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Glitzerwelt Golf-Emirate: Oasen am Tropf

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Extremer Reichtum neben glitzernder Architektur und prestigeträchtigen Museumsgiganten - aber alles auf Sand gebaut: Die Golf-Emirate sind eine Provokation des gesunden Menschenverstandes. Wann platzt der arabische Traum?

Golf-Emirate: Auf Sand gebaut Fotos
REUTERS

Es ist ein 16 Millimeter dicker Schlauch aus schwarzem Plastik. Man sieht ihn nicht sofort, aber er ist da, überall. An jeder Dattelpalme des Emirats liegt er, an jeder Akazie und Tamariske, mal unterirdisch verborgen, mal offen im Sand. Kostspielig entsalztes Meerwasser fließt durch den Schlauch, und Hunderte, vielleicht Tausende Kilometer reicht das Netz der Schläuche, ganze Alleen werden so bewässert, vierfach gestaffelt ziehen sie sich durch die Wüste von Abu Dhabi, und jeder einzelne Baum hängt am Tropf.

Dieser Schlauch ist der Inbegriff eines Experiments, das seit 40 Jahren zwischen den hitzeflimmernden Ufern des Golfs und der Rub-al-Chali-Wüste läuft: das Experiment " Vereinigte Arabische Emirate" (VAE).

Es handelt sich eher um eine Wette. Der Staatsgründer, Scheich Sajid Bin Sultan Al Nahajan, war überzeugt, dass man nur genügend Bäume mit Schläuchen in die Wüste stellen müsste, dann würde sich das Klima schon ändern.

Dann würden die Wurzeln eines Tages lang genug sein, um ohne Schlauch Wasser zu finden. Dann würden die sieben Emirate ohne die Krücken des Öls laufen können. Häfen und Finanzindustrie würden das Geld bringen, Forschungs- und Handelszentren, aus aller Welt würden Menschen in die Hotels, Museen, Freizeitparks am Golf kommen. Und überall würden Bäume ihnen Schatten spenden.

Knapp sieben Jahre nach dem Tod von Scheich Sajid sieht es ganz so aus, als könnte er seine Wette gewinnen. Die Vereinigten Emirate sind seit den Zeiten des legendären arabischen Forschungsreisenden Ibn Battuta die erste gute Botschaft gewesen, die aus der arabischen Welt ans Ohr des Westens drang.

" Dubai" ist eine Marke geworden. In Ostafrika und Zentralasien ist von "Dubaization" oder "Gulfization" die Rede, wenn es darum geht, auf nacktem Boden Stadtlandschaften zu errichten aus pseudotraditioneller Copy & Paste-Architektur, bewachten und bewässerten Freizeitparks und möglichst spektakulären Bauten als Wahrzeichen. "Bingo Urbanismus" nennt es der dänische Stadtplaner Boris Brorman Jensen.

Die Golfstaaten mögen langweilig sein und satt. Aber an keinem anderen Fleck Arabiens lässt es sich so komfortabel und westlich leben wie in Abu Dhabi und Dubai, wie in Katar. Der Islam bleibt großteils Privatsache, nicht jeder Ausländer wird unter den Generalverdacht des Kreuzfahrertums gestellt. "Steuern" ist ein Begriff aus dem Yachtclub, nicht aus der Ökonomie. Und wer geht schon auf die Straße, um gegen eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt zu protestieren?

Dubai ist die erste Post-Petrol-Ökonomie Arabiens geworden. 95 Prozent seiner Einkünfte kommen aus dem Hafen, von Finanzdienstleistungen, Industrie, Tourismus und sonstigen Aktivitäten, die man in einem Wüstenstaat nicht vermuten würde; nicht aber aus dem Export von Öl oder Gas.

Nahezu alle Weltkonzerne haben ihre Zentralen für den Mittleren Osten in Dubai, Bahrain oder Katar angesiedelt. Staaten mit null Toleranz gegenüber Korruption und Verwaltungen, die es an Effizienz mit den meisten EU-Ländern aufnehmen können.

Es genügt, sich die Nachbarn anzuschauen. Den Gottesstaat Iran im Norden, das Wahhabiten-Regime der Saudis im Westen, der zerrissene Jemen im Süden. In dieser Landschaft fällt es nicht schwer, die Moderne zu besetzen.

Derzeit sind die Scheichtümer dabei, die politische Führung in der arabischen Welt zu übernehmen, zusammen mit dem neuen Ägypten und Saudi-Arabien. Der Flughafen Jebel Ali von Dubai wird gerade zum größten Gebäude der Welt ausgebaut. Es gibt Klassikfestivals, Formel-1-Rennen, Nachtclubs und Golfanlagen, die so grün sind wie die in den schottischen Highlands.

Aber überall schaut dieser 16-Millimeter-Schlauch hervor. Wie eine allgegenwärtige Erinnerung, dass es sich bei all dem Glanz um eine Wette auf die Zukunft handelt. Eine Wette, die schicksalhaft ist für die arabische Welt und deren Ausgang immer noch völlig offen ist.

Die Emirate liegen an einer der unwirtlichsten Ecken einer unwirtlichen Halbinsel. Selbst an der Küste ist es schwer, Land von Wasser zu unterscheiden, salzverkrustetes Ödland zieht sich weit ins Innere, der Persische Golf ist hier weitgehend ein dunstiges Einerlei von Sandbänken und Mangrovenwäldern.

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1. Schon kopiert
Ylex 05.06.2011
Es sind solche ausgezeichneten Artikel, die man woanders nicht findet. Herr Smoltczyk hat die neue Welt in den Emiraten sehr anschaulich und informativ dargestellt, aber auch nachdenklich, ohne alles zu verreißen – der Text ist schon kopiert, mit großem Interesse gelesen.
2. potentielle Entwicklungsländer
kontinuität 05.06.2011
da diese Länder kaum eine echte Wertschöpfung betreiben und auch keine nachhaltigen Strukturen aufbauen, sehe ich schon kommen, dass sie mit dem Ende des Öls eines Tages Entwicklungshilfe einfordern, damit sie ihre Maseratis und Porsche mit Ladeflächen versehen können um gegen Geld irgendwelche Güter wie Sand oder die Trümmer ihrer Prachtbauten durch die Gegend zu kutschieren.
3.
suedseefrachter 05.06.2011
Zitat von kontinuitätda diese Länder kaum eine echte Wertschöpfung betreiben und auch keine nachhaltigen Strukturen aufbauen, sehe ich schon kommen, dass sie mit dem Ende des Öls eines Tages Entwicklungshilfe einfordern, damit sie ihre Maseratis und Porsche mit Ladeflächen versehen können um gegen Geld irgendwelche Güter wie Sand oder die Trümmer ihrer Prachtbauten durch die Gegend zu kutschieren.
Entwicklungshilfe? Denen gehört ja so einiges dort. Letztes Beispiel das in Deutschland bekannt wurde, der Einstieg bei AMD bzw. Globalfoundries. Die haben ihre Tentakel schon in genug Unternehmen drinnen damit die später nicht auf Entwicklungshilfe angewiesen sind.
4. Träume statt Glitzer
3of5 05.06.2011
Zitat von kontinuitätda diese Länder kaum eine echte Wertschöpfung betreiben und auch keine nachhaltigen Strukturen aufbauen, sehe ich schon kommen, dass sie mit dem Ende des Öls eines Tages Entwicklungshilfe einfordern, damit sie ihre Maseratis und Porsche mit Ladeflächen versehen können um gegen Geld irgendwelche Güter wie Sand oder die Trümmer ihrer Prachtbauten durch die Gegend zu kutschieren.
Dubai als Finanzdrehplatz, als Personen-Transport Hub haben durchaus eine Zukunft. Ob darin dieselbe Dichte an Ferraris vorkommt, oder eher ein grassierender Nationalismus, bzw. überkompensierender Islamismus, sei mal dahingestellt. Diese Konzentration auf einen illusorischen Millionärstourismus, den es wenn wir unser globales Wirtschaftssystem so beharrlich wie bisher an die Wand fahren werden, nicht mehr geben wird (und wenn wir das System ändern ebenfalls nicht). Dabei scheint Dubai den Blick fürs Wesentliche zu verlieren, fürs Sinnvolle und fürs Nachhaltige. Und hoffentlich nicht auch für das, was seine Grundlage ist: die Verbindung zwischen dem alten Europa, dem neuen Asien und dem zukünftigen Afrika. Vielen Dank auf jeden Fall für den ausgezeichneten Artikel, gut recherchiert, ausgewogen und informativ, einer der Besten, die ich zu diesem Thema je gelesen habe. Dennoch muß ich vor Scheich Sajid den Hut ziehen. Ungeachtet der merkwürdigen Stilblüten hat seine Vision Großartiges bewirkt.
5.
Schleswig 05.06.2011
Zitat von sysopExtremer Reichtum*neben glitzernder Architektur und*prestigeträchtigen Museumsgiganten*-*aber alles auf Sand gebaut: Die Golf-Emirate sind eine Provokation des gesunden Menschenverstands.*Wann platzt der arabische Traum? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,766411,00.html
Es wird viel gegossen in Dubai, auch bei den Steuern, was Herr Smoltczyk sicher wohlwollend, sowie viele Lufthansapiloten bestätigen können. Und damit manche Steuervergünstigungen futsch wären. Aber Dubai könnte auch einen Blick nach Las Vegas werfen, das in Mitten einer Wüste gebaut wurde.
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