Von Yasmin El-Sharif
Hamburg - Christa Garvert hat etwas geschafft, wovon viele träumen: Sie steht seit bald zehn Jahren an der Spitze der Marienhaus GmbH - einem der größten Arbeitgeber Deutschlands im sozialen Bereich. Mehr als 20 Kliniken, fast 30 Alten- und Pflegeheime und mehrere Kinder- und Jugendeinrichtungen stehen unter ihrer Aufsicht. Eine Top-Position mit - davon ist auszugehen - einem Spitzengehalt.
Doch ihre eigene Karriere ist Garvert nicht genug: Sie will mehr Frauen mit vorzeigbaren Gehältern - genauso hoch, wie sie Männer bekommen. Das Besondere daran: Die Bundesregierung hilft ihr dabei.
Denn das Bundesfamilienministerium hat eine Software entwickeln lassen, die mehr Transparenz und mehr Gerechtigkeit bei der Bezahlung von Mitarbeitern verspricht. Mit dem Programm namens Logib-D können Unternehmen über eine Untersuchung der Mitarbeiterdaten herausfinden, ob es auffällige Lohnlücken zwischen Männern und Frauen gibt - und vor allem warum.
Frauen werden Friseurin, Männer Ingenieur
Denn so viel ist klar: Deutschlandweit verdienen Männer laut Statistischem Bundesamt im Schnitt 23 Prozent mehr als Frauen. Eine Lücke, die seit Jahren in etwa gleich groß bleibt - obwohl immer mehr Frauen mit immer besseren Abschlüssen in die Berufswelt drängen.
Immerhin ein Teil der Gehaltsschere lässt sich erklären. Da ist beispielsweise die Vorliebe vieler Frauen für schlechtbezahlte Berufe wie Friseurin oder Arzthelferin. Männer hingegen wählen von vornherein Prestige- und Schwerverdienerjobs, arbeiten als Ingenieure oder Ärzte. Dazu passt, dass Frauen häufiger als Männer in Klein- und Kleinstbetrieben anzutreffen sind - die zahlen in der Regel schlechter. Und dann ist da die berühmte Babypause, die manche Frauen so weit ausdehnen wie möglich. Danach folgt häufig eine Teilzeitstelle.
Doch das kann nicht allein die Ursache für die teils extrem weit auseinanderklaffenden Löhne sein. Denn selbst wenn man alle Faktoren wie Alter, Qualifikation, Position und Berufsjahre berücksichtigt, liegt die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen laut dem Institut der deutschen Wirtschaft in Köln immer noch bei bis zu 13 Prozent.
Zwar gibt es das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das Diskriminierungen dieser Art verhindern soll. Das Problem dabei: Frauen, oder in seltenen Fällen auch Männer, ahnen oft, dass sie weniger bekommen als gleichqualifizierte Kollegen in einer vergleichbaren Position. Aber wie sollen sie das beweisen? So ist es wenig überraschend, dass es bis heute nur wenige Gerichtsverfahren zur Lohnungleichheit gibt.
Je älter die Frauen, desto größer der Lohnabstand zu den Männern
Die Initiative gegen Lohndiskriminierung muss also von den Unternehmen selbst ausgehen, damit sich überhaupt etwas tut. Genau dafür ist Logib-D konzipiert. Seit gut einem Jahr können Firmen das aus der Schweiz importierte Programm anonym im Internet herunterladen und testen. Das Kürzel steht für "Lohngleichheit im Betrieb - Deutschland". Nach der Eingabe der Mitarbeiterinfos spuckt das Programm einen Bericht aus, der vor allem verrät, wie hoch der prozentuale Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern ist. Parallel zum Start von Logib in Deutschland hatte das Familienministerium außerdem 200 Beratungen für Unternehmen angeboten.
Auch ein Standort des Marienhauses von Christa Garvert war exemplarisch mit dabei. Das Ergebnis des Tests überraschte die Leiterin. Die Software hatte der Klinik eine Lohnlücke von sieben Prozent bei Frauen errechnet, die aus einer Babypause zurückgekehrt waren. "Dabei waren wir davon ausgegangen, dass es bei uns kaum Lohnunterschiede gibt." Je älter die Frauen waren, desto größer wurde der Abstand zu vergleichbaren Männergehältern. Garvert erklärt das damit, dass meistens Frauen die Elternzeit zu Hause verbringen. Kehren sie nach teils langer Pause in den Beruf zurück, haben sie bereits einen Rückstand gegenüber ihren männlichen Kollegen, den sie in den seltensten Fällen wieder einholen können. Eine Entwicklung, wie sie übrigens auch außerhalb der Marienhaus GmbH üblich ist.
Garvert kündigt nun an, verstärkt in die Frauenförderung zu investieren. "Wir entwickeln Maßnahmen, wie Frauen trotz Babypause den Kontakt zu uns behalten, etwa durch Fortbildungen, oder wie sie die Elternzeit sinnvoll verkürzen können." Auch "familienfreundlicher" soll das Unternehmen laut Garvert werden. "Wir brauchen mehr Kinderbetreuungsmöglichkeiten und ganz flexible Teilzeitmodelle."
Kein Unternehmen gleicht die Gehälter an
Der Grund für Garverts Handeln ist keineswegs altruistisch oder gar als klassische Förderung von Frau zu Frau einzustufen: Die Marienhaus-Leiterin weiß, dass sie sich in wenigen Jahren um gute Mitarbeiter reißen muss. Dann, wenn der demografische Wandel voll einsetzt und wenig junge Arbeitskräfte auf den Jobmarkt drängen. Unternehmen, die jetzt schon gut mit Frauen umgehen, haben da sicher einen Vorteil.
Trotzdem spart sich Garvert die naheliegendste Konsequenz aus den Testergebnissen: Die Gehälter der abgehängten Frauen in ihren Einrichtungen werden nicht nachträglich angepasst.
Auch von keinem der anderen Unternehmen, das an Logib-D teilgenommen hat, ist ein solcher Schritt bekannt. "Bei Logib-D geht es nicht darum, die Gehälter anzupassen", heißt es denn auch bei der Projektleitung des Programms. Ziel sei es vielmehr, deutsche Unternehmen für Geschlechterdiskriminierung zu sensibilisieren.
Aber auch die Zahl der Teilnehmer enttäuscht: Bislang haben nur rund 50 Firmen von der Beratung Gebrauch gemacht, viele davon mussten sogar vom Ministerium angesprochen werden. Seit der Freischaltung von Logib-D im Internet wurde das Programm nur etwa 3700 Mal heruntergeladen.
Freiwilligkeit funktioniert nicht
Aus Sicht von Experten krankt Logib-D an seiner Freiwilligkeit. Wenn Unternehmen das Programm nicht anwenden müssen, dann tun sie es auch nicht - oder nur in seltenen Fällen, sagt Geschlechterforscherin Karin Tondorf, die für die Hans-Böckler-Stiftung die mit Logib-D vergleichbare Software EG-Check entwickelt hat. "Und selbst wenn ein Unternehmen mitmacht, muss es bei einem schlechten Ergebnis noch lange nicht handeln."
An einem Gesetz führt langfristig wohl kein Weg vorbei, sagt auch Hermann Gartner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). "Es ist sinnvoll, wenn Unternehmen dazu verpflichtet werden, ihr Entlohnungssystem zu überprüfen - aber ohne ihnen zu viel Bürokratie zuzumuten."
Eine Möglichkeit: Die Vergabe öffentlicher Aufträge an Privatfirmen wird daran geknüpft, dass sie gegen Diskriminierung vorgehen. In anderen Ländern Europas ist das schon die Regel - in Deutschland noch tabu.
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