Generation Y und Immobilien Irgendwann kriegen sie euch alle

Ein eigenes Auto? Braucht kein Mensch, das kann man doch sharen! Pauschalreisen? Viel zu unflexibel! Doch wenn es um die eigenen vier Wände geht, werden selbst 30-Jährige zu wertkonservativen Jüngern der Bausparbranche. Warum bloß?

Bauherrenpaar mit Architektin: Generation y träumt den Traum vom Eigenheim
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Bauherrenpaar mit Architektin: Generation y träumt den Traum vom Eigenheim

Ein Essay von


Die Rente ist sicher? Bullshit! Wer junge Arbeitnehmer nach der gesetzlichen Altersvorsorge fragt, stößt auf abschätzige bis ängstliche Reaktionen. Die meisten glauben, dass sie mit ihren Rentenbeiträgen vor allem ein überkommenes System am Leben halten, statt damit für das eigene Alter vorzusorgen. Viele sind überzeugt: Wer am Ende seines gerade beginnenden Berufslebens einigermaßen sorgenfrei leben will, sollte das in den eigenen vier Wänden tun.

Laut einer Infratest-Umfrage sehen drei Viertel der 14- bis 29-Jährigen das Eigenheim als attraktive Altersvorsorge. Zugegeben, Umfragen wie diese geben meist Bausparkassen oder Versicherungen in Auftrag. Unternehmen also, die zu Gott beten müssen, dass die Ergebnisse auch wahr werden.

Doch der Traum vom Eigenheim passt sich nahtlos ein in das Bild einer jungen Generation, die sich sonntags zum "Tatort" trifft, CDU wählt, mit Ende 20 heiraten will und von einem sicheren Job im öffentlichen Dienst träumt. Dieselben Twentysomethings, die ein Auto lieber sharen als sich ein eigenes ans Bein zu binden, sind offenbar bereit, sich freudig ins folgenreichste finanzielle Abenteuer ihres Lebens zu stürzen - das Eigenheim.

Ein Widerspruch? Nicht wirklich: Aufgewachsen zwischen Terrorangst, Finanzkrise und Bologna-Reform sind die heute unter 30-Jährigen in ihrer Verunsicherung nüchtern, ja wertkonservativ geworden. Sie studieren rasch und binden sich rasch und wissen dank ihrer unzähligen Praktika recht gut, wo es beruflich für sie hingeht.

Im Vergleich zu früheren Alterskohorten nehmen sich die Selbstoptimierer von heute wenig Zeit für langwierige und kostspielige Umwege. Ihren Freiheitswillen stillen sie auf dem handelsüblichen Work-and-Travel-Trip durch Australien. Ihren Selbstzerstörungsdrang, für die Generation X noch stilprägend, ertränken sie während des Erasmus-Semesters höchst effizient in zu viel Jägermeister-Red Bull. "Nie wieder", schwören sie sich dann - und ziehen das oft genug auch durch.

Die Unsicherheit kontern die Ypsiloner mit radikaler Vernunft

Für diese vernünftige Generation Y ist die Sehnsucht nach einer Eigentumswohnung die offensichtliche Reaktion auf viele ihrer Ängste: Wo gehöre ich hin? In meine Wohnung natürlich. Explodierende Mieten? Nicht mehr mein Problem. Aktiencrash? Geschieht den Zockern ganz recht, mein Geld steckt in meinem Haus. Wer wie viele Junge das "Spießer"-Emblem mit Stolz trägt, wird auch die Jahre des Fleißes und der finanziellen Entbehrung vor dem Immobilienkauf geduldig ertragen, mit der stillen Überzeugung moralischer Rechtschaffenheit.

Da mag der saturierte Alt-68er mit Professorenpension trefflich spotten über diese braven End-Zwanziger. Doch fair ist das nicht: Die Y-er haben sich ihre Ein-Jahres-Arbeitsverträge und durch den Job erzwungenen Fernbeziehungen selten selbst ausgesucht. Ihr Neo-Biedermeier entsteht aus dem Gefühl, nach Jahren auf Wanderschaft endlich irgendwo ankommen zu wollen.

Das ist verständlich - aber ist es auch klug? Die Sirenengesänge der Bausparkassen über "Betongold" und "sichere Altersvorsorge" übertönen in manchem Kopf die berechtigten Zweifel, ob eine eigene Immobilie überhaupt zum eigenen Lebensmodell passt. Wenn Bankberater einen Bausparvertrag verkaufen, dozieren sie über Zinssätze und Ansparphasen. Die wichtigste Frage stellen sie fast nie: "Wie stellen Sie sich eigentlich ihr Leben vor?"

Für Dauer-Umzieher ist ein Haus selten die beste Idee

Gerade für die, die heute jung sind, sprechen gewichtige Gründe gegen die eigene Immobilie: Wer nur von Projekt zu Projekt arbeitet und häufig den Arbeitsort wechselt, für den kann die Wohnung in der falschen Stadt eine Last sein. Zwar kann man sie vermieten, doch nicht jeder hat Lust, Vermieter zu sein. Ein Festgeldkonto mag schlecht verzinst sein, aber es beschwert sich bestimmt nicht über ein verstopftes Klo.

Auch sollte der aktuelle Immobilienboom in vielen Städten nicht vergessen machen, dass die Deutschen weniger werden. Treffen die gängigen Prognosen ein, bekommen Berliner und Münchner Eigentümer ihre Wohnungen zwar auch in Zukunft einfach und gewinnbringend los, Hallenser und Holzmindener aber wohl oft nur noch zu Kampfpreisen.

Vielleicht freuen sich die Bauspar-Lobbyisten aber auch zu früh über die Immobilienbegeisterung der jungen Generation. Wer einem Marktforscher von seinen ach so soliden Lebensplänen erzählt, erschafft vielleicht bloß das gewünschte Selbstbild, dem er in Wahrheit nie entspricht. Schließlich bleibt für die meisten auch die lebenslange glückliche Ehe ein Traum, ebenso wie der sichere Job im öffentlichen Dienst. Warum sollte das nicht auch für die eigene Immobilie gelten?

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insgesamt 132 Beiträge
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SpeedyGTD 07.09.2015
1. Pro und Contras
Mir fehlen im dem Artikel irgendwie die Pros. Für mich hört sich das so an als ob es etwas schlechtes wäre eine eigene Wohnung oder ein Haus zu kaufen. Gerade in Metropolregionen ist das aber eine absolut sinnvolle Investition. Ich habe mir selber mit 28 (vor 3 Jahren) ein eigenes Haus gekauft. Für das was ich dafür monatlich bezahle hätte ich vlt. eine 3 Zimmerwohnung gemietet bekommen.
dschmi87 07.09.2015
2. Ein Auto macht auch in der Stadt keinen Sinn..
Dank carsharing in den Großstädten wie bei mir in Zürich macht ein eigenes Auto kein Sinn... Wenn allein der autostellplatz 8000 €/CHF kostetnoder doe Garage gar 25 000 €/CHF Für das Geld kann 2 Jahrzehnte mein carsharing nutzen... + Anschaffungskosten Auto etc... Allein in Zürich aber auch in meiner alten Heimatstadt Ulm gibs und gabs genug carsharing Angebote... Währenddessen eine Eigentumswohnung in der Stadt Sinn ergibt... Allein die Mieten in Zürich... Jeder mit Eigentum kann froh sein das er sich diesem Wahnsinn nicht aussetzen muss
From7000islands 07.09.2015
3. Nähe zum Arbeitsplatz eine Illusion
Die meisten , mich eingeschlossen, können nicht immer dort arbeiten, wo sie wohnen. Man sollte im Umkreis von 100 km einer Metropole einen schönen Platz zum Eigenheim finden. Der Rest mit der Arbeit ist Glückssache. Die wenigsten sind arrivierte Ärzte, Anwälte, Geschäftsinhaber, die 30 Jahre an einem Ort arbeiten können.
diefreiheitdermeinung 07.09.2015
4. Irgendwie beschleicht mich das Gefühl
dass der Autor regelrecht sauer ist, dass die Generation die er beschreibt gar nicht so in sein Bild eines progressiven Jungbürgers mit wenig Immobilienambitionen passt. Und dann auch noch CDU Wähler womöglich. Ganz schlimm dass sich da Leute vom Wohlfahrtsstaat a la SPD und Linke verabschieden und den eigenen Lebensentwurf ganz unbeeinflusst von den 68ern durchziehen. Und auch noch dafür Sparen. Geradezu Teufelszeug. Ja, das hat schon etwas Beunruhigendes für die Befürworter des sozialen Wohnungsbaus für Alle.
grisi1 07.09.2015
5. es gibt 2 Wege..
entweder ich miete, dann bin ich etwas flexibler aber die Kohle für die Miete ist vernichtet, oder ich kaufe, dann leidet die Flexibilität aber am Schluss hat man eine Immobilie, in der man wohnen kann oder die man wieder verkaufen kann. Mit Spießertum hat das wenig zu tun, oder ist man schon ein Spießer, wenn man sein Geld/Miete nicht zum Fenster rausschmeißen möchte?
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