Flexi-System "Die gesetzliche Rente ist viel besser als ihr Ruf"

Am 1. Juli tritt der zweite Teil des Gesetzes zur Flexi-Rente in Kraft. Der Finanzmathematiker Werner Siepe rät Sparern, freiwillig Extrabeiträge in den gesetzlichen Rententopf einzuzahlen.

Ein Rentner macht sich Notizen zu seinen Ausgaben (Archivbild)
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Ein Rentner macht sich Notizen zu seinen Ausgaben (Archivbild)

Von Miriam Scharlibbe


SPIEGEL: Herr Siepe, erlebt die gesetzliche Rente gerade ein Comeback?

Siepe: Die gesetzliche Rente ist viel besser als ihr Ruf. Ich gehöre auf jeden Fall zu ihren Fans.

SPIEGEL: Aber ist sie wirklich so gut, dass man freiwillig mehr Geld einzahlen sollte, so wie es mit dem neuen Gesetz jetzt möglich ist?

Zur Person
    Finanzmathematiker Werner Siepe, 75, ist Autor mehrerer Fachbücher zum Thema Altersvorsorge und Studien für die Stiftung Warentest. In seinem aktuellen Ratgeber gibt er Tipps, wie Arbeitnehmer ihre gesetzliche Rente steigern können.

Siepe: Arbeitnehmer sollten auf jeden Fall in die gesetzliche Altersvorsorge investieren, genau das ist die Idee der Flexi-Rente. Wenn 50-Jährige jetzt freiwillig mehr Beiträge einzahlen, können sie auch ohne Abschläge vor Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze in Rente gehen. Bisher konnte man die Beiträge erst ab einem Alter von 55 Jahren aufstocken.

SPIEGEL: Und was muss man dafür investieren?

Siepe: Das sind oft fünfstellige Summen, meistens zwischen 25.000 und 70.000 Euro. Dieses Geld kann man als Einmalzahlung oder in Teilbeträgen - die sich zum weitaus größten Teil steuerlich absetzen lassen - während des aktiven Arbeitslebens einzahlen. Ob man wirklich vorzeitig in den Ruhestand geht oder nicht, kann man auch später entscheiden.

SPIEGEL: Für wen lohnt sich das Modell?

Was können wir uns im Alter noch leisten?

Siepe: Vor allem für die Mittelschicht - besonders im Vergleich zu den Angeboten der privaten Versicherungswirtschaft. Es empfiehlt sich zum Beispiel, wenn man unverhofft zu einer großen Geldsumme gekommen ist, etwa durch eine Erbschaft. Andere bekommen eine hohe Summe aus der Kapitallebensversicherung ausgezahlt, die sie jetzt in das gesetzliche System einzahlen sollten. Wichtig: Bis er in Frührente gehen kann, muss der Beitragszahler mindestens 35 Jahre versichert gewesen sein.

SPIEGEL: Provoziert die Bundesregierung damit jetzt eine neue Frühverrentungs-Welle?

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Siepe: Diese Gefahr besteht nicht. Nicht alle, die einen Antrag auf Rückkauf von Rentenabschlägen stellen, werden tatsächlich früher aufhören zu arbeiten. Zuletzt haben nur etwa 1000 Menschen im Jahr extra eingezahlt. Selbst, wenn es nach der Änderung jetzt fünf oder zehn Mal so viele werden, ist das keine Gefahr für das gesetzliche Rentensystem.



insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
bs2509 30.06.2017
1. Wer soll das bezahlen ?
Die FLEXI-Rente ist eine Mogelpackung à la Riester-Rente. Vor Altersarmut schützt dieses Konstrukt niemanden. Nach Einschätzung vieler Verbände dürfte die geplante Flexi-Rente ihr Ziel verfehlen, den flexibleren Renteneintritt für Beschäftigte attraktiver zu machen. Auch die Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV) sieht es beispielsweise als problematisch, dass die Flexi-Rente zunächst auf Basis einer Einkommensprognose gezahlt werden soll. Fällt der Hinzuverdienst höher oder niedriger aus – etwa aufgrund von Überstunden oder Änderungen der Arbeitszeit –, werden Rück- oder Nachzahlungen fällig. In der Praxis würden damit „bei nahezu allen Teilrenten nachträgliche Korrekturen erforderlich sein“, zitiert das Versicherungsjournal die Deutsche Rentenversicherung. Zudem müssten Pflege- und Krankenversicherungsbeiträge angepasst werden, wenn sich die Höhe des Hinzuverdiensts ändert. Die bittere Pille, die unerwähnt bleibt und bei den Berechnungen leicht vergessen wird: die Abschläge, die bei einer vorgezogenen Altersrente berücksichtigt werden, gelten nicht nur bis zum Erreichen der Regelaltersgrenze (= zw. 65. und 67. Lebensjahr, je nach Geburtsjahrgang), sondern für die gesamte Dauer des Rentenbezugs, auch für eine sich eventuell daran anschließende Hinterbliebenenrente.
curiosus_ 30.06.2017
2. Und?
Bis zum Schluß habe ich auf die Info gehofft was es denn nun bringt. Zumindest eine Beispielrechnung zum monatlichen Rentendelta relativ zu einer privaten Rentenversicherung sollte doch drin sein. Fehlanzeige.
OberstSL 30.06.2017
3. Und wenn...
Siepe: Diese Gefahr besteht nicht. Nicht alle, die einen Antrag auf Rückkauf von Rentenabschlägen stellen, werden tatsächlich früher aufhören zu arbeiten. >>Zuletzt haben nur etwa 1000 Menschen im Jahr extra eingezahlt.
geldstern 30.06.2017
4.
Ich sehe hier vor allem eine prima Möglichkeit sein Geldvermögen auf einen Schlag vor Hartz 4 in Sicherheit zu bringen. Denn anders als private Rentenversicherungen und Kapitalanlagen gehört das Beitragskapital in der gesetzlichen Rentenversicherung in unbegrenzter Höhe zum Schonvermögen.
grommeck 30.06.2017
5. Sehr geschickt, vom Sparkonto mit Null Zinsen in die
Rentenkasse in die ständig von der Politik gegriffen wird. Versicherungsfremde Leistungen genannt - herrlich diese Umverteilungsorgien.
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