Verhandlungen in Brüssel Athen lehnt IWF-Gegenangebot offenbar ab

Ringen um Zugeständnisse in letzter Minute: Der IWF hat Griechenland einen Gegenvorschlag zu Tsipras' jüngstem Kompromissvorschlag unterbreitet. Doch der stößt in Athen auf Widerstand.

Griechischer Premier Tsipras, EU-Kommissionschef Juncker: Verhandlungsmarathon in Brüssel
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Griechischer Premier Tsipras, EU-Kommissionschef Juncker: Verhandlungsmarathon in Brüssel


Kurz vor dem wichtigen Treffen der Euro-Gruppe scheint eine Einigung zwischen der griechischen Regierung und ihren Gläubigern in weiter Ferne: Nachdem die jüngsten griechischen Reformpläne auf Kritik gestoßen sind, hat nun offenbar der Internationale Währungsfonds (IWF) Athen neue Gegenvorschläge präsentiert, um die Differenzen zu überbrücken. Das soll ein Insider aus dem Verhandlungsumfeld gesagt haben.

Doch in Athen finden die Vorschläge des IWF augenscheinlich keinen Anklang. Es sei unmöglich, diese anzunehmen, verlautet es aus Regierungskreisen. Eine strittige Forderung darin: Griechenland solle einen Teil der staatlichen Stromgesellschaft DEI verkaufen - für Syriza-Hardliner sei das ein No-Go.

Zuvor hatte die Meldung für Aufregung gesorgt, dass Athens jüngste Reformpläne durchgefallen seien. Bestimmte Geldgeber hätten die Sparvorschläge Griechenlands zurückgewiesen, ließ Ministerpräsident Alexis Tsipras verlauten.

Vor seinem Abflug nach Brüssel hatte Tsipras die Haltung der Geldgeber zu den griechischen Reformvorschlägen kritisiert. Athen habe Maßnahmen präsentiert, die den Anforderungen der Gläubiger genügten, sagte er nach Informationen aus Regierungskreisen. Nach Berichten der griechischen Presse soll vor allem der IWF zahlreiche Athener Vorhaben kritisiert haben.

Der IWF sei beispielsweise gegen die von Athen vorgeschlagene Erhöhung der Unternehmensbesteuerung von 26 auf 29 Prozent. Höchstens sollte diese Steuerbelastung 28 Prozent erreichen. Die Rüstungsausgaben sollen um weitere 200 Millionen Euro gekürzt werden.

"Der IWF besteht auf allgemeinen Kürzungen. Eine Einigung ist demnach schwierig", sagte Arbeitsminister Panos Skourletis. Der Chefunterhändler der Griechen, Euklidis Tsakalotos, riet zum Abwarten. "Erst wenn wir ein umfassendes Bild haben, werden wir beurteilen können, was Sache ist", sagte er im griechischen Staatsfernsehen.

Lösung ohne IWF undenkbar

Unterdessen sagte der Sprecher von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, in den Verhandlungen mit Griechenland sei noch "ein weites Stück Weg" zurückzulegen. Es sei an den Griechen, sich zu bewegen. Regierungssprecher Steffen Seibert unterstrich, Grundlage für die Befassung der Euro-Gruppe mit den Reformvorschlägen aus Athen sei eine gemeinsame Bewertung der drei Gläubigerinstitutionen EU-Kommission, EZB und IWF. Eine Lösung ohne den IWF sei für die deutsche Regierung undenkbar, wie es aus Regierungskreisen verlautete. Daran werde sich auch in den kommenden Tagen nichts ändern, hieß es mit Blick auf die vermeintlich härtere Linie des IWF gegenüber Athen.

Seit Mittag sitzen Vertreter der Gläubigerinstitutionen in Brüssel zu Beratungen zusammen, später stieß auch Alexis Tsipras zu Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, EZB-Chef Mario Draghi und IWF-Chefin Christine Lagarde. Heute Abend schließt sich das Treffen der Eurofinanzminister an, bei dem eine Einigung erzielt werden soll - diese käme morgen bei der Sitzung der EU-Staats- und Regierungschefs auf den Tisch.

kpa/Reuters/dpa

insgesamt 132 Beiträge
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gradtke 24.06.2015
1. Unternehmen höher besteuern?
Dann werden potentielle Investoren sich in GR ja nur noch so die Klinke in die Hand geben und vor allem die griechischen Kapitalflüchtlinge ihr auswärtig gebunkertes Geld in Riesenwellen nach GR zurückschwappen lassen. Auf so was können nur Sozialisten und Kommunisten kommen, die es noch überall geschafft haben, einer Volkswirtschaft den Rest zu geben. Bei Honecker hieß das 'Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik'. Alles im Bankrott gelandet. Na denn, nur zu! Deutschland zahlt ja. Es gibt seine Substanz, so noch vorhanden, her, damit die Griechen auf ihrem, wie heute zu erfahren war, beträchtlichen Goldschatz sitzen bleiben können. Humanismus als vorsätzlich vom deutschen Konservativismus unter tosendem Applaus von Grünen und Linken betriebene Selbstzerstörung deutscher Solidität und Tüchtigkeit - so heißt das Trauerspiel im Langtitel. Es ist nur noch zum Haare-Raufen. Glücklich, wer keine mehr hat.
WOLF in USA 24.06.2015
2. Ein Glück
haben wir den IWF mit im Boot. Es war sehr klug seitens Merkel und der Regierung immer wieder zu betonen, dass es eine Einigung nur mit dem IWF geben werde!
Gmorker 24.06.2015
3.
Wie sagt man so schön: "Steuern müssen nicht erhöht werden. Steuern müssen gezahlt werden!" ... Wenn sich das in Griechenland durchsetzen könnte, würde es allem im Land besser gehen und man müsste sich auch nicht mehr "demütigen" lassen, indem man sich retten lässt.
hei-nun 24.06.2015
4. Militär-Ausgaben
Italien liegt bei den Militär-Ausgaben bei ca. 1 % vom Bruttoinlandsprodukt. Kanadas Regierung hat Steuern und Ausgaben drastisch gesenkt, was zum Teil auch auf Kosten des Militärs geht. Die Nato-Statistik sieht Kanada nun bei 1 Prozent. Warum muss Griechenland bei ca. 2,3 % von BIP liegen ? Früher bei 4,5 % ! Deutschland liegt bei ca. 1,4 %. Der IWF hat Recht !
geo_48 24.06.2015
5. Ein Hoch auf Merkel
Merkel ist klug, sie hat darauf bestanden, dass der IWF ins Boot geholt wurde! Jetzt zahlt sich das aus
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