Gehälterdebatte Weiblich, bescheiden, übervorteilt

Eine Studie sorgt für Aufregung: Frauen sollen mit ihrem Gehalt zufriedener sein als Männer - obwohl sie weniger verdienen. Doch sind sie wirklich bescheidener? Experten winken ab und erklären die Ergebnisse mit veralteten Rollenvorstellungen.

Angestellte: Geben sich Frauen mit weniger Lohn zufrieden?
Corbis

Angestellte: Geben sich Frauen mit weniger Lohn zufrieden?

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Hamburg - Die erste Reaktion des Personalberaters auf die Studie ist drastisch: "Dass Frauen behaupten, dass ihnen ein geringeres Einkommen als Männern ausreiche, ist doch Unsinn." Hermann Sendele von "Board Consultants" hält es für unglaubwürdig, dass Frauen freiwillig auf Geld verzichten. "Für Führungskräfte kann ich das jedenfalls ausschließen, das habe ich in 22 Jahren Berufsjahren noch nie erlebt."

Doch eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) sagt genau das: Demnach empfinden Frauen Löhne als gerecht, die rund ein Viertel niedriger sind als die Wunschgehälter von Männern - und damit sogar unter jener Summe liegen, die männliche Kollegen tatsächlich verdienen. Dies gelte für alle Einkommensschichten und Branchen, schreiben die DIW-Autoren. Frauen würden daher in Vertragsgesprächen weniger Ansprüche stellen als Männer. Die Studie basiert auf Daten, die das DIW seit 2005 jährlich von mehr als 10.000 Haushalten erhebt.

Dass Frauen sich freiwillig unterordnen, könne er sich nur bei Geringverdienern vorstellen, sagt Personalberater Sendele. "In diesem Bereich könnte das zutreffen wegen traditioneller Rollenvorstellungen, aber ganz sicher nicht bei gut ausgebildeten weiblichen Führungskräften." Dagegen spreche aus seiner Sicht, dass Frauen heute bei der Qualifikation längst gleichgezogen hätten, "oft sogar besser ausgebildet sind".

Was der Berater aber unterschlägt: Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern sind unbestritten. 23 Prozent weniger Gehalt bekommen Frauen im Vergleich zu Männern - bei gleicher Qualifikation. Doch woran liegt das?

Bislang wurde die Schuld stets den Unternehmen zugeschoben, die weibliche Mitarbeiter angeblich diskriminieren. Auch die Politik kommt meist schlecht weg, weil sie Frauen zu wenig fördere. Doch mit ihrer Studie, die sich auch auf zwei Umfragen der Universitäten Bielefeld und Konstanz beruft, hat das DIW nun eine weitere Deutungsmöglichkeit in die Debatte eingebracht: Nämlich dass die Frauen selbst schuld sind. Weil sie sich mit ihrem niedrigen Lohn zufrieden geben und nicht auf ihr Recht pochen.

So drastisch drücken die DIW-Autoren das natürlich nicht aus. Und es entspricht wohl auch kaum der Realität auf dem Arbeitsmarkt. Allerdings zeigen auch andere Untersuchungen, dass Frauen eher zufrieden mit ihrem Gehalt sind.

"Fatale Interpretation"

Hagen Lesch und Jenny Bennett haben das Gerechtigkeitsempfinden von Niedriglöhnern analysiert - für eine noch nicht veröffentlichte Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Während bei den Männern 61,8 Prozent mit ihrem Stundenlohn von weniger als 8,50 Euro unzufrieden waren, gaben dies nur 50,3 Prozent der Frauen an. Das liege an den unterschiedlichen Maßstäben, sagt Lesch. "Frauen hängt das Gerechtigkeitsempfinden vom etwa vom gesamten Haushaltseinkommen ab, während es für Männer wichtiger ist, selbst Einkommen zu erzielen." Auch andere "weiche Faktoren" wie Zeitmanagement und Ortsgebundenheit seien für Frauen wichtiger als für Männer.

Für Reinhard Bispinck, Tarifexperte von der Hans-Böckler-Stiftung, ist es jedoch eine "fatale Interpretation, dass die Frauen selbst schuld sein sollen". Seiner Ansicht nach würden die niedrigeren Erwartungen lediglich die realen Einkommensunterschiede widerspiegeln. Die Ergebnisse zeigten demnach, "wie festgefahren die Rollenvorstellungen und Erwartungshaltungen in der Gesellschaft sind". Klar sei für ihn, dass die Einschätzungen durch reale Zwänge beeinflusst werden. "Ein Großteil der Frauen kann etwa gar nicht frei über den Lohn verhandeln", sagt Bispinck.

Außerdem seien die Gehaltsunterschiede bei gleicher Qualifikation immer noch nicht allen bekannt. "Die Unternehmen müssen transparenter machen, wem sie wie viel bezahlen", sagt Bispinck. Die Böckler-Stiftung bietet daher einen Gehaltscheck für 280 Berufe an. Dort können Beschäftigte ausrechnen lassen, wie viel Männer wirklich mehr verdienen.

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Michael Giertz, 06.07.2010
1. Wieder diese Gender-Debatte
Zitat von sysopEine Studie sorgt für Aufregung: Frauen sollen mit ihrem Gehalt zufriedener sein als Männer - obwohl sie weniger verdienen. Doch sind sie wirklich bescheidener? Experten winken ab und erklären die Ergebnisse mit veralteten Rollenvorstellungen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,705029,00.html
Meine Meinung: Diese unsägliche Neiddebatte bei den Gehältern muss endlich beerdigt werden. Und der erste Schritt dazu ist ganz klar zu benennen, wie diese Gehaltskluft überhaupt zustande kommt. Wenn nämlich eine Frau einen Arbeitsvertrag über 30 statt 40 oder 35h erhält, kann sie unmöglich das gleiche Gehalt wie ein 40-Stünder bekommen. Und in 30 Stunden schafft sie auch weniger, so dass auch beim Lohn weniger herauskommt - voilà: Differenz von etwa 20% erklärt. Selbiges ist auch noch zu erklären mit regionalen Unterschieden: traditionell ist die Hausfrauenrolle in den alten Bundesländern eher besetzt als in den neuen Bundesländern. Und wie die Löhne da ausschauen, brauchen wir ja wohl kaum näher zu beleuchten, oder? Last but not least: Frauen entscheiden sich eher für "unproduktive" Dienstleistungsberufe. "Unproduktiv", weil die gezahlten Gehälter eher bescheiden sind (Friseuse, Tierpflegerin, Callcenter-Agentin, ...). Auch das dürfte in die wenig differenzierte Statistik kräftig einwirken. Statt eine weitere unnötige Gender-Debatte loszutreten, sollte lieber endlich mit der riesigen Ost-West-Kluft klarschiff gemacht werden. Hier HERRSCHT wirklich Handlungsbedarf, die Kluft ist bisweilen weitaus größer als "nur" 20%. Wer nämlich im Osten für 1500,- brutto 40-Stunden als Maurer schaffen geht, während er im Westen für 2500,- brutto nur 35-Stunden gehen muss, wird um 47% schlechter bezahlt. Und da ist es völlig egal, ob der Arbeiter männlichen oder weiblichen Geschlechts ist.
icke10 06.07.2010
2. Bescheiden? Ich glaube eher sie nicht darauf angewiesen.
Zitat von Michael GiertzMeine Meinung: Diese unsägliche Neiddebatte bei den Gehältern muss endlich beerdigt werden. Und der erste Schritt dazu ist ganz klar zu benennen, wie diese Gehaltskluft überhaupt zustande kommt. Wenn nämlich eine Frau einen Arbeitsvertrag über 30 statt 40 oder 35h erhält, kann sie unmöglich das gleiche Gehalt wie ein 40-Stünder bekommen. Und in 30 Stunden schafft sie auch weniger, so dass auch beim Lohn weniger herauskommt - voilà: Differenz von etwa 20% erklärt. Selbiges ist auch noch zu erklären mit regionalen Unterschieden: traditionell ist die Hausfrauenrolle in den alten Bundesländern eher besetzt als in den neuen Bundesländern. Und wie die Löhne da ausschauen, brauchen wir ja wohl kaum näher zu beleuchten, oder? Last but not least: Frauen entscheiden sich eher für "unproduktive" Dienstleistungsberufe. "Unproduktiv", weil die gezahlten Gehälter eher bescheiden sind (Friseuse, Tierpflegerin, Callcenter-Agentin, ...). Auch das dürfte in die wenig differenzierte Statistik kräftig einwirken. Statt eine weitere unnötige Gender-Debatte loszutreten, sollte lieber endlich mit der riesigen Ost-West-Kluft klarschiff gemacht werden. Hier HERRSCHT wirklich Handlungsbedarf, die Kluft ist bisweilen weitaus größer als "nur" 20%. Wer nämlich im Osten für 1500,- brutto 40-Stunden als Maurer schaffen geht, während er im Westen für 2500,- brutto nur 35-Stunden gehen muss, wird um 47% schlechter bezahlt. Und da ist es völlig egal, ob der Arbeiter männlichen oder weiblichen Geschlechts ist.
Solche Faktoren wurden in der Statistik sicherlich berücksichtigt. Ich sehe es eher so, dass die Frauen keine Lust haben darum zu kämpfen. Die zusätzlichen 20 Prozent gibt es ja nicht einfach geschenkt. Man muss sie sich z.B. durch gezielte Jobwechsel, Überstunden oder Verhandlungsgeschick erarbeiten.
ID Fake 06.07.2010
3. Ihr Vertrauen möcht ich haben...
Zitat von icke10Solche Faktoren wurden in der Statistik sicherlich berücksichtigt. Ich sehe es eher so, dass die Frauen keine Lust haben darum zu kämpfen. Die zusätzlichen 20 Prozent gibt es ja nicht einfach geschenkt. Man muss sie sich z.B. durch gezielte Jobwechsel, Überstunden oder Verhandlungsgeschick erarbeiten.
Ihr Vertrauen ist völlig unberechtigt. Diese ominösen und immer wieder kolportierten 23% Gehaltsunterschied kommen nämlich genau auf diese Weise zustande.
Christian Krippenstapel 06.07.2010
4. Wie oft denn noch?
Allmählich sollte sich aber herumgesprochen haben, daß Frauen im Schnitt ziemlich genau soviel weniger verdienen, wie sie im Schnitt auch weniger arbeiten, weil sie in der Mehrzahl einfach andere Prioritäten in ihrem Leben setzen als Männer und zugunsten von mehr Familienleben, Freizeit und Flexibilität eher bereit sind Einbußen beim Gehalt hinzunehmen als Männer, von denen die meisten eher leben um zu arbeiten, anstatt umgekehrt. Oft genug deshalb, weil sie ja nicht nur für sich arbeiten, sondern eine Familie zu versorgen haben und eine Frau, die vielleicht stundenweise arbeiten, es aber nicht wirklich nötig haben will, wenn sie ihn nicht in die Wüste schicken soll. Wer wird da jetzt diskriminiert und wessen Lebensstil ist erfüllender, menschenwürdiger und "richtiger"? Der von Männer, oder der von Frauen?
Michael Giertz, 06.07.2010
5. Wieso der Gehaltsunterschied erklärbar ist.
Zitat von icke10Solche Faktoren wurden in der Statistik sicherlich berücksichtigt. Ich sehe es eher so, dass die Frauen keine Lust haben darum zu kämpfen. Die zusätzlichen 20 Prozent gibt es ja nicht einfach geschenkt. Man muss sie sich z.B. durch gezielte Jobwechsel, Überstunden oder Verhandlungsgeschick erarbeiten.
Wie der Nutzer (die Nutzerin) ID Fake bestätigt, sind die Unterschiede beim Gehalt durchaus erklärbar. Es gibt zigtausend Gründe, warum es ein Gehaltsgefälle zwischen Mann und Frau gibt. Das Verhandlungsgeschick fällt dabei kaum ins Gewicht. Es fängt schon bei der Berufswahl an, dann über die Bereitschaft zu Mobilität und Flexibilität, bei der Art der Bildung (Frauen wählen eher Geisteswissenschaften denn das Ingenieurswesen) und, und, und! Irgendwo fängt das auch schon an, dass Branchen nicht genug ausdifferenziert werden. Wenn ein Fensterputzer, der auf einer wackligen Tribüne an Gebäudefassaden großformatige Fenster putzt, dann ist seine Bezahlung sicherlich anders als die einer Reinigungsfachkraft, deren Tätigkeiten sich auf Wischen und Papierkorbleeren beschränken. Trotzdem sind beide in derselben Branche tätig, genau wie Industriereiniger, die z.B. im Zigarettenwerk nachts die Maschinen reinigen. Zwar wird in keinem dieser Berufe ein "fürstliches Gehalt" bezahlt, aber ich kann mir vorstellen, dass die Reinigungsfachkraft deutlich weniger verdient als der Industriereiniger ... Natürlich gibt es auch IRGENDWO den Faktor "Gehaltsverhandlungen". Aber der wirkt überhaupt nicht, wenn es um einen Job mit Tarifbezahlung geht. Effektiv haben Männer und Frauen das gleiche Gehalt, außer natürlich, eine Frau wird zu 30 Stunden eingestellt, während ihr männlicher Kollege 40 Stunden schafft - dann ergibt sich ein Unterschied von 25% bei der Bruttozahlung trotz gleichem Stundenlohn. Dass Umzüge, Bereitschaft zu Überstunden usw irgendwelche Vorteile bezüglich des Geldbeutels einbringen, kann ich so nicht bestätigen. Überstunden werden kaum abgegolten, abfeiern ist auch nicht immer möglich - die Mehrarbeit wird also nicht vergütet. Effektiv sinkt dadurch der Stundenlohn der Fachkraft. Die Mehrheit der Unternehmen handeln so, nur eine Minderheit bezahlt überhaupt Überstunden. Und Umzüge ... wenn wir damit anfangen, kommen wir irgendwann zum Ergebnis, dass die Wahl der "Heimat" wichtig ist. Und dann gibt's regionale Unterschiede, die aber überhaupt nichts mit dem Geschlecht zu tun haben ... muss ich wirklich nochmal mit Ostgehältern anfangen, wie in der ersten Antwort zum Thema?
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