Glitzerwelt Golf-Emirate Oasen am Tropf

REUTERS

4. Teil: "Es gibt jeden Tag eine Vernissage in Dubai"


Niemand - wenn die Welt hinter Dubai enden würde. Aber sie fängt am Golf erst an. China, Indien, Iran, die zentralasiatischen Republiken warten vielleicht nur darauf, ihren Wintern, ihrer Ödnis zu entkommen, um eine Woche lang pauschal "Ferrari World & Luxusshopping & Resort & Guggenheim" zu buchen. Diese Boom-Kontinente liegen nur wenige Flugstunden entfernt, ihre gerade zu Wohlstand kommenden Bewohner sind die Klientel.

"Natürlich birgt jeder Neubau eines Museums das Risiko, sein Publikum nicht zu finden. Aber man muss es wagen", sagt Manal Ataja, die junge Museumschefin in Schardscha. "Früher musste man ins Ausland fahren, um etwas zu sehen. Jetzt gibt es jeden Tag eine Vernissage in Dubai." Und die Nachfrage nach Kunst und Kultur werde weiter zunehmen. Solange nur genug gegossen wird. Es ist die Wette von Scheich Sajid. Ob sie gelingt, hängt allerdings nicht von Frank Gehry ab.

Dubai, Katar, Abu Dhabi sind globale Städte, in denen Dutzende von Nationalitäten ohne größere Konflikte miteinander leben. 180 sind es in Dubai. Der Taxifahrer kommt aus Peschawar, hört dröhnende Koransuren und sieht aus, als trainiere er für den "Bin-Laden-Look-alike"-Wettbewerb. Aber er spricht neben Urdu und Paschtu auch ausreichend Hindi, Arabisch und Englisch und führt nebenbei ein Unternehmen für Transporte aller Art.

New York gilt als kosmopolitische Stadt, weil dort 40 Prozent aus dem Ausland kommen. In Dubai sind es mehr als doppelt so viele. Die Stadt besteht aus Clustern, ihre Bewohner sind großteils Nomaden, die keine Chance haben, ein Bleiberecht zu bekommen. Sie sind wie die Nanny eines reichen Kindes. Sobald der Kleine groß ist, muss sie gehen.

Das Phantastische an Dubai sind nicht die Gebäude, nicht das süße Leben der Expats. Das Großartige sind die Zwischenräume, in denen sich die Weltnomaden eingerichtet haben. Die Typing Offices und Garküchen, die Netzwerke der Handlanger, Fischer, Mechaniker, IT-Experten. In Vierteln wie Sahwa drängeln sich Ukrainer, Afghanen, Jemeniten, Malaien an den Electronic-Shops, Galerien und Supermärkten vorbei, hier sind die Straßen, wo Dubai ein wenig von der Lower East Side hat.

Die Männer aus Kerala, Bangladesch und Peschawar, die Dubai gebaut haben, werden jeden Abend in Bussen in ihre Lager gekarrt, so erschöpft von der 12-Stunden-Schicht, dass ihre in Tücher gehüllten Köpfe gegen die Scheiben schlagen. Früher wurden sie in Viehwaggons transportiert. Hunderte haben ihr Leben für die Türme Dubais gelassen, sind in der Höllenhitze von Gerüsten gestürzt und irgendwo verscharrt worden.

Für sie hat keiner geplant, also haben sie sich selbst Orte genommen. Wo es keine Plätze gibt, werden Busbahnhöfe zur Piazza. In den Malls haben sie nichts zu suchen. Sie haben ethnische Zonen geschaffen, verborgene Städte. Das sind Brutplätze, für Illegales aller Art natürlich, für Alkoholbrenner, Geldwäscher, Drogen- und Mädchenhändler. Aber es sind auch diese Zonen, jenseits staatlicher Präsenz und ständig in Bewegung, wo Kunst entstehen kann, Literatur, Innovation, Musik, Mode.

Auf die eigene Jugend ist in dieser Beziehung nur bedingt Verlass. Anderswo ist die junge Generation die Hoffnung. In den Emiraten ist sie ein mittlerer Alptraum. Wo anderswo Halbstarke in tiefergelegten Golfs herumknattern, cruist der (männliche) Nachwuchs in Abu Dhabi mit elfenbeinweißen Porsches herum, in Maseratis, Jetskis oder Yachten. Ist das die Generation der "Löwen", der allseitig einsetzbaren Super-Leader, von denen Scheich Mohammed träumte?

Es ist eine Generation von strukturellen Lottogewinnern, die von Geburt an wissen, dass sie sich um nichts bemühen müssen, um sorgenfrei zu leben. Die Arbeit machen die anderen. Mit 18 Jahren bekommt jeder Bürger der Emirate ein Stück Land und einen Kredit, um sich ein Haus zu bauen - und es teuer an Expats zu vermieten. Strom und Wasser sind umsonst, Gesundheitssystem und Ausbildung bis zum Ph.D. ebenfalls. In den Internationalen Schulen in Dubai muss den einheimischen Schülern erst beigebracht werden, dass man seine Schultasche auch selbst tragen kann.

Die Enkelgeneration in Dubai und Abu Dhabi scheint vor allem das Problem zu haben, die eigenen Blutzuckerwerte unter Kontrolle zu bekommen. Die VAE haben nach der Pazifikinsel Nauru die höchste Diabetes-Rate der Welt, jedes dritte Kind ist übergewichtig. "Nicht jeder ist wohlhabend. Aber sie sehen nicht, dass man für ein Luxusauto vielleicht hart arbeiten muss", sagt Frauke Heard-Bey, eine der besten Kennerinnen der Vereinigten Emirate.

Die bequemen Pöstchen in Militär, Polizei, Verwaltung, wo Einheimische 90 Prozent der leitenden Stellen bekleiden, sind vergeben. Viele Firmen vermeiden es, Einheimische einzustellen. Sie gelten als faul, zu teuer und wenig belastbar. 13 Prozent der einheimischen Bevölkerung sind bereits arbeitslos.

In den Golfstaaten gibt es "Emiratisierungs-", "Bahrainisierungs-" und "Katarisierungs-Programme", um die Quote der Einheimischen im Arbeitsleben nicht unter die Nachweisgrenze sinken zu lassen. Insgeheim herrscht die Furcht, die Region an die Expats zu verlieren. Die zweite und dritte Generation der Inder und Iraner hat besser gelernt, ist polyglotter und ehrgeiziger als ihre einheimischen Altersgenossen.

Ausländer können zwar in bestimmten Zonen eine Wohnung kaufen, haben damit aber keinen Anspruch auf Aufenthalt. Sie sind zumindest in den ersten beiden Jahren vollkommen abhängig von ihrem "Sponsor", einem Einheimischen, der für sie bürgt und sich das gut bezahlen lässt. Wenn der Sponsor es nicht will, kann der Betreffende keine neue Arbeit annehmen. Wer keine Arbeit findet, bekommt sein Visum nicht verlängert und muss Dubai verlassen.

Es gibt keinerlei Sozialsysteme für die Expats, keine Rentenansprüche, kein Anrecht auf Eigentum an Boden. Bleiberecht und Rechtssicherheit sind in den Golfstaaten praktisch inexistent.

Eine Gesellschaft, die glaubt, auf Grundrechte verzichten zu können, wird keine Zukunft haben. Was fehlt, ist Demokratie. Das ist die Herausforderung, und keiner kann sie den Scheichs abnehmen. Dubai kann nur ein Modell für die arabische Welt werden, wenn die Nichtaraber integriert werden. Katar überlegt derzeit, zumindest den hochqualifizierten Ausländern ein dauerhaftes Bleiberecht zu geben.

"Natürlich besteht die Möglichkeit, dass Dubai in 50 Jahren nicht mehr existiert", sagte der Architekturprofessor Michael Schwarz kürzlich bei einem Symposium in Berlin. Diejenigen, die Dubai aus dem Sand gestampft haben, könnten dann weitergezogen sein, nach Lagos oder Khartum. "Anders als New York oder London ist Dubai zu einem extrem großen Teil von der Globalisierung abhängig", sagt Schwarz.

Es gibt "The Line", ein Videogame, das genau dieses Szenario durchspielt. Der Sand hat sich den Ort zurückgeholt, die Architektur-Ikonen der Scheich-Zayed-Road sind Ruinen geworden, die Karawane ist weitergezogen.

Das Spiel wurde in Dubai auf den Index gesetzt.



insgesamt 118 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Ylex 05.06.2011
1. Schon kopiert
Es sind solche ausgezeichneten Artikel, die man woanders nicht findet. Herr Smoltczyk hat die neue Welt in den Emiraten sehr anschaulich und informativ dargestellt, aber auch nachdenklich, ohne alles zu verreißen – der Text ist schon kopiert, mit großem Interesse gelesen.
kontinuität 05.06.2011
2. potentielle Entwicklungsländer
da diese Länder kaum eine echte Wertschöpfung betreiben und auch keine nachhaltigen Strukturen aufbauen, sehe ich schon kommen, dass sie mit dem Ende des Öls eines Tages Entwicklungshilfe einfordern, damit sie ihre Maseratis und Porsche mit Ladeflächen versehen können um gegen Geld irgendwelche Güter wie Sand oder die Trümmer ihrer Prachtbauten durch die Gegend zu kutschieren.
suedseefrachter 05.06.2011
3.
Zitat von kontinuitätda diese Länder kaum eine echte Wertschöpfung betreiben und auch keine nachhaltigen Strukturen aufbauen, sehe ich schon kommen, dass sie mit dem Ende des Öls eines Tages Entwicklungshilfe einfordern, damit sie ihre Maseratis und Porsche mit Ladeflächen versehen können um gegen Geld irgendwelche Güter wie Sand oder die Trümmer ihrer Prachtbauten durch die Gegend zu kutschieren.
Entwicklungshilfe? Denen gehört ja so einiges dort. Letztes Beispiel das in Deutschland bekannt wurde, der Einstieg bei AMD bzw. Globalfoundries. Die haben ihre Tentakel schon in genug Unternehmen drinnen damit die später nicht auf Entwicklungshilfe angewiesen sind.
3of5 05.06.2011
4. Träume statt Glitzer
Zitat von kontinuitätda diese Länder kaum eine echte Wertschöpfung betreiben und auch keine nachhaltigen Strukturen aufbauen, sehe ich schon kommen, dass sie mit dem Ende des Öls eines Tages Entwicklungshilfe einfordern, damit sie ihre Maseratis und Porsche mit Ladeflächen versehen können um gegen Geld irgendwelche Güter wie Sand oder die Trümmer ihrer Prachtbauten durch die Gegend zu kutschieren.
Dubai als Finanzdrehplatz, als Personen-Transport Hub haben durchaus eine Zukunft. Ob darin dieselbe Dichte an Ferraris vorkommt, oder eher ein grassierender Nationalismus, bzw. überkompensierender Islamismus, sei mal dahingestellt. Diese Konzentration auf einen illusorischen Millionärstourismus, den es wenn wir unser globales Wirtschaftssystem so beharrlich wie bisher an die Wand fahren werden, nicht mehr geben wird (und wenn wir das System ändern ebenfalls nicht). Dabei scheint Dubai den Blick fürs Wesentliche zu verlieren, fürs Sinnvolle und fürs Nachhaltige. Und hoffentlich nicht auch für das, was seine Grundlage ist: die Verbindung zwischen dem alten Europa, dem neuen Asien und dem zukünftigen Afrika. Vielen Dank auf jeden Fall für den ausgezeichneten Artikel, gut recherchiert, ausgewogen und informativ, einer der Besten, die ich zu diesem Thema je gelesen habe. Dennoch muß ich vor Scheich Sajid den Hut ziehen. Ungeachtet der merkwürdigen Stilblüten hat seine Vision Großartiges bewirkt.
Schleswig 05.06.2011
5.
Zitat von sysopExtremer Reichtum*neben glitzernder Architektur und*prestigeträchtigen Museumsgiganten*-*aber alles auf Sand gebaut: Die Golf-Emirate sind eine Provokation des gesunden Menschenverstands.*Wann platzt der arabische Traum? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,766411,00.html
Es wird viel gegossen in Dubai, auch bei den Steuern, was Herr Smoltczyk sicher wohlwollend, sowie viele Lufthansapiloten bestätigen können. Und damit manche Steuervergünstigungen futsch wären. Aber Dubai könnte auch einen Blick nach Las Vegas werfen, das in Mitten einer Wüste gebaut wurde.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.