Gehälterdebatte Frauen bescheiden sich beim Einkommen

Es klingt absurd: Frauen verdienen in Deutschland fast ein Viertel weniger als Männer - doch offenbar sehen sie darin kein großes Problem. Laut mehreren Studien geben sich weibliche Mitarbeiter mit niedrigeren Einkommen eher zufrieden als ihre männlichen Kollegen.

Azubis bei Siemens: Frauen nennen niedrigeres "Wunschgehalt"
DPA

Azubis bei Siemens: Frauen nennen niedrigeres "Wunschgehalt"


Hamburg - Seit Jahrzehnten streiten Politiker, Verbände und Gewerkschaften für gleiche Gehälter von Männern und Frauen. Und jetzt das: Ausgerechnet die Frauen selbst sind mehreren Untersuchungen zufolge auch mit niedrigeren Einkommen zufrieden.

Zu diesem Ergebnis kommen zumindest Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), der Universität Bielefeld und der Universität Konstanz, über die die "Süddeutsche Zeitung" am Dienstag berichtet.

Die Wissenschaftler hatten im Rahmen einer Langzeitstudie von 10.000 Erwerbstätigen gefragt, ob sie ihr eigenes Einkommen für gerecht halten. Wer sein Salär als ungerecht einstufte, sollte angeben, welchen Betrag er (oder sie) angemessen fände.

Das Ergebnis ist mehr als überraschend - und dürfte die Debatte um die Gleichstellung von Frauen und Männern kräftig anheizen: Die befragten Frauen sagten im Ergebnis, dass ihnen "gerechterweise ein geringeres Bruttoeinkommen zusteht als Männern".

Dabei liegt der Unterschied in Deutschland bei fast einem Viertel. Bislang wurden vor allem Unternehmen für diese Kluft verantwortlich gemacht. Doch der Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern entspricht offenbar auch einem Unterschied der Ansprüche.

"Das Einkommen, das Frauen für sich als gerecht ansehen, liegt sogar unter dem Einkommen, das die Männer real erzielen", sagte Jürgen Schupp vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) laut "SZ". Die Zurückhaltung der Frauen zeigte sich bei ungelernten Hilfskräften ebenso wie bei Akademikerinnen: Stets war das von Frauen als gerecht angesehene "Wunschgehalt" niedriger als das Gehalt vergleichbar qualifizierter Männer, schreibt die Zeitung.

Einem Arzt gestehen die Befragten mehr zu als einer Ärztin

Bei einer zweiten, ebenfalls repräsentativen Untersuchung beurteilten Befragte die Einkommen von fiktiven Personen. Zum Beispiel sollten sie die Situation eines Arztes einschätzen: Der Mann ist 55 Jahre alt, arbeitet mit überdurchschnittlichem Engagement, ist Alleinverdiener und hat vier Kinder. Die Befragten hielten im Schnitt ein Bruttoeinkommen von 7750 Euro für gerecht.

Wurde aus dem fiktiven Arzt jedoch eine Ärztin, sank das als angemessen bewertete Gehalt: Einer Frau in identischer Lebenssituation sprachen die Befragten im Schnitt nur 7300 Euro zu. Dabei war irrelevant, ob Frauen oder Männer das Urteil abgaben: "Selbst Frauen sind der Meinung, dass Frauen am Arbeitsplatz weniger verdienen sollen", sagte DIW-Experte Schupp der Zeitung.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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kamy 06.07.2010
1. Natürlich ist das so
Es ist eine Binsenweisheit, dass auch Frauen sich selbst schlechter bewerten als Männer. Das macht das ganze nicht richtiger. Viel mehr ist es eine Haltung, die bei unseren gesellschaftlichem Wertesystem zu erwarten ist. Wir kommen nun mal aus einer Gesellschaft, die Männer als Ernährer sieht und Frauen sympathisch und nett selbst zurücknehmen sollen. Das heißt nicht, dass es richtig ist und es heißt nicht, dass wir nicht was anderes anstreben sollten. Z.B. Gleichen Lohn für gleiche Arbeit auch wenn Frauen/Männer meinen, dass SIE sich doch bescheiden sollte und IHM die Dominanz zu lassen. Wir haben noch lange keine wirkliche Gleichberechtigung in den Köpfen der Leute, auch nicht in denen der Frauen, auch wenn sie sich dessen zum Teil gar nicht bewusst sind.
loncaros 06.07.2010
2.
Wäre natürlich interessant zu wissen wo man denn da nachgefragt hat. Gibt ja auch Unternehmen in denen tatsächlich gleich bezahlt wird und wenn man dann dort die Frauen fragt die soviel verdienen wie ihre männlichen Kollegen kann es ja durchaus vorkommen dass die dann tatsächlich "zu Recht" zufrieden sind. Aber frag doch mal eine Frau "Dein Kollege der genau das gleiche schafft wie du kriegt 20% mehr, findest du das gerecht?"
Callimero 06.07.2010
3. Unnötige Diskussionen
Jedes halbe Jahr wird diese Sau durch's Dorf getrieben. Ich habe bisher noch keinen Tarifvertrag bzw. eine Lohntabelle gesehen, wo es zwei Spalten für Männer bzw. Frauen gibt - die natürlich auch nicht legal wäre. Diese "Gehälterdebatte" ist unnötig wie ein Kropf, weil das Ungleichgewicht aus der statistischen Erfassung der Gehälter kommt. Es arbeiten viel mehr Frauen nur halbtags wie Männer und das noch in vergleichbaren "Billiglohnjobs". Daher auch das statistische Ungleichgewicht. Auf diese Art und Weise kam auch vor einiger Zeit die wohl unsinnigste Behauptung raus, das Beamtinnen weniger verdienen würden als Beamte... Jeder Journalist, der so etwas zum besten gibt und ernst meint, sollte sich auf seinen Geisteszustand hin untersuchen lassen. Bei AT Verträgen verkaufen sich Frauen schlechter als Männer, weil sie dem Thema "Geld" nicht absolute Priorität einräumen. Wem soll man das vorwerfen?
Christian Krippenstapel 06.07.2010
4. Allmählich wird´s eng für den Femninismus
Zitat von sysopEs klingt absurd: Frauen verdienen in Deutschland fast ein Viertel weniger als Männer - doch offenbar sehen sie darin kein großes Problem. Laut mehreren Studien geben sich weibliche Mitarbeiter mit niedrigeren Einkommen zufrieden als ihre männlichen Kollegen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,704847,00.html
Die zitierten Studien bestätigen genau die Forschungsergebnisse, die schon Susan Pinker in ihrem Buch "Das Geschlechterparadox" vorgestellt hat, die aber in der Feminismusforschung lediglich "belächelt" wurden. Demnach setzen Frauen ihre Prioritäten im Leben anders als Männer und sind eher bereit, sich zugunsten eines erfüllteren Privatlebens mit weniger Lohn zufriedenzugeben. Allmählich dürfte sich also auch in eher dogmatischen Kreisen herumsprechen, daß diese Behauptungen keineswegs erfunden, sondern sehr gut fundiert sind. Die interessante Frage ist aber jetzt, wie wir mit diesen Erkenntnissen umgehen? Wollen wir die Frauen "männlicher" machen, bis sie wie diese nur noch leben um zu arbeiten und ihrer Karriere und ihrem Einkommen alles andere unterordnen, weil ihnen von klein auf eingehämmert wird, das sei nun mal ihre Rolle in der Welt? Oder sollten wir nicht eher den Männern nahebringen, daß es so, wie es die Frauen machen, auch geht. Vor allem, wenn man(n) eine berufstätige Frau als Partnerin hat. Eine Welt, in der beide Eltern Zeit für ihr Familienleben und ihre Kinder haben, weil sie beide wissen, daß es auch noch ein Leben hinter der Stechuhr gibt und niemand erwartet, daß einer nur das Arbeitstier, aber niemals wirklich präsent ist, erscheint mir jedenfalls durchaus erstrebenswert und auch nicht frauendiskriminierend.
Eviathan 06.07.2010
5. Arg
Ich gehe jetzt in den Keller und schreie. Es ist kein Wunder, dass Frauen kein Problem damit haben, dass sie weniger verdienen, sie arbeiten ja auch weniger dafür, während der Löwenanteil dann von den Ehegatten erwirtschaftet wird, weswegen Frauen sich so eine Arbeitshaltung überhaupt erst erlauben können. Frauen wird für absolut gleiche Arbeit auch das gleiche Salär bezahlt, keinesfalls 25 % weniger, eine Diskriminierung gibt es nicht. Wie oft wird diese ewige Ente denn noch publiziert?
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