Ein Kommentar von Wolfgang Kaden
Es ist schon komisch, dass just jene Angelsachsen, die sich derzeit an den Turbulenzen in der Euro-Zone weiden, diese schlimmsten aller Währungssünden mit großer Selbstverständlichkeit begehen. Die Notenbanken der USA und Großbritanniens hatten im vergangenen Jahr keine Hemmungen, en masse Staatsanleihen ihrer Regierungen dauerhaft aufzukaufen. In den USA waren das 2009 sagenhafte fünf Billionen Dollar, weitere Billionen sind für 2010 eingeplant. Diese Regierungen taten und tun also das, was man gemeinhin mit dem Terminus "Finanzierung durch die Druckerpresse" umschreibt.
Nichts dergleichen betreibt die EZB. Selbst wenn Berlin und andere europäische Regierungen Griechenland bei der Rückzahlung seiner Schulden Beistand gewähren würden - es wäre eine Hilfe durch die jeweiligen Regierungen, keine Geldvermehrung durch die Notenbank mit der Gefahr der Inflationierung.
Natürlich ist der Euro ein Großexperiment mit historischer Dimension. Nie zuvor haben sich so viele souveräne Länder zu einem Währungsverbund zusammengeschlossen. Das birgt zweifelsfrei Risiken, die vorher schwer abzuschätzen sind. Auch das Risiko des Scheiterns und Auseinanderbrechens.
Die größte Gefahr liegt zweifelsfrei darin, dass sich die einzelnen Wirtschaftsräume zu weit auseinanderentwickeln. Wenn in einzelnen Ländern die Löhne deutlich stärker steigen als in anderen, dann schwindet die Wettbewerbsfähigkeit der Hochlohnregionen auf den internationalen Märkten. Sie können nun ja nicht mehr wie früher, als sie über eine eigene Währung verfügten, durch Abwertung ihre Exporte ankurbeln und geraten zunehmend in wirtschaftliche Nöte, wenn sie sich nicht anpassen.
"Wir müssen aufpassen, dass die Divergenzen nicht immer breiter werden", warnt zu Recht der Luxemburger Premier Jean-Claude Juncker, der Vorsitzende der Euro-Finanzgruppe.
Auch in Deutschland gibt es Unterschiede - ohne Gefahr für die Währung
Allerdings besteht auch angesichts der wirtschaftlichen Unterschiede kein Anlass für Horrorszenarien, sofern die Abstände nicht zu groß werden. Ein Währungsgebiet wird niemals in allen Regionen die gleichen wirtschaftlichen Leistungsdaten aufweisen. Auch innerhalb Deutschlands, dem Geltungsbereich der seligen Mark, bestanden und bestehen große Unterschiede - ohne dass man ein Ende der gemeinsamen nationalen Währung befürchten musste.
In Hessen lag im vergangenen Jahr das Bruttoinlandsprodukt pro Person bei 36.382 Euro, im ärmsten Land, Mecklenburg-Vorpommern, waren es nur 21.439 Euro. Bei den Schulden der öffentlichen Haushalte je Einwohner kam Bayern, der am wenigsten verschuldete Flächenstaat, auf 2881 Euro, Sachsen Anhalt, der größte Schuldensünder, auf 9875. Der Stadtstaat Bremen brachte es gar auf 23.084 Euro. Beim Start des Euro vor zehn Jahren waren die Unterschiede ähnlich groß, und keiner hatte deswegen Zweifel an der Tauglichkeit und Sicherheit der Mark.
Das alles ist sicher kein Grund für die Europäer, sich mit ihrer Währung in Sicherheit zu wiegen. Die Attacke der Finanzmärkte - so wenig sie ökonomisch begründet erscheint - müssen die Europäer ernst nehmen. Alle, nicht nur die Griechen, müssen schnellstmöglich die Verschuldungsgrenzen von Maastricht einhalten. Die Hellenen müssen wissen, dass sie auch ohne Rausschmissklausel im Euro-Vertrag aus der Währungsunion vertrieben werden können: Wer so massiv wie sie, auf fast schon kriminelle Weise, gegen bestehende Verträge verstößt, der hat jeden Rechtsschutz verspielt.
Der Euro wird die Prüfung bestehen
Zu dieser grausamen Strafe wird es nicht kommen. Weil die Erschütterungen für die EU allzu heftig wären; und weil die Griechen keine Einzeltäter sind, weil auch die großen Meinungsführer der EU, Deutschland und Frankreich, notorische Schuldensünder sind.
Das grandiose Projekt der gemeinsamen europäischen Währung wird diese Prüfung dennoch bestehen. Der Euro, nach dem Dollar die zweitwichtigste Währung der Welt, wird wegen Griechenland oder Italien oder Spanien nicht zur Weichwährung, weil es eben den viel beklagten Automatismus "Staatsschulden = Inflation" nicht gibt. Da mögen sich Hedgefonds-Manager noch so häufig zu irgendwelchen Verabredungen treffen.
Voraussetzung ist die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank. Und dass sie frei ist von Regierungsinterventionen, weit mehr als die amerikanische Federal Reserve, daran bestehen nicht die geringsten Zweifel. Da schützt sie nicht zuletzt der Umstand, dass sie, paradoxerweise, eine Währung vieler Nationen ist, nicht eines einzelnen Staats: Jeder Regierende, der diese Unabhängigkeit angreift, würde auf den energischen Widerstand von anderen Mitgliedern des Verbunds stoßen.
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