Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Finanzkrise: Zwei Alternativen zur Geldschwemme

Von

3. Teil: Vollgeld - Der Staat entmachtet die Banken

Goldvorräte der Bundesbank: Keine Bindung mehr ans Geld Zur Großansicht
dapd

Goldvorräte der Bundesbank: Keine Bindung mehr ans Geld

Das Konzept des Vollgelds setzt da an, wo der Großteil des Geldes entsteht: bei den Banken. Im bestehenden System vergeben sie Kredite und schaffen damit neues Geld, sogenanntes Giralgeld. Die Zentralbanken dagegen können zwar die Geldmenge kontrollieren, die sie den Banken überlassen. Wie viel Geld letztendlich aber in der Wirtschaft ankommt, hängt von Lust und Laune der Banken ab.

Dieses System ist extrem krisenanfällig. Die Banken neigen dazu, in guten Zeiten zu viel Kredit zu vergeben und in schlechten Zeiten zu wenig. So verstärken sie sowohl den Aufwärtstrend der Wirtschaft als auch ihren Abwärtstrend. In Boomphasen heizen sie gefährliche Spekulationsblasen an, in Krisenphasen bekommen gesunde Unternehmen im Zweifel keine Kredite mehr.

Zudem geraten die Finanzinstitute selbst zu leicht ins Wanken: Weil sie das Geld ihrer Kunden nicht komplett vorhalten, sind sie bedroht durch sogenannte Bank-Runs, also Anstürme von Kunden, die ihr Geld wiederhaben wollen. Im Notfall müssen sie vom Staat gerettet werden.

Das alles wäre mit dem Vollgeld vorbei, behaupten die Befürworter. Das Konzept, das amerikanische Ökonomen schon in den dreißiger Jahren entwickelten, sieht eine 100-prozentige Deckung der Bankeinlagen vor. Das heißt: Die Banken dürften kein Geld mehr aus dem Nichts schöpfen. Sie dürften nur dann Kredite vergeben, wenn sie die entsprechende Summe auch wirklich vorrätig hätten - entweder durch Kundeneinlagen oder durch Geld, das sie sich bei der Zentralbank geliehen haben.

"Heute brauchen die Banken nur gut drei Euro Zentralbankgeld, um 100 Euro Giralgeld zu schöpfen", sagt Joseph Huber, Wirtschaftssoziologe an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Im Vollgeldsystem müssten es 100 Prozent sein. "Es geht darum, die Kontrolle über die Geldschöpfung wiederzugewinnen."

Die Notenbank muss sich den Wünschen der Regierungen widersetzen

Huber ist der deutsche Kopf einer internationalen Bewegung von Wissenschaftlern, die sich für die Einführung des Vollgelds stark machen. In Deutschland haben sie sich unter dem Projekt Monetative zusammengeschlossen, in der Schweiz im Verein Monetäre Modernisierung. Dessen prominentester Vertreter ist der Ökonom Hans Christoph Binswanger, der Doktorvater des ehemaligen Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann.

Zuletzt erhielten die europäischen Wissenschaftler unerwartete Unterstützung aus den USA: In einem aktuellen Arbeitspapier plädieren zwei Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) für die Einführung des Vollgelds. Jaromir Benes und Michael Kumhof kommen zu dem Ergebnis, dass die Konjunkturausschläge nach oben und unten deutlich reduziert würden, wenn die Geldmenge nicht mehr durch die zyklische Kreditvergabe der Banken gesteuert würde. Auch die Gefahr von "Bank-Runs" würde beseitigt. Zudem könnte sowohl die private als auch die öffentliche Verschuldung deutlich verringert werden.

Huber geht davon aus, dass dem Staat allein in Deutschland 14 bis 42 Milliarden Euro jährlich zufließen würden, weil nicht mehr die Geschäftsbanken, sondern die Notenbanken die Gewinne aus der Geldschöpfung einstreichen könnten.

Hier setzt auch die Kritik an. Die Vollgeld-Befürworter schieben alle Verantwortung auf eine zwar unabhängige, aber doch staatliche Institution, die Notenbank. Sie allein wäre dafür verantwortlich, wie stark die Geldmenge steigt und wie viel Geld sie der Regierung zur Verfügung stellt. Wenn sie verantwortungsvoll handeln wollte, müsste sie also ständig die Wünsche der Politik nach mehr Geld enttäuschen.

Experten zweifeln, ob das gelingt. Der Ökonom Thorsten Polleit etwa fürchtet, dass die Zentralbanken die Geldmenge auf politischen Druck zu stark ausweiten würden. "Dann würden nicht mehr die Geschäftsbanken Geld aus dem Nichts schöpfen, sondern die Zentralbanken", kritisiert Polleit. "Das bereitet den Weg zur Monetarisierung der Staatsschulden - und damit zur Inflation."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, Joseph Huber rechne damit, dass der deutsche Staat in einem Vollgeldsystem 40 bis 80 Milliarden Euro pro Jahr mehr einnehmen würde. Huber hat nun präzisiert, dass sich diese Zahl auf das bisherige Geldmengenwachstum bezieht. Unter der Annahme, dass sich die Geldmenge in einem Vollgeldsystem am Wirtschaftswachstum orientiere, seien Einnahmen zwischen 14 und 42 Milliarden Euro pro Jahr zu erwarten. Wir haben die Zahlen im Text entsprechend korrigiert.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 178 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
alcowe 03.09.2012
Zitat von sysopdapdMit billigem Geld versuchen die Notenbanken die Finanzkrise zu lindern. Diese Woche will die Europäische Zentralbank mit einem neuen Anleihenkaufprogramm nachlegen. Doch die Geldflut schürt bei Bürgern und bei Experten Zweifel am bestehenden Währungssystem. Sie fordern Alternativen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,853621,00.html
Vollgeld wäre viel zu intelligent und eine echte Alternative! Es würde die Probleme ja fast schon an der Wurzel packen! Das will doch keiner. Wer Geld hat bestitzt Macht und kann die Politik kaufen oder im Zweifel die Bevölkerung eines Landes mit Werbeaktionen manipulieren wie man möchte. Also wer genau will denn Vollgeld? Genau, niemand! Ich tippe auf Inflation! Hat sich schon sehr oft bewährt... mit den Kriegen die danach folgen kann man dann auch gleich die Wirtschaft ankurbeln.
2. Geo
pajogeri 03.09.2012
Zu diesem Thema kann ich nur auf einen GEO-Artikel aus der letzten Zeitschrift verweisen. Erschreckend, die Kehrseite des Goldes!
3. Am Gelde hängt's, zum Gelde drängt's
nickleby 03.09.2012
Die Einführung des Vollgeldes käme einer Renaissance der Banca d'Italia der 70iger und 80iger Jahre gleich, und zwar mit Inflationsraten von bis zu 25%. Das will wohl keiner, denn italienische Zustände würden den Euro total ruinieren und Europa ins Elend stürzen.
4. Vollgeld
distel61 03.09.2012
Die EZB kann ich zwar nicht beurteilen, aber aus langer Erfahrung mit der BuBa kann ich mir vorstellen, dass die das gut handhaben könnten.
5.
muellerthomas 03.09.2012
Zitat von alcoweVollgeld wäre viel zu intelligent und eine echte Alternative! Es würde die Probleme ja fast schon an der Wurzel packen! Das will doch keiner. Wer Geld hat bestitzt Macht und kann die Politik kaufen oder im Zweifel die Bevölkerung eines Landes mit Werbeaktionen manipulieren wie man möchte. Also wer genau will denn Vollgeld? Genau, niemand! Ich tippe auf Inflation! Hat sich schon sehr oft bewährt... mit den Kriegen die danach folgen kann man dann auch gleich die Wirtschaft ankurbeln.
Nicht auf die Hyperinflation von 1923, sondern auf die Deflation der Weltwirtschaftskrise folge die Diktatur und damit der Krieg und auch vor dem Ersten WK gab es keine Inflation, sondern wenn überhaupt leichte Deflation.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: