Gesundheit Ärztepräsident verlangt Priorisierung bei Behandlungen

Neues vom Provokateur: Weil nach Ansicht von Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe zu wenig Geld im Gesundheitswesen ist, sollen Mediziner vor allem wichtige Behandlungen vornehmen. Krankenkassen und Ministerium reagieren empört.

Patient bei Arztbesuch: Lohnt die Behandlung noch?
DPA

Patient bei Arztbesuch: Lohnt die Behandlung noch?


Berlin - Zur Aufgabenbeschreibung von Ärztepräsidenten gehört es anscheinend, sich mit provokanten Äußerungen möglichst viel Widerspruch einzuhandeln. Karsten Vilmar etwa prägte 1998 in dieser Funktion den Begriff des "sozialverträglichen Frühablebens" - und heimste außer harscher Kritik damit auch den Titel als Urheber des "Unworts des Jahres" ein. Nun hat sich sein Nachfolger Jörg-Dietrich Hoppe in einem Interview mit der "Rheinischen Post" erneut mit einer umstrittenen Forderung zu Wort gemeldet: Er will die Krankenkassenleistungen einschränken - und Behandlungen nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip durchführen.

Konkret fordert Hoppe, der sein Amt nächste Woche abgeben wird, eine Priorisierung von Behandlungen nach einer Rangliste. "Wir Ärzte werden das Thema Priorisierung in die Hand nehmen, weil die Politik sich bisher geweigert hat", sagte der Ärztepräsident. Das Gesundheitswesen verfüge über zu wenig Geld, um allen Patienten jede Art von Behandlung zu versprechen. Deshalb solle von Expertengremien geklärt werden, was wichtig und was unwichtig sei. Nachrangiges würden Patienten dann selbst zahlen. Wenn sie das nicht wollten oder könnten, würden sie eben nicht behandelt.

Krankenkassen reagieren empört

Hoppe sprach in dem Interview von einer "heimlichen Rationierung", die es in der medizinischen Versorgung bereits gebe: "Das System ist unterfinanziert, und die finanziellen Engpässe müssen irgendwie im Arzt-Patienten-Verhältnis aufgefangen werden. Aber Ärzte sind nicht legitimiert zu rationieren." Das sei auch ethisch nicht vertretbar. Diese Entscheidungen müssten auf höherer Ebene getroffen werden.

Krankenkassen und das Ministerium reagierten prompt mit Ablehnung: "Das Bundesgesundheitsministerium macht sich eine Priorisierung im Gesundheitssystem nicht zu eigen", erklärte ein Sprecher, "alle Menschen müssen auch künftig Zugang zu einer hochwertigen medizinischen Versorgung haben."

Regelrecht empört zeigten sich die Krankenkassen: "Wir erwarten von den Ärzten Vorschläge, wie man die Versorgung kranker Menschen verbessert und nicht ein Konzept, nach welchen Kriterien man sie verschlechtert", erklärte ein Sprecher des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung.

Die Einnahmen der Krankenhäuser und Ärzte stiegen Jahr für Jahr, den Kliniken würden dieses Jahr mehr als 60 Milliarden Euro überwiesen, niedergelassene Ärzte erhielten im Durchschnitt ein Bruttohonorar von 165.000 Euro, von dem die Praxiskosten bereits abgezogen seien. "Es ist vor diesem Hintergrund nicht nachvollziehbar, dass der Ärztekammerpräsident von Unterfinanzierung spricht", meinte der Sprecher.

DAK-Chef fordert Abschaffung des Gesundheitsfonds

Mit einem anderen Vorschlag zur Reform des Gesundheitssystems wartet DAK-Vorstandschef Herbert Rebscher auf: Der Gesundheitsfonds und die Zusatzbeiträge sollen abgeschafft werden, die Krankenkassen im Gegenzug wieder selbst über die Höhe ihrer Beitragssätze entscheiden können, sagte der Chef der drittgrößten deutschen Krankenkasse dem "Handelsblatt".

Der Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen müsse zudem nachjustiert werden, um einen Ausgleich für die Kosten besonders teurer Patienten zu ermöglichen. Bleibe die Politik hier untätig, "sind weitere Schließungen oder Notfusionen zur Vermeidung einer Insolvenz nicht auszuschließen".

fdi/dpa/dapd



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.