Streit um Pflanzenschutzmittel Was für ein Glyphosat-Verbot spricht - und was dagegen

In Brüssel tobt ein Lobbykampf um das meistverwendete Pflanzenschutzmittel. Glyphosat droht ein Ende der Zulassung in der EU. Was fürchten die Kritiker? Wie argumentieren die Befürworter? Der Überblick.

Acker-Fuchsschwanzgras - ein Unkraut
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Acker-Fuchsschwanzgras - ein Unkraut

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Die meisten Verbraucher wünschen sich, dass ihr Essen nicht nur günstig, sondern auch natürlich ist.

Auch deshalb trifft die Debatte um Glyphosat auf so großes Interesse. Es ist nicht nur das am häufigsten eingesetzte Herbizid, es ist derzeit auch das meistdiskutierte.

Demnächst müssen die EU-Staaten entscheiden, ob es weiter eingesetzt werden darf. Die derzeitige Zulassung in der EU läuft noch bis Ende Juni - die EU-Kommission hatte eine Neuzulassung bis zum Jahr 2031 vorgeschlagen. Glyphosat-Gegner halten ein Verbot für überfällig, Befürworter warnen vor den Folgen.

Der große Knackpunkt steckt in unterschiedlichen Bewertungen zweier Fachstellen. Die Internationale Krebsforschungsagentur IARC hat geurteilt, Glyphosat sei "vermutlich krebserregend beim Menschen". Sollte es das tatsächlich sein, wäre ein Verbot die notwendige Konsequenz. Gleichzeitig kam jedoch die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit, Efsa, zum Schluss: Eine krebserregende Wirkung ist unwahrscheinlich, wenn das Mittel bestimmungsgemäß angewendet wird. Sollte doch keine Krebsgefahr drohen, bröckelt das Kernargument der Gegner weg.

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Beim Streit um Glyphosat geht es auch um die Grundsatzfrage, wie unsere Nahrung produziert werden soll und wem wir vertrauen.

Denn inzwischen können winzigste Spuren von Verunreinigungen in Lebensmitteln nachgewiesen werden. Sind wir für null Toleranz? Das hieße, was nicht reingehört, darf auch nicht nachweisbar sein. Oder einigen wir uns auf Grenzwerte, die Behörden nach bestem Wissensstand festlegen - und akzeptieren, dass Funde unterhalb dieser Grenzwerte in Ordnung sind, weil sie keine Gefahr darstellen?

Gerade weil die Krebsgefahr durch Glyphosat noch nicht abschließend geklärt ist, gibt es in diesem Streit keine einfache Antwort.

Wir haben Beteiligte gefragt, was ein Verbot von Glyphosat aus ihrer Sicht in der Praxis bedeuten würde. Wäre es der Beginn einer neuen Ära in der Landwirtschaft? Oder würde es Nachteile mit sich bringen, die bisher kaum diskutiert wurden?

Das sagen Landwirte, Forscher, Aktivisten, Behörden und ein Hersteller.

Landwirt beim Spritzen
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Landwirt beim Spritzen

Der Glyphosat-Befürworter

Traditionell pflügen Landwirte Äcker vor der Aussaat, dabei werden die oberen 25 Zentimeter Bodenschicht umgedreht und gelockert. Einer der Effekte: Das auf dem Feld stehende Unkraut stirbt, die Nutzpflanzen werden also von ihrer Konkurrenz befreit.

Doch das Pflügen hat auch Nachteile: In Hanglagen kann es Bodenerosion begünstigen und ist vergleichsweise energieaufwendig, sagt Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands.

Um Unkraut zu bekämpfen, kann statt Pflügen vor der Aussaat auch Glyphosat eingesetzt werden. Laut Krüsken werden etwa 30 Prozent der Felder in Deutschland pfluglos bestellt.

Falls Glyphosat verboten werden sollte, würden die Landwirte eine Mischung von Herbiziden verwenden, um es zu ersetzen, sagt Krüsken. "Die anderen Wirkstoffe beziehungsweise Wirkstoffgruppen haben jedoch ein höheres Risiko, dass Pflanzen resistent gegen sie werden", warnt er. Insgesamt schätzt er die möglichen Alternativen problematischer als Glyphosat ein.

Krüsken warnt vor Qualitätseinbußen: Stehe auf dem Feld mehr Unkraut, reiften und trockneten die Nutzpflanzen weniger gleichmäßig. Zudem fürchtet er Ertragseinbußen. Je nach Standort vermutlich einige Prozentpunkte, schätzt er.

Der Verband setzt sich für die weitere Zulassung von Glyphosat ein, obwohl die Internationale Krebsforschungsagentur IARC das Mittel als "wahrscheinlich krebserregend beim Menschen" eingestuft hat und Bauern dem Wirkstoff stärker ausgesetzt sind als andere Gruppen. Krüsken verweist auf die Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung, wonach Glyphosat wohl nicht krebserregend sei und sagt: "Würde es in Deutschland eine erhöhte Zahl von Krebsfällen unter Landwirten geben, hätten wir das außerdem längst mitbekommen."

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Die Glyphosat-Kritiker

Der Öko-Dachverband BÖLW (Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft ) hat sich gegen eine Zulassungsverlängerung für Glyphosat ausgesprochen - und hofft auf Zulauf. "Wir freuen uns über jeden Landwirt, der prüft, ob Bio eine Chance für seinen Betrieb ist", erklärt der BÖLW - räumt aber zugleich ein: "Inwieweit ein Glyphosat-Verbot zu einem höheren Umstellungsinteresse führt, lässt sich derzeit nicht absehen."

Der Verband verweist darauf, dass es rund 25.000 Biobauern von insgesamt rund 280.000 landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland gebe, die ohne Glyphosat und andere Unkrautvernichtungsmittel arbeiten. Stattdessen würden sie auf Fruchtfolgen und auf Ackerbaumethoden wie Pflügen und Striegeln setzen, um Unkräuter einzudämmen. Auch mit Robotertechnik könne eine Alternative zum chemischen Pflanzenschutz entwickelt werden, erklärt der BÖLW.

Zudem fordert der Verband eine Pestizidabgabe. Denn er kritisiert, dass der Einsatz von Pestiziden zu Wettbewerbsverzerrungen führe. "Der massive Verlust an Artenvielfalt, Verunreinigung des Trinkwassers oder gesundheitliche Folgekosten sind nicht Teil des Preises konventioneller Produkte."

Weinbau in Sachsen-Anhalt
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Weinbau in Sachsen-Anhalt

Die Forscher

Horst-Henning Steinmann arbeitet am Zentrum für Biodiversität und nachhaltige Landnutzung der Universität Göttingen. Seiner Einschätzung zufolge würde ein Verbot für viele Landwirte nichts oder nur wenig ändern, da sie Glyphosat nur selten oder gar nicht verwenden.

Dennoch sieht er ein mögliches Verbot kritisch und fürchtet einen Rückschritt für den Bodenschutz. "Einige Landwirte wird es hart treffen, insbesondere jene, die Weinbau an Steilhängen betreiben", sagt Steinmann. Auf den Hängen könne man nicht mit dem Traktor fahren und pflügen, um Unkraut zu beseitigen. "Sie werden sich also nach Herbizid-Alternativen umsehen müssen."

Einige Landwirte, die Probleme mit Unkräutern haben, die gegen andere Herbizide resistent sind, setzen bei deren Bekämpfung auf Glyphosat. Hier sollten allerdings auch andere Methoden genutzt werden, sagt Steinmann: "Neben dem Pflügen etwa das Einhalten sinnvoller Fruchtfolgen."

Er rechnet ebenfalls damit, dass Landwirte, die vor der Aussaat Glyphosat nutzen, im Falle eines Verbots stattdessen in der Wachstumsphase andere Herbizide einsetzen. Deren Wirkstoffe könnten problematischer sein als Glyphosat, warnt Steinmann. "Ich würde mir wünschen, dass wir Glyphosat sparsam einsetzen, also die Mengen reduzieren und nicht weiter erhöhen, aber die Zulassung erhalten."

Auch das Julius-Kühn-Institut (JKI), das Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, sieht alternative Herbizide eher kritisch. "Glyphosat ist ökotoxikologisch günstiger einzustufen als etliche andere chemisch-synthetische Herbizide", schreibt das Institut. Bei der Bekämpfung bestimmter Unkräuter könne Glyphosat derzeit nicht durch andere Herbizide ersetzt werden.

Monsanto-Produkt Roundup
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Monsanto-Produkt Roundup

Der Glyphosat-Hersteller

Der Saatgut- und Pflanzenschutzmittelhersteller Monsanto vertreibt unter dem Produktnamen Roundup Herbizide mit dem Wirkstoff Glyphosat und hat nach Angaben von Sprecher Thoralf Küchler keinen Plan B im Falle eines Verbots. "Wir bauen darauf, dass wir in Europa auch in Zukunft eine wissenschaftsbasierte Zulassung haben. Glyphosat ist seit 40 Jahren im Einsatz und das wahrscheinlich am meisten untersuchte Herbizid", sagt Küchler.

Monsanto ist bei Glyphosat Marktführer in Deutschland und forscht nach eigenen Angaben fortwährend daran, wie das Herbizid möglichst effektiv und sicher ausgebracht werden kann. "Landwirte setzen die Mittel unkrautspezifisch und deshalb sehr oft mit reduzierten Aufwandmengen ein", sagt Küchler. Kunden würden entsprechend geschult.

Demo in Hamburg gegen Glyphosat-Einsatz
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Demo in Hamburg gegen Glyphosat-Einsatz

Die Glyphosat-Bekämpfer

Das durch Spenden finanzierte Umweltinstitut München macht sich gegen eine weitere Zulassung von Glyphosat stark und hat die Diskussion um das Herbizid mit einer umstrittenen Untersuchung zu Rückständen in Bier befeuert. Die Umweltlobbyisten setzen darauf, dass das Ende von Glyphosat eine Agrarrevolution auslösen könnte. "Ein mögliches Glyphosatverbot stellt eine große Chance für die Landwirtschaft dar: Endlich bietet sich eine Möglichkeit, unsere Lebensmittel ökologisch und nachhaltig zu produzieren", sagt die Referentin für Verbraucherschutz des Umweltinstituts, Sophia Guttenberger.

Sie fordert eine komplette Abkehr von Herbiziden - räumt aber auch ein, dass bisherige Verbote nicht dazu geführt haben. "Wir sind strikt dagegen, Glyphosat einfach durch ein oder mehrere andere Breitbandherbizide zu ersetzen, so wie wir es bei früheren Verboten erlebt haben", sagt Guttenberger.

Berichte über Glyphosat-Funde in Bier sorgten für Verunsicherung
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Berichte über Glyphosat-Funde in Bier sorgten für Verunsicherung

Die Aufpasser

Über Glyphosat-Rückstände in Lebensmitteln, in Muttermilch sowie im Urin wurde in den vergangenen Monaten viel gesprochen. Würde sich die Pestizidbelastung von Lebensmitteln insgesamt verändern, falls es verboten werden sollte? Dazu stellt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) fest: "Die Pestizidbelastung von Lebensmitteln wird nur sehr gering durch Rückstände von Glyphosat beeinflusst."

Zusammengefasst: Umweltschützer wollen mit einem möglichen Glyphosatverbot ihrem Ziel näherkommen, eine Lebensmittelproduktion ohne Einsatz von Pestiziden zu erreichen. Landwirte und Wissenschaftler verweisen aber auf Probleme in der Praxis - und rechnen damit, dass Bauern auf möglicherweise problematischere Alternativen ausweichen.

insgesamt 121 Beiträge
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grommeck 13.04.2016
1. Glyphosat ist für weitere 7 Jahre freigegeben...
soviel zur Sorge von Politikern um ihre Bürger - siehe "Die Zeit" - es bedarf keiner Debatten mehr um unsere "Demokratie" , denn sie ist schon am Lobbyistenwahn verstorben.
HLoeng 13.04.2016
2. Ja, die Wissenschaft
Ergebnisse sind immer dann wissenschaftlich fundiert, wenn sie denn konvenieren, also eigenen Interessen dienen. Die Mahner von der IARC sind hingegen unseriöse Spinner und Miesmacher. Ähnlich wie die im Auftrag der UNO arbeitenden Klimaforscher. Dabei zeigt sich leider allzu oft, dass die Stimmungsmörder von heute morgen als frühe Mahner gewürdigt werden. Im übrigen kann eine Kulturleistung auch und gerade darin bestehen, dass man im Zweifel bestimmte Dinge einfach mal nicht macht, auch wenn es zu Lasten der Profite geht.
pevoraal 13.04.2016
3. Das kleinste Problem
Wenn Gabriel erst TTIP unterschreibt ist Glyphosat unser kleinstes Problem. Man muss nur die Genmafia in den USA betrachten - es ist 5 vor 12 dort. Wenn alles so läuft wie von denen geplant kann keine Behörde und kein Gericht einschreiten. Die Behörden müssen alles absegnen. Also darauf vorbereiten das nach TTIP auch wir leckere Sachen auf den Tisch bekommen.
Kreklova 13.04.2016
4. Superunkräuter
Es ist schon erstaunlich, dass sich die Autorinnen anscheinend nicht im Archiv des SPIEGEL schlau gemacht haben: In Heft 36/2014 wird berichtet, dass in den USA bereits 28 Mio. Hektar Ackerfläche von glyphosatresistenten "superweeds" befallen sind. Vor diesem Hintergrund hätte die im Artikel vorgenommene Diskussion der Resistenzproblematik eine andere Wendung nehmen müssen.
fleischwurstfachvorleger 13.04.2016
5. Deutsche Äcker nur in Steilhängen
So könnte man die Jammerei des Bauernverbandes übersetzen. Ja, pflügen kostet mehr Zeit als Gift sprühen, aber vielleicht lebt der Bauer dafür länger, wenn er nicht vorher den multisresitenten Keimen zum Opfer gefallen ist, die seinen Körper besiedeln. Für ein paar Silberlinge sind die Verbände auch zu Bauernopfern bereit. Einfach widerlich!!! Es wird kein reines Glyphosat auf den Feldern versprüht, sondern ein gefährlicher Gift-Cocktail. Geprüft wird aber nur Glyphosat. Ein sehr, sehr schöner Lobby-Artikel der Agrarindustrie.
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