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Müllers Memo: Risiken weg, Nebenwirkungen bleiben

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Euro-Zentralbanker Draghi, Weidmann: Wille, die Krise unbedingt zu beenden Zur Großansicht
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Euro-Zentralbanker Draghi, Weidmann: Wille, die Krise unbedingt zu beenden

Vor der EZB-Sitzung in dieser Woche laufen die Spekulationen über eine weitere Lockerung der Geldpolitik heiß. Mit Mario Draghi und Jens Weidmann haben die beiden wichtigsten Figuren in der Führung der Euro-Bank jüngst Einblicke in ihre Pläne gewährt - in erstaunlichem Gleichklang.

Es war eine große Nachricht für alle Spekulanten dieser Welt: Der Chef der Bundesbank stehe einer weiteren Lockerung der Euro-Geldpolitik nicht mehr im Wege, meldeten die Agenturen am vergangenen Dienstag. Zur Not sei es sogar denkbar, in größerem Stil Anleihen vom Markt zu kaufen.

Die Meldung bewegte zeitweise die Börsen. Schließlich entscheidet am kommenden Donnerstag die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) über ihren weiteren Kurs. Sie könnte also schon sehr bald neue Fakten schaffen. Und die Phantasie, dass die EZB in ein Wertpapier-Aufkaufprogramm einsteigt, wie zuvor die amerikanische Fed und die Bank of England, beflügelt manchen Börsianer.

Übertriebene Erwartungen. Wer nachliest, was der vorsichtige Jens Weidmann der Agentur Market News tatsächlich gesagt hat, kann eigentlich nicht zu dem Ergebnis kommen, dass er es guthieße, wenn die EZB in Bälde alle Geldschleusen öffnete.

Dennoch sind Weidmanns Äußerungen bemerkenswert. Auch EZB-Chef Mario Draghi gewährte am Dienstag in einer Rede in Paris Einblicke in die Logik seines Handelns. Zusammen ergibt sich das Bild: Offenkundig wollen beide EZB-Lenker die immer noch andauernde Krise unbedingt beenden. Und zwar lieber früher als später.

Deflation wird nicht geduldet

Draghi hat zwar die Mehrheit im EZB-Rat hinter sich. Aber er kann nicht durchregieren, sondern muss auf den konservativen Weidmann Rücksicht nehmen: Sollte nach Axel Weber (Ex-Bundesbank-Chef) und Jürgen Stark (Ex-EZB-Chefökonom) ein weiterer Deutscher aus Protest gegen den Kurs der Euro-Bank sein Amt niederlegen, würde das die Akzeptanz der Währung im größten Mitgliedsland massiv beschädigen. Draghis Mission, die Euro-Zone als Einheit zu bewahren ("whatever it takes"), wäre gescheitert.

Es ist deshalb höchst relevant, worauf sich die beiden mächtigsten Männer im obersten Entscheidungsgremium der EZB einigen könnten. Drei Punkte kristallisieren sich aus meiner Sicht heraus:

  • Die Zeichen deuten vorerst auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik.
  • Die EZB braucht zusätzliche Instrumente, um eine adäquate Geldversorgung der Wirtschaft sicherstellen zu können.
  • Der systematische Aufkauf größerer Mengen von Wertpapieren ("Quantative Easing") ist möglich, aber auf andere Art als in den USA und Großbritannien.

Am Montag gibt es neue Schätzungen zur Inflation im Euro-Raum. Sollten die Inflationsraten noch weiter sinken, als die EZB erwartet (1,0 Prozent für dieses Jahr), sagt Draghi, werde man tun, "was immer nötig ist, um Preisstabilität zu gewährleisten". Die Botschaft: Deflation wird nicht geduldet.

Weidmann deutet immerhin an, die EZB könne versuchen, eine weitere Aufwertung des Euro gegenüber anderen Währungen zu verhindern, sofern ein starker Außenwert die Preisentwicklung im Euro-Gebiet beeinträchtige. Was spezifische Maßnahmen der Notenbank angeht, gibt sich Weidmann erstaunlich diskussionsbereit, bei aller Bundesbank-typischen Skepsis.

EZB könnte Banken alte Kredite abkaufen

So schließt er ein "Quantative Easing"-Programm zum Aufkauf von Wertpapieren nicht generell aus. Auch wenn er darauf besteht, dass die Notenbank den Regierungen nicht direkt bei der Finanzierung ihrer Haushalte helfen darf: keine "monetäre Staatsfinanzierung", wie in Amerika, wo die Fed Papiere für Billionensummen aufgesaugt hat. Weniger Bauchschmerzen hätte Weidmann offenbar, würde die EZB private Assets vom Markt kaufen.

Interessanterweise korrespondiert diese Linie mit einem Vorstoß Draghis. Der hatte erstmals im Januar davon gesprochen, die EZB könne künftig den Banken Kredite abkaufen, die die Institute an Unternehmen und Privatpersonen vergeben hatten. Dazu müssten allerdings die Bankforderungen gebündelt ("verbrieft") werden. Am Dienstag forderte Draghi abermals, "regulatorische Hindernisse", die einer Verbriefung im Wege stünden, zu beseitigen. Verbriefte Kredite gelten vielen als Teufelszeug, seit sie im Zentrum der Finanzkrise von 2008 standen.

Das mag reichlich technisch klingen. Aber es geht um etwas durchaus Handfestes: Die Banken sollen endlich wieder mehr Geld verleihen, damit der zaghafte Aufschwung im Euro-Raum in Gang kommt. Dafür sollen jetzt - längst überfällig - die Bilanzen aufgeräumt werden: faule Kredite abschreiben, Banken im Zweifel mit mehr Kapital ausstatten oder dichtmachen. Derzeit lässt die EZB die 128 größten Banken im Euro-Raum durchleuchten, um sie dann einem Stresstest zu unterziehen.

Sollte das nicht genügen, um die Kreditvergabe an die Privatwirtschaft wieder in Schwung zu bringen, könnte die EZB den Banken das Geschäft erleichtern, indem sie ihnen alte Kredite in gebündelter Form abkauft. So lassen sich die Äußerungen der beiden Euro-Strategen interpretieren.

In der EZB-Führung diskutiere man derzeit über verschiedene Instrumente, sagt Weidmann. Dabei gehe es um "Effektivität, Kosten und Nebenwirkungen".

Nebenwirkungen? Auch das gehört zum Bild: Die Notenbank greift immer tiefer in die Finanzmärkte ein, die doch eigentlich eigenverantwortlich und selbstregulierend arbeiten sollten. Ob die Aufkauf privater Forderungen am Ende besser ist, als in angelsächsischem Stil Staatsanleihen aufzukaufen, wird sich erweisen.

Montag

BRÜSSEL - Deflationscheck - März-Zahlen zur Inflation im Euro-Raum

BRÜSSEL - Partner und Konkurrent - Chinas Staatschef Xi Jingping trifft EU-Spitzen.

Dienstag

BRÜSSEL/NÜRNBERG - Jobs - Arbeitsmarktdaten für Deutschland und die Euro-Zone

Mittwoch

ATHEN - Besuch im Sorgenland - Abschluss eines informellen Treffens der EU-Finanzminister

Donnerstag

FRANKFURT - Abwarten oder Durchstarten? - EZB-Rat entscheidet über den weiteren Kurs in der Geldpolitik.

Freitag

WASHINGTON - Peilung - Arbeitsmarktbericht der US-Regierung gibt Aufschluss über den Stand der Erholung am Arbeitsmarkt

Sonntag

HANNOVER - Techno-Show - Eröffnung der Hannover Industriemesse mit Hollands Ministerpräsident Rutte und Berlin-Prominenz (Merkel, Wanka, Grillo).

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Müllers Memo
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insgesamt 23 Beiträge
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1. Selbstregulierend....
sonkaioshin 30.03.2014
selten so gelacht....
2. endlich
ro0nald0 30.03.2014
na endlich wird weidmann vernünftig.
3. Inflationssteuerung via Geldpolitik
Progressor 30.03.2014
"Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen." Milton Friedman Wenn man den Monetaristen Glauben schenkt, dann wird man die Inflationssteuerung den Zentralbanken übertragen. Nun zeigt sich aber empirisch, dass dies nicht funktioniert. Zentralbanken können die nachfragewirksame Geldmenge nicht steuern, sie können nur den Zinssatz festlegen. Aber genau das klappt nicht hinreichend, ist am Ende der Fahnenstange angekommen und selbst wenn die EZB die nachfragewierksame Geldmenge erhöhen könnte, würde das in Anbetracht der hohen Arbeitslosigkeit im Euroland noch lange keine Inflation bedeuten. Die EZB macht nichts anderes als eine Badewanne füllen zu wollen, aus der man den Abflussstöpsel entfernt hat. Das 21. Jahrhundert wird das Ende des Monetarismus bedeuten und Keynes wird vom Himmel herabsteigen.
4. Ist doch alles nur Gesäusel
redbayer 30.03.2014
den wichtigsten Punkt "grenzenlos Anleihen" aufzunehmen hat Dragi schon lange vorher durchgebracht, zuletzt von dem unzuständigen deutschen "Verfassungsgericht" bestätigt. Wenn jemand einen Freibrief hat, alles machen zu können, was am Ende die dummen Deutschen bezahlen, dann braucht man sich doch um andere Petitessen nicht mehr kümmern.
5. So weit so gut
MiniDragon 30.03.2014
Aber leider können die Zentralbanker nicht sicherstellen dass das billige nicht auch weiterhin in unproduktive Anlagen fließt . Bin derzeit mal wieder an der portugiesischen Algarve und was man hier so sieht, das sind ganz sicher keine Beispiele für produktive Investitionen. Erschreckend auch der allgemeine Bildungstand der hiesigen Bevölkerung. Viel hat sich daran in den letzten 50 Jahren nicht geändert.
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Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.


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