Gier an den Märkten: Casino-Kapitalismus feiert Comeback

Von , Frankfurt am Main

Die Gier ist zurück: An der Wall Street werden Rekordvergütungen ausgezahlt, in Europa klagen Investmentbanker zu Dutzenden ihre Boni für das Katastrophenjahr 2008 ein. In den Geldinstituten werden den Kunden hemmungslos Zertifikate aufgeschwatzt - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben.

Börsianer an der Wall Street: In den USA herrscht Hochstimmung an den Börsen Zur Großansicht
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Börsianer an der Wall Street: In den USA herrscht Hochstimmung an den Börsen

Die dunklen Zeiten sind vergessen, bei den Investmentbankern ist wieder Partystimmung angesagt. Vor allem dank ihrer blühenden Geschäfte mit Währungen, Rohstoffen, Anleihen kann so manche Bank schon wieder satte Gewinne verbuchen. Goldman Sachs etwa brachte es auf 3,2 Milliarden Dollar Gewinn in nur drei Monaten. Rivale JP Morgan Chase machte sogar 3,6 Milliarden Dollar im abgelaufenen Quartal. Auch der Deutschen Bank prognostizieren Experten eine rosige Bilanz für die Monate Juni bis September.

Damit dürfen die kurzzeitig in Misskredit geratenen Investmentbanker am Ende des Jahres wieder mit satten Boni rechnen. Man müsse ja "fair sein" zu den Jungs, findet Goldman-Finanzchef David Viniar. "Sie haben einen guten Job gemacht." Das "Wall Street Journal" rechnet deshalb mit einem neuen Rekordjahr für die Branche. Auf bis zu 140 Milliarden Dollar Gehalt und Sonderzahlung dürfen sich die Mitarbeiter der 23 wichtigsten US-Finanzinstitute Berechnungen der Zeitung zufolge freuen. Das wären zehn Milliarden Dollar mehr als 2007. Den absoluten Rekord stellte damals Goldman-Chef Lloyd Blankfein selbst auf - er sackte unglaubliche 67 Millionen Dollar ein.

Die Bemühungen der Politik, die Gier in der Branche zu zügeln, wirken angesichts solcher Zahlen reichlich verzweifelt. Zwar sind die Extrazahlungen in vielen Banken der Welt inzwischen stärker vom Erfolg des Unternehmens abhängig als früher. An den absurden Summen, die in der Branche gezahlt werden, ändert das freilich nichts. Auch in Europa lässt man sich nicht lumpen. "Banking ist ein Peoples Business", sagt Deutsche-Bank-Chef Ackermann kühl im SPIEGEL-Interview: "Wenn Sie zu den Besten gehören wollen, müssen Sie die Besten haben. Und dafür müssen Sie bezahlen, was der Markt verlangt."

Das Casino ist offensichtlich wieder eröffnet. Während die Welt nach den Beben auf den Finanzmärkten noch mit den Aufräumarbeiten beschäftigt ist, widmen sich die Protagonisten der Finanzwelt schon wieder ihren gefährlichen Geschäften.

Ohne das eigene Handeln zu hinterfragen.

Einsicht, dass für den Zusammenbruch eines Systems viele Einzelne ihre Beiträge leisten? Fehlanzeige. Die Elite der Finanzwelt schiebt die Verantwortung von sich. Von persönlichen Fehlern wollen die Wenigsten sprechen. Wenn jemand Schuld trägt, dann immer die anderen.

Schuld sind immer die anderen

Geschätzte 15 Billionen Dollar hat die Finanzkrise die Welt an Wohlstand Schätzungen zufolge gekostet. Ganze Staaten standen kurz vor der Pleite. Regierungen haben Hunderte Milliarden in die Wirtschaft gepumpt, um das Schlimmste zu verhindern. Die Finanzströme in die Entwicklungsländer sind so gut wie versiegt, die Industrienationen kämpfen gegen Insolvenzwellen und Massenarbeitslosigkeit.

Natürlich demonstrieren auch Bankmanager mit schöner Regelmäßigkeit Nachdenklichkeit, erklären mehr oder minder offen, dass Gier, völlige Verantwortungslosigkeit und eine unfassbare Zockerei mit schwindelerregenden Summen an den globalen Finanzmärkten zu der Katastrophe führten. Doch von der eigenen Habsucht redet niemand.

Goldman-Sachs-Chef Blankfein etwa spricht im SPIEGEL-Interview die Führungsriege seines Geldinstituts mit wenigen Worten frei vom Verdacht, sich persönlich bereichern zu wollen. "Nach ihrem Ausscheiden wechseln viele zu wohltätigen Organisationen oder auch in politische Ämter mit wesentlich geringeren finanziellen Anreizen. Diese Eigenschaften verbinde ich nicht mit dem Wort 'Gier'", lautet die überraschende Begründung.

Und nicht nur in den Führungsetagen waschen die Manager ihre Hände in Unschuld. Auch ein paar Hierarchiestufen weiter unten sind viele Banker von der eigenen Lauterkeit überzeugt. "Fakt ist doch", sagt etwa ein ehemaliger Lehman-Mitarbeiter, der eine leitende Funktion innehatte, "acht Leute haben eine Einrichtung ruiniert, in der mehr als 20.000 Mitarbeiter gute Arbeit gemacht und Geld verdient haben".

Investmentbanker klagen zu Dutzenden Boni ein

Auch viele ehemalige Investmentbanker der Dresdner Bank scheinen der festen Überzeugung zu sein, einfach immer nur ihren Job gemacht zu haben. Jens-Peter Neumann, der frühere Leiter des Kapitalmarktgeschäftes etwa, hat sich am Donnerstag vom neuen Bank-Eigner Commerzbank eine Abfindung von 1,5 Millionen Euro erklagt. Dabei hat er für 2008 schon einen Bonus von drei Millionen Euro eingestrichen - während sein Geschäftsbereich 5,7 Milliarden Euro Verlust produzierte. Insgesamt belief sich das Minus bei der Dresdner-Investmentbanktochter Kleinwort auf mehr als 6,2 Milliarden Euro.

Die haarsträubende Bilanz hält aber auch zahlreiche ehemalige Kollegen Neumanns nicht davon ab, noch Geld zu fordern von der Commerzbank. Und damit indirekt auch vom Steuerzahler, denn immerhin gehört die Bank mittlerweile zu einem Viertel dem Staat. Zu Dutzenden ziehen die ehemaligen Kleinwort-Mitarbeiter dennoch vor Gericht. Ausgelöst hat die aktuelle Klagewelle ein Urteil aus London. Der High Court sprach im Sommer vier Ex-Kleinwort-Managern Garantieprämien von zehn Millionen Euro zu.

Auch die Politik hat versagt

In den Finanzhäusern der Welt ist man derweil längst wieder zum Alltag zurückgekehrt. Die Geldinstitute, die das Desaster weitgehend unbeschadet überlebt haben, machen sogar ziemlich gute Gewinne mit der Krise. Sie profitieren vom Geschäft mit Staats- und Unternehmensanleihen und von dem Niedrigzinsgeld, mit dem die Notenbanken die Märkte überschwemmen. Weitergegeben an die Kunden werden die günstigen Bedingungen freilich kaum.

Auch in den Bankfilialen ist man schnell zu alten Sitten zurückgekehrt. In Deutschland etwa klagen Berater und Verbraucherschützer über den nach wie vor hohen Verkaufsdruck, unter dem die Kundenbetreuer stehen. Schon werden ahnungslosen Anlegern wieder eifrig Zertifikate angedreht, also Wetten auf alle möglichen Preis- und Marktentwicklungen, die selbst Fachleute oft nur mit Mühe verstehen. In nur drei Monaten stieg das Marktvolumen der Zockerpapiere von 80 Milliarden auf 89 Milliarden Euro.

Die neuen Regeln der Politik versucht die Branche auf allen Ebenen zu umgehen so gut es geht. Ein globales Schuldenregister für die Finanzwelt wurde genauso vehement bekämpft wie allzu harte Beratungsregeln für deutsche Kunden. So machte es die Bundesregierung zwar für die Banken zur Pflicht, Anlegern nach einem Gespräch mit dem Kundenbetreuer ein Beratungsprotokoll auszuhändigen. Auf gemeinsame Standards, wie die Dokumente auszusehen haben, wollten sich die Geldinstitute der "Financial Times Deutschland" zufolge aber zunächst nicht einigen.

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat schon im August gewarnt, es drohe die Rückkehr zum "Casino-Kapitalismus". Mancher Manager habe einfach "den Knall nicht gehört", erklärte der SPD-Politiker.

Aber auch die Politik hat versäumt, im richtigen Moment hart durchzugreifen - als der Schreck allen Beteiligten noch in den Knochen saß. Die Bemühungen zur Regulierung der Finanzmärkte vor allem auf globaler Ebene sind seitdem ins Stocken geraten, viele Initiativen drohen zu versanden.

Der "zentrale Orientierungspunkt" einer Bank sei der Gewinn, sagt Josef Ackermann. Aus seiner Sicht ist das verständlich, denn Ackermann ist Geschäftsmann. Die Politik hat es verpasst, ihm und seinen Kollegen genügend Grenzen zu setzen.

Zyniker sagen: Dafür war die Finanzkrise einfach noch nicht schlimm genug.

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insgesamt 7275 Beiträge
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1.
jinky, 08.07.2009
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Sie hätten umsteuern müssen bzw. man hätte sie zu einem Umsteuern zwingen müssen.
2.
Pinarello, 08.07.2009
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Warum sollten diese Gangster umsteuern? Jetzt gibt es doch unbegrenzten Kredit vom Staat der auch noch gleich die Verluste übernimmt! Also dann, warten halt bis zur nächsten Krise, die natürlich weit weit schlimmer werden wird, aber warum sollten denn die Politiker ausgerechnet gegen die Leute was unternehmen, von denen sie bezahlt werden und von denen sie ihre Befehle empfangen, hat doch dieses Mal ausgezeichent geklappt, die Folgen dieses Finanzverbrechens dem arbeitenden Bürger und Steuerzahler in die Schuhe zuschieben, genau so stellt sich die Finanzelite doch die Weltherrschaft vor.
3.
schensu 08.07.2009
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Pah, als ob da unsere Meinung zählte! Das Ganze ist ein Selbstläufer, abgehoben von bekannten Realitäten zum Nutzen Weniger und ggf. Schaden Vieler. Ich brauch die jedenfalls mal gar nich.
4. Die Banken kehren zum gewohnten Geschäft zurück...
Schelm-77 08.07.2009
Am effektivsten läßt sich die Geldgier der Banker stoppen indem man sie einfach weitermachen läßt. Der nächste Crash wird einen frischen Wind durch die meist hohlen Köpfe der Finanzgenies pusten. Einen neuen weltweiten Rettungsfonds wird es dann mit Sicherheit auch nicht mehr geben. Der normalen Anleger sollte sein Geld allerdings vorher in Sicherheit bringen und in Edelmetalle, Edelsteine oder Immonbilien investieren. Im Zweifelsfalls tut es übergangsweise auch der bewährte Sparstrumpf. Den Banken geht es in erster Linie um ihr eigenes Wohl, dementsprechend sollte auch jeder Bürger erst einmal an sich selbst denken und ein erhöhtes Mißtrauen in Sachen Finanzwirtschaft aufbauen.
5.
THM, 08.07.2009
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Noch erstaunlicher als die Unfähigkeit dieser Branche ist deren dreiste Gier.
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