Krisen-Knick bei der Geburtenrate: Die Rezession erreicht Südeuropas Kreißsäle
Die Euro-Krise schlägt jetzt auch auf die Geburtenrate in Südeuropa durch. Angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheit wollen immer weniger Frauen ein Kind bekommen. Doch die schrumpfende und alternde Bevölkerung verschlechtert die Wachstumsaussichten in Ländern wie Portugal oder Spanien.
Die Bewohner der portugiesischen Kleinstadt Melgaço stellen sich auf ein weiteres Jahr der Entbehrungen ein. Die internationalen Gläubiger, die Portugal unter die Arme gegriffen haben, bestehen auf strikten Sparmaßnahmen. Doch an einem Ausgabeposten hält Bürgermeister António Rui Esteves Solheiro eisern fest. Wenn es um die finanziellen Anreize zur Geburtenförderung geht, lässt er nicht mit sich reden. Mit bis zu 1000 Euro unterstützt die Stadt junge Mütter. Der Besuch einer Kindertagesstätte ist kostenlos und soll es nach dem Willen der Stadtoberen auch bleiben. Außerdem wollen sie Steuererleichterungen für Wohnungen junger Paare beibehalten.
"Auf diesem Gebiet müssen wir weiter alles tun, was in unserer Macht steht, um zu helfen", sagt Solheiro, der die Geschicke von Melgaço seit mehr als drei Jahrzehnten lenkt. "Hier geht es um unsere Zukunft."
Mittlerweile hinterlässt der wirtschaftliche Niedergang Portugals traurige Spuren in den Bevölkerungsstatistiken des ganzen Landes. Wenn der Trend anhält, so befürchtet Solheiro, wird seine relativ wohlhabende Stadt, die im Norden Portugals an der Grenze zu Spanien liegt, wirtschaftlich ins Taumeln geraten. "Wir stellen unter anderem den Weißwein Vinho Verde und geräucherte Würste her. Bisher arbeiten wir rentabel. Aber so wie unsere Einwohnerschaft zusammengesetzt ist, haben wir darüber hinaus kein großes Wachstumspotenzial."
Melgaço ist kein Einzelfall. In ganz Europa gehen die Geburtenraten zurück - und zwar im Besonderen in den Ländern, die von der Schuldenkrise der Euro-Zone schwer in Mitleidenschaft gezogen wurden. Dieser Geburtenrückgang wiederum könnte nach Ansicht von Experten den Schrumpfungs- und Alterungsprozess der europäischen Bevölkerung beschleunigen. Auf dem ganzen Kontinent sind die Geburtenzahlen schon seit Jahrzehnten rückläufig. Doch während der Jahre des Aufschwungs hatte eine leichte Erholung eingesetzt.
Von 22 EU-Mitgliedsländern mit vergleichbarer Datenlage sei in 15 Nationen ein Einbruch der Fertilitätsrate festgestellt worden, seitdem die Finanzkrise 2008 ihren Lauf nahm, sagt Tomas Sobotka, Forscher am Wiener Institut für Demografie. In den Boom-Jahren 2005 bis 2008 dagegen war die durchschnittliche Zahl der Kinder, die eine Frau zur Welt bringt, in 19 der 22 Mitgliedsländer gestiegen, berichtet Sobotka.
- Im rezessionsgeplagten Griechenland sank die Geburtenhäufigkeit im Jahr 2011 auf geschätzt 1,43 Kinder pro Frau, nachdem die Kennzahl 2008 auf 1,51 gestiegen war. Im Jahr 2000 hatte sie bei 1,27 Kindern pro Frau gelegen, führt Sobotka aus. Nach offiziellen Zahlen aus Griechenland hat die Zahl der Abtreibungen 2011 gegenüber dem Vorjahr um 50 Prozent auf 300.000 Eingriffe zugenommen.
- In Spanien, das mit einer der höchsten Arbeitslosenquoten in ganz Europa geschlagen ist, ging die Fertilitätsrate 2011 auf 1,36 zurück. Sie hatte im Jahr 2000 bei 1,23 gelegen und sich 2008 auf 1,46 erhöht, wie aus den Daten von Sobotka hervorgeht.
- In Irland dagegen wächst die Wirtschaft noch, auch wenn das Land nach seiner Rettung 2010 einen strikten Sparkurs einschlagen musste. Dort ist die Geburtenrate im Jahr 2011 denn auch nur leicht eingeknickt und auf 2,05 nach 2,1 im Jahr 2008 geschrumpft, sagt Sobotka. Eine Fruchtbarkeitsziffer von etwa 2,1 Kindern pro Frau sei notwendig, um die Bevölkerungszahlen stabil zu halten, wenn man davon ausgehe, dass der Wanderungssaldo bei null liegt, so Wissenschaftler.
- In Portugal dürfte die Zahl der Geburten im vergangenen Jahr bei etwa 90.000 Kindern gelegen haben und damit das niedrigste Niveau seit mehr als sechzig Jahren erreicht haben. "Die Geburtenraten in Portugal sind jetzt schon so lange so niedrig, dass sich die Bevölkerungszahl selbst dann nicht halten lassen wird, wenn die rückläufige Immigration wieder zunimmt", sagt Maria Filomena Mendes, die Präsidentin des portugiesischen Demografie-Verbands. In Portugal leben derzeit zehn Millionen Menschen. Nach Schätzungen von Mendes dürfte sich die Einwohnerzahl des Landes bis 2030 der Marke von neun Millionen annähern.
Auch die spanische nationale Statistikbehörde geht von schrumpfenden Bevölkerungszahlen aus. Selbst wenn man berücksichtige, dass die Zahl der Einwanderer nach Spanien wieder steigen dürfte, könnte die Zahl der Einwohner bis 2052 um zehn Prozent auf 41,5 Millionen sinken - da mehr Menschen sterben, als geboren werden.
Großteil des Budgets geht an Senioren
Derzeit sind 18 Prozent der Bevölkerung in Portugal, Spanien und Griechenland 65 Jahre oder älter. Die Wiener Demografen veranschlagen, dass diese Altersgruppe bis 2050 ein Drittel der Einwohner in diesen Ländern ausmacht. "Zeitgleich mit einem Bevölkerungsschwund werden wir offenkundig eine geringere Zahl produktiver Menschen vorfinden, die eine zunehmend ältere Bevölkerung finanziell unterstützt", prophezeit Demografin Mendes mit Blick auf die Situation in diesen drei Ländern. "Das wird nicht nur Folgen für die wirtschaftlichen Wachstumsaussichten haben, sondern auch Fragen aufwerfen, wie man sich das ausufernde Rentensystem leisten soll."
In Melgaço ist diese Zukunft bereits Realität. Sein Jahresetat betrage 20 Millionen Euro, berichtet Bürgermeister Solheiro. Und ein großer Teil des Budgets sei den Senioren vorbehalten. Mit Hilfe der Gelder werde für sie der öffentliche Nahverkehr ausgebaut. Rentner erhielten verbilligte Eintrittskarten zu Sport- und Kulturveranstaltungen. Selbst die Friedhöfe der Stadt würden saniert.
Diese Ausgaben würden zwar weiter steigen, aber die Wirtschaftsleistung der Stadt nicht, ist Solheiro überzeugt. Denn die Zahl der wirtschaftlich aktiven Mitbürger, die derzeit knapp über die Hälfte der Einwohner ausmachen, werde weiter zurückgehen, erwartet der Bürgermeister. "Das ist eine echte Herausforderung", resümiert er. "Wir versuchen, Anreize für Mütter zu schaffen. Aber die Krise bringt so viel Unsicherheit mit sich. Dagegen kommen wir nicht an."
Kelly Paula Rodrigues Bento stimmt ihm zu. Die 28-jährige Brasilianerin bedient in einem Café in Melgaço. Zusammen mit ihrem Mann lebt sie seit fünf Jahren in Portugal. Ihr erstes Kind, ein Sohn, kam 2011 zur Welt. Ihr Mann arbeitete auf dem Bau in Spanien. Doch seitdem die Immobilienblase im Nachbarland geplatzt ist, findet er keine regelmäßige Arbeit mehr. Das Paar plant, nach Brasilien zurückzukehren. "Als ich 2010 schwanger wurde, war es hier noch nicht so schlimm. Aber jetzt sieht es düster aus, und wir wissen nicht, wann es besser wird", sagt Bento. "Irgendwann einmal werde ich vielleicht ein zweites Kind kriegen. Aber nicht hier."
Mitarbeit: Darcy Crowe
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