Streitgespräch zum Grexit "Es geht mehr um Stolz als um Zahlen"

Sollen die Griechen raus aus dem Euro? Diese Debatte spaltet Europa - und die Redaktion. Die SPIEGEL-Redakteure Sven Böll und Christian Reiermann haben sie ausgefochten. Ein Streitgespräch.

Pro und Contra Grexit: Sven Böll und Christian Reiermann
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Pro und Contra Grexit: Sven Böll und Christian Reiermann

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Christian Reiermann: Wie du habe ich lange Zeit gehofft, dass sich Griechenland in der Währungsunion halten ließe. Doch der ergebnislose Brüsseler Gipfel vom Montag beweist einmal mehr: Die Regierung von Alexis Tsipras ist aller scheinbaren Zugeständnisse zum Trotz nicht zu den nötigen Reformen bereit, um Griechenland im Euro zu halten. Deshalb sollten wir sie endlich ziehen lassen.

Sven Böll: Auch ich bin zuletzt ins Grübeln gekommen, keine Frage. Aber ich halte es noch immer für einen schweren Fehler zu sagen: Die Griechen nerven, also sollen sie endlich gehen. Diese Reaktion wäre nicht nur kindisch, wir würden dadurch auch keines der bestehenden Probleme lösen - und sogar noch zusätzliche schaffen.

Christian Reiermann: Wenn die griechische Regierung nur nerven würde, könnte ich damit leben. Doch sie gefährdet durch ihre Reformverweigerung den Fortbestand der Gemeinschaftswährung, weil sie das Vertrauen in den Euro untergräbt. Deshalb wäre es kein Verlust, wenn die Griechen ausscheiden. Im Gegenteil, der Euro würde sicherer.

Sven Böll: Das halte ich für ein Gerücht.

Christian Reiermann: Nein. Anders als beim Ausbruch der Griechenlandkrise verfügt die Eurozone nun über genügend Instrumente, um die Folgen eines Grexit einzudämmen. Die Rettungsschirme können jene Länder mit Geld versorgen, die in Folge eines Griechenland-Austritts möglicherweise in Finanzierungsschwierigkeiten geraten. Die Europäische Zentralbank puffert mit ihrer lockeren Geldpolitik ebenfalls Turbulenzen ab, und die ehemaligen Krisenstaaten sind durch Reformen robuster geworden.

Sven Böll: Mag ja sein, dass viele Experten nun erklären, ein Austritt Griechenlands sei beherrschbar. Aber einige dieser vermeintlichen Profis haben vor nicht allzu langer Zeit auch noch vorhergesagt, der Ölpreis werde nie mehr unter hundert Dollar fallen. Wenn sich die Hedgefondsmanager an der Wall Street zu fragen beginnen, ob Griechenland wirklich das erste und letzte Land ist, das die Währungsunion verlässt, haben wir ruck, zuck eine neue Spekulationswelle gegen schwache Eurostaaten.

Christian Reiermann: Deine Angst vor einem Dominoeffekt ist unbegründet. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen aus Ländern wie Spanien und Portugal halten sich in Grenzen, anders als vor fünf Jahren. Das zeigt: Die Anleger glauben, dass die neuen Vorkehrungen funktionieren.

Sven Böll: Vielleicht sind die Risikoaufschläge nur deshalb so niedrig, weil die Märkte glauben, dass die Länder der Eurozone sich schon irgendwie zusammenraufen werden - so wie es in den vergangenen fünf Jahren stets passiert ist.

Christian Reiermann: Irgendwie zusammenraufen ist aber zu wenig. Wenn wir den Griechen zu sehr entgegenkommen, könnten weitere Länder auf die Idee kommen, dass sich Reformfaulheit lohnt.

Sven Böll: Ich sehe eine noch viel größere Gefahr: Durch den Austritt Griechenlands würde sich der Charakter der Währungsunion fundamental verändern. Die Eurozone, eigentlich als unwiderrufliches Konstrukt gedacht, wäre nur noch ein Klub mit fixen Wechselkursen, in den man nach Lust und Laune ein- und austreten kann.

Christian Reiermann: Fundamental ändern würde sich bei einem Austritt vor allem der Zusammenhalt der Rest-Währungsunion. Der Euroraum wäre viel homogener und damit stabiler.

Sven Böll: Die Frage ist doch, welchen Preis diese Homogenität hat. Schließlich kann dann jede nationale Wahl zu einer "Euro ja oder nein"-Entscheidung werden. Was erzählen wir denn den Franzosen, wenn Marine Le Pen im nächsten Präsidentschaftswahlkampf offen einen Euro-Austritt fordert?

Christian Reiermann: Ich finde, im politischen Wettbewerb darf es keine Tabus geben. Wenn eine Partei, wo auch immer, mit dem Ziel eines Austritts aus der Eurozone in die Wahlkampfarena steigen will, dann soll sie es tun. Der Ausstieg Griechenlands wird zeigen, dass das keine wünschenswerte Option ist.

Sven Böll: Kurzfristig mag der Austritt Griechenlands eine abschreckende Wirkung haben. Zunächst wird es dort richtig abwärts gehen. Aber dann wird sich das Land berappeln. Und in fünf Jahren wird es als Beispiel dafür stehen, dass eine eigene Währung für bestimmte Staaten eben doch der leichtere Weg ist.

Christian Reiermann: Der Euro ist doch kein Ziel an sich, sondern ein Instrument für mehr Wachstum und Wohlstand. Das sehen immer mehr Länder so, sonst wären nicht mitten in der Eurokrise noch Staaten der Währungsunion beigetreten.

Sven Böll: Die Athener Regierung will doch im Wesentlichen wieder ein bisschen Souveränität für das Land zurück. Es geht mehr um Stolz als um Zahlen. Wobei letztere gar nicht so schlecht sind: Immerhin hat Griechenland so viele Ausgaben gekürzt wie wohl kein entwickelter Staat in den vergangenen Jahrzehnten. Das sollte man bei aller Kritik auch mal anerkennen.

Christian Reiermann: Kein Mensch bezweifelt die Reformfortschritte, die Griechenland in den vergangenen Jahren erreicht hat. Nur leider sind sie seit Regierungsübernahme von Tispras wieder dahin.

Sven Böll: Ein Grexit wäre für die Länder der Eurozone teuer. Wenn Griechenland eine eigene Währung einführt, können die Gläubiger ihre Kredite abschreiben. Dann sind 240 Milliarden Euro futsch, 65 Milliarden allein aus Deutschland. Deshalb ist es doch viel sinnvoller, mit den Griechen ernsthaft einen Kompromiss zu suchen, der im Zweifel noch mal etwas Geld kostet. Dann steigt zumindest die Chance, das bereits bezahlte Geld auch wiederzusehen.

Christian Reiermann: Ihre Forderungen müssten die Partnerländer nicht sofort abschreiben. Staatliche Gläubiger können sehr geduldig sein. Auf wie viel Deutschland tatsächlich verzichten muss, wird eine Schuldenkonferenz nach einigen Jahren festlegen.

Sven Böll: Es bleibt ja nicht dabei, dass bei einem Austritt der Griechen unsere Kredite weg sind. Erst einmal wird in Griechenland eine Misere herrschen, die in Europa ihresgleichen sucht. Da können die anderen Europäer nicht einfach zuschauen. Also wird es weitere Hilfsmilliarden geben, damit sich Griechenland weiter Öl, Medikamente und Lebensmittel leisten kann.

Christian Reiermann: Die sollen die Griechen auch bekommen. Dennoch werden sie gezwungen sein, ihren Staat und ihre Wirtschaft auf Vordermann zu bringen. Dann werden sie vielleicht wirklich einmal Steuern eintreiben und unnütze Rüstungsprogramme streichen.

Die Chronik der Griechenlandkrise

Am 1. Januar 2001 tritt Griechenland der Eurozone bei. Bei der Einführung des Euro 1999 war das Land noch nicht dabei. Erst im Jahr 2000 erfüllte es die sogenannten Konvergenzkriterien des Maastrichter Vertrages - zumindest auf dem Papier.

Im November 2004 wird klar: Die Regierung in Athen hat sich die Aufnahme in die Eurozone mit gefälschten Finanzdaten erschummelt. Alle Haushaltsdefizite vergangener Jahre waren in Wahrheit deutlich höher als zuvor an Brüssel gemeldet. So übertrafen die neuen Schulden in jedem Jahr die im Stabilitätspakt erlaubte Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Langjähriger Berater der Griechen war die US-Investmentbank Goldman Sachs.

Ende Oktober 2009 zeichnet sich zum ersten Mal so etwas wie eine Griechenland-Krise ab. Das voraussichtliche Haushaltsdefizit liegt bei rund 12,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, doppelt so hoch wie zunächst angenommen. Die neue Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou kündigt Sparmaßnahmen an.

Mitte Dezember 2009 stuft die Rating-Agentur Standard & Poor's Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Zuvor hatte dies schon die Agentur Fitch getan. Warnungen vor einer drohenden Staatspleite werden lauter. Der Kurs des Euro bricht ein. Bundeskanzklerin Angela Merkel beschwichtigt: "Ich bitte im Interesse einer sachlichen Diskussion, das nicht überzubewerten."

Im Frühjahr 2010 wird es eng: Griechenland bekommt nur noch sehr schwer Geld an den Finanzmärkten. Die Eurostaaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) springen dem Land bei. Anfang Mai schnüren sie ein Rettungspaket mit Krediten über 110 Milliarden Euro, 30 Milliarden davon übernimmt der IWF, auf Deutschland entfallen 22,4 Milliarden Euro. Die Bundesregierung peitscht das Gesetz im Eilverfahren durch den Bundestag. Die Geldgeber sehen die Griechen-Krise offenbar als temporäres Problem: Die Laufzeit der Kredite beträgt nur drei Jahre. Kurz darauf geraten auch andere Länder wie Irland und Portugal ins Wanken.

Ein Jahr später spitzt sich die Schuldenkrise erneut zu. Weil absehbar ist, dass Griechenland sich nicht wie geplant bereits 2012 am Kapitalmarkt finanzieren kann, braucht es mehr Geld von den Staaten der Eurozone und dem Internationalen Währungsfonds. Am 10. Mai 2011 kündigt die griechische Regierung ein neues Sparpaket an. Wenige Tage später legen gewaltsame Demonstrationen Teile des Landes lahm. Die Polizei muss das Parlament gegen wütende Bürger verteidigen. Sie feuert Tränengas, Demonstranten werfen Steine zurück, attackieren die Limousine von Ministerpräsident Papandreou.

Zweites Rettungspaket, erster Versuch: Ein Sondergipfel der Eurostaaten beschließt am 21. Juli 2011 ein neues Hilfspaket für Griechenland mit einem Volumen von 109 Milliarden Euro. Der Großteil des Geldes soll aus dem europäischen Rettungsschirm EFSF und dem Internationalen Währungsfonds kommen. Erstmals sollen aber auch private Gläubiger beteiligt werden - auf freiwilliger Basis.

Ende Oktober 2011 legt die Troika aus EU, IWF und Europäischer Zentralbank (EZB) einen neuen Bericht zur Finanzsituation Griechenlands vor. Die Experten zeichnen darin ein düsteres Bild: Die Lage des Landes hat sich in den vorangegangenen Monaten weiter verschlechtert. Auf einem EU-Gipfel am 26. Oktober schmieden die Staats- und Regierungschefs einen neuen Rettungsplan: Private Gläubiger sollen auf mehr als 50 Prozent ihrer Forderungen gegenüber Griechenland verzichten. Das trifft vor allem europäische Banken. Athen soll weitere 100 Milliarden Euro erhalten, mit zusätzlichen 30 Milliarden Euro soll der Schuldenschnitt abgesichert werden.

Turbulente Herbsttage: Am 31. Oktober kündigt Griechenlands Ministerpräsident Papandreou überraschend eine Volksabstimmung über die Beschlüsse des Eurogipfels und die damit verbundenen Sparauflagen für sein Land an. Beim G20-Gipfel in Cannes nehmen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy Papandreou Anfang November ins Gebet. Daraufhin lässt dieser den Referundumsplan fallen und tritt zurück. Loukas Papademos, der Ex-Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, tritt am 11. November 2011 an die Spitze einer Übergangsregierung.

Im Februar 2012 stimmt das griechische Parlament einem neuen Sparprogramm zu. In Athen kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die internationalen Geldgeber hatten auf verschärfte Reformen gepocht - im Gegenzug verabschieden die Euro-Finanzminister das zweite Rettungspaket. Neben dem Schuldenschnitt für die privaten Gläubiger enthält es auch die im Oktober angekündigten Hilfen in Höhe von 130 Milliarden Euro. Für die Kredite aus dem ersten Hilfspaket von 2010 werden die Zinsen halbiert. Der Schuldenschnitt wird am 9. März 2012 wirksam.

Bei der Parlamentswahl am 6. Mai 2012 strafen die Griechen die Traditionsparteien Nea Dimokratia (ND) und Pasok ab, die aus ihrer Sicht das Land einem internationalen Spardiktat unterworfen haben. Parteien wie Syriza, die eine Aufkündigung der Sparvereinbarungen fordern, legen kräftig zu. Eine Regierungsbildung scheitert. Nach der Neuwahl am 17. Juni wird ND-Chef Antonis Samaras als Ministerpräsident vereidigt. Unterstützt wird seine Regierung von Pasok und der demokratischen Linken (Dimar). Das bei den Wahlen zweitplatzierte Linksbündnis Syriza ist jedoch nicht beteiligt.

Die Lage an den Finanzmärkten spitzt sich im Sommer 2012 wieder zu. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sinniert über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi erklärt am 26. Juli, die EZB werde "alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten" - und leitet damit eine Wende in der Eurokrise ein. Von nun an schwindet die Angst davor, dass die griechische Krise auch Länder wie Italien oder Spanien anstecken könnte.

Am 8. Oktober 2012 besucht Angela Merkel zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise Griechenland. Sie lobt die Fortschritte des Landes. Der IWF dagegen glaubt nicht, dass Griechenland den Sanierungszeitplan einhalten kann. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble tritt Spekulationen über einen Euro-Austritt Griechenlands entgegen. Dabei gelingt ihm ein legendärer Satz auf Denglisch: "I think there will be no Staatsbankrott in Greece."

Griechenland erhält weitere Zugeständnisse: Am 27. November 2012 einigt sich die Euro-Gruppe mit dem IWF auf eine Anpassung des zweiten Rettungspakets: Die Regierung in Athen soll mehr Zeit für die Umsetzung der Sparvorgaben bekommen. Daraus ergibt sich eine Finanzlücke von 14 Milliarden Euro, die unter anderem mit günstigen Zinsen auf bereits gewährte Kredite gestopft werden soll.

Im Juni 2013 räumt der Internationale Währungsfonds (IWF) Fehler bei der Rettungspolitik ein. Beim ersten Hilfsprogramm aus dem Mai 2010 habe man zu optimistische Annahmen zugrunde gelegt. Weder der Schuldenstand noch das Wachstum hätten sich so entwickelt wie damals angenommen. Die griechische Wirtschaft schrumpft 2013 das fünfte Jahr in Folge. Seit 2008 ist das Bruttoinlandsprodukt um gut 22 Prozent eingebrochen, die Staatsverschuldung ist wieder höher als vor dem Schuldenschnitt.

2014 scheint die jahrelange Talfahrt endlich zu Ende zu gehen. Die griechische Regierung erwartet sogar ein kleines Wirtschaftswachstum - und wird forsch: Anfang April leiht sich das Land erstmals seit vier Jahren wieder langfristig Geld am Kapitalmarkt. Die Investoren sind begeistert - und geben den Griechen drei Milliarden Euro zu 4,75 Prozent Zinsen.

Ende 2014 laufen die Hilfen der Europartner für Griechenland aus - und Ministerpräsident Antonis Samaras wird nicht müde zu betonen, dass kein neues Geld nötig sei. "Die Ära der Rettungspakete geht zu Ende", jubelt er. Ende November meldet der SPIEGEL, es werde wohl doch ein weiteres Hilfspaket geben. Zehn Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds ESM sollten umgewidmet werden.

Am 29. Dezember 2014 scheitert die Wahl des Staatspräsidenten im dritten Wahlgang - die griechische Verfassung sieht für diesen Fall Neuwahlen vor, die am 25. Januar stattfinden sollen. Das könnte die große Chance für das linke Syriza-Bündnis und dessen Chef Alexis Tsipras sein. Tsipras lehnt die Reformauflagen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) ab und will im Falle eines Wahlsiegs einen Schuldenschnitt durchsetzen. Bei den Geldgebern stößt das nicht auf Begeisterung. Anfang Januar 2015 meldet der SPIEGEL, die Bundesregierung sei bereit, Griechenland notfalls aus der Eurozone ausscheiden zu lassen. Die Finanzmärkte reagieren schockiert.

Am 25. Januar 2015 gewinnt Alexis Tsipras mit seinem Linksbündnis Syriza die Parlamentswahl. Die absolute Mehrheit verfehlt er dabei knapp – und muss eine Koalition eingehen. Als Partner wählt Syriza ausgerechnet die rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen. Am 26. Januar wird Tsipras als Ministerpräsident vereidigt.

Wenige Tage nach der Wahl reist Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach Athen. Er will mit der neuen griechischen Regierung darüber sprechen, wie es mit dem Hilfs- und Reformprogramm weitergeht. Doch was er erlebt, ist eine knallharte Abfuhr. Griechenland weigere sich, weiter mit der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und IWF zusammenzuarbeiten, sagt Finanzminister Giannis Varoufakis bei der gemeinsamen Pressekonferenz. Dijsselbloem steht auf und geht – es reicht nur noch für einen flüchtigen Händedruck.

Nach wochenlangem Ringen mit gegenseitigen Drohgebärden einigen sich Griechenland und die Euro-Finanzminister am 20. Februar in Brüssel auf eine Verlängerung des laufenden Hilfsprogramms. Doch das Geld soll erst fließen, wenn Griechenland konkrete Reformvorschläge vorlegt, die von den Gläubigern gebilligt werden.

Ende März 2015 legt Tsipras Reformvorschläge vor, die Gläubiger lehnen sie umgehend ab – so wie alle der zahlreichen Reformlisten, die im Frühjahr aus Athen nach Brüssel geschickt werden. Der Ton wird noch rauer, die Drohgebärden drastischer. Die Griechen holen viele Milliarden Euro von ihren Bankkonten. Dennoch scheint ein Kompromiss in letzter Sekunde zu gelingen – bis zum 26. Juni: Tsipras kündigt ein Referendum über die Forderungen der Geldgeber an und empfiehlt den Griechen, gegen sie zu stimmen, die griechischen Verhandler werden aus Brüssel abgezogen. Die Euro-Finanzminister beschließen, das Hilfsprogramm auslaufen zu lassen – ohne die letzte Tranche zu überweisen. Die griechische Regierung verhängt Kapitalverkehrskontrollen, vom 29. Juni an sind die Banken geschlossen, Abhebungen und Überweisungen gedeckelt.

In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli endet das zweite Hilfsprogramm – und Griechenland bleibt zum ersten Mal seit Beginn der Krise eine Kreditrate schuldig: 1,54 Milliarden Euro hätte das Land an den IWF zahlen müssen. Die Geldgeber lehnen neue Verhandlungen bis zum Referendum am 5. Juli ab, Tsipras und Varoufakis knüpfen ihre politische Zukunft an ein Nein des Volks zu den Gläubiger-Forderungen. Im ganzen Land bilden sich lange Schlangen vor Geldautomaten, pro Tag gibt es höchstens 60 Euro. Rentner warten stundenlang vor den wenigen offenen Bankfilialen auf einen Teil ihrer Renten.

Am 5. Juli findet das Referendum über die Sparauflagen statt. Begleitet wird es zum Teil von scharfen Angriffen auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU), der auf Plakaten als Vampir verunglimpft wird. Nachdem die Umfragen lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraussagen, triumphiert am Ende Tsipras: 61 Prozent der Abstimmenden folgen seinem Rat, die Reformforderungen der Gläubiger abzulehnen.

Unmittelbar nach dem Referendumserfolg vollzieht Tsipras eine beachtliche Kehrtwende: Sein umstrittener Finanzminister Varoufakis tritt zurück und braust am 6. Juli mit Ehefrau Danae von dannen (Foto). Kurz darauf legt Tsipras mit Unterstützung der französischen Regierung ein umfassendes Reformpaket vor, das den Forderungen der Gläubiger weit entgegenkommt. Obwohl dies eine 180-Grad-Wende bedeutet, bekommt Tsipras in der Nacht auf den 11. Juli im Parlament eine Mehrheit für die Aufnahme von Verhandlungen – allerdings nur mithilfe der Opposition.

Falls Tsipras sich von seinem Reformvorschlag eine schnelle Einigung erhofft hat, so wird aufs Gröbste enttäuscht. Zunächst bringt Finanzminister Wolfgang Schäuble vor einem Treffen mit seinen Amtskollegen die Option einen zeitweiligen Euro-Austritt ins Gespräch. Beim anschließenden Euro-Gipfel in der Nacht vom auf den 13. Juli verhindert EU-Ratspräsident Donald Tusk laut Teilnehmern ein Scheitern nur, indem er Merkel und Tsipras verbietet, den Raum zu verlassen. Am Ende wird Griechenland zwar ein neues Hilfsprogramm in Aussicht gestellt, nicht zuletzt auf Betreiben von Frankreichs Präsident Francois Hollande (M.). Doch Tsipras muss dafür Bedingungen akzeptieren, die deutlich härter als das ursprüngliche Angebot der Gläubiger sind.

Am 15. Juli muss das griechische Parlament die ersten Reformen beschließen, das Ultimatum haben die Euro-Partner gestellt. Für Tsipras und seinen neuen Finanzminister Efklidis Tsakalotos wird die Abstimmung jedoch zur Nervenprobe, denn der Widerstand in der Regierungspartei Syriza reicht bis zur Parlamentspräsidentin Zoi Konstantopoulou. Zwar bekommt Tsipras eine knappe Regierungsmehrheit zustande, doch die Spaltung seiner Partei ist nicht mehr zu übersehen. Darauf reagiert der Regierungschef, indem er zwei Tage später sein Kabinett umbildet und rebellische Minister entlässt. In der Nacht auf den 23. Juli werden weitere Reformforderungen verabschiedet, der Weg zu neuen Verhandlungen mit den Geldgebern ist vorerst frei.

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insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
heisenberg18, 24.06.2015
1. doppelt
Eine Antwortpassage wird sowohl dem einen wie dem anderen Diskutanten in den Mund gelegt. Ändern Sie das doch bitte.
luisfigo 24.06.2015
2. Thema verfehlt
Die beiden Herren diskutieren am Thema vorbei. Es geht darum sich einzugestehen, dass diese Art der Rettungspolitik in grotesker Form gescheitert ist. Dass konservative und sogar sozialdemokratische Politiker angesichts dieser Erfahrungen „more of the same“ für Griechenland fordern, ist aus meiner Sicht eine intellektuelle Bankrotterklärung.
produster 24.06.2015
3. Placebodebatte
Ich empfehle zwei Dinge: die wirklichen Ursachen der Griechenlandkrise zu beleuchten, nämlich den dubiosen, unter stillschweigender Billigung frisierter Zahlen zustande gekommenden Eintritt des Landes in den Euro, und die destruktiven Kräfte, die diese Währung, die als Friedensprojekt verkauft wird und nichts anderes ist als eine reine Wirtschaftsidee zur Bereicherung elitärer Minderheiten, in Europa freigesetzt hat und freisetzen wird. Die Diskussion um Griechenland ist eine von Politik und Medien verabreichte Placebodebatte.
jammern_statt_handeln 24.06.2015
4. Hetze der Bild
Ich habe in diesem Gespräch nichts Neues gelernt und erkenne an der Auswertung des Polls lediglich, dass die Hetze der großen Medien offenbar funktioniert hat. Gute Arbeit. 58% der Leser gönnen den Griechen den Euro nicht und empfinden sie als Spielverderber, weil sie sich nicht dem Spardiktat unterwerfen wollen. Ich bewundere die Griechen hingegen für ihr Demokratieverständnis und ihren Mut. Trotzdem würde ich gerne wissen ob sie nun endlich anfangen Steuern der Reichen einzunehmen... ?
Eppelein von Gailingen 24.06.2015
5. Erstaunlich diese Prozentzahl bei der Bewertung Reiermann
Die Griechen können nur im € aber auch in der EU bleiben, wenn sie sich endlich die faulen Zähne ziehen lassen. Endlich die verlangten Reformen, die von EU, IWF und EZB gefordert werden. Sich nicht mehr aufhängen an solchen Lappalien wie "Troika", oder sind die Fürsten der Antike etwa noch im Kindergarten. Nicht die EU wird sich diesen Holzpantinen Gardesoldaten vor ihrem Parlament anpassen, sondern diese Griechen, wollen sie dabei bleiben, sich endlich den Beitrittsstatuten fügen. Das hätten sie sich vor ihren Unterschriften überlegen müssen. Ansonsten sollen diese Albträume und Gespenster ziehen. Es ist eine Mär von Zauderbacken unter den Politikern, den Zusammenbruch der EU, oder des € zu prophezeien. Man lag mit der EU und der Transferunion schon daneben. Keine Transferunion ~~~ und was haben wir denn jetzt? Transfer-Wahnsinn und Nassauerwesen Griechenland. Die sollen endlich ohne Wenn und Aber das Verlangte von der TROIKA (auch wenn der Kindergarten es nicht hören will) einhalten und befolgen. Sonst keinen müden Cent mehr und Tschüss, Ciao ihr Kommunisten.
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