Geldspritze der Notenbank Tokio stemmt sich gegen den Finanzcrash

Japans Börse stürzt ab - und die Notenbank reagiert mit einem gewaltigen Kraftakt: Sie pumpt Billionen von Yen in die Märkte, um die Anleger irgendwie zu beruhigen. Tatsächlich könnte der Plan aufgehen. Wenn die Bürger mitspielen.

Japanische Zentralbank: "Sie hatten keine andere Möglichkeit"
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Japanische Zentralbank: "Sie hatten keine andere Möglichkeit"

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Berlin - Nur einer war dagegen: Mit acht Stimmen gegen eine hat der Rat der Bank of Japan an diesem Montag beschlossen, Billionen von Yen ins Finanzsystem zu pumpen. Ein ohnehin bestehendes Aufkaufprogramm für Wertpapiere wurde drastisch ausgeweitet - um umgerechnet 44 Milliarden Euro. Insgesamt will die japanische Zentralbank den Märkten nun knapp 350 Milliarden Euro zur Verfügung stellen.

Mit den enormen Summen wollen die Zentralbanker die Anleger beruhigen. Wie nötig das ist, zeigte am Montag der Nikkei-Index. Am ersten Handelstag nach Erdbeben, Tsunami und Reaktorkatastrophe verlor der wichtigste japanische Aktienindex mehr als sechs Prozent. Manche Aktien großer Top-Unternehmen verloren bis zu 23 Prozent an Wert.

Finanzminister Yoshihiko Noda lobte die Entscheidung der Notenbank denn auch als "rasch und angemessen". Doch vor allem war sie eines: quasi alternativlos. "Da blieb gar nichts anderes übrig", sagt Thomas Straubhaar, Chef des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Denn der japanische Leitzins liegt bereits auf einem absoluten Tiefpunkt - bei 0,0 bis 0,1 Prozent. Das konventionelle Hilfsmittel der Währungshüter, eine Zinssenkung, fällt damit aus. Bleibt nur noch der unkonventionelle Weg - der massive Aufkauf von Wertpapieren.

Diese Schritte wecken ungute Erinnerungen an die USA: Dort hatte die Notenbank Federal Reserve nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ebenfalls den Leitzins massiv gesenkt. Damit beförderte sie jedoch die Entstehung ausgerechnet jener Immobilienblase, die später die weltweite Finanzkrise auslöste. Und seit der Finanzkrise fährt die Fed erneut eine expansive Geldpolitik: Weil der US-Leitzins noch immer nahe Null liegt, versucht sie die Wirtschaft mit Aufkaufprogrammen, der sogenannten Quantitativen Lockerung, anzukurbeln. Und so kauft die Fed Staatsanleihen auf - und gibt dafür frisches Geld aus. Das Problem dabei: All das zusätzliche Geld könnte die Inflation in die Höhe treiben.

"Finanzieller Tsunami"

Geht es Japan jetzt ähnlich? Besteht die Gefahr steigender Verbraucherpreise? Und vor allem: Funktioniert die Finanzspritze der Notenbank? Beruhigt sie tatsächlich die Märkte?

Der Absturz des Nikkei scheint nicht für einen Erfolg zu sprechen. Andererseits ist ein Börsenminus von sechs Prozent angesichts der gewaltigen Naturkatastrophe noch verkraftbar. Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft hält die Verluste an den Aktienmärkten denn auch für unvermeidlich. Schließlich müssen viele japanische Unternehmen ihre Produktion nach dem Beben komplett einstellen. "Ein physischer Tsunami ist leichter zu handhaben als ein finanzieller Tsunami", sagt Kooths. Soll heißen: So bitter das Leid der Menschen ist - das Ausmaß der Zerstörungen ist begrenzt, der Wiederaufbau des Landes absehbar.

Sollten dagegen die Finanzmärkte in Aufruhr geraten, so könnten die Verluste - ähnlich wie in der letzten Krise - irrationale Ausmaße annehmen.

Um das Vertrauen der Investoren muss Japan deshalb noch stärker werben als bislang. Ohnehin kämpft das einstige Vorzeigeland seit mehr als einem Jahrzehnt mit schwachen Wachstumsraten, zugleich sind seine Schulden mehr als doppelt so hoch wie das Bruttoinlandsprodukt - und damit deutlich höher als bei europäischen Pleitekandidaten. "Japan wird das nächste Griechenland sein", hatte HWWI-Chef Straubhaar bereits vor dem Erdbeben gewarnt.

Japan kann noch viele Yen drucken

Einen entscheidenden Vorteil aber hat das Land: "Was Japan von europäischen Krisenländern unterscheidet, ist der geringe Anteil der ausländischen Schulden", sagt Commerzbank-Analyst Wolfgang Leim. Obwohl die Zinsen im internationalen Vergleich niedrig sind, haben Japaner bislang eifrig die Staatsanleihen des eigenen Landes gekauft. Das Land ist deshalb zu 95 Prozent bei den eigenen Bürgern verschuldet. Die blieben auch dann noch gelassen, als die Ratingagentur Standard & Poor's im Februar zum ersten mal seit neun Jahren die Bonität Japans herabstufte.

Nun ist die Regierung darauf angewiesen, dass die Menschen auf die nötigen Finanzmaßnahmen ähnlich gefasst reagieren wie auf die Naturkatastrophe selbst. HWWI-Ökonom Straubhaar glaubt daran: "Auch wenn der Staat Steuern erhöhen müsste, wäre bei der Bevölkerung wohl die Bereitschaft da."

Im Vergleich zu den europäischen Schuldenländern, die von einer gemeinsamen Währungspolitik abhängig sind, sieht Straubhaar noch einen entscheidenden Vorteil: "Der Yen kann gedruckt werden." Sprich: Die japanische Notenbank kann ohne Rücksicht auf Nachbarländer die Geldpolitik betreiben, die sie für richtig hält.

Dass die Niedrigzinspolitik und die Geldspritzen zu steigender Inflation führen dürften, sei dabei das geringste Problem, sagt Straubhaar. Schließlich ist Geldentwertung in Japan seit mehr als einem Jahrzehnt kein Thema. Im Gegenteil: Das Land kämpft mit Deflation, also tendenziell fallenden Preisen. "Bei allem Schrecken des Bebens", sagt Straubhaar, "mittel- und langfristig könnte es sogar helfen, die Probleme der japanischen Wirtschaft zu lösen."

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Barath 14.03.2011
1. ...
Zitat von sysopJapans Börse stürzt ab - und die Notenbank reagiert mit einem gewaltigen Kraftakt: Sie pumpt Billionen von Yen in die Märkte, um die Anleger irgendwie zu beruhigen. Tatsächlich könnte der Plan aufgehen. Wenn die Bürger mitspielen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,750846,00.html
hmmm... Jemand hat mir erzählt, Deutschland wäre bei japan stark verschuldet... stimmt das? Könnte das zu Problemen führen?
RaMaDa 14.03.2011
2. Finanztsunami
Viele japanische Unternehmen sind zerstört oder stehen still, sehr viele Menschen haben keinen Job mehr - wie wollen die denn noch Staatsanleihen kaufen? Außerdem ist das Vertrauen in die Regierung massiv beschädigt. Man kann nur hoffen, dass in Japan nicht noch Unsummen deutscher Steuergelder vernichtet werden. In naher Zukunft wird mit Sicherheit ein Finanztsunami die Eurozone erwischen und wer hilft uns dann?
JoschSche 14.03.2011
3. ...
Es scheint, der Tag ist nicht mehr fern, an dem das vernunftferne Geblubber rund ums Börsencasino sowieso kein Schwein mehr interessieren wird...
Baracke Osama, 14.03.2011
4. --
Zitat von sysopJapans Börse stürzt ab - und die Notenbank reagiert mit einem gewaltigen Kraftakt: Sie pumpt Billionen von Yen in die Märkte, um die Anleger irgendwie zu beruhigen. Tatsächlich könnte der Plan aufgehen. Wenn die Bürger mitspielen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,750846,00.html
Wäre interessant zu erfahren, ob und in welchem Ausmaß Short-Positionen vor dem Beben aufgebaut wurden bzw. ob es ungewöhnlich hohes Put/Call-Ratio bestand.
diefreiheitdermeinung 14.03.2011
5. "Wenn die Bürger mitspielen"
nun ja, waeren die Japaner Deutsche, wuerden sie wahrscheinlich nicht mitspielen, denn Stolz auf und Opfer fuer die Nation die gibt es in Deutschland seit einiger Zeit nicht mehr. Aber weil Japaner, Japaner sind und in der Not zusammenhalten werden die Buerger dort - trotz Unkenrufen aus dem (befreundeten?) Ausland - wahrscheinlich mitspielen. Sehr zum Aerger jener, denen ein Untergang Japan's so recht ins Konzept passen wuerde.
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