Wirtschaftskrise Die Griechen müssen wieder bangen

Das Elend nimmt kein Ende: Nur zwei Wochen nach der Einigung mit den Euro-Partnern muss sich Griechenland erneut um seine finanzielle Zukunft sorgen. Die Gründe liegen im In- und Ausland.

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Demonstrantin in Athen: Ist die jüngste Einigung schon wieder überholt?
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Demonstrantin in Athen: Ist die jüngste Einigung schon wieder überholt?


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Thessaloniki/Berlin - Eigentlich schienen die Zeiten hektischer Gespräche zwischen Athen und Brüssel gerade vorbei zu sein. Denn erst vor zwei Wochen einigte sich Griechenland mit seinen europäischen Partnern auf eine Verlängerung des Hilfsprogramms um vier Monate.

Doch jetzt hat Premierminister Alexis Tsipras laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) bei EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker um ein kurzfristiges Treffen gebeten. Der Grund: akute Finanzierungsnot.

Regierungssprecher Gabriel Sakellaridis dementierte gegenüber SPIEGEL ONLINE einen Hilferuf. Tsipras und Juncker hätten telefonisch ein Treffen für die kommende Woche besprochen, dies sei jedoch schon länger geplant gewesen. Am Montag treffen sich die Euro-Finanzminister ohnehin in Brüssel.

Ist die jüngste Einigung damit schon wieder überholt? Das nicht. Doch zum einen haben die Beschlüsse nichts an Griechenlands längerfristigen Finanzierungsproblemen geändert. Und zum anderen braucht Tsipras schon kurzfristig Geld, das sich bislang nicht so organisieren lässt wie erhofft.

Griechenland muss im März allein rund 1,5 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds zurückzahlen. Der IWF hat sich an der Rettung des Landes beteiligt, er besteht aber traditionell darauf, dass seine Kredite vorrangig zurückgezahlt werden. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters sind nun die ersten 310 Millionen Euro überwiesen worden.

Zur Finanzierung bräuchte Griechenland dringend 7,2 Milliarden Euro, die noch aus dem laufenden Rettungsprogramm ausstehen. Das Geld soll aber laut den jüngsten Beschlüssen erst fließen, wenn Griechenland konkrete Reformen umsetzt. Im neuen SPIEGEL kündigt Tsipras sechs solcher Vorhaben an - von einer elektronischen Bürgerkarte bis zu einer Task Force für Steuerkontrollen.

Aus Athen heißt es, man habe Forschritte in den Verhandlungen über das Reformpaket erzielt. Nach "SZ"-Informationen lehnten Unterhändler der Euro-Gruppe die Vorhaben jedoch noch am Mittwoch als zu vage ab. Diese Geldquelle bleibt Tsipras also vorerst verschlossen.

Als Überbrückung setzt Tsipras auf sechsmonatige Anleihen, sogenannte T-Bills. Erst am Mittwoch beschaffte sich Athen darüber immerhin 1,138 Milliarden Euro. Doch zum einen war die Nachfrage so gering wie zuletzt 2006, entsprechend hohe Zinsen musste Athen bieten. Und zum anderen kann die griechische Regierung laut Vorgaben der Europäischen Zentralbank (EZB) derzeit höchstens T-Bills über 15 Milliarden Euro ausgeben.

Die EZB müsse sich bewegen, fordert Tsipras im SPIEGEL, sonst kehre "der Thriller zurück, den wir vor dem 20. Februar gesehen haben". Doch bei der Ratssitzung am Donnerstag zeigte sich EZB-Chef Mario Draghi wenig kompromissbereit. Weitere Hilfen für Griechenland und seine Banken soll es erst im Gegenzug für neue Reformzusagen geben. Man habe dem Land bereits 100 Milliarden Euro geliehen und sei schließlich "auch die Zentralbank aller anderen Eurostaaten".

Tsipras und sein Finanzminister Giannis Varoufakis müssen sich also verstärkt im eigenen Land nach Finanzierungsquellen umsehen. Hier wollten sie sich eigentlich von staatlichen Pensionsfonds Geld leihen. Doch deren Chefs lehnten dies trotz hohen politischen Drucks ab.

All das sind schlechte Aussichten, zumal der Druck in den kommenden Monaten und Jahren nicht geringer wird. Angesichts der geplanten Aufweichung des Sparkurses dürften Griechenland in den kommenden fünf Jahren 36 Milliarden Euro fehlen, heißt es in einer unveröffentlichten Studie der DZ-Bank, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Die Lücke ließe sich selbst dann nicht schließen, wenn Griechenland eine Anhebung des T-Bill-Volumens erreiche und in den kommenden Jahren weiter hohe Haushaltsüberschüsse erwirtschafte.

In der Studie wird deshalb ein Ausweg gefordert, den Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) bislang entschieden ablehnt: Die griechischen Schulden sollten mit einem erneuten Schuldenschnitt um rund 100 Milliarden Euro reduziert werden. Damit steige die Wahrscheinlichkeit, dass zumindest die übrigen Kredite tatsächlich zurückgezahlt werden.

Zusammengefasst: Trotz der jüngsten Einigung mit der Euro-Gruppe muss Griechenland weiter bangen. Die Pläne für eine kurzfristige Finanzierung sind bislang nicht aufgegangen. Langfristig fehlen dem Land 36 Milliarden Euro.

Mitarbeit: Giorgos Christides

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Kabuto 06.03.2015
1. Die Rückzahlung der
Kredite steht wohl eh in den Sternen. Wichtiger scheint mir zu sein, ob ständig neue Finanzierungslücken entstehen. Tsipras kriegt nun die geballte Macht der EU zu spüren. Er hatte sich wohl in einer stärkeren Verhandlungsposition geglaubt. Ich finde es ein bisschen schade, dass er Schwierigkeiten hat, seine alternative Wirtschaftspolitik zu verwirklichen. Andererseits kann ich nicht beurteilen, ob diese Politik vielleicht doch bloß aus Illusionen besteht.
ohemmer69 06.03.2015
2. Tragödie griechischen Ausmaßes
Das wird wohl noch ewig so weitergehen. Zumindest bekommt das Ganze dank Tsipras und Varoufakis einen gewissen Unterhaltungswert. Der Bericht ist schon fast unfreiwillig komisch - das liegt aber nicht an seinem Verfasser.
spon-facebook-10000617956 06.03.2015
3. Es wird kein geeintes Europa geben
Was ich aus dem Euro-Desaster lerne: Es wird kein geeintes Europa geben, zumindest nicht auf einen Horizont von 50-100 Jahren. Die wirtschaftlichen und kulturellen Unterschiede zwischen den Ländern sind einfach zu gewaltig. Wir haben hier einen sehr langen und mühseligen Weg der Angleichung vor uns, der Generationen beschäftigen wird. Der Versuch, das blauäugig im Hauruck-Verfahren und nach dem Prinzip Hoffnung zu bewerkstelligen, hat alles nur noch schwieriger gemacht. Zwietracht wurde und wird zwischen den Völkern gesät, weil die wirtschaftlichen Unterschiede durch die gemeinsame Währung immer weiter verschärft werden.
Frittenbude 06.03.2015
4.
Schuldenschnitt und im Gegenzug umgehende freiwillige Rückkehr zur Drachme. Alles andere ist ein Schrecken ohne Ende und Destabilisierung des Euro und der Euro-Zone.
karend 06.03.2015
5. .
Reformvorhaben sind noch lange keine Umsetzung. Die Regierung ist von regelmäßigen Steuereinnahmen und somit auch von der Einsicht der Bürger abhängig. Statt Reformen umzusetzen, wurde sich darauf konzentriert, an Geld von Deutschland heranzukommen. Es wird kein Ende nehmen. Griechenland hätte vor fünf Jahren austreten müssen, aber nun ist es, wie es ist. Der zweite Schuldenschnitt wird kommen Der Euro war eine Schnapsidee. Und Brüssel und "unsere" Politiker halten sich an dieser fest, wie der Trinker an der Flasche.
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