Euro-Krise Oberster Steuerfahnder geißelt Zahlungsmoral der Griechen

"Zahlt endlich Steuern!", forderte IWF-Chefin Lagarde von den Griechen - und provozierte einen Sturm der Entrüstung. Nun gibt ihr der griechische Fiskus Recht: Dem Staat entgingen pro Jahr bis zu 45 Milliarden Euro, moniert Athens oberster Fahnder. Die Hälfte würde reichen, um die Schuldenkrise zu lösen.

Griechische Demonstranten: Dem Staat gehen große Mangen Steuereinnahmen flöten
REUTERS

Griechische Demonstranten: Dem Staat gehen große Mangen Steuereinnahmen flöten


Berlin - Was war die Aufregung groß, als Christine Lagarde die griechischen Bürger aufforderte, Verantwortung für ihr Land zu übernehmen. "Helft euch selbst und zahlt endlich Steuern!", forderte die IWF-Chefin in einem Interview mit dem britischen "Guardian". Vertreter fast aller griechischen Parteien reagierten beleidigt, erzeugten so lange öffentlichen Druck, bis sich Lagarde schließlich entschuldigte.

Doch nun bekommt Lagarde unverhofft Hilfe - und zwar ausgerechnet von einem Mann, der mit am meisten über das griechische Steueraufkommen weiß. Er stimme Lagarde vollkommen zu, sagte Nikos Lekkas, der Leiter der griechischen Steuerfahndungsbehörde SDOE, der "Welt". "Die Steuerflucht in Griechenland erreicht 12 bis 15 Prozent des Bruttosozialprodukts. Das sind 40 bis 45 Milliarden Euro im Jahr. Wenn wir davon auch nur die Hälfte eintreiben könnten, wäre Griechenlands Problem gelöst."

Das verlange natürlich politischen Willen. "Unsere Politiker haben begonnen, das zu verstehen", sagt Lekkas. Und er warnte vor einer "sozialen Explosion", wenn es nicht gelinge, die Spaltung der Gesellschaft in "unberührbare Eliten und Bürger, die geschröpft werden" zu überwinden.

Die griechische Wirtschaft befindet sich das fünfte Jahr in Folge in der Rezession. Im Gegenzug für Milliardenkredite der Europäischen Union und des IWF hatte sich die Anfang Mai abgewählte Regierung aus Sozialisten und Konservativen zu einem drastischen Sparprogramm verpflichtet. Ob dieses jedoch weiter umgesetzt werden kann, ist unklar. Nach den Wahlen Anfang Mai war eine Regierungsbildung gescheitert. Am 17. Juni finden in Griechenland nun Neuwahlen statt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass bei diesen Parteien an die Macht kommen, die den griechischen Sparkompromiss aufkündigen.

EU soll auf Schließung griechischer Banken dringen

Während die Euro-Retter nach einer Lösung für die Schuldenmisere suchen, verschärft sich die Krise in Griechenland. Weil immer mehr Anleger ihre Konten räumen, schmilzt die Kapitaldecke der Banken.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters drängt die EU-Kommission Griechenland bereits zur Schließung einiger Banken. Dazu könne auch die ATEbank gehören, das fünftgrößte Geldhaus Griechenlands. Das griechische Finanzministerium dementierte den Bericht. Die ATEbank und die griechische Zentralbank wollten keine Stellung nehmen.

Grundsätzlich ist es Aufgabe der griechischen Zentralbank, angeschlagene Banken zu schließen. Die EU-Kommission hat aber wegen der europäischen Hilfen für Griechenland ein Mitspracherecht. Das erlaubt es, die Hilfsanfrage einer Bank abzulehnen, falls die Kommission meint, eine Rettung sei zu teuer. Das käme faktisch einer Abwicklung der Bank gleich.

Die Kommission hat bislang in der Euro-Krise ihre Macht bei diesem Thema kaum genutzt. Nur wenige Banken wurden abgewickelt. Sollte die Kommission das Instrument jetzt in Griechenland nutzen, könnte das ein Hinweis auf ein künftig aggressiveres Vorgehen gegen schwächelnde Geldhäuser sein. Die Kommission könne ihre Befugnisse etwa auch bei Banken in Spanien und Portugal wahrnehmen, sagte ein EU-Mitarbeiter Reuters.

ssu/dpa-AFX/Reuters

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 294 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ragout 08.06.2012
1. Kein Geld für Griechenland
Es wird Zeit, Zahlungen an Griechenland komplett und unverzüglich einzustellen. Wenn die Griechen keine Steuern zahlen wollen, müssen sie selbst die Konsequenzen dafür tragen.
fortion 08.06.2012
2.
Zitat von sysopREUTERS"Zahlt endlich Steuern!", forderte IWF-Chefin Lagarde von den Griechen - und provozierte einen Sturm der Entrüstung. Nun gibt ihr der griechische Fiskus Recht: Dem Staat entgingen pro Jahr bis zu 45 Milliarden Euro, moniert Athens oberster Fahnder. Die Hälfte würde reichen, um die Schuldenkrise zu lösen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,837654,00.html
Wieso sollten die Griechen zahlen? Solange wir zahlen ist alles in Ordnung.
MütterchenMüh 08.06.2012
3. es reicht
Zitat von sysopREUTERS"Zahlt endlich Steuern!", forderte IWF-Chefin Lagarde von den Griechen - und provozierte einen Sturm der Entrüstung. Nun gibt ihr der griechische Fiskus Recht: Dem Staat entgingen pro Jahr bis zu 45 Milliarden Euro, moniert Athens oberster Fahnder. Die Hälfte würde reichen, um die Schuldenkrise zu lösen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,837654,00.html
Dieser "Dritte-Welt-Staat" diskreditiert ganz Europa, ganz besonders aber die polititische Führung einschliesslich Brüssel!
spongie2000 08.06.2012
4. Ein Satz reicht
""Zahlt endlich Steuern!", forderte IWF-Chefin Lagarde von den Griechen - und provozierte einen Sturm der Entrüstung." -- Dieser Satz alleine drückt schon alles aus, was mit der EU nicht stimmt, dass es keine Solidarität gibt, dass die Kulturen unterschiedlicher nicht sein könnten, dass Griechenland hätte nie aufgenommen werden dürfen und das die Probleme niemals von außen gelöst werden können, sondern nur von den Griechen - und bei der Einstellung auch ungelöst bleiben werden.
sappelkopp 08.06.2012
5. So, die Hälfte würde reichen...
Zitat von sysopREUTERS"Zahlt endlich Steuern!", forderte IWF-Chefin Lagarde von den Griechen - und provozierte einen Sturm der Entrüstung. Nun gibt ihr der griechische Fiskus Recht: Dem Staat entgingen pro Jahr bis zu 45 Milliarden Euro, moniert Athens oberster Fahnder. Die Hälfte würde reichen, um die Schuldenkrise zu lösen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,837654,00.html
...dann sollten mal eine effiziente Steuerbehörde aufgebaut werden und alles ist gut. Verstehe nur nicht, dass sich nur die Lagarde traut, das öffentlich zu sagen. Hat Murksel etwa Angst, dass man ihr beim nächsten Griechenland-Urlaub die Handtasche klaut?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.