. Von deutscher Seite gehört dazu ein neues Selbstverständnis: Wir dürfen uns nicht länger auf die Rolle des widerwilligen Geldgebers zurückziehen, der die anderen zurechtweißt. Vielmehr sollten wir unsere Stärke nutzen, um ein geeintes Europa zu gestalten. Dazu gehört eine stärkere politische Integration, aber auch der Mut, gemeinsam finanzielle Risiken zu übernehmen, wie etwa bei der anstehenden Bankenunion.

Im kaum einem anderen Land legen die Bürger so viel Wert darauf, was das Ausland von ihrer Nation denkt. Die Deutschen sollten sich in Europa nicht länger als reicher Onkel aus der fernen Verwandtschaft fühlen, sondern als starkes und großzügiges Familienoberhaupt, das von allen geachtet wird.

Der Weg zu einem geeinten Europa ist nicht alternativlos

Nun ist das vielleicht ein naives Bild von einem Europa, in dem gemeinhin in Brüsseler Sitzungssälen um jeden noch so kleinen Vorteil gerungen wird. Doch die Vorstellung, Deutschland könne sich einfach so aus allem raushalten, ist noch deutlich einfältiger. Ohne Europa wäre Deutschland klein, politisch unbedeutend und wirtschaftlich deutlich erfolgloser als bisher. Jeder, der von Deutschland als einer Art überdimensionierter Schweiz träumt, sollte sich mal die vollkommen unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen beider Länder anschauen - ganz zu schweigen von politischen und historischen Differenzen.

Der Weg zu einem geeinten Europa ist dabei keineswegs alternativlos, auch das hat Gauck erkannt. "Europa kennt nicht nur eine Gestalt, nicht nur eine politische Organisationsform seiner Gemeinschaft", sagt der Bundespräsident - und ruft Politik wie Bürger auf zu diskutieren "über die beste Form der Zusammenarbeit, nicht aber über den Zusammenhalt".

Deutschland sollte dabei eine gewichtige Rolle spielen - nicht als Bremser, sondern als Antreiber. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn man dazu einen starken Partner an der Seite hätte, doch danach sieht es momentan nicht aus. Großbritannien hält sich aus allem Europäischen derzeit am liebsten weit raus, Frankreich ist sowohl politisch als auch wirtschaftlich so stark angeschlagen, dass es keine Führungsrolle übernehmen kann - und von Italien redet man in diesem Zusammenhang besser gar nicht.

Deutschland muss also führen in Europa - und das nicht widerwillig wie bisher, stets das Trennende betonend, sondern nach vorne gerichtet, mit dem Blick auf das Gemeinsame.



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Seite 1
kimba_2014 03.10.2013
1. nein danke
Zitat von sysopAFPDeutschland muss mehr Verantwortung übernehmen: Diese Forderung von Bundespräsident Gauck ist unbequem - aber mit Blick auf Europa richtig. Viel zu lange haben wir uns auf unsere gemütliche Grundhaltung der alten Bundesrepublik zurückgezogen. Gerade in der Euro-Krise ist das ein großer Fehler. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/gaucks-rede-zur-rolle-deutschlands-in-europa-a-926000.html
Im Gauckschen Neusprech bedeutet "mehr Verantwortung übernehmen" mehr für andere zahlen und für fremde Interessen Soldaten entsenden. Nein Danke, Herr Gauck.
annibertazeh 03.10.2013
2. Wir sind mit der Grundhaltung der alten Bundesrepublik nicht schlecht gefahren
Zitat von sysopAFPDeutschland muss mehr Verantwortung übernehmen: Diese Forderung von Bundespräsident Gauck ist unbequem - aber mit Blick auf Europa richtig. Viel zu lange haben wir uns auf unsere gemütliche Grundhaltung der alten Bundesrepublik zurückgezogen. Gerade in der Euro-Krise ist das ein großer Fehler. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/gaucks-rede-zur-rolle-deutschlands-in-europa-a-926000.html
Sie ist auch mit "gemütlich" nicht treffend beschrieben. Wer so schreibt, verkennt die Nachkriegsgeschichte gründlich. Des Herrn Pfarrers im Bundespräsidentenamt Amerika-Begeisterung und hier geäußerte Aufforderung bedeutet im Klartext nur Ausweitung der von der Regierung Schröder/Fischer begonnenen neuerlichen Kanonen-Politik.
rehabilitant 03.10.2013
3. Die Freiheit des Herrn G.
Zitat von sysopAFPDeutschland muss mehr Verantwortung übernehmen: Diese Forderung von Bundespräsident Gauck ist unbequem - aber mit Blick auf Europa richtig. Viel zu lange haben wir uns auf unsere gemütliche Grundhaltung der alten Bundesrepublik zurückgezogen. Gerade in der Euro-Krise ist das ein großer Fehler. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/gaucks-rede-zur-rolle-deutschlands-in-europa-a-926000.html
Apropos 'Gemütliche Grundhaltung'. Wo waren denn die kritischen Worte des Herrn G., als die Späh-Affäre mit ihrem Überwachungs-Irrsinn publik wurde. Von einem, der die STASI besser kennt als jeder andere Politiker hätte ich da mehr erwartet als - nichts. Vor allem wenn man bedenkt, wie oft G. das Wort 'FREIHEIT' in seinen Ansprachen bemüht.
karend 03.10.2013
4. Vorbereitung
"Deutschland muss also führen in Europa - und das nicht widerwillig wie bisher, stets das Trennende betonend, sondern nach vorne gerichtet, mit dem Blick auf das Gemeinsame." Uns eint vor allem eines: die Schulden. Vielleicht bereitet er uns nun auf die Haftung dieser vor.
burgundy2 03.10.2013
5.
Deutschland ist gut beraten, sich zurückzuhalten. Es hat diesem Land in der Mitte Europas, das nur zu leicht zur Beute werden kann, nie gut getan, sich in den Vordergrund zu spielen, selbst wenn dies unter einigen Aspekten gerechtfertigt war. Strategisch gibt die Lage Deutschlands eine solche Rolle einfach nicht her, und der Bundespräsident stellt sich, in Verkennung dieser Lage, durchaus ein geistiges Armutszeugnis aus. Hinzu kommt, man kann es im Sinne einer realistischen Einschätzung der deutschen Rolle nicht genug betonen, dass Deutschland auf Grund zweier komplett verlorener Weltkriege - bedingungslos eben - ohne jede politische Bedeutung ist, es sei denn es wird ihm von anderer Seite zugestanden. Deutschland ist aus eigener Kraft keinesfalls - und das wohl auf Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte hinaus - Politik eigenständig zu gestalten. Dies geht nur im Einklang mit den anderen europäischen Staaten. Die Harmonisierung der deutschen Bedürfnisse mit denen seiner Nachbarn war noch nie einfach und wird es auch in Zukunft nicht sein, allen Sonntagsreden zum Trotz. Deutschland kann sich aber in diesen Kontext nur behutsam einfügen, seine Bedürfnisse artikulierend, keinesfalls dominierend. Mehr ist einfach nicht drin. Auch die deutsche "Elite" sollte das einsehen und nicht die Fehler vergangener Zeiten wiederholen. Wer so schlecht über Deutschland spricht (tu ich aber in Wirklichkeit gar nicht), kann nur ein Ausländer sein? Ja, in der Tat, ich bin Franzose. Aber wohlmeinend. In diesem Zusammenhang doch noch einige Anmerkungen zum oft von den deutschen Medien und einigen deutschen Wirtschaftlern kritisierten, bisweilen beleidigten Frankreich. Wir sind nicht so schwach, wie zum Beispiel der Artikel im SPON suggerieren möchte. Um mit dem Primitivsten zu beginnen: Militärisch sind wir Deutschland haushoch überlegen. Politisch spielen wir im Kontext der Völkergemeinschaft eine ungleich bedeutendere Rolle. Wirtschaftlich gehen wir unseren eigenen Weg, sind der deutschen Wirtschaft an Umfang unterlegen, haben aber auch nicht deren Zwänge. Und, viel kritisiert, wir leisten uns ein Sozialsystem, das diesen Namen noch verdient. Deutschland wurde wegen seiner Austeritätspolitik von uns eine Zeitlang viel bewundert, auf dem Weg zur wahrhaft modernen Wirtschaftsmacht. Dies ist doch eher nüchterner Betrachtung gewichen angesichts eines Deutschlands, das mit Dumpinglöhnen die eigenen Bürger - erstaunlicherweise mit deren Zustimmung - zum grossen Teil zu Tagelöhnern macht. Der wirtschaftliche Vorteil, der Deutschland hieraus erwächst, wird nur von kurzer Dauer sein. Weder lässt er sich in politische Stärke ummünzen (siehe oben), noch bringt er Deutschland eine gesicherte Zukunft. Wäre ich Deutscher, würde ich vor allem über die Unsicherheit der Renten erschrecken, die durch eine kinderfeindliche Familienpolitik geradezu provoziert wird. Hierin liegt, "Le Monde" hat es bereits thematisiert, eine Zeitbombe für Deutschland, deren Lunte bereits brennt, deren Explosion in nicht allzu ferner Zukunft zwingend bevorsteht.
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