Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Geplante Volksabstimmung: Griechischer Premier entsetzt Europa

Die Börsenkurse stürzen ab, EU-Minister zeigen sich empört, selbst ein Euro-Aus für Griechenland ist plötzlich im Gespräch - weil die Regierung in Athen das Volk über den Rettungsplan der Europäer abstimmen lässt. Was treibt Premier Papandreou?

Regierungschef Papandreou: Neue Angst um Griechenland Zur Großansicht
AFP

Regierungschef Papandreou: Neue Angst um Griechenland

Hamburg - Was haben die Partner in Europa geschuftet, immer neue Rettungsmaßnahmen für Griechenland haben sie beschlossen, Krisengipfel um Krisengipfel abgehalten und ihre Hilfen aufgestockt. Sie haben ein erstes Rettungspaket für die pleitebedrohten Hellenen geschnürt, dann ein zweites, und zuletzt haben die Banken sogar eingewilligt, dem Land die Hälfte seiner Schulden zu erlassen.

Doch es könnte alles umsonst gewesen sein.

Am Dienstag steht Griechenlands Schicksal - mal wieder - auf Messers Schneide. Vielleicht sogar mehr denn je. Griechenlands Regierungschef hat überraschend angekündigt, die eigene Bevölkerung über das Euro-Rettungspaket abstimmen zu lassen. Nicht einmal seinen eigenen Finanzminister Evangelos Venizelos hatte er offenbar vorab in seine Pläne eingeweiht. "Venizelos hatte keine Ahnung von dem Referendum", sagte ein griechischer Regierungsvertreter.

Papandreou nennt die anvisierte Volksabstimmung einen "demokratischen und höchst patriotischen Schritt". Doch es gibt Grund zur Befürchtung, dass die Mehrheit der Befragten mit "Nein" stimmen würde, "Oxi" sagen wird zu den immer drakonischeren Sparmaßnahmen, die das Land als Gegenleistung für die immer neuen Rettungsmilliarden versprechen soll.

Experten und Analysten in ganz Europa verteufeln Papandreous Vorstoß. "Das gesamte Rettungspaket steht nun wieder in Frage", schreibt Commerzbank-Zinsstratege Benjamin Schroeder in einem Kommentar. Von "Selbstmord" spricht Folker Hellmeyer, Chef-Analyst der Bremer Landesbank. Und Commerzbank-Experte Christoph Weil fürchtet die griechische Staatspleite. Die Geduld der Staatengemeinschaft sei "langsam aufgebraucht", sagt er. Wenn Griechenland die beschlossenen Reformen nicht durchführt, "wird das Land kein weiteres Geld erhalten".

Das befürchtet offenbar auch der düpierte griechische Finanzminister. Am Dienstag telefonierte Venizelos laut einem Sprecher mit seinem deutschen Kollegen Wolfgang Schäuble, Josef Ackermann in seiner Eigenschaft als Chef des internationalen Bankenverbandes, EU-Währungskommissar Olli Rehn und den Missionschef des Internationalen Währungsfonds, Poul Thomsen. Ziel sei gewesen, die anstehende Überweisung der nächsten Kredittranche aus dem ersten Hilfspaket und das jüngste Rettungspaket als gesamtes zu retten.

Dax rutscht massiv ins Minus

Auch die politischen Reaktionen aus anderen EU-Ländern sind weitgehend negativ. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel planen ein Krisentelefonat am Mittag. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle sprach im Deutschlandfunk von einem merkwürdigen Verhalten. Es klinge so, als wolle sich Griechenland aus den Zusagen rauswinden. Es könne nicht sein, dass Griechenland nicht die eigene Misere bekämpfen wolle, aber auch auf großzügige Hilfen der Europäer hoffe.

"Es gelingt mir wirklich nicht zu verstehen, worüber Griechenland ein Referendum haben will", moniert Schwedens Außenminister Carl Bildt. Griechenland riskiere seine Mitgliedschaft in der Euro-Zone, sagt der finnische Europaminister Alexander Stubb. Die britische Regierung warnt vor einem Scheitern der Griechenland-Rettung. Die Opposition in Athen fordert vorgezogene Neuwahlen.

Die Märkte reagieren nicht minder nervös. Der deutsche Leitindex Dax Chart zeigen lag am Vormittag bis zu vier Prozent im Minus; dabei war er schon am Vortag um mehr als drei Prozent eingebrochen. Die Aktie der Commerzbank Chart zeigen stürzte zeitweise um mehr als zehn Prozent ab. Papiere der Deutschen Bank Chart zeigen brachen zum Teil um fast acht Prozent ein, Aktien der Allianz Chart zeigen um mehr als sieben Prozent. Auch der Euro Stoxx Chart zeigen, der die 50 wichtigsten europäischen Aktienwerte abbildet, verlor am Vormittag rund 2,5 Prozent an Wert. Die Börse in Athen brach zeitweise um mehr als acht Prozent ein.

Tatsächlich will Papandreou mit dem Vorstoß seine Politik legitimieren. Denn die Sparmaßnahmen, die er der Bevölkerung zumutet, sind massiv - und höchst umstritten. Regelmäßig streiken und demonstrieren Hunderttausende Menschen gegen seine Politik, einige randalieren. Und nicht wenige fürchten, dass der Sparkurs am Ende doch nichts bringt: Denn je stärker die Einschnitte der Regierung ausfallen, desto stärker bricht auch die griechische Wirtschaft ein. In diesem Jahr dürfte sie um mehr als vier Prozent schrumpfen. Die Arbeitslosigkeit steigt, ebenso die Sozialausgaben. Fast scheint es, als verlöre die Regierung schneller Geld, als sie gegen ihre Schulden ansparen kann. Für Papandreou wird es immer schwieriger, seine Sparpolitik zu legitimieren. Das geplante Referendum deutet darauf hin, dass Athen die Schmerzgrenze für erreicht hält.

Mit der Volksabstimmung setzt der Regierungschef nun alles auf eine Karte: Er lässt das Volk entscheiden, ob es diesen Kurs noch länger mitträgt. Eines ist aber auch klar: Sollten die Griechen mit Nein stimmen, stehen sämtliche Rettungsbemühungen der europäischen Partner in Frage.

ssu/dpa/Reuters

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 573 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. .
beobachter1960 01.11.2011
Zitat von sysopDie Börsenkurse stürzen ab, EU-Minister zeigen sich empört, selbst ein Euro-Aus für Griechenland ist plötzlich im Gespräch - weil die Regierung in Athen das Volk über den Rettungsplan der Europäer abstimmen lässt. Was treibt Premier Papandreou? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,795147,00.html
Das was griechische Politiker seit Jahren tun. Er kocht sein eigenes Süppchen und such schon mal Sündenböcke. Hat den wirklich irgendjemand geglaubt die griechische Politik würde jetzt plötzlich verläßlich werden? Warum eigentlich? Jeder Tag an dem unsere Politiker versuchen die Sache mit noch mehr Geld zu retten ist ein gewonnener Tag für Griechenland. Denn er macht uns erpressbar. Wäre ich ein amerikanischer Politker würde ich sagen "zur Hölle mit ihnen". Aber als Deutscher darf ich das nicht, klar.
2. .........
DasReptil 01.11.2011
Zitat von sysopDie Börsenkurse stürzen ab, EU-Minister zeigen sich empört, selbst ein Euro-Aus für Griechenland ist plötzlich im Gespräch - weil die Regierung in Athen das Volk über den Rettungsplan der Europäer abstimmen lässt. Was treibt Premier Papandreou? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,795147,00.html
Dann kann es nur positiv für den Rest der Bevölkerung sein.
3. logischer Schritt
Hardliner 1, 01.11.2011
Zitat von sysopDie Börsenkurse stürzen ab, EU-Minister zeigen sich empört, selbst ein Euro-Aus für Griechenland ist plötzlich im Gespräch - weil die Regierung in Athen das Volk über den Rettungsplan der Europäer abstimmen lässt. Was treibt Premier Papandreou? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,795147,00.html
Dass man die griechischen Bürger über derart gravierende Einschnitte abstimmen lässt, halte ich für einen normalen, logischen Schritt. Oder soll Papandreou jahrelang mit Streiks leben?
4. Demokratie vs. Technokratie
dr.troll 01.11.2011
Demokratie ist manchmal eben lästig.
5. ***
Peter Lieser 01.11.2011
Zitat von sysopDie Börsenkurse stürzen ab, EU-Minister zeigen sich empört, selbst ein Euro-Aus für Griechenland ist plötzlich im Gespräch - weil die Regierung in Athen das Volk über den Rettungsplan der Europäer abstimmen lässt. Was treibt Premier Papandreou? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,795147,00.html
Er hat auf fallende Kurse gewettet und ist der Gewinner !
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Vote
Drohende Staatskrise

Premier Papandreou lässt die Bevölkerung über das EU-Rettungspaket abstimmen? Kann Griechenland danach noch der Euro-Zone angehören?

Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: