Von Stefan Kaiser, Frankfurt am Main
Deutschlands Geldmaschine versteckt sich in einem schmucklosen Achtziger-Jahre-Bau: Außen weiße Platten und etwas Glas, innen Auslegware in Grau- und Blautönen. Hier im Frankfurter Norden, weit ab von den Bankentürmen der Innenstadt, sorgen rund 300 Mitarbeiter einer kleinen Firma dafür, dass dem Land das Geld nicht ausgeht. Die Firma heißt Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH und sie bedient sich eines Mittels, das seit einigen Jahren ziemlich in Verruf geraten ist: Sie macht Schulden.
Schulden sind an sich nichts Verwerfliches. Im Kapitalismus sind sie sogar dringend nötig, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Würden Unternehmen keine Kredite aufnehmen, um Geld in vielversprechende Ideen und Projekte zu investieren, gäbe es kein Wachstum und keinen Wohlstand. Die Unternehmen wiederum bekommen ihr Geld von den Geschäftsbanken geliehen, gegen Zinsen natürlich. Und die Geschäftsbanken können selbst Kredite aufnehmen bei den Notenbanken, in der Euro-Zone also bei der Europäischen Zentralbank (EZB).
So sieht der Geldkreislauf aus, der in jedem volkswirtschaftlichen Lehrbuch beschrieben wird. Man könnte auch sagen: so sieht die ideale Welt aus.
Doch mit dieser idealen Welt hat die Realität nur noch wenig gemein. Eine Unwucht ist in den Geldkreislauf geraten. Die europäische Zentralbank verteilt immer mehr Geld an die Geschäftsbanken. Doch bei den Unternehmen, die mit diesem Geld eigentlich ihre Investitionen finanzieren und so für das Wirtschaftswachstum von morgen sorgen sollen, kommt davon nur wenig an. Stattdessen landet ein viel zu großer Teil des Geldes in dem schmucklosen Flachbau im Frankfurter Norden.
Deutschland profitiert von der Krise
Carl Heinz Daube, der Geschäftsführer der Finanzagentur, sitzt in seinem Büro im ersten Stock. Sein Job ist es, Staatsanleihen zu verkaufen - Schuldscheine der Bundesrepublik. Gerade haben Daube und seine Händler bei einer Versteigerung solcher Scheine 2,5 Milliarden Euro reingeholt. Übermorgen soll das Geld an den Finanzminister überwiesen werden. "Es ist ordentlich gelaufen", sagt Daube. "Wir hatten 60 Gebote von 32 Banken. Die hätten uns Anleihen über fast fünf Milliarden Euro abgenommen."
Die Anleihen der Bundesrepublik sind gefragt im Moment. Für die fünfjährigen Schuldscheine, die Daube und seine Leute heute versteigert haben, müssen sie den Investoren im Schnitt gerade einmal 0,4 Prozent Zinsen zahlen. In Zeiten der Krise suchen die Anleger fast verzweifelt nach soliden Anlagen. Und sind deshalb bereit, auf hohe Renditen zu verzichten, solange ihr Geld nur sicher ist. "Für den deutschen Steuerzahler ist das charmant", sagt Daube. Schließlich spart der Bund dadurch jedes Jahr mehrere Milliarden Euro an Zinszahlungen.
Dreieinhalb Stunden dauerte die Auktion diesmal - um 8 Uhr morgens ging es los, mittags um 11.30 Uhr war alles vorbei. In der Zwischenzeit gaben die Banken ihre Gebote ab, zu welchem Preis sie die Schuldscheine kaufen wollen. "Die spannendste Phase sind die letzten zehn bis 15 Minuten", erklärt Daube. "Da kommen noch mal viele Gebote rein."
In dieser Phase bildet sich im Handelsraum der Agentur eine kleine Menschentraube hinter den Bildschirmen. Chefhändler Thomas Weinberg ist dabei, ein Vertreter der Strategieabteilung, ein Controller und Geschäftsführer Daube. "Variante ist ausgewählt", sagt Weinberg am Ende, als der Preis und die versteigerte Menge feststehen. "Daten stehen zur Zuteilung bereit."
Die 2,5 Milliarden Euro, die Deutschland an diesem Tag im November einnimmt, kommen von Banken. Einen guten Teil der frischen Anleihen verkaufen sie weiter, zum Beispiel an Pensionskassen oder Investmentfonds, den Rest behalten sie. Solche Finanzmarktgeschäfte sind in den vergangenen Jahren zu einer Hauptbeschäftigung der Banken geworden. Das klassische Modell, Spareinlagen zu verzinsen und Kredite zu vergeben, ist in den Hintergrund getreten. Stattdessen wird in Wertpapiere investiert - am liebsten in deutsche. Denn Deutschland, so lautet eine der letzten Wahrheiten, die an den Finanzmärkten als unumstößlich gelten, kann nicht pleite gehen.
Doch woher haben die Banken all das Geld, um Deutschlands Schulden nahezu zum Nulltarif zu finanzieren?
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