S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Merkel steht vor dem Scherbenhaufen ihrer Krisenpolitik

Sparen, nein Danke. Die Griechen haben der deutschen Euro-Rettungspolitik eine Absage erteilt. Jetzt muss die Kanzlerin ihre Strategie ändern - und notfalls eine Parallelwährung zulassen.

Eine Kolumne von


In den vergangenen fünf Tagen ist das Ausmaß von Angela Merkels katastrophaler Anti-Krisenpolitik so deutlich geworden wie nie zuvor. Die von ihr erzwungene Sparpolitik führte zu Deflation im Euroraum und zu Dauer-Rezession in Südeuropa. Die Gegenreaktionen auf diese Politik kamen binnen weniger Tage aus Frankfurt und Athen.

Die Europäische Zentralbank kauft jetzt Staatsanleihen. Und in Griechenland regiert fortan wohl eine Koalition aus Linken und Rechten, die letztlich vor allem eines eint: die Wut auf Merkel.

Ich weiß nicht, was jetzt in Athen passieren wird. Die Koalition aus Syriza und den Unabhängigen Griechen zählte zu den radikalsten aller prognostizierten Optionen. Das Bündnis wird die griechische Wirtschaftspolitik von Grund auf ändern. Beide Parteien lehnen aber auch den Euro-Austritt ab. Die einzige Prognose, die ich hier wage, ist die, dass uns noch einige unkonventionelle Momente bevorstehen.

Man kann noch etwas anderes mit Sicherheit sagen: Die Anzahl der möglichen Lösungen des Problems ist begrenzt. Griechenland kann weder politisch noch ökonomisch so weitermachen wie bislang.

Wenn Tsipras jetzt die Politik seines Vorgängers Andonis Samaras weiterführt - vielleicht mit neuer Rhetorik -, dann wird es ihm so ergehen wie Samaras. Das weiß Tsipras natürlich. Wenn er aber jetzt einseitig einen Schuldenschnitt verkündet, dann werden der griechische Staat und die griechischen Banken von allen Euro-Geldflüssen abgeknipst.

Deutschland muss umdenken

Griechenland wäre dann zu einem Austritt gezwungen. Das will Tsipras ebenfalls nicht. Er braucht jetzt eine clevere Lösung, die genau dieses Dilemma umgeht.

Eine notwendige Konsequenz aus dieser Tatsache ist ein Umdenken in der deutschen Krisenpolitik. Nach Jahrzehnten ordoliberaler Indoktrination bin ich mir nicht sicher, ob die Bundesregierung diesen Schwenk politisch hinbekommt.

Wir müssten Schulden abschreiben - das heißt als Verluste im Bundeshaushalt aufweisen. Wir müssten die Sparpolitik in eine Expansionspolitik ändern. Vor allem müssten wir zulassen, dass Griechenland indirekt eine Parallelwährung zum Euro einführt. Denn bei null Prozent Inflation gibt es keine Alternative zur Verbesserung von Griechenlands Wettbewerbsfähigkeit und zur Finanzierung von Syrizas Programm. Dass dann auch Portugal, Spanien und Italien auf ähnliche Ideen kommen, darf man annehmen.

Bereits 2012 hatte der damalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, eine solche Parallelwährung ins Gespräch gebracht. Mit ihr könnte Griechenland alle inländischen Zahlungen inklusive Gehälter abwickeln. Diese Zweitwährung ließe sich gegenüber dem Euro abwerten und so die Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands verbessern.

Wenn Mathematiker eine genaue Lösung eines Problems nicht kennen, dann versuchen sie oft die Charakteristika der möglichen Lösungen zu beschreiben. Dazu spannen sie einen Lösungsraum auf. Auch ich kenne die genaue Lösung des griechischen Problems nicht. Aber der Lösungsraum ist ohne Kombination aus einem Schuldenschnitt, einem Konjunkturprogramm, einer Parallelwährung oder eines vollständigen Austritts aus dem Euro nicht denkbar.

Das kleinere Übel: Eine neue Griechenland-Politik

Für die Bundeskanzlerin bedeutet das jetzt eine Gelegenheit zu einer ihrer berühmten Kehrtwenden wie in der Atompolitik. Die Fortsetzung der jetzigen Politik wäre die riskantere Alternative. Wenn einer sagt, dass der Euroraum einen griechischen Austritt unbeschadet überlebt, hat er womöglich Recht. Es kann aber auch sein, dass es zu einer politischen und wirtschaftlichen Kettenreaktion kommt, die sogar Italien erfasst.

Wer als rational denkender Mensch vor diesen Optionen steht, wird eine Änderung der Griechenland-Politik als das kleinere Übel begreifen.

Daher sehe ich als wahrscheinlicher an, dass Merkel auf Tsipras zugehen wird und einen Deal macht, der die ausgewiesenen Kosten für den Bundeshaushalt begrenzt und der es Tsipras erlaubt, Griechenland mit einem starken Konjunkturprogramm und einer Parallelwährung aus dem Loch zu holen. Dann wären wir genau da, wo Winston Churchill die Amerikaner sah: Sie machen am Ende alles richtig, aber nicht bevor sie alle Alternativen ausprobiert haben.

Die Gefahr besteht allerdings, dass nicht alle Akteure in diesem Konflikt rational denken oder dass sich der eine oder andere verschätzt. Letzteres wäre der Fall, wenn etwa Merkel denen Glauben schenkt, die die Folgen eines griechischen Austritts verharmlosen. Oder es kann auch sein, dass sich Tsipras verzockt, indem er die Konsequenzen eines einseitigen Schuldenschnitts unterschätzt. Wir sind in einer Situation, in der eine Lösung der Eurokrise in greifbarer Nähe liegt, aber auch der tiefe Abgrund eines Bruchs im Euroraum.

Wir sind an eine Weggabelung geraten, an der wir uns zwischen unserer eigenen Ideologie und der Zukunft des Euro entscheiden müssen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 205 Beiträge
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Seite 1
Theo! 26.01.2015
1. Deutschland muss umdenken
Nicht Deutschland muss umdenken, sondern unsere Politiker. Die Bürger sind da schon - wie so oft - ne ganze Ecke weiter...
Eutighofer 26.01.2015
2. Merkel-Bashing - langweilig
Früher waren böse Geister oder zürnende Gottheiten an allem schuld. Heute Frau Merkel. Nur selber hat man nie Verantwortung. Liebe Griechen, liebe Ökonomen, werdet erwachsen, übernehmt selber Verantwortung.
spontifexmaximus 26.01.2015
3. Wieso Merkels Schuld?
Wer hat sich denn mit manipulierten Zahlen den Zutritt zur Euro-Zone erschlichen? Frau Merkel? Wer hat über Jahrzehnte über seine Verhältnisse gelebt, einen aufgeblähten Beamtenapparat unterhalten, Renten an die entferntesten Verwandten gezahlt, die Superreichen nicht zur Steuerkasse gebeten, Frau Merkel? Was wird passieren, wenn GR aus dem Euro ausscheidet? Amen ich sage euch, nichts wird passieren. Nur den Griechen wird es schlechter gehen, und Herr Tsipras mit seinen vollmundigen Versprechungen untergehen. Es gilt noch immer der Satz: Man kann kein Geld ausgeben, das man nicht hat. Ist doch ganz einfach.
fridericus1 26.01.2015
4. Anscheinend denken die Griechen ...
... dass ihnen das übrige Europa - allen voran die bösen, bösen Deutschen - faktisch gegenleistungslos immer mehr Kohle rüberschieben soll. Deswegen wollen alle dort sooooooooooooooo gerne den Euro behalten. Ich finde, es ist an der Zeit, das Szenario "Ende mit Schrecken" zu planen und mal durchzurechnen, wieviel uns denn nun ein Euroaustritt und eine Insolvenz der Hellenen kosten würde. Ich habe es satt, dass Deutschland zittert, wenn in Griechenland gewählt wird. Die sollen bitteschön in Frieden und Autonomie ihre Politik machen, wir machen unsere.
deuro 26.01.2015
5. Deflation= Quatsch.
Schweizurlaub +20% USA-Reise oder Waren: +20% Japan, China Waren: +20% Der Euro wird von Draghi schön verwässert. Das nennt man Inflation. Aktuell mit Tendenz zur Hyperinflation.
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