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Gipfel-Protokoll: So verlief die dramatische Nacht in Brüssel

Es war ein stundenlanges Feilschen um Prozente, Sitzung folgte auf Sitzung: Der Krisengipfel zur Euro-Rettung verlangte den Teilnehmern alles ab. Sichtlich mitgenommen traten Merkel, Sarkozy und Co. erst am frühen Morgen vor die Kameras. Lesen Sie die Ereignisse der Nacht im Protokoll nach.

Kanzlerin Merkel, Präsident Sarkozy (2.v.r.): Stundenlange Verhandlungen in Brüssel Zur Großansicht
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Kanzlerin Merkel, Präsident Sarkozy (2.v.r.): Stundenlange Verhandlungen in Brüssel

Brüssel - Als Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy um 4.30 Uhr vor die Mikrofone treten, sind ihnen die Strapazen deutlich anzusehen. Immer neu war verhandelt, in wechselnden Kombinationen um Prozentpunkte gestritten worden. Es war eine lange Nacht in Brüssel, über zehn Stunden dauerten die Verhandlungen über die Euro-Rettung.

Am Ende war klar: Der Schuldenschnitt für Griechenland kommt, die Banken erlassen der Regierung in Athen 50 Prozent ihrer Verbindlichkeiten. Bis es jedoch so weit war, mussten die Verhandlungsführer in Brüssel einen wahren Sitzungsmarathon überstehen. Lesen Sie den Verlauf der dramatischen Nacht im Protokoll nach:

  • 3:15 Uhr: Die ersten Meldungen über eine Einigung laufen über die Nachrichtenagenturen. Aus höchsten Diplomatenkreisen verlautet, der Schuldenschnitt sei beschlossen. Demnach müssen die Griechen nur die Hälfte ihrer ausstehenden Zahlungen an die Banken leisten.

  • 1:15 Uhr: Mehrfach unterbrechen Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy die Beratungen mit den Chefs der Euro-Länder und suchen das direkte Gespräch mit den Vertretern des Weltbanken-Verbands IIF. Auch IWF-Chefin Christine Lagarde und die Spitzen der EU-Institutionen wollten die Banken dabei zu einem größeren Forderungsverzicht bei griechischen Staatsanleihen von mehr als 50 Prozent bewegen. Doch eine Einigung ist auch in den frühen Morgenstunden noch nicht in Sicht.

  • 0:30 Uhr: Seit Tagen ist die gewaltige Summe im Gespräch, nun sollen sich die Verhandlungsführer geeinigt haben. Der Euro-Krisenfonds EFSF soll seine Mittel künftig auf bis zu eine Billion Euro vervielfachen können. Laut hochrangigen Diplomaten haben sich die Staats- und Regierungschefs der 17 Euro-Staaten am Donnerstagmorgen darauf verständigt. Bisher konnte der EFSF 440 Milliarden Euro Kredite ausleihen. Die Vervielfachung funktioniert mit einem sogenannten Hebel, der allerdings auch das Verlustrisiko bei Pleiten kriselnder Staaten erhöht.

  • 23.30 Uhr: Früher am Abend hatten die 27 Chefs der EU-Länder beschlossen, dass Europas führende Banken ihr Kernkapital aufstocken müssen - jetzt legt die Europäische Bankenaufsicht (EBA) Zahlen vor. Auf 106 Milliarden Euro beläuft sich demnach der Kapitalbedarf der Institute. Das geht aus einer Veröffentlichung auf der EBA-Web-Seite am Mittwochabend hervor. Demnach brauchen die griechischen Banken 30 Milliarden Euro, die spanischen Banken 26,161 Milliarden und die italienischen Banken 14,771 Milliarden Euro. Französische Institute sind mit 8,844 Milliarden veranschlagt, deutsche mit 5,184 Milliarden Euro.

  • 20:55: Der polnische Ministerpräsident Tusk tritt vor die Mikrofone - und gibt sich zuversichtlich. Die 17 Euro-Staaten stehen nach seiner Ansicht kurz vor einer Einigung auf Maßnahmen gegen die Euro-Schuldenkrise. "Wir sind einer gewissen politischen Einigung offensichtlich sehr nahe gekommen", sagt Tusk. Er spricht von "einer kurzen, aber stürmischen Diskussion" im Kreis der EU-Regierungschefs. Die Nicht-Euro-Staaten hätten deutlich gemacht, dass sie über Entscheidungen der Euro-Gruppe informiert sein wollten.

  • 20:48 Uhr: Das Treffen der Euro-Gruppe beginnt. Mehr als 90 Minuten später als geplant.

  • 20:20 Uhr: Zwischen dem EU-Gipfel der 27 Staaten und dem 17er-Gipfel der Euro-Zone tagt die "Frankfurter Runde". Aus Diplomatenkreisen verlautete, Bundeskanzlerin Angela Merkel habe sich mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, IWF-Chefin Lagarde, EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso getroffen. Die Runde heißt so, weil sie bei der offiziellen Verabschiedung Trichets kürzlich in Frankfurt erstmals zusammenkam. Was im kleinen Kreis besprochen wird, ist nicht bekannt.

  • 20:05 Uhr: Die EU-Staaten beschließen eine Rekapitalisierung der Banken. Das sagt der polnische Premierminister Donald Tusk, amtierender EU-Ratspräsident, nach der ersten Runde des Krisengipfels. Für die Kapitalaufstockung haben die Institute Zeit bis zum 30. Juni 2012. Sie müssen dann Kernkapital in Höhe von neun Prozent ihrer sogenannten risikogewichteten Anlagen vorhalten. Bisher sind vier Prozent gesetzlich vorgeschrieben. Schaffen die Banken die Erhöhung nicht, müssen die jeweiligen Heimatländer mit Steuergeldern helfen. Erst wenn auch diese nicht mehr genügend Mittel haben, soll der europäische Rettungsfonds EFSF einspringen. In der Zeit, in der die Banken ihre Kapitalpuffer ausbauen, sollen Bonus- und Dividendenauszahlungen beschränkt werden, heißt es in einer gemeinsame Erklärung der EU-Regierungschefs.

  • 18:14 Uhr: EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy eröffnet die Sitzung der 27 EU-Mitgliedstaaten mit 14 Minuten Verspätung.

  • 18:00 Uhr: Der Gipfel beginnt - und Griechenlands Regierungschef Georgios Papandreou schickt einen Appell an die Teilnehmer: "Gemeinsam müssen wir Entscheidungen treffen, um die Ungewissheit und die Krise zu beenden", sagt er in Brüssel. Das griechische Volk unternehme übermenschliche Anstrengungen, um die Wirtschaft wieder ans Laufen zu kriegen, so Papandreou.

jok/dpa/Reuters/dapd

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1. Das Sandmaennchen hatte Ausgangssperre
seine-et-marnais 27.10.2011
Zitat von sysopStundenlanges Feilschen um Prozente, Sitzung auf Sitzung: Der Krisengipfel zur Euro-Rettung verlangte den Teilnehmern alles ab. Sichtlich mitgenommen traten Merkel, Sarkozy*und Co erst am frühen Morgen vor die Kameras. Lesen Sie die Ereignisse der Nacht im Protokoll nach. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,794271,00.html
Da hat man die Nacht durchverhandelt, und? Dr Euro ist ein Fehlkonstrukt, das ist so, das bleibt so, und es stehen noch weitere Verhandlungsnaechte an bevor man die richtigen Konsequenzen zieht und einen Rueckzieher macht. Sture Ideologie, wenn der Euro geht geht die EU ist Schwachsinn und bringt nur weitere Verhandlungsnaechte bis zum immer bittereren Ende, mit schlimmen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen die jetzt schon vorhersehbar sind. Dann kann man sagen 'Gute Nacht Europa' denn dem europaeischen Gedanken hat man da den Garaus gemacht.
2. Wieder nur ein
papayu 27.10.2011
aussagekraeftiges Bild, sonst nichts. Wen beschimpft da eigentlich Frau Merkel, dass die Sarg osie schmunzelt. Ja, da werden Weiber zu Hyaenen.
3. Immer Fassungsloser...
derkomtur 27.10.2011
Gestern die Nachricht, daß ein Italiener an der Spitze der EZB sitzt und munter irgendwelche Staatsanleihen von Italien kauft (Gelächter), Heute die Nachricht, daß ein Europäisches Land 50 % seiner Schulden einfach so erlassen bekommt... Ja sagtsamal wo simmer denn überhaupt?!? Die Europäische Währungsunion war von anfang an zum scheitern verurteilt, denn wer sich solche "Freunde" schafft, der braucht (siehe aktuelle Lage) wirklich keine Feinde mehr! Ich frage mich nur wirklich wer das alles bezahlen soll... Bei dem Schuldenberg den auch Deutschland schon auf sich geladen hat, werden wir wohl auch bald einen "Schuldenschnitt" benötigen. Einfach ... mal ... so!
4. .
frubi 27.10.2011
Zitat von sysopStundenlanges Feilschen um Prozente, Sitzung auf Sitzung: Der Krisengipfel zur Euro-Rettung verlangte den Teilnehmern alles ab. Sichtlich mitgenommen traten Merkel, Sarkozy*und Co erst am frühen Morgen vor die Kameras. Lesen Sie die Ereignisse der Nacht im Protokoll nach. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,794271,00.html
Ich glaube, ich muss meinen Fernseher wegschmeissen bzw. meinen Kabelanschluss kündigen. Als ich beim Frühstück das Morgenmagazin verfolgt habe, wurde ich mit 2 Dingen bombadiert, von denen ich eigentlich nichts wissen will: 1. die Todesursache von Amy Winehouse. Da sagt die Trulla im Fernsehn doch tatsächlich "seit Monaten fragen sich die Menschen, woran Amy Winehouse gestorben ist." Wie kommt die Frau auf solche eine Aussage? Wen interessiert das denn noch? Bild lesende und RTL Explosiv guckende Menschen ohne eigenes spannendes Leben. 2. die dramatische, bis 4 Uhr dauernenden Euro-Verhandlungen. Wieso dominieren Wirtschaftsnachrichten das komplette Mediengeschehen? Der Normalbürger kann es nicht verhindern und die meisten verstehen von den Details (ebenso ich) überhaupt nichts. Wieso also, werden wir damit zugebombt, sobald wird den Fernseher anmachen? Selbst nach dem Fußball gestern wurde zwischen Sportschau und Anne Will schnell noch ein Nachrichtenblock eingeschoben, damit man auch auf dem aktuellsten Stand ist, wenn man ins Reich der Träume reist. Ich habe die Glotze dann einfach mal ausgemacht und in purer Stille weitergefrühstückt. Wird wohl eine Dauerlösung werden.
5. Wer tagsüber...
Roueca 27.10.2011
...nichts leistet, der muß dann in der Nacht viel sitzen! Diese Hansel plustern sich auf wie Truthähne und hoffentlich erleiden sie das gleiche Schicksal wie dieselben! Ich wünsche es ihnen von Herzen, denn wer den Bürger zur Schlachtbank führt hat selbst nichts anders verdient!
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.


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