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Ersatzkasse Barmer: Zusatzkosten durch Alterung werden überschätzt

Was ist der größte Kostentreiber im Gesundheitssystem? Gängige Antwort: Die Ausgaben für die medizinische Versorgung alter Menschen. Die größte Krankenkasse Barmer GEK zweifelt daran. Nur ein Minimum der jährlichen Kostensteigerung ist demnach dem demografischen Wandel geschuldet.

Patient in einer Klinik: Welche Rolle spielt die demografische Entwicklung für die Kosten? Zur Großansicht
dapd

Patient in einer Klinik: Welche Rolle spielt die demografische Entwicklung für die Kosten?

Hamburg - An diesem Donnerstag verhandeln Kassen- und Ärztevertreter über die Vergütung der Mediziner. Und pünktlich zur dieser Runde präsentiert die größte deutsche Krankenkasse eine provokante Untersuchung. Laut Barmer GEK werden die Folgen des demografischen Wandels für die Verteuerung des Gesundheitssystems deutlich überschätzt. Ihren Berechnungen zufolge seien gerade mal 18 Prozent der jährlichen Kostensteigerungen auf die alternde Bevölkerung zurückzuführen.

Die Untersuchung hat Aufregerpotential. Immerhin gilt es bislang als Binsenweisheit, dass Gesundheit vor allem deshalb teurer wird, weil die Deutschen immer älter werden. Im Schnitt sind die Ausgaben der Barmer seit 2007 um 88 Euro pro Versichertem gestiegen. Davon seien aber nur 16 Euro demografiebedingt, sagte Autor Uwe Repschläger SPIEGEL ONLINE. Er leitet bei bei der Krankenversicherung den Bereich Unternehmenssteuerung. Seiner Analyse zufolge sind andere Faktoren wichtiger: steigende Preise für Medikamente, höhere Ärztehonorare und der medizinische Fortschritt wie etwa teurere Geräte. Wie hoch der jeweilige Anteil ist, wurde nicht berechnet.

Der Chef der Barmer, Christoph Straub, nutzte die Zahlen für einen Aufruf zu mehr Sparsamkeit. "Routinemäßig begründen Ärzte und Kliniken ihre Forderungen nach Honoraraufschlägen mit der altersbedingten Zunahme von Krankheitslasten." Mehr ältere Patienten bedeuteten aber "nicht zwangsläufig mehr Behandlungsbedarf". Das Argument des demografischen Wandels werde zu sehr in den Vordergrund geschoben.

Autor Repschläger erklärt sein Vorgehen wie folgt: Zunächst habe er die Ausgaben für einzelne Basisjahre ermittelt. Diese Kosten übertrug er dann auf das Folgejahr und multiplizierte das Ergebnis mit der Alterstruktur in jenem Jahr. So habe er den Demografieeffekt isoliert. Im Klartext: Die Annahme, dass ein 50-jähriger Mann Kosten von 2100 Euro verursacht und eine 75-jährige Frau die Kasse 4300 Euro kostet, bleibt in der Simulation konstant. Dann fließt die geänderte Bevölkerungspyramide ein - alle anderen Faktoren werden dagegen eliminiert. So kommt Repschläger dann auf seinen Demografieeffekt.

Ein auf den ersten Blick einfaches Verfahren, das mit Vorsicht zu genießen ist. Ob die Angaben wirklich repräsentativ sind, müssten umfangreichere Studien ergeben. Das Interesse der Kasse liegt auf der Hand: Die Barmer versucht die Kostensteigerungen so gering wie möglich zu halten und schiebt die Schuld daran deshalb auf Faktoren, die sich beeinflussen lassen.

Misstrauisch stimmt etwa auch die Aussage, dass der Einfluss des demografischen Wandels auf die Kosten in den kommenden Jahren sogar noch geringer werde. Bis 2040 prognostiziert Repschläger lediglich eine jährliche altersbedingte Ausgabensteigerung von 11 bis 13 Euro pro Kopf. Der Höhepunkt werde bereits im kommenden Jahr erreicht.

cte

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insgesamt 62 Beiträge
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1.
muellerthomas 30.08.2012
Vermutlich wird der "Demographieeffekt sogar selbst in der Studie noch überschätzt. ---Zitat--- Die Annahme, dass ein 50-jähriger Mann Kosten von 2100 Euro verursacht und eine 75-jährige Frau die Kasse 4300 Euro kostet, bleibt in der Simulation konstant ---Zitatende--- Diese Annahme wird so nicht zutreffen, denn in 10 oder 20 Jahren wird eine durchschnittliche 75-jährige Frau gesünder sein als eine heutige durchschnittliche 75-jährige und ein 50-jähriger wird dann Kosten wie ein heute 45-jähriger verursachen. Zudem lagen die Kostensteigerungen im Gesundheitssystem schon in den vergangenen Jahren bei mickrigen 1,7% p.a., von Kostenexplosion also nicht zu sehen.
2. Wikileaks bestätigte Aussage der Barmer ...
sltgroove 30.08.2012
... Brüderle hat die Studie über "Wettbewerbsfäfigkeit" der privaten Krankenkassen in den Giftschrank verschoben . Es ging genau um diesen Punkt .
3. Kostenfaktoren
der_namenslose 30.08.2012
Es ist bequem, die Kostenexplosion auf die alternde Gesellschaft zurück zu führen. Und billig. An Kranken werden Milliarden verdient. Medikamente sind teuer - zu teuer, die Pharmafirmen erwirtschaften Milliardengewinne. Ärzte verdienen weit überdurchschnittlich - der Durschnittsarzt bekommt im Jahr 130.000 Euro für Kassenpatienten. Ohne IGEL und Privatpatienten. Zu guter Lezt leisten sich die Kassen protzige, teure Immobilien und viele gutz bezahlte Funktionäre. Die Kassen haben eine teure, ineffizeinte Verwaltungsstruktur. Da liegen die Kostenfaktoren...
4. Demographieeffekt? Es ist wohl mehr der FDP-Effekt
rodelaax 30.08.2012
Es ist wohl mehr der FDP-Effekt, steigende Gewinne für die Pharmaindustrie
5.
Klopsdrops 30.08.2012
Zitat von sltgroove... Brüderle hat die Studie über "Wettbewerbsfäfigkeit" der privaten Krankenkassen in den Giftschrank verschoben . Es ging genau um diesen Punkt .
Können Sie das irgendwie hier her verlinken? Wenn es solche Dokumente gibt, würde ich da auch gern mal näher reinschauen. Danke.
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Diabetes, Übergewicht und Depressionen: Wie gesund leben die Deutschen?

Die bisherigen Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.

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