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15. November 2012, 14:37 Uhr

Attacke auf deutschen Konsul

Merkels Gesandter erzürnte Griechen

Von Georgios Christidis, Thessaloniki

Tausend Deutsche im Öffentlichen Dienst könnten die Arbeit von 3000 Griechen erledigen: Diese Aussage des Staatssekretärs Hans-Joachim Fuchtel hat in Thessaloniki zu Ausschreitungen geführt, der deutsche Konsul wurde tätlich angegriffen. Fuchtel spricht von einem Missverständnis.

Thessaloniki - Auch massiver Polizeischutz konnte es nicht verhindern: Dutzende Demonstranten haben am Donnerstag eine deutsch-griechische Konferenz in Thessaloniki gestürmt und den deutschen Generalkonsul Wolfgang Hoelscher-Obermaier bedrängt. Der Protest richtete sich gegen die Sparpolitik und geplante Einschnitte im Öffentlichen Dienst, die nach Ansicht der Demonstranten auf Druck von Deutschland umgesetzt werden.

Schon früh am Morgen hatten sich Demonstranten vor Thessalonikis Kongresszentrum versammelt, antideutsche Slogans gerufen und auf die Ankunft von Hans-Joachim Fuchtel (CDU) gewartet - der Staatssekretär im Arbeitsministerium ist Beauftragter der Bundeskanzlerin für Griechenland. Den Zorn der Demonstranten hatte Fuchtel mit einer Aussage erregt, die er am Vortag bei einem Mittagessen mit deutschen Vertretern in Thessaloniki gegenüber Reportern machte. Er sagte, für eine "Arbeit, die in deutschen Kommunen tausend Beschäftigte erledigen, braucht man 3000 Griechen".

Fuchtel sagte SPIEGEL ONLINE, er sei missverstanden worden. "Es gibt viele produktive Angestellte im Öffentlichen Dienst. Ich habe mich auf die unproduktiven Strukturen der griechischen Kommunen und des öffentlichen Sektors insgesamt bezogen."

Der Staatssekretär vermied jeden Kontakt mit den Demonstranten und betrat das Konferenzzentrum durch einen Seiteneingang. Der deutsche Konsul Hoelscher-Obermaier wurde hingegen von Demonstranten geschubst und mit einem Kaffeebecher beworfen. Sichtlich erschüttert sagte Hoelscher-Obermaier vor den Kongressteilnehmern, manchmal sei es besser, weniger zu reden. Deshalb sei es gut, dass die Demonstranten seine Brille weggenommen hätten und er seine Rede nicht lesen könne.

Der Kontrast zwischen der freundlichen Atmosphäre unter den Konferenzteilnehmern und dem aufgeheizten Klima vor der Tür hätte kaum größer sein können: Während drinnen eine Uni-Theatergruppe eine Stück über Kooperation und Verständigung aufführte, spielten Demonstranten vor der Tür Nazi-Hymnen ab. Viele riefen "Deutsche raus" und "Ihr kauft Griechenland nicht".

"Versammelt, um Griechenland zu verkaufen"

"Die Deutschen und ihre griechischen Komplizen haben sich heute versammelt, um Griechenland zu verkaufen. Das werden wir nicht zulassen", sagte ein Teilnehmer der Kundgebung. Nachdem es Demonstranten gelungen war, das Konferenzgelände zu stürmen, folgte ein Katz-und-Maus-Spiel: Die Aktivisten versuchten an verschiedenen Stellen, in die Konferenzhalle einzudringen und wurden wiederholt von der Polizei davon abgehalten.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Associated Press sagte Themis Balasopoulos, Chef der Gewerkschaft der Kommunalangestellten: "Diese Leute sind nicht hierhergekommen, um uns zu helfen, sondern um unsere Todesstrafe zu verkünden."

Die Bundestagsabgeordnete Annette Groth (Linke) versuchte zu vermitteln und sprach mit den Demonstranten. Groth sagte ihnen, auch sie sei schon arbeitslos gewesen und unterstütze sie. Die Abgeordnete sagte auch, es sei "dumm, zu behaupten, dass Deutschland Griechenland aus dem Euro werfen will".

Auch Staatssekretär Fuchtel sagte SPIEGEL ONLINE, er habe Verständnis für die Wut und das Leiden der Demonstranten. "Ich verstehe ihre Zukunftsangst. Aber deshalb sind wir hier, um zu helfen und einen positiven Beitrag zu leisten. Zuvor hatte Fuchtel bereits gesagt, zu ähnlichen Protesten könne es in Deutschland kommen, falls die Wirtschaftslage und Arbeitslosigkeit so wären wie in Griechenland. "In einer Demokratie gehört das dazu."

Übersetzung aus dem Englischen: David Böcking

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