S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Fluch der Eitelkeit

Eigentlich sollte Athens Finanzminister Giannis Varoufakis Sympathien für sein Land sammeln - die braucht es nämlich dringend. Doch mit überheblichen und ungeschickten Auftritten erreicht er das Gegenteil.

Eine Kolumne von


Hat Giannis Varoufakis jetzt Probleme wegen eines Stinkefingers? Ein YouTube-Video, gezeigt bei TV-Talker Günther Jauch, sorgt derzeit für intensive Debatten. Varoufakis bleibt dabei: Der Film, in dem er die obszöne Geste zeigt, "wurde gefälscht". Doch manche Fakten sprechen für die Echtheit der Sequenz.

Hat Varoufakis also gelogen? Zu Hause in Griechenland könnte ihm das eventuell sogar zum Vorteil gereichen. Ich kenne Varoufakis schon seit ein paar Jahren. Wir sind uns in Berlin begegnet, vor ein paar Jahren während einer Diskussion zur Eurokrise. Trotz einiger Unterschiede in der Sichtweise habe ich stets die Schärfe seiner Argumente bewundert. Er schrieb auch gelegentlich als Gastautor auf meiner Website.

Als seine Syriza im Januar die Wahl gewann, hatte es den Anschein, als sei Varoufakis etwas gelungen, was Ökonomen normalerweise versagt bleibt: ein erfolgreicher Wechsel von der Wissenschaft in die Politik. Der einzige mir bekannte erfolgreiche Ökonom in der Politik ist der fiktionale Charakter des amerikanischen Präsidenten in der US-Fernsehserie "The West Wing".

In der Realität gibt es solche Figuren nicht. Ludwig Erhard ist als Kanzler gescheitert. Der Amerikaner Larry Summers stammt aus einer Familie bedeutender Ökonomen. Wie zwei seiner Onkel hätte er auch das Zeug für einen Wirtschaftsnobelpreis gehabt, aber es zog ihn in die Politik. Die von ihm als Finanzminister durchgesetzte Lockerung der Finanzmarktregeln gilt übrigens als eine der Ursachen der Finanzkrise.

Ungeschickte Diplomatie isoliert Griechenland politisch

Varoufakis spielte nie in der wissenschaftlichen Liga von Summers. Er hat sich selbst immer als zweitklassigen Ökonomen bezeichnet. Jetzt zeigt sich: Möglicherweise ist er nur ein drittklassiger Politiker.

Varoufakis bei Jauch: Rückkehr der Eitelkeit
NDR

Varoufakis bei Jauch: Rückkehr der Eitelkeit

Ich ahnte nichts Gutes, als Varoufakis kurz nach seinem Amtsantritt zunächst den britischen Schatzkanzler besuchte, noch bevor er sich mit Wolfgang Schäuble in Berlin zusammensetzte. Oder als er Griechenland als bankrott bezeichnete. Oder als er in Paris eine anti-deutsche Allianz schmieden wollte, was die Franzosen natürlich nicht zuließen.

In den Wochen danach schien sich Varoufakis etwas gefangen zu haben. Es folgten eine Reihe sachlicher Auftritte - in Berlin mit Schäuble, dann in Brüssel bei den Verhandlungen zur Verlängerung des Hilfsprogramms.

An diesem Wochenende kam dann der alte, eitle Varoufakis wieder zum Vorschein. Er outete sich als Champagner-Sozialist in "Paris Match" und während seines Auftritts in der Villa d'Este, einem der teuersten Hotels der Welt am Comer See. Dort trifft sich Italiens Elite regelmäßig zu einem Austausch über die Lage im Lande und der Welt. Das sogenannte Ambrosetti-Forum ist so dekadent wie das World Economic Forum in Davos. Es sind die Zirkel einer auf die Welt herabblickenden Elite. Nicht nur Linke täten gut daran, sich von solchen Foren fernzuhalten.

Bei Jauch hat Varoufakis nun die Authentizität eines Videos bestritten, auf dem er Deutschland seinen Stinkefinger zeigte. Er hätte doch einfach sagen können, dass er früher Positionen vertreten hat, die er heute als Minister nicht mehr vertritt. Und er hätte auch Griechenlands Schwierigkeiten nicht als kleines Liquiditätsproblem darstellen sollen. Jetzt sind wir nämlich alle verwirrt. Hat er nicht vor ein paar Wochen erst gesagt, Griechenland sei pleite?

Ich habe keine Ahnung, ob Varoufakis die kommenden Tage politisch überlebt. Wichtiger ist die Zukunft seines Landes, vor allem die Mitgliedschaft im Euroraum. Es sieht immer mehr nach einem Grexit aus.

Ich hatte immer gedacht, Varoufakis Aufgabe bestünde darin, Sympathien für Griechenland zu gewinnen, die es im Falle eines Grexits dringend braucht. Durch seine ungeschickte Diplomatie hat er dazu beigetragen, dass Griechenland im Euroraum politisch isoliert ist. Er hat erreicht, dass in der öffentlichen Darstellung nicht Deutschland als Verursacher des Grexits dasteht, sondern Griechenland selbst.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Immanuel_Goldstein 16.03.2015
1.
Varoufakis ist zweifellos eine politische Fehlbesetzung, aber andererseits gibt es davon ja auch bei uns nicht gerade wenige. Wozu also den Stab über ihn brechen. Er wird am System nichts ändern und der Job wird ihn persönlich reich machen. Alles andere wird ihn nicht interessieren.
Leser161 16.03.2015
2. Hauptsache Euro
Ob mit oder ohne Griechenland ist mir egal. Ein kleinerer Euroraum kann dabei von Vorteil sein. Meines Erachtens ist es schon ein historischer Schritt, dass die Nachfahren von Karl dem Großen sich wieder grün sind.
anton_otto 16.03.2015
3.
Der Verursacher eines möglichen Grexit wäre so oder so Griechenland. Aber durch sein authentisches Auftreten nimmt Varoufakis jeglichem Herumlügen daran die Grundlage. Bei ähnlichen Gelegenheiten wird gern behauptet, jedes Volk bekomme die Regierung, die es verdient. Hier stimmt es dann sogar einmal.
Inselbewohner, 16.03.2015
4. Fluch der Eitelkeit?
Der Mann hat ein starkes Ego und das steht ihm wohl öfters im Weg. Ihm aber mangelnde Kentnisse der Ökomomie zu unterstellen wird ihm nicht gerecht. Er spricht eine derbe Sprache und handhabt sie wie ein Breitschwert wo doch Politiker das Florett bevorzugen. Das ist für die sie völlig neu und so verstehen sie ihn nicht. Ich weis nicht ob ich ihn gut oder schlecht finden soll. Die Schlammschlacht um ihn finde ich jedenfalls nicht gut aber eine gute Ablenkung von den eigentlichen Problemen. Gruß HP
brunoswelt 16.03.2015
5. V kämpft für sein Volk - das ist seine Aufgabe
Varoufakis hält nichts vom existierenden System, möchte es erklärtermaßen abschaffen. Das ist OK so, da hat niemand etwas dagegen. Auch daß das griechische Volk ihn dabei unterstützt und mehrheitlich seine Partei wählt und bei aktuellen Umfragen hohe Zustimmung erhält. Aber es ist fremdes Geld dafür notwendig. Er will weiter von anderen alimentiert werden, zeigt uns aber den Stinkefinger. Das hat der „Focus“ vor ein paar Jahren schon ganz richtig dargestellt: GR zeigt seinen Gläubigern den Stinkefinger. Nichts anderes bedeutet, wenn sie sagen, wir brauchen Euer Geld, werden es aber nicht zurückzahlen und lassen uns auch nicht reinreden, wie wir das ausgeben. V kann es versuchen - er wird sich kugeln, wenn andere sich darauf einlassen. Die guten Europäer. lol
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