Griechen-Krise Der Euro ist stärker als die Zocker

Richten die Griechen den Euro zugrunde? Auf den ersten Blick mag es so aussehen - doch tatsächlich ist es höchst zweifelhaft, ob hohe Staatsschulden eine Währung zerstören können. Die Spekulanten, die gegen die europäische Gemeinschaftswährung wetten, haben deshalb keine Chance.

Ein Kommentar von Wolfgang Kaden

dpa

Das Wall Street Journal ist gemeinhin eine zuverlässige Quelle. Und so wollen wir gern glauben, was kürzlich im Zentralorgan der Investmentbanker zu lesen war: Irgendwo in einem Privathaus in Manhattan, sicher in einem ganz feinen, habe sich Anfang Februar eine Schar von Hedgefonds-Managern getroffen. Die Gentlemen hätten bei ihrem "Ideenaustausch" beschlossen, in einer konzertierten Aktion gegen den Euro zu spekulieren.

Das Ziel: Die europäische Währung, geschwächt durch die Überschuldung Griechenlands und anderer Mittelmeerländer, solle in gemeinsamer Arbeit auf Parität zum Dollar gedrückt werden. Einen Dollar für einen Euro also, statt 1,36 Dollar wie gegenwärtig.

Die Hetzjagd auf die europäische Gemeinschaftswährung ist in vollem Gange. Die Heerschar der Kritiker, die dem wagemutigen Großversuch namens Euro von Anfang an keine Chance eingeräumt haben, sieht sich bestätigt. Allen voran: Die Medien und sogenannten Fachleute aus den USA und Großbritannien.

Auch in Deutschland wird munter getrommelt. "Machen die Griechen den Euro kaputt?" titelte "Bild" am vergangenen Dienstag. In der Unterzeile las man: "Kurs sinkt immer tiefer." Nur dumm, dass der Euro-Kurs gegenüber dem Dollar am Vortag fast gleich geblieben war. Die meisten Ökonomen sind sich einig, dass er mit den aktuellen 1,36 Dollar für einen Euro immer noch deutlich überbewertet ist. Gemessen an der Kaufkraft müsste der faire Kurs bei 1,15 bis 1,20 Dollar liegen.

Amerikaner und Briten hoffen auf ein Ende des Euro

Aber Fakten interessieren in dem aktuellen Währungstheater schon lange nicht mehr. Der Euro soll kleingeredet und -geschrieben werden, und am besten, so die Sicht vor allem der Amerikaner und der Briten, ganz verschwinden.

Elf Jahre ist der Euro nun alt, viel mehr Lebensjahre schon, als ihm die Mehrzahl seiner Kritiker je eingeräumt haben. Er hat sich als überaus stabil erwiesen und in den vergangenen Jahren gegenüber Dollar und Pfund kräftig an Wert gewonnen; er hat bisher verhindert, dass Europa während der Jahrhundertfinanzkrise auch noch von Währungsturbulenzen erschüttert wurde; er hat in dieser Zeit den Europäern verlässliche Kalkulationsgrundlagen im grenzüberschreitenden Handel geliefert; er hat den Bürgern das lästige Geldwechseln erspart.

Und nun sollen die Statistikmogeleien der Griechen und das tiefe Loch in ihrer öffentlichen Kasse das alles wieder zunichtemachen? Das Land der Hellenen mit seinen gerade mal elf Millionen Einwohnern als Totengräber dieses ehrgeizigen Projekts Euro? Es gilt bei all diesen Untergangsszenarien die Ruhe zu bewahren und sich an ein paar ökonomische Zusammenhänge zu erinnern.

Vor allem an den Umstand, dass es entgegen der Volksweisheit - von Fachleuten wie Nicht-Fachleuten wie ein Naturgesetz verbreitet - keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Zustand der Staatsfinanzen und der Bonität einer Währung gibt.

Staatsschulden führen nicht automatisch in die Inflation

Die beiden US-Ökonomen Carmen Reinhard und Kenneth Rogoff haben kürzlich in einem Buch ("This Time is different") die Finanzkrisen der vergangenen 800 (!) Jahre untersucht. Sie kommen zu dem Ergebnis: Es gibt keinen ökonomischen Automatismus, wonach eine steigende Staatsschuld in die Inflation führt.

Das öffentliche Budget ist zunächst einmal nichts anderes als das Rechenwerk der Institution Staat. So wie Bilanzen von Unternehmen oder Vereinen, nur mit dem Unterschied, dass die Einnahmen nicht aus Markterlösen oder Mitgliedsbeiträgen stammen, sondern aus Steuern und Gebühren. Unabhängig von der öffentlichen Einnahme-Ausgaben-Rechnung wird das Geldwesen gemanagt - jedenfalls so lange, wie die Notenbank nicht nach den Anweisungen der Regierenden handeln muss, wie es bei der Europäischen Zentralbank (EZB) der Fall ist.

Verbunden sind die beiden Sphären Staat und Notenbank nur dann, wenn die Notenbanker die sogenannte "Offenmarktpolitik" betreiben. Sie kaufen in diesem Fall von den Geschäftsbanken Wertpapiere an, auch und gerade Staatsanleihen; dies geschieht unter der Bedingung, dass die Geldinstitute die Papiere zu einem bestimmten Termin, etwa zwei Wochen später, wieder zurücknehmen.

Mit diesen "Wertpapierpensionsgeschäften" will die Notenbank allerdings nicht den Staat beim Schuldenmachen unterstützen. Es geht ihr allein darum, mit diesem Instrument die Geschäftsbanken und damit die Volkswirtschaft mit angemessener Liquidität zu versorgen. Allein die Zentralbank entscheidet, wie viele Wertpapiere übernommen werden und zu welchen Konditionen. Eine Notenbank wie die EZB, die auf Preisstabilität verpflichtet ist und unabhängig agiert, wird diese Geschäfte immer so steuern, dass sie nicht inflationär wirken.

Die EZB steht in der Tradition der unabhängigen Bundesbank

Eine andere Verbindung zwischen dem Staatsbudget und dem Geldwesen entsteht über das allgemeine Zinsniveau. Wenn sich das Gemeinwesen übermäßig viel Geld auf den Kapitalmärkten leihen muss, steigen nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage die Preise, sprich: die Zinsen. Sie tun das auch für jene Kredite, die Privatleute oder Unternehmen aufnehmen. Das kann dann die Wirtschaft nachhaltig lähmen.

Solange also die umlaufende Geldmenge gleich bleibt, wofür die Notenbank mit ihren Instrumenten sorgen muss, entsteht durch den zusätzlichen Kreditbedarf des Staats keine Teuerung. Die Währung bleibt stabil.

Wenn sie dennoch an Ansehen einbüßt und gegenüber anderen Währungen an Wert verliert, dann hat das nichts mit rein rechnerischen, quantitativen Fakten zu tun. Sondern mit einer qualitativen, wenngleich nicht unwichtigen Größe: dem Vertrauen. Die Finanzmarktakteure schließen von der unsoliden Wirtschaft der Regierenden auf die Güte der Währung und strafen diese mit Verkäufen ab, was den Wechselkurs sinken und den Außenwert der Währung schrumpfen lässt.

Die Schuldenpolitik eines Staats kann eine Währung grundsätzlich nur dann zerrütten, wenn sich die Regierung, wie bis Kriegsende geschehen, das fehlende Geld nicht auf den Finanzmärkten besorgt, sondern bei der eigenen Notebank pumpt. Just dies aber darf die EZB nicht. Sie steht hier voll in der Tradition der streng unabhängigen Deutschen Bundesbank.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 49 Beiträge
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cabane 05.03.2010
1. Zurectgerückt
Zitat von sysopRichten die Griechen den Euro zugrunde? Auf den ersten Blick mag es so aussehen - doch tatsächlich ist es höchst zweifelhaft, ob hohe Staatsschulden eine Währung zerstören können. Die Spekulanten, die gegen die europäische Gemeinschaftswährung wetten, haben deshalb keine Chance. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,681878,00.html
Endlich ein Kommentar, der die Zusammenhänge klarstellt. Die Angelsachsen fürchten den Euro, weil er ein Gegengewicht zum Dollar darstellt, ganz zu schweigen vom englischen Pfund. Die Spekulation wird dies aber nicht verhindern, aber zumindest gegenüber den früheren Einzelwährungen der Eurozone reduzieren.
michael_dhabin 05.03.2010
2. Uralter Schlachtruf von Straßenräubern: "Haltet den Dieb"
"Es ist schon komisch, dass just jene Angelsachsen, die sich derzeit an den Turbulenzen in der Euro-Zone weiden, diese schlimmsten aller Währungssünden mit großer Selbstverständlichkeit begehen." Ich hoffe nur, dass diese Zockerbande ihre Quittung erhält und mit ihren Spekulationen untergeht. Europa muss zusammenstehen - es lohnt sich, auch wenn's manchmal wehtut. Solidarität schließt ein dass man sich untereinander die Wahrheit sagt, notfalls auch drastisch. Das gilt nicht nur für Griechenland sondern auch für die anderen Schuldenmacher in Europa.
iawdw 05.03.2010
3. nicht untschaetzen
1992 hat sich gezeigt, dass man Hedgefonds nicht unterschaetzen sollte. Damals ging die Wette gegen den Pfund auf und die britische Waehrung brach ein. Ein paar Jahre spaeter verloren britische Manager zum Glueck gegen die DM. Hoffentlich koennen die Huehner auch diesmal nicht so schnell aufgescheucht werden.
unbekannt47 05.03.2010
4. Schwachsinn.
Hohe Staatsschulden führen zu Inflation. Nur weil der Dollar auch unter Inflation leidet (wie die so ziemlich alle Papiergeld Währungen auf diesem Planeten), heißt das nicht, dass die Kaufkraft des Euro nicht schwindet. Der verschuldete Staat will seine Schulden reduzieren, logischerweise. Das scheint aber in so ziemlich allen westlichen Staaten unmöglich zu sein (nicht nur, dass die Schulden nicht verringert werden; sie steigen auch noch jedes Jahr). Irgendwann werden die Schulden so hoch sein, dass niemand mehr dem Staat Geld leihen will aus Angst, dass er das Geld sowieso nicht mehr zurückbekommt. Dann bleibt dem Staat nur noch ein Instrument: Gelddruckpresse. Und wohin das führt, kann man in Zimbabwe ganz gut erkennen.
Christian Hawellek 05.03.2010
5. Euro
Ohne Zweifel ein interessanter Artikel, der vielerlei Gedanken initiiert. Ein ganz genereller mag sein, wie es sich überhaupt mit der Schwarz- und der "Weißmalerei" des Euro in der internationalen Presse verhält. Generell wird man sagen können, dass wohl beide Extreme naturgemäß neben der Wahrheit liegen sollten, da eben die meisten Prozesse und Entwicklungen aufgrund der ihnen immanenten, antagonistischen Dämpfer im allgemeinen dazu tendieren, sich irgendwo zwischen den beiden möglichen Extremen zu bewegen. So bedeutete die Einführung der Gemeinschaftswährung genauso wenig den Untergang des Abendlandes wie den Schritt in eine einzig bloß glänzende Zukunft ohne Makel - vielmehr hat die letzte Dekade erwartete und unerwartete, positive und negative Konsequenzen aufgezeigt. Wie man diese im einzelnen gewichten mag, ist sicherlich auch ein subjektive Angelegenheit, jedenfalls findet man zweifelsfrei sehr gute Argumente für die Gemeinschaftswährung. (Das "lästige Geldwechseln" gehört mE übrigens nicht dazu, da der relevante grenzüberschreitende Geldverkehr bargeldlos abläuft). Nach alledem ist der - zumindest zwischen den Zeilen allzuoft anzutreffende und leicht anmaßend anmutende - Vorwurf der jeweiligen Vertreter der Pro- / Contra-Euro-Fraktion, die jeweils andere Anhängerschaft sei bis zu einem gewissen Grade den Fakten gegenüber ignorant und fehlgeleitet, meines Erachtens auch in dieser sonst sehr aufschlussreichen Analyse Fehl am Platz. "Eine andere Verbindung zwischen dem Staatsbudget und dem Geldwesen entsteht über das allgemeine Zinsniveau. Wenn sich das Gemeinwesen übermäßig viel Geld auf den Kapitalmärkten leihen muss, steigen nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage die Preise, sprich: die Zinsen. Sie tun das auch für jene Kredite, die Privatleute oder Unternehmen aufnehmen. Das kann dann die Wirtschaft nachhaltig lähmen. Solange also die umlaufende Geldmenge gleich bleibt, wofür die Notenbank mit ihren Instrumenten sorgen muss, entsteht durch den zusätzlichen Kreditbedarf des Staats keine Teuerung. Die Währung bleibt stabil." [Zitat aus dem Artikel] Das ist ein sehr interessanter Punkt und resultiert auf meiner Seite in der Frage, ob marktextern hervorgerufene steigende Zinsen, wenn sie aufgrund staatlicher Verursachung von einiger Dauer sind, nicht gerade doch zu steigenden Preisen auch innerhalb des Marktes und damit zu einer Teuerung führen müssten?
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