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Griechen-Krise: 350-Milliarden-Risiko droht Euro-Zone zu sprengen

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Geht Griechenland bankrott? Muss das Land sogar aus dem Euro raus? Was bis vor kurzem als Tabu galt, spielt die deutsche Politik nun als Szenario durch. Für die Banken sind die Risiken zwar gesunken - doch ob andere Euro-Pleitekandidaten gerettet werden könnten, ist völlig unklar.

Proteste in Griechenland: Die Sparpläne der Regierung stoßen auf Widerstand Zur Großansicht
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Proteste in Griechenland: Die Sparpläne der Regierung stoßen auf Widerstand

Hamburg - Die Dämme sind gebrochen. Spätestens seit Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) am Wochenende eine Insolvenz Griechenlands ins Gespräch gebracht hat, ist die deutsche Regierungspolitik um ein Tabu ärmer. Ob CSU-Chef Horst Seehofer oder Ex-Minister Rainer Brüderle - jeder, der gerne mal etwas sagt, darf dem Schuldenstaat nun wahlweise mit der Pleite oder dem Rausschmiss aus der Währungsunion drohen.

Bis vor wenigen Wochen galt ein solcher Schritt noch als Auslöser einer Finanzapokalypse. Die meisten Politiker, Banker und Wirtschaftsexperten waren sich einig: Geht Griechenland bankrott, ist die ganze Euro-Zone gefährdet. Spekulanten würden sich auf andere Wackelkandidaten wie Portugal, Spanien oder Irland stürzen. Deutsche und französische Banken würden zusammenbrechen angesichts der vielen griechischen Staatsanleihen in ihren Bilanzen.

Waren diese Befürchtungen übertrieben? Alles halb so wild mit der Pleite? Oder hat sich die Lage in den vergangenen Monaten so stark verändert, dass man nun eine Umschuldung wagen kann?

Tatsächlich ist der neue Mut zur Pleite einer Mischung aus gestärkten Abwehrmechanismen und nachlassender Geduld geschuldet. Die Radikalkur, die die Euro-Zone ihrem angeschlagenen Mitglied Griechenland verschrieben hat, wird von der griechischen Regierung nur schleppend umgesetzt und wirkt auch längst nicht so gut, wie sich das viele Politiker in den Geldgeber-Staaten vorgestellt hatten. Mit drastischen Sparmaßnahmen sollten die Griechen eigentlich ihren Haushalt sanieren. In Wahrheit richteten sie ihre ohnehin schwache Wirtschaft damit gänzlich zu Grunde. Und wo kein Wirtschaftswachstum, da keine Steuereinnahmen und damit auch keine Haushaltskonsolidierung.

Auch die Finanzmärkte haben sich durch die immer neuen Hilfszusagen nicht beruhigen lassen - oft genug, weil die Politik die eigenen Rettungsversuche torpedierte. Getrieben durch die deutschen Pleite-Spekulationen stiegen die Preise für Kreditausfallversicherungen (CDS) auf griechische Staatsanleihen am Montag auf ein neues Rekordhoch. Wer Papiere im Wert von zehn Millionen Euro gegen einen Ausfall versichern wollte, musste dafür fast vier Millionen Euro zahlen. Das zeigt, wie wenig die Akteure an den Finanzmärkten noch an den Erfolg der Griechen-Rettung glauben.

Die "Umschuldung light" reicht nicht aus

"Die Politik hat alle anderen Lösungen ausprobiert und gemerkt, dass sie nicht funktionieren. Deshalb fügt sie sich jetzt offenbar ins Unvermeidliche", sagt Hanno Beck, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Pforzheim. Das Unvermeidliche ist aus seiner Sicht eine Insolvenz mit Schuldenschnitt. Das hieße: Die Gläubiger Griechenlands erhielten nur noch einen Teil ihres Geldes zurück - bei früheren Staatspleiten lag der Wert meist bei rund 50 Prozent.

Das würde deutlich über das hinausgehen, was die Euro-Staaten auf dem letzten Krisengipfel Ende Juli mit dem internationalen Bankenverband IIF beschlossen haben. Demnach sollen Banken und Versicherungen ihre alten Griechenlandpapiere gegen neue, länger laufende Anleihen tauschen und dabei auf 21 Prozent der erwarteten Rendite verzichten. Zusammen mit einem neuen Hilfsprogramm der Euro-Länder und des Internationalen Währungsfonds soll diese "Umschuldung light" den griechischen Staat um 26 Milliarden Euro entlasten. Doch das scheint bei Gesamtschulden von mehr als 350 Milliarden Euro nicht ausreichend.

Ein größerer Schnitt würde die griechischen Schulden mit einem Schlag erheblich verringern. Doch Experten bezweifeln, ob das ausreicht, um die Finanzmärkte dauerhaft zu beruhigen. "Das akute Schuldenproblem lässt sich durch eine Umschuldung lösen", sagt Ökonom Beck. "Aber langfristig muss man sich fragen, wie man die griechische Wirtschaft wieder auf die Beine bekommt."

Beck sieht dazu vor allem zwei Möglichkeiten: Entweder Griechenland tritt aus der Währungsunion aus und kehrt zur Drachme zurück - das würde dem Staat die Möglichkeit geben, über einen günstigen Wechselkurs die Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft zu erhöhen. Oder Europa startet ein großes Wiederaufbauprogramm für Griechenland - eine Art Marshallplan. "Wie stark ein solches Programm dann tatsächlich wirkt, weiß man allerdings nicht."

Die Banken haben ihr Risiko gesenkt

Ob Insolvenz oder Euro-Austritt - es bleibt die Frage nach den Nebenwirkungen einer solchen Radikaltherapie. Die sind in den vergangenen Monaten zwar geringer geworden, aber verschwunden sind sie keineswegs.

Experten fürchten im Falle einer Pleite vor allem zwei Effekte: die Verluste für die Banken und die Ansteckungsgefahr für andere Euro-Staaten. Die erste Gefahr dürfte zuletzt etwas gesunken sein. Viele Banken in Deutschland und Frankreich haben sich bereits von Anleihen der gefährdeten Länder getrennt. Losgeworden sind sie sie häufig an die Europäische Zentralbank, die seit Mai 2010 Staatspapiere im Wert von rund 130 Milliarden Euro am Markt aufgekauft hat und nun ihrerseits das Ausfallrisiko trägt.

Die Banken dagegen haben ihr Risiko gesenkt. Den Wert der Papiere, die sie noch halten, mussten sie im zweiten Quartal abschreiben. Statt wie vorher mit 100 Prozent stehen sie nun nur noch mit 79 Prozent in den Bilanzen - einige Institute haben den Wert sogar dem Marktpreis angepasst und bis zu 50 Prozent abgeschrieben. Sie würden also im Fall einer Griechenpleite nicht mehr viel verlieren.

Größer scheint da das zweite Problem: die Ansteckungsgefahr für Länder wie Spanien, Portugal, Irland oder Italien. Zwar stehen all diese Länder wirtschaftlich und finanziell deutlich besser da als Griechenland. Spekulanten könnten sich trotzdem ermutigt fühlen, auf die Insolvenz eines weiteren Euro-Staates zu wetten. "In dem Moment, in dem die Europäer Griechenland Pleite gehen lassen, werden sich die Investoren an den Finanzmärkten fragen, ob dieses Schicksal auch andere Staaten treffen kann", sagt Experte Beck. "Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen werden nach oben schnellen."

Die Euro-Retter hoffen, diese Gefahr in den Griff zu kriegen, wenn die bereits beschlossenen Reformen zur Ausweitung des europäischen Rettungsschirms EFSF greifen. Dann nämlich soll der Fonds auch Anleihen hilfsbedürftiger Staaten aufkaufen können, um die Zinsen zu drücken und die Märkte zu beruhigen. Zudem kann der EFSF nach der Reform potentiell gefährdeten Ländern bereits im Vorfeld Kreditlinien zur Verfügung stellen - Geld, das übrigens auch zur Stützung des Bankensektors eingesetzt werden könnte.

Ob dies alles ausreicht, ist unklar. Auch wenn die Risiken gesunken sind: Eine Pleite Griechenlands bliebe ein Experiment mit unabsehbaren Folgen.

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insgesamt 285 Beiträge
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1. Lächerliche Frage
zweifler001 12.09.2011
Zitat von sysopGeht Griechenland bankrott? Muss das Land sogar aus dem*Euro raus? Was bis vor kurzem als Tabu galt,*spielt die deutsche Politik*nun als Szenario durch.*Die*Gefahr für die Banken scheint für den Fall*abgewendet*- doch*ob*andere*Euro-Pleitekandidaten*gerettet werden könnten, ist völlig unklar. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,785790,00.html
Die sind bankrott. Ich kann nicht verstehen, wie eine Zeitschrift sich so lange der Wirklichkeit verschließen kann. Der Spiegel ist zur Information und nicht zum Wunschdenken da.
2. .
stormy_weather 12.09.2011
Zitat von sysopGeht Griechenland bankrott? Muss das Land sogar aus dem*Euro raus? Was bis vor kurzem als Tabu galt,*spielt die deutsche Politik*nun als Szenario durch.*Die*Gefahr für die Banken scheint für den Fall*abgewendet*- doch*ob*andere*Euro-Pleitekandidaten*gerettet werden könnten, ist völlig unklar. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,785790,00.html
Endlich mal wieder ein durchdachter, solide recherchierter Artikel im Wirtschaftsressort von SPON. Eine gute Analyse der jetzigen Lage. Dem ist von mir nichts hinzuzufügen. Vielen Dank, Herr Kaiser, weiter so!
3. Es kann nur noch schlimmer kommen
Litajao 12.09.2011
Herr Kaiser schreibt so schön: "Auch wenn die Risiken gesunken sind: Eine Pleite Griechenlands bliebe ein Experiment mit unabsehbaren Folgen." Für wen sind denn die Risiken gesunken?
4. Egal was man macht ....
mauskeu 12.09.2011
Zitat von sysopGeht Griechenland bankrott? Muss das Land sogar aus dem*Euro raus? Was bis vor kurzem als Tabu galt,*spielt die deutsche Politik*nun als Szenario durch.*Die*Gefahr für die Banken scheint für den Fall*abgewendet*- doch*ob*andere*Euro-Pleitekandidaten*gerettet werden könnten, ist völlig unklar. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,785790,00.html
Egal was man macht wird es enorme Probleme geben. IMHO sollte man Griechenland den Austritt aus dem Euro vorschlagen. Das Land begreift es nicht oder ist unfähig die Schritte einzuleiten die notwendig sind. Viel Geld wird abgeschrieben werden müssen, aber das Land wird wohl keine neuen Schulden mehr aufnehmen können und muss dann von den eigenen Einnahmen leben, was man dort verlernt hat. Eine gute Lektion für den Rest der Welt, der glaubt seine Zukunft schon heute essen zu müssen. Der Kampf ums "Geld" wird in der Zukunft härter werden und Zinsen werden ansteigen für Staatsschulden. Man kann einem deutschen Zugführer nicht vermitteln, dass er einem griechischen Zugführer helfen soll, der das doppelte Gehalt wie er selber hat.
5. Experiment mit unabsehbaren Folgen...
jdm11000 12.09.2011
Zitat von sysopGeht Griechenland bankrott? Muss das Land sogar aus dem*Euro raus? Was bis vor kurzem als Tabu galt,*spielt die deutsche Politik*nun als Szenario durch.*Die*Gefahr für die Banken scheint für den Fall*abgewendet*- doch*ob*andere*Euro-Pleitekandidaten*gerettet werden könnten, ist völlig unklar. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,785790,00.html
...haben wir doch damit angestossen, weil wir alle Europäer in den Euro trieben und aufnahmen. Das Experiment ist es nicht, einen Staat Pleite gehen zu lassen, sondern ohne Rücksicht auf Verluste alle Staaten aufzunehmen. Wer hat denn hier so lange an den Euro geglaubt? Es waren doch gerade die deutschfeindlich eingestellten Europagläubigen, die eben am liebsten die DM niemals gehabt hätten - und wo sind diese Jubler hin? Eben - alle auf Tauchstation gegangen! Gedenke: im Falle des Untergangs sind die einstigen Jubler auch die ersten, die abhauen!
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Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.


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