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Gedämpfte Prognose: DIW rechnet mit Konjunkturabkühlung im Herbst

Schlechte Aussichten für Deutschlands Wirtschaft: Laut DIW wird die Konjunktur im dritten Quartal nur noch um 0,5 Prozent wachsen. Der Export werde sinken, und trotz guter Stimmung bei Unternehmen und Verbrauchern ist die Kauflust noch schwach.

Boomsektor Chemiebranche: Nah dran an Höchstständen von der Vorkrisenzeit Zur Großansicht
DPA

Boomsektor Chemiebranche: Nah dran an Höchstständen von der Vorkrisenzeit

Berlin - Derzeit wächst die deutsche Wirtschaft deutlich - doch damit könnte es bald vorbei sein: Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wird die Konjunktur im Spätsommer und Herbst nur halb so stark wachsen wie im zweiten Quartal diesen Jahres. Für das dritte Quartal von Juli bis September sagt das DIW nur noch ein Wachstum von 0,5 Prozent voraus. Für das zweite Quartal wird mit 1,1 Prozent noch das stärkste Wachstum seit mehr als zwei Jahren erwartet, ein Spitzenwert im Euroraum.

"Die große Dynamik bleibt voraussichtlich nicht erhalten", sagte DIW-Konjunkturexperte Ferdinand Fichtner. Für die erwartete Abschwächung im dritten Quartal machen die Experten vor allem zwei Entwicklungen verantwortlich: Die zuletzt boomende Exportnachfrage werde etwas nachlassen, gleichzeitig laufen die Konjunkturpakete allmählich aus. "Das belastet das Wachstum auf kurze Sicht", sagte Fichtner.

Hauptgewinner des derzeitigen Aufschwungs seien die exportorientierten Branchen: "Hinter dem hohen Wachstum steht vor allem die positive Entwicklung des Außenhandels", sagte Fichtner. So liege die Produktion in der Auto- und in der Chemieindustrie bereits wieder in der Nähe alter Höchststände von vor Beginn der Konjunkturkrise 2008. Auch der Maschinenbau habe im Vergleich zum Vorjahr einen Gutteil des Einbruchs wieder wettmachen können. Allerdings mehren sich die Anzeichen für eine Konjunkturabkühlung bei wichtigen Handelspartnern wie den USA und China. Die Notenbanken beider Länder rechnen künftig mit weniger Wachstum.

Und trotz sinkender Arbeitslosigkeit sei die Binnennachfrage bislang schwach. Die gute Stimmung in den Chefetagen der Unternehmen und bei den Verbrauchern hatte zunächst hoffen lassen, dass die Wirtschaft auch im zweiten Halbjahr kräftig wächst. Der Ifo-Geschäftsklimaindex stieg im Juli so stark wie noch nie seit der Wiedervereinigung, während das GfK-Konsumbarometer auf dem höchsten Stand seit November 2009 liegt.

Firmen fordern Verlängerung staatlicher Konjunkturhilfen

Der Aufschwung macht sich auch in der Kreditvergabepraxis der Banken bemerkbar. Unternehmen konnten sich im Juli erneut leichter Geld leihen als im Vormonat, teilte das Ifo-Institut mit. Der Anteil der Betriebe, die über eine zurückhaltende Kreditvergabe klagten, sank um 2,4 Punkte auf 31,6 Prozent. Die sogenannte Kredithürde ist damit zum siebten Mal in Folge gefallen. Die Banken bremsten die konjunkturelle Erholung derzeit kaum, sagte Ifo-Chef Hans-Werner Sinn.

Trotz der positiven Konjunkturdaten hat sich die deutsche Wirtschaft für eine Verlängerung staatlicher Finanzhilfen für krisenbedrohte Firmen ausgesprochen. Zur Absicherung des Aufschwungs mache es "Sinn, einzelne Elemente des Wirtschaftsfonds über das Jahr 2010 hinaus befristet fortzuführen oder gezielte Anschlussregelungen vorzusehen", heißt es in einem gemeinsamen Schreiben der vier Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft an Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP).

Brüderle hatte angekündigt, die Hilfen aus dem Deutschlandfonds nicht über das Jahresende hinaus verlängern zu wollen. Anträge auf Hilfen aus dem Fonds könnten bis zum 31. Dezember 2010 gestellt werden, sagte eine Sprecherin am Mittwoch. Brüderle sehe derzeit keinen Grund, den Fonds über dieses Datum hinaus laufen zu lassen. Die Zahl der Hilfsanträge sei rückläufig, sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. Dennoch werde man darüber mit der Wirtschaft im Gespräch bleiben.

In ihrem Brief weisen die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), der Industrieverband BDI, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sowie der Handwerksverband ZDH darauf hin, dass mit der Konjunkturerholung die Finanzierungsprobleme vieler Unternehmen deutlich würden. Aus Sicht der Verbände sollten einzelne Elemente der Finanzierungshilfen nach dem Auslaufen des Deutschlandfonds Ende 2010 fortgesetzt werden.

lgr/AP/Reuters/dpa

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Welches Wachstum Experten vorhersagen
Fünf Wirtschaftsweise
Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ("Fünf Wirtschaftsweise") rechnet für 2010 mit einem Wachstum der deutschen Wirtschaft von 1,5 Prozent. Für 2011 liegt die Prognose bei 1,4 Prozent.
Bundesregierung
Die schwarz-gelbe Regierungskoalition geht für 2010 von einem Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent in der Bundesrepublik aus. Im nächsten Jahr erwartet die Regierung einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,6 Prozent.
Führende Wirtschaftsinstitute
In ihrer Gemeinschaftsdiagnose sagen die führenden Wirtschaftsinstitute (u.a. Kieler Institut für Weltwirtschaft, Münchner ifo-Institut und RWI Essen) für 2010 ein Plus der deutschen Wirtschaft in Höhe von 1,5 Prozent voraus. Für 2011 rechnen sie mit einem Anstieg von 1,4 Prozent.
EU-Kommission
Brüssel prognostiziert für Deutschland ein Plus von 1,2 Prozent im Jahr 2010.
Internationaler Währungsfonds
Auch die Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF) rechnen für 2010 nur mit einem Wachstum von 1,2 Prozent in Deutschland. Für 2011 erwarten sie einen Anstieg in Höhe von 1,8 Prozent.

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