Glücksspiel "Hier soll der Hund die Fleischtheke bewachen"

Seit Jahren versucht die Politik, den Glücksspielmarkt zu regulieren - weitgehend erfolglos. Nun will ausgerechnet die Branche selbst dem Staat helfen und als Erstes ein Verbraucherschutzkonzept präsentieren.

Spielautomat (in Niedersachsen)
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Spielautomat (in Niedersachsen)


Politiker mögen es, Großes anzukündigen. Im März jedoch traten die Regierungschefs von Bremen und Sachsen-Anhalt, Carsten Sieling und Reiner Haseloff, mit einer bewusst winzigen Botschaft vor die Presse: Der seit Jahren heftig umstrittene Staatsvertrag der Länder zum Glücksspiel, sagten beide nach einer Konferenz mit den anderen Ministerpräsidenten, solle fortentwickelt werden, und zwar mit "minimalinvasive Eingriffen".

Die bescheidene Operation ist nachvollziehbar: Politisch lässt sich mit Glücksspiel inzwischen in Deutschland kaum mehr punkten. Der milliardenschwere Markt ist nicht nur hart umkämpft, er ist vor allem ein Schlachtfeld für Juristen. Hunderte Prozesse gab es in den vergangenen Jahren. Fast immer scheiterten Regulierungsversuche von Bund und Ländern kläglich vor Gericht. So ist ein Graubereich entstanden, in dem kaum mehr wirksam kontrolliert werden kann.

Verworren ist auch die Situation des Staatsvertrags. Im Herbst hat der hessische Verwaltungsgerichtshof das Vergabeverfahren der Länder für Anbieter von Sportwetten endgültig gestoppt. Nun sind zwar etliche Anbieter am Markt, ihre Wetten sind aber illegal - und doch müssen sie geduldet werden. Zudem droht den Verantwortlichen wegen der Übereinkunft ein Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission.

Wer soll eine Lösung entwickeln?

Dabei wären klare Regeln nicht nur für Spieler und Anbieter sinnvoll. Auch dem Staat fiele die Überwachung leichter. Wie aber könnte eine Lösung aussehen? Und wer könnte sie entwickeln?

Hilfe bietet nun ausgerechnet die Branche selbst an. Seit Monaten diskutieren hinter verschlossenen Türen Automatenspielfirmen, der staatliche Lottoveranstalter Westlotto und private Spielbanken über einen eigenen Regulierungsentwurf - ausgerichtet an "hohen Qualitäts- und Verbraucherschutzstandards". Der Charme: Er soll alle Glücksspiele vom klassischen Lotto bis zur Sportwette im Internet umfassen.

Die Zusammenarbeit im "Düsseldorfer Kreis", so der Name des Gremiums, ist ungewöhnlich. Grundsätzlich herrscht in der Branche ein raues Klima. Anwälte werden nicht nur auf die Behörden gehetzt, auch Mitbewerbern begegnet man häufig vor Gericht. Dennoch sagt Robert Hess, Geschäftsführer der Spielstuben-Kette Schmidt Gruppe und einer der Gründer des Kreises: "Wir sind davon überzeugt, dass das Glücksspiel verbindliche Regeln und eine einheitliche staatliche Überwachung benötigt". Helfen sollen dabei Wissenschaftler und Suchthilfeexperten.

Am Mittwoch soll als erster Schritt ein Verbraucherschutzkonzept vorgestellt werden. Dabei will das Gremium weg von der reinen Spielsuchtprävention: Bei Glücksspielangeboten müssten mindestens die "gleichen Sicherheitsstandards und Rechte gelten" wie für andere Nutzer von Dienstleistungen - etwa bei Reklamationen oder Datensicherheit.

Die Regulierung treibt seltsame Blüten

Dass es bislang keine klare Richtung gibt, liegt auch an einer merkwürdigen Gratwanderung des Gesetzgebers: Einerseits erkennt er an, dass Menschen einen "natürlichen Spieltrieb" haben. Glücksspiel generell zu verbieten ergibt nach dieser Theorie wenig Sinn. Dann würde illegal gespielt. Andererseits soll das Spiel nicht ausufern, weshalb es bei legalen Anbietern "kanalisiert" werden müsse.

In der Praxis treibt das seltsame Blüten. In Schleswig-Holstein musste sich das Oberverwaltungsgericht mit der Frage beschäftigen, ob ein Spielhallenbetreiber Besuchern zum Kaffee einen Keks reichen darf. In den Spielhöllen gilt nämlich ein Verzehrverbot. Hunger soll die Zocker dazu verleiten, ihr Spiel zu unterbrechen. Selbst ein Keks kann daher gefährlich wirken.

In Rheinland-Pfalz ist es Anbietern verboten, mit lächelnden Menschen auf ihren Plakaten zu werden. Die Sorge des Gesetzgebers: Kunden könnten beim Anblick der Bilder den Eindruck gewinnen, durch die Teilnahme am Glücksspiel ließe sich der soziale Erfolg fördern.

Automatenkönig Gauselmann kündigt eigenes Konzept an

Ob sich das neue Gremium Gehör in der Politik verschaffen kann, ist offen. Vorerst sorgt der Düsseldorfer Kreis in den eigenen Reihen für Verwerfungen. Der bekannte Espelkamper Automatenkönig Paul Gauselmann, der in Düsseldorf nicht mit am Tisch sitzt, reagierte schon mal verschnupft. Es sei wichtig, die Verbände einzubinden, ließ er mitteilen. Gauselmann ist seit 35 Jahren der Vorsitzende des Verbands der Automatenindustrie. Anfang der Woche kündigte er ein eigenes Verbraucherschutzkonzept an.

Auch das branchenübergreifende Engagement von Westlotto dürfte nicht allen im Lottoblock gefallen. Schließlich dienen viele staatliche Regelungen gerade dazu, das Monopol der staatlichen Lotterien vor privater Konkurrenz zu schützen.

Selbst die Zusammenarbeit des Gremiums mit Wissenschaftlern und Suchtforschern bleibt nicht ohne Kritik. Dem "Düsseldorfer Kreis" gehört nämlich der Dresdner Suchtforscher Gerhard Bühringer an, dem eine besondere Nähe zu den Glücksspielanbietern nachgesagt wird. Bühringer hat für sie jedenfalls mehrere umstrittene Studien verfasst. Der kritischer eingestellte Bremer Kollege Gerhard Meyer, der eine Mitwirkung abgelehnt hat, findet die Zusammensetzung des Gremiums "suspekt". "Tatsächlich geht es darum, wirklich wirksame Maßnahmen zum Spielerschutz zu verhindern", mutmaßt er.

Als Suchthilfeexperte sitzt zudem Günther Zeltner am Tisch. Er ist bei der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (EVA) beschäftigt, die mit der Glücksspielindustrie ein florierendes Geschäft betreibt. Die EVA schult unter anderem Automatenaufsteller. Ilona Füchtenschnieder, Leiterin der Landesfachstelle für Glücksspielsucht in Nordrhein-Westfalen, findet das unanständig: "Hier soll der Hund die Fleischtheke bewachen", urteilt sie.



insgesamt 4 Beiträge
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Sprühregen 27.04.2016
1. Nun will ausgerechnet die Branche selbst dem Staat helfen und als erstes ein Verbraucherschutzkonzept präsentieren.
jezt muß ich mich über den Unterton aber sehr wundern, das ist doch heutzutage üblich, also nur zu... wir sind doch von unserer Regierung gewöhnt, daß die Fachleute direkt aus der Branche die Gesetzesvorlagen ausarbeiten und der Bundestag zustimmt. Wer da von den Experten nicht zum Zuge kommt, sollte sich von Monsanto beraten lassen, die verstehen das Geschäft auch europaweit.
serbskisokol 27.04.2016
2. Gib dem Glück (k)eine Chance...- alter Schlager
Zitat von Sprühregenjezt muß ich mich über den Unterton aber sehr wundern, das ist doch heutzutage üblich, also nur zu... wir sind doch von unserer Regierung gewöhnt, daß die Fachleute direkt aus der Branche die Gesetzesvorlagen ausarbeiten und der Bundestag zustimmt. Wer da von den Experten nicht zum Zuge kommt, sollte sich von Monsanto beraten lassen, die verstehen das Geschäft auch europaweit.
Glückspiel? Onkel, was is' n dette? Bin inzwischen 76 und habe nach erfülltem Arbeitsleben eine Rente, von der der Volksmund sagt, sie reiche nicht zum leben und nicht zum sterben.Stelle aber mit meiner Frau keine großen Ansprüche.Hauptsache so einigermaßen gesund.Es geht uns beiden so wie Hape: isch(wir) haben Rücken, Füsse..? Aber Glückspiel? Käme uns nie in den Sinn! Nie! Dass es bislang keine klare Richtung gibt, läge auch daran, daß der Staat anerkenne, dass Menschen einen "natürlichen Spieltrieb" haben. Glücksspiel generell zu verbieten ergibt nach dieser Theorie wenig Sinn. Dann würde illegal gespielt.Na und? Dann spielnse doch illegal.Interessiert mich wie die letzte Pfannkuchenernte.Wissen Sie was der Staat noch alles illegal..? Aber lassen wir das.
Peter Bernhard 28.04.2016
3. Verdient hat man's nicht
"Der Hund soll die Fleischtheke bewachen" - "hier". hat man die Rationen arhöht? Bewachen gegenüber fremden Hnden? Und was hat das mit Glücksspiel zu tun? Für mich kein Zufall: Die Theke ist der Punkt, wo Produktion in Konsum übergeht es könnte beides sein. Wer hier also bückt, muss sehr wohl im Gegenüber sich selbst erkennen können. Und nicht zufällig läuft etwa in Rom noch die Kasse getrennt. Geld ist dann was anderes. Für mein aktuelles Nachdenken um ganz Grundlegendes in der Abteilung "Wirtschaft" also ein gefundenes Fressen: bestärkt fühl ich ich mich in meinen Annahmen, weil ich beim Durchscrollen hier gleich den passenden Titel finde. Glücksspiel - ja, ganz richtig analogisiert - steht ebenso auf der Wage: es könnte Konsum sprich Spasshaben sein, es könnte jedoch auch Erwerb, Produktivität sein, ein Einkommen, systematisch betrieben. Etwa also so bivaltent wie das Hineinlangen in die Fleischtheke, das ein Verteilen im Verbrauch sein könnte -somit als solches als Selbstverzicht auf Verbrauch schon eine Herstellung im ganz wörtlichen Sinne. So, wie beim Glücksspiel jedoch die Seite "Produktion" ein Sicheinreden ist, so ist beim Bewachen der Theke durch den Selbstknurrigen es - verblüfft - ebenso: ich muss sagen: sehr gute Parabel! Glücksspiel und Hund bewacht Theke. Weiter so, mehr davon.
beerentraum 28.05.2016
4. Glücksspiel und Sportwetten
Es ist fakt, dass Glücksspiele und Sportwetten ein hohes Suchtpotential haben - daher finde ich eine gewisse Regulierung dieses Marktes gar nicht so schlecht. Jedoch möchte ich darauf aufmerksam machen, dass Sportwetten nichts mit Glück zu tun haben, sondern viel tiefer sind - das ganze Wissen, das dahintersteckt bzw. man anwenden kann. Richtig Wetten ist in meinen Augen eine Kunst. Viele verlassen sich hierbei nur auf ihr Bauchgefühl und Glück. Aber da es hierbei um reale Menschen geht und nicht um einen programmierten Algorithmus wie bei Spielautomaten zum Beispiel macht einen riesigen und wesentlichen Unterschied aus. An solche Wetten sollte man immer mit Hintergrundwissen und/oder Wett-Strategien heran gehen. Und die sind nicht so schwer zu finden. Es gibt Webseiten wie Wettbasis (http://www.wettbasis.com/), die einem nicht nur die Basics der Sportwetten beibringen, sondern auch Wettstrategien erklären. Wer lieber ein Buch hätte, kann in jedem Buchladen und jeder Bücherei genug Literatur finden. Ja sogar von der Dummi-Bücherserie gibt es ein Buch. Denn nur wer mit Bedacht und vor allem (Hintergrund-)Wissen wettet, kann mit lukrativen Gewinnen auf Dauer rechnen. Und mit solch einer Herangehensweise würde der Staat weniger Bedenken haben. Denn im Endeffekt versucht er ja nur die Spielsüchtigen zu schützen.
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