SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

27. Juli 2015, 11:50 Uhr

Privatisierungsplan

Österreich will griechische Bahn - aber nur geschenkt

Griechenland soll mit Privatisierungen 50 Milliarden Euro einnehmen, die Staatsbahn spielt dabei eine wichtige Rolle. Doch das Unternehmen ist nach Ansicht eines möglichen Investors keinen Cent wert.

Die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) hat Interesse an einer Übernahme der griechischen Staatsbahn. Allerdings würde der Konzern dafür kein Geld bezahlen wollen, sagte ÖBB-Chef Christian Kern in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Trend".

"Wir werden da einen Blick drauf werfen. Nur: Ich kenne die griechische Bahn ganz gut. Ich habe mit Verwunderung die Werte gesehen, die man glaubt, erlösen zu können", sagte Kern. "Sollten wir uns die griechische Bahn ernsthaft ansehen, würde ich völlig ausschließen, einen positiven Kaufpreis zu bezahlen", sagte der Manager.

Griechenland soll durch Privatisierung von Staatseigentum in den kommenden Jahren 50 Milliarden Euro einnehmen. Darauf hat sich das hoch verschuldete Land mit den anderen Eurostaaten geeinigt, als Voraussetzung für Kredite, mit dem das Land die Zeit bis zu einem möglichen, neuen Hilfsprogramm überbrücken soll. Experten halten die Summe für völlig illusorisch.

Nur 17 Prozent der griechischen Schienenwege sind elektrifiziert

"Was IWF und EU-Kommission da betreiben, hat mit der Faktenlage nichts zu tun", kritisiert Österreichs Bahn-Chef gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Da ist der Wunsch Vater des Gedanken." Wie schon in anderen Ländern würden die Experten des IWF Fantasiezahlen in ihre Dokumente schreiben und damit die Privatisierung eines Sektors betreiben, der nach Kerns Ansicht in staatliche Hände gehört.

Die griechische Staatsbahn gilt als eines der zentralen Privatisierungsobjekte, mit der die linke Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras Einnahmen generieren will. In der Auflistung der rasch umzusetzenden Reformschritte ("prior actions") ist das Unternehmen explizit genannt.

Der Verkauf der griechischen Bahn Trainose wurde schon unter den Vorgängerregierungen angepeilt. Damals war von einem vorstellbaren Erlös in Höhe von 200 Millionen Euro die Rede. Allerdings bremste die Syriza-Regierung den Prozess nach ihrer Machtübernahme im Januar aus.

Wie viel das Unternehmen tatsächlich wert ist, wurde bisher nicht benannt. Einerseits erwirtschaftete Trainose nach einem Sanierungsprogramm 2013 einen Gewinn, andererseits müsste ein neuer Eigentümer massiv investieren, denn das Schienennetz des Landes ist vollkommen veraltet: Laut EU-Kommission sind nur 17 Prozent der Schienenwege in Griechenland elektrifiziert, der EU-Durchschnitt liegt bei 54 Prozent. Die kurzen Strecken in dem kleinen Land machen den Bahnverkehr nach Ansicht von ÖBB-Chef Kern zudem relativ unrentabel.

ade/dpa

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH