Geldwäscheskandal bei Online-Bezahlsystem Das Sechs-Milliarden-Dollar-Ding

Kriminelle Kunden in aller Welt wickelten bei Liberty Reserve ihre schmutzigen Geschäfte ab: Die US-Justiz hat den bislang wohl größten Geldwäscheskandal aufgedeckt. Cyber-Betrüger sollen über das Online-Bezahlsystem mehr als sechs Milliarden Dollar versteckt haben. Es funktionierte verblüffend einfach.

Von , New York


Die Razzia verlief diskret. Das Tor der Wohnanlage "Las Terrazas" öffnete sich lautlos, ließ die Polizeiwagen durch und schloss sich lautlos wieder. Als später ein Team des TV-Senders Teletica anrückte, war alles vorbei. Reporter Wilberth Hernández konnte nur noch die Beschlagnahme diverser Luxusgüter vermelden - darunter zwei Rolls-Royce und ein Jaguar im Wert von einer halben Million Dollar.

Doch es ging um viel mehr als feine Karossen. Die Szene in Santa Ana, einem Vorort der costa-ricanischen Hauptstadt San José, war Teil einer globalen Großaktion, mit der die Justiz den wohl größten Geldwäschefall aller Zeiten aufdeckte. Dessen gigantisches Ausmaß verkündete US-Staatsanwalt Preet Bharara am Dienstag in Manhattan: Es geht um mehr als sechs Milliarden Dollar.

Arthur B., der mutmaßliche Bandenchef und Besitzer des Anwesens in "Las Terrazas", ging den Fahndern unterdessen ganz woanders ins Netz - auf dem Flughafen Madrid-Bajaras, als er gerade auf dem Weg von Marokko nach Costa Rica umsteigen wollte.

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Fotostrecke: Geldwäsche in Costa Rica
Costa Rica, Marokko, Spanien: Diese exotischen Adressen sind nach Darstellung der Justiz nur die Spitze des Eisbergs. Auf fast zwei Dutzend Staaten habe sich das Komplott erstreckt. Dessen wahre Lokalität aber sei virtuell - im Internet.

Im Mittelpunkt steht Liberty Reserve (LR), "eine der gängigsten Digitalwährungen der Welt", so die Anklageschrift gegen B., 39, und sechs mutmaßliche Komplizen, von denen zwei noch flüchtig sind. Das von dem gebürtigen Ukrainer mitbegründete Online-Bezahlsystem sei, trotz legitimer Kunden, nichts als ein kriminelles Unterfangen - quasi die Hausbank der internationalen Gaunerszene.

Ein Konto für "Joe Schwindler"

"LR ist zu einem der wesentlichsten Hilfsmittel geworden, mit dem Cyber-Kriminelle in aller Welt die Erträge ihrer illegalen Aktivitäten streuen, lagern und reinwaschen", erklärte Bharara. Etwa Kinderpornografen, Computerhacker, Kreditkartenschwindler, Investmentbetrüger, Identitätsdiebe und Drogenhändler.

Bharara, der von Top-Beamten mehrerer US-Justizbehörden flankiert wurde, sprach vom "Wilden Westen des illegalen Internet-Bankings". Der Fall markiere den Beginn des "Cyber-Zeitalters der Geldwäsche", sagte Richard Weber, der Chefermittler des US-Steueramts IRS: "Würde Al Capone heute leben, würde er so sein Geld verstecken."

Die Zahlen sind in der Tat beeindruckend: Weltweit mehr als eine Million LR-Nutzer, davon rund 200.000 in den USA; pro Jahr zwölf Millionen Finanztransaktionen über mehr als 1,4 Milliarden Dollar; insgesamt rund 55 Millionen Transaktionen von 2006 bis Mai 2013, mit "kriminellen Gesamterträgen von mehr als sechs Milliarden Dollar".

Wie funktionierte das Ganze? Wer Geld über LR abwickeln wollte, musste demnach nur Name, Adresse und Geburtsdatum nennen - ohne jegliche Prüfung. Eine E-Mail-Adresse habe gereicht. Über ein komplexes System aus "mehrfachen Schichten der Anonymität" sei die Herkunft der Gelder dann verschleiert worden. B. und seine mutmaßlichen Komplizen hätten derweil saftige Gebühren abgesahnt.

Manche Kunden hätten sogar ganz offen "kriminelle Spitznamen" angegeben, etwa "Russland-Hacker". Ein Undercover-Agent habe ohne Probleme ein Konto unter "Joe Schwindler" einrichten können, Verwendungszweck: "Für Kokain."

Erste virtuelle "Cloud"-Durchsuchung

Insider hatten die Anklage spätestens seit Donnerstag erwartet. Da wurde LR vom Netz genommen. Tags darauf erfolgten die Razzien und Festnahmen.

Zugleich froren die Behörden 45 Konten in 17 Ländern ein. Betroffen sind unter anderem Banken in den USA, Costa Rica, Russland, Hongkong, Marokko, Spanien, Zypern, Litauen, den Niederlanden, Kanada, der Schweiz, Schweden, Norwegen und Luxemburg.

B. und K. waren 2006 in New York wegen ähnlicher Vorwürfe schon einmal zu fünf Jahren Bewährung verurteilt worden. Daraufhin seien sie nach Costa Rica geflohen und hätten LR gegründet. 2011 sei B. ganz "in den Untergrund gegangen".

Zur gleichen Zeit, im Herbst 2011, begannen die US-Ermittlungen. Bharara lobte die "beispiellose internationale Kooperation": Die Fahnder hätten weltweit Dutzende Telefone abgehört, Hunderttausende Dokumente gesichtet und eine der ersten virtuellen "Cloud"-Durchsuchungen abgewickelt. Eine Spur zu LR tauchte auch bei der Aushebung des Räubernetzwerks auf, das kürzlich über Geldautomaten weltweit 45 Millionen Dollar gestohlen hatte.

Legitime LR-Kunden reagierten betroffen. Das Online-Bezahlunternehmen ePay-Cards klagte, wegen der Schließung von LR sei ihm der Zugang zu 28.000 Dollar versperrt. "Es ist ironisch", sagte Mitbegründer Mitchell Rosetti auf CNN: Bei LR habe er nie eine betrügerische Transaktion bemerkt - bei PayPal dagegen oft.



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insgesamt 96 Beiträge
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Seite 1
Regulisssima 29.05.2013
1. heisse Luft
Ohne Nachweis des Wissens der Beschuldigten um die kriminelle Natur einzelner Transaktionen, wird es schwerlich gelingen, einen objektiven Richter von der Schuldhaftigkeit zu überzeugen.
studibaas 29.05.2013
2. Und nun erkläre mir man
den Unterschied zu Paypal. Ernst gemeinte Frage. Auch da findet nach meiner Erinnerung keine Legitimationsprüfung a al Ausweiskopie statt.
Geeenau 29.05.2013
3. ein witz....
Zitat von sysopAPKriminelle Kunden in aller Welt wickelten bei Liberty Reserve ihre schmutzigen Geschäfte ab: Die US-Justiz hat den bislang wohl größten Geldwäscheskandal aufgedeckt. Cyber-Betrüger sollen über das Online-Bezahlsystem mehr als sechs Milliarden Dollar versteckt haben. Es funktionierte verblüffend einfach. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/geldwaesche-skandal-um-digitales-bezahlsystem-liberty-reserve-a-902464.html
Woher nehmen die Fahnder die Gewissheit das dort mit Kinderpornographie, Menschenhandel und Drogen soviel Geld umgesetzt oder gewaschen wurde? Werden wir dafür jemals Beweise sehen? Ich glaube kaum! Und woher nehmen die Amerikaner die Zahl mit den 6 Mrd? Ist das vielleicht einfach die Gesamtsumme aller über LR abgewickelten Gelder, in den letzten 10 Jahren seines Bestehens?! Mit Sicherheit ist das so... und nicht anders! Auch ich habe/hatte dort ein Konto, auf dem noch 80 USD lagen, die nun wohl unwiederbringlich weg sind. Weil ich einem Online-Bezahldienst vertraut habe, der den Amerikanern und dem westlichen Bankenwesen nicht unterwürfig genug war!! Meine 80 USD könnt ihr dann übrigens von den 6 Mrd Geldwäsche abziehen ;) Und wahrscheinlich auch noch die 5,5 Mrd anderer Nutzer die den Dienst legal genutzt haben!
peterparca 29.05.2013
4. Armutszeugnis
Die Aktion offenbart doch nur, dass sowohl der Politik als auch dem etablierten Geldsystem Antworten auf den technologischen Fortschritt fehlen. Als nächstes werden wahrscheinlich weitere digitale Bezahlsysteme aufs Korn genommen. Spätestens bei dezentralen Systemen wie z.B. Bitcoin, wo keine zentrale Stelle zur Anklage steht, stellt sich die Frage, ob dann die Nutzer digitaler Währungen insgesamt kriminalisiert werden. Dann ist zu hoffen, dass das Thema in der Masse ankommt. Wenn plötzlich die Donuts im Simpsons Game oder das Gold in Diablo 3 nicht mehr legal sind, wacht hoffentlich auch die letzte Couchpotato auf und spürt die Fesseln des derzeitigen Finanzsystems.
frank-xps 29.05.2013
5. also 6 Mrd
Der Rest wurde also in normalen Währungen gewaschen. Diese Meldung war so klar wie Kloßbrühe. Diese 6 Mrd sind wieviel % des kriminellen Gesamtbudgets pro Jahr ? Also wird der Große Rest im Dollar, Euro oder Yen gewaschen richtig ? und mal nächste Frage, Die die unsere Währungen steuern, sind die nicht auch ein ganz kleines bischen kriminell ? Mhh je mehr ich darüber Nachdenke, je mehr glaub ich das Da Böcke Gärtnern. und das ist noch wohlwollend formuliert.
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