Werkverträge: Gewerkschaft prangert "moderne Sklaverei" in Firmen an

Sie verdienen noch schlechter als Leiharbeiter und sind deshalb bei den Unternehmen begehrt: In der Ernährungsindustrie steigt laut einer Gewerkschaftsumfrage die Zahl der Beschäftigten mit Werkverträgen. Kritiker warnen vor einem "neuen Modell der Ausbeutung".

Mitarbeiter in einer Metzgerei: Schlachtbetriebe setzten seit längerem auf Werkverträge Zur Großansicht
dpa

Mitarbeiter in einer Metzgerei: Schlachtbetriebe setzten seit längerem auf Werkverträge

Berlin - Unternehmen in der Ernährungsindustrie setzen laut einer Gewerkschaftsumfrage zunehmend auf Kosteneinsparungen durch Werkverträge. Durch das Auslagern von Arbeit auf Fremdfirmen würden zunehmend Leiharbeit-Verträge verdrängt, teilte die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) unter Berufung auf eine Befragung von Betriebsräten mit. Denn Beschäftigte mit Werkverträgen verdienen demnach deutlich weniger als die Stammbelegschaft und als Leiharbeiter.

Die NGG sprach von einem neuen Modell der Ausbeutung von Arbeitnehmern, das längst etabliert sei. Vergibt ein Unternehmen einen Werkvertrag, lagert es Arbeiten an eine Fremdfirma aus, die diese dann mit ihren Beschäftigten erledigt. Der Umfrage zufolge sind in der Ernährungsindustrie bereits 57 Prozent der Arbeitnehmer, die nicht zur Stammbelegschaft gehören, per Werkvertrag beschäftigt. 2010 waren es demnach noch 47 Prozent. Im vergangenen Jahr habe sich das Verhältnis von Leiharbeitern zu Werkvertrag-Arbeitern gedreht.

Bereits seit längerem seien Werkverträge aus Schlachtbetrieben bekannt, hieß es in der NGG-Studie. Laut der Umfrage werden inzwischen in Brauereien und bei Herstellern von Erfrischungsgetränken mehr Werkvertrag-Arbeiter als Leiharbeiter eingesetzt. Sie übernehmen verstärkt Helfertätigkeiten wie das Sortieren von Leergut, Stapler fahren oder Reinigungsarbeiten. Auch in Molkereien und Bäckereien nehme die Zahl der Werkvertrag-Arbeiter zu. Überwiegend handle es sich um Arbeitskräfte aus Osteuropa, in der Getränkeindustrie vor allem aus Litauen.

Laut NGG verdienen Beschäftigte mit Werkverträgen im Schnitt fast sechs Euro weniger pro Stunde als die Stammbelegschaft und durchschnittlich rund 80 Cent weniger als Leiharbeitnehmer. Befragte Betriebsräte sprachen in der Erhebung sogar von "moderner Sklaverei".

Firmen suchen nach neuen Schlupflöchern

Grund für den Anstieg der Werkverträge sei die stärkere Regulierung der Leiharbeit, erklärte die NGG. Die Bundesregierung hatte eine Lohnuntergrenze für Leiharbeit eingeführt. Werkverträge seien daher "das neue Geschäftsmodell, um Menschen noch billiger in unsichere Jobs an den Rand der Belegschaften zu drängen", erklärte der stellvertretende NGG-Vorsitzende Claus-Harald Güster. Die Regierung müsse dies mit der Einführung eines allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns unterbinden, der sowohl für Werkvertrag-Arbeitnehmer, Leiharbeiter oder Stammbelegschaften gelte.

Für Werkverträge gebe es keine Meldepflicht. Deshalb gebe es auch keine Daten darüber, dass diese Form der Beschäftigung nicht nur in der Lebensmittelwirtschaft, sondern in allen Branchen der Industrie zugenommen habe. Um an Daten zu gelangen, befragte die NGG von Anfang Januar bis Ende Februar fast 400 Betriebsräte, die rund 90.000 Mitarbeiter in Brauereien, Molkereien, Bäckereien oder Brotfabriken repräsentieren und damit rund ein Sechstel aller in der Branche Beschäftigten.

mmq/AFP/dapd

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Gut so Spiegel online
sukowsky 02.04.2012
Zitat von sysopSie verdienen noch schlechter als Leiharbeiter und sind deshalb bei den Unternehmen begehrt: In der Ernährungsindustrie steigt laut einer Gewerkschaftsumfrage die Zahl der Beschäftigten mit Werkverträgen. Kritiker warnen vor einem "neuen Modell der Ausbeutung". Werkverträge: Gewerkschaft prangert "moderne Sklaverei" in*Firmen*an - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,825319,00.html)
Gut so Spiegel online! Nur so kommt die moderne Ausbeutung ans Tageslicht.
2. "In der Ernährungsindustrie"
hartholz365 02.04.2012
Bei Daimler weiss nicht mal der Betriebsrat wieviele Billigarbeiter per Werkvertrag beschäftigt sind, die Infos werden einfach zurückgehalten. Diese Werkvertragspest betrifft alle Branchen.
3. Fakultäten
havau60 02.04.2012
wie Jura (Arbeitsrecht), BWL (Gewinnmaximierung) an unseren Universitäten tragen zu solchen Entwicklungen bei, da in diesen Disziplinen Humanität nicht existent ist bzw. gelehrt wird. Dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn in diesen Unternehmensebenen nur an Arbeits(Menschen)-Ressourcen ausnutzen/ausbeuten gedacht wird. Frei nach dem Motto "Unterm Strich zähl ich/mein Erfolg" Hauptsache ich komme weiter auf dem Rücken der anderen.
4.
Xenocow 02.04.2012
Ach und das fällt den Jungs in der NGG jetzt erst auf? Arbeiten in Deutschland lohnt sich schon lange nicht mehr. 40 Std/Woche Malochen gehen, und dann noch aufstocken müssen durchs Amt. Ist doch ein Trauerspiel. Aber immer fleissig die CDU weiter wählen, die setzen alles auf die sogenannten Minijobs, weil solche Leute aus der Arbeitslosen-Statistik fallen. Oder besser noch, wählt die SPD...Hartz4 v2.0 inc.
5. Wissen Sie ueberhaupt,
AndyDaWiz 02.04.2012
Zitat von sukowskyGut so Spiegel online! Nur so kommt die moderne Ausbeutung ans Tageslicht.
was ein Werkvertrag ist ? Wenn Sie nicht nach Anwesenheit, sondern nach Leistung bezahlt werden. Gegenbeispiel: Sie kommen zum Fleischer, der beraet Sie 3 Minuten und nimmt Ihnen dann fuer 500g Wurst das Geld ab. Sie stellen fest, dass es nur 300g sind. Der Fleischer sagt, Sie wurden aber exakt 3 Minuten beraten. Wieviel Wurst Sie dafuer bekommen, sei Glueckssache und Sie koennten ja wegbleiben, wenn Ihnen das nicht passt. Aber Sie sollten aufpassen, dass Ihnen die Gewerkschaft der Fleishcverkaeufer nicht demnaechst nur noch 250g Wurst fuer 3 Minuten Beratung gibt, wenn Sie zuviel Krach machen. Merken Sie was ? Jede Leistung, die Sie kaufen, ist defacto ein Werkvertrag oder eben eine Warenlieferung. Mit Dienstvertraegen wollen Sie nix zu tun haben, wetten ? Ist also nur fair. Allerdings sollte die Bezahlung angemessen sein. DAS aber hat nix mit Werkvertraegen zu tun. Aber Werkvertraege machen Gewerkschaften ueberfluessig....
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