Peking - Die Top-Manager von Notenbanken, Weltbank oder Weltwährungsfonds verstecken ihre Warnungen vor Verwerfungen in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten gerne hinter eher harmlos klingenden Formulierungen. Seit Beginn der Finanzkrise sind Worte zwar deutlicher geworden - trotzdem kann die jetzige Rede von Weltbank-Präsident Robert Zoellick in Peking im Vergleich dazu als Alarmruf gewertet werden.
Die Weltwirtschaft werde in diesem Herbst "in eine neue gefährliche Phase eintreten", warnte der Weltbank-Präsident in seiner Ansprache auf einer Konferenz zur Zukunft Chinas. Außerdem bedrohten hohe Nahrungsmittelpreise und die Unbeständigkeit auf den Rohstoffmärkten die Ärmsten der Welt. Als zweitgrößte Wirtschaftsnation sei China zwar nach wie vor ein Motor für weltweites Wachstum. Peking müsse nun aber große Herausforderungen bewältigen, um auch in den kommenden zwei Jahrzehnten noch schnell zu wachsen.
"Die Finanzkrise in Europa ist eine Staatsschuldenkrise geworden, die ernste Auswirkungen auf die Währungsunion, Banken und die Wettbewerbsfähigkeit einiger Staaten hat", sagte Zoellick - und stellte konkrete Forderungen an die US-Regierung: "Mein Land, die Vereinigten Staaten, muss die Probleme mit seinen Schulden, den Ausgaben, der Steuerreform zur Förderung des Privatsektors und einer festgefahrenen Handelspolitik anpacken."
In einer globalen Wirtschaft hätten die Entscheidungen, die in Europa, den USA und auch in China getroffen werden, Auswirkungen auf alle. Politiker müssten nicht nur kurzfristig denken, sondern auch Entscheidungen über die mittel- und langfristigen Motoren für Wachstum und Innovation treffen.
Auch China unter Reformdruck
China rief Zoellick auf, bei seinem Wirtschaftswachstum weniger auf Investitionen aus dem Ausland und Exporte, sondern mehr auf den Konsum der eigenen Bevölkerung zu setzen. Die Weltbank habe China im Juli in die Gruppe der Volkswirtschaften mit überdurchschnittlichem Einkommen eingestuft. In den kommenden 15 bis 20 Jahren könne das Land in die Kategorie der Länder mit hohen Einkommen aufsteigen. Dazu brauche es jetzt aber einen Strategiewechsel in Peking.
"Die Länder mit mittlerem Einkommen können nicht mehr von Wachstumsmodellen abhängen, die funktioniert haben, als sie arm waren", warnte Zoellick. Ohne eine veränderte Herangehensweise riskierten sie, "im Wettbewerb mit den Niedriglohnländern ebenso zu verlieren wie gegen die Länder mit hohen Einkommen in Bezug auf Innovation und technologischen Wandel". Die Verantwortlichen in China wüssten, was zu tun ist, sie müssten jetzt aber "ihre Vorhaben in Taten umsetzen".
Der seit diesem Jahr geltende neue Fünfjahresplan für China konzentriert sich laut Zoellick schon auf strukturelle Reformen, um Innovation und wirtschaftliche Effizienz zu fördern sowie einen Ausbau der heimischen Nachfrage und eine Verringerung der Einkommenskluft. China müsse den Plan jetzt aber in konkretes Handeln umsetzen, mahnte der Weltbank-Präsident. Die neuen Herausforderungen erfolgten in einem internationalen Umfeld mit einer Verlangsamung des Wachstums und einer Schwächung des Vertrauens in die Weltkonjunktur.
Bei seinem fünften China-Besuch seit seinem Amtsantritt 2007 traf Zoellick am Freitag mit Vizeministerpräsident Li Keqiang zusammen, der infolge des 2012 geplanten Generationswechsels voraussichtlich neuer Ministerpräsident werden soll. Der Weltbank-Präsident sprach auch mit dem für Wirtschaft zuständigen Vizepremier Wang Qishan über die globalen Finanzprobleme und das geplante Treffen der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) im November in Cannes.
mik/dpa/AFP
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Staat & Soziales | RSS |
| alles zum Thema Weltfinanzkrise | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH