Griechen-Millionäre in der Krise Volle Deckung!

Wo sind all die Reichen hin? Im krisengeplagten Griechenland machen sich die Millionäre rar: keine rauschenden Feste mehr, keine Shopping-Orgien. Stattdessen verschanzt sich der Geldadel in exklusiven Clubs. Versuch einer Kontaktaufnahme.

Aus Athen berichten und Ferry Batzoglou

SPIEGEL ONLINE

Der Athener Nobelstadtteil Kolonaki ist nicht nur bekannt für seine erlesene Bewohnerschaft, bestehend aus Diplomaten, Ärzten und wohlhabenden Unternehmern, sondern auch für eine erkleckliche Zahl ausgesuchter Luxusboutiquen. Versace, Joop, Armani gehören hier zu den Gütern des täglichen Bedarfs, das Problem ist nur: Zurzeit gibt es keinen Bedarf.

Selbst in Kolonaki, wo Geiz lange Zeit sehr ungeil war, hat die Krise zugeschlagen. Die Läden sind leer, die Cafés nur mäßig besucht und protzige Auftritte mittels Porsche, BMW oder Ferrari inzwischen verpönt. Es kommt sogar vor, dass selbst durchschnittliche Anzugträger in der Athener Innenstadt bedrängt und bepöbelt werden. In Griechenland reich zu sein war schon einmal leichter.

Die Fragen, denen nachzugehen sich lohnen könnte, lauten also: Wo sind die Superreichen Athens geblieben? Was treiben sie? Und sorgen sie sich um ihr Land?

Will man die aus der Innenstadt geflüchteten Millionäre besuchen, muss man ins Auto steigen und sich auf den Weg hoch hinauf in die bergigen Vororte der griechischen Hauptstadt machen. Der Politia-Tennisclub etwa, der exklusivste seiner Art im ganzen Land, ist so eine Adresse, die man dann ansteuern sollte, ein Refugium des Geldadels, in dem ein Jahr Schlägerschwingen fast 8000 Euro kosten kann. Gerade 200 Familien leisten sich diesen Luxus.

"Die Herrschaften wollen sich entspannen"

Ein grünes Stahltor, eine sanft geschwungene Auffahrt, die sich um einen Felsen schlängelt, und schon steht der Besucher nach nur einigen hundert Metern, auf denen noch deutsche Luxuskarossen abgeschritten werden müssen, vor einer Kapelle. In dem sakralen Bau, so hat es der Parkwächter Spiros gerade noch erzählt, feierten die Clubmitglieder ihre Hochzeiten und Taufen - und vielleicht bitten sie auch um göttlichen Beistand für das nächste Match gegen den Villenbesitzer von nebenan?

Am Pool, unter einem künstlichen Wasserfall, räkeln sich zur Mittagszeit einige ältere Herren und jüngere Frauen. Sie trinken bunte Drinks mit Schirmchen und starren ins Leere. Auf keinen Fall dürften sie nun belästigt werden, mahnt die Aufpasserin des Vereins. "Die Herrschaften wollen sich entspannen." Und die Krise? "Ist hier kein Thema!" Fertig, aus, und nun, bitte, sie habe viel zu tun. Am Abend solle eine Hochzeit steigen - mit 400 Gästen.

Parkplatzwächter Spiros, der in einem Arbeiterviertel unten in der stickigen Hauptstadt lebt, ist gesprächiger. Er habe nicht den Eindruck, sagt er, dass die wirtschaftliche Lage Einfluss auf den Lebensstil seiner Klienten habe. "Hierher kommt die Crème de la Crème von Athen, denen ist doch egal, ob sie jetzt ein paar Euro mehr für ihren Jeep bezahlen müssen."

Volle Deckung heißt nun die Devise

Wie viele Millionäre es in Griechenland gibt, darüber kann man nur spekulieren. Nicht einmal 5000 Hellenen geben auf ihrer Steuererklärung ein Einkommen von mehr als 100.000 Euro brutto pro Jahr an. Denn der Grieche, sagt ein Analyst, liebe vielleicht seine Nation, betrachte den Staat aber als Macht, die man ausplündern müsse. Europaweit werden zehn Prozent der Mehrwertsteuer hinterzogen, in Griechenland etwa 30 Prozent, 15 Milliarden sind es jedes Jahr.

Doch es scheint sich nun etwas zu verändern.

"Die Reichen sind mit ihren öffentlichen Auftritten vorsichtig geworden", sagt der Politik-Chef der linksliberalen Tageszeitung "Eleftherotypia", Jannis Pantelakis. "Sie haben Angst, dass sie ebenso attackiert werden könnten wie bereits einige Politiker." Früher sei es üblich gewesen, dass die Millionäre die Presse zu ihren Feiern oder Urlauben einbestellte - das ganze Land sollte sehen, wie gut es ihnen ging. "Jetzt verstecken sie sich an gut gesicherten Orten." Volle Deckung ist die Devise.

Für besonderen Unmut in der Bevölkerung sorgen deshalb diejenigen Krösusse, die sich mit ihrem Vermögen ins Ausland absetzen. So unterstellen die Protestler von Syntagma-Platz etwa einem in die Schweiz verzogenen Reeder und einem nach Liechtenstein ausgewanderten Chemie-Unternehmer, auf den Zusammenbruch des griechischen Finanzsystems zu lauern. "Und dann kommen sie zurück und kaufen sich mir ihren unangetasteten Millionen überall ein", sagt ein Wutbürger.

Die aufreißende Kluft zwischen Arm und Reich gerät in Griechenland zur Hauptkampflinie der politischen Auseinandersetzung. Rechts gegen Links - das sind nur noch Scheingefechte.

"Sind Sie Mitglieder?"

Der Ecali-Club vor den Toren Athens bietet dem reichen Griechen die denkbar nobelste Art der Freizeitgestaltung. Am Pool servieren Kellner in weißen Uniformen, der Rasen ist sattgrün und raspelkurz. Hierher kommen die Latsis, Vardinogiannis und Bobolas, wenn es ihnen in ihren gewaltigen Villen in der unmittelbaren Nachbarschaft des Vereins zu eintönig wird.

Am Nachmittag, die Sonne brennt vom Himmel und verwandelt Athen in einen Backofen, ist es hier oben in Ecali angenehm kühl und unglaublich ruhig. Die Bewässerungsanlage zischt, ab und an rollt ein Sportwagen heran und spuckt mit Tennisschlägern bewaffnete Teenager aus. Sie drücken einige Tasten und das mit Kameras bewehrte Tor schwingt lautlos auf.

Doch der Versuch, auch nur eine einzigen Frage loszuwerden, scheitert sogleich an zwei schlechtgelaunten Wachmännern mit Ray-Ban-Brillen. Nein, Journalisten wolle man hier nicht, es sei denn, sie seien Mitglieder, knurrt einer. "Sind Sie Mitglieder?"

Eine junge Frau in einem geblümten Sommerkleid schwebt herbei, die Eindringlinge keines Blickes würdigend. Sie gibt dem Wachmann eine Visitenkarte, die dieser nach ihrem Abgang weiterreicht.

Fragen, so sagt der Türsteher nun, würden nur nach Anmeldung zu einem unbestimmten späteren Zeitpunkt beantwortet. Auch Fragen zur Krise? Jetzt lächelt der Hüne zum ersten Mal: "Probieren Sie es einfach aus!"

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